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Rede von Außenminister Heiko Maas anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Kindernothilfe

08.11.2019 - Rede

Heute fange ich mal ganz unprotokollarisch an. Bei denjenigen, die heute und überhaupt viel öfter im Mittelpunkt stehen sollten:

Liebe Kinder,

„Ich wünsche mir zu arbeiten, statt zu heiraten.“

„Ich wünsche mir, dass meine Schule wieder öffnet.“

„Ich wünsche mir, den Staub abwaschen zu können.“

Das gerade waren Weihnachtswünsche von Kindern.

Wünsche, die Shampa aus Bangladesch, Koumbéré aus Mali und Ikhlas aus dem Irak letztes Jahr dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen anvertraut haben.

Sehr geehrte Frau Rau,

sehr geehrte Frau Weidemann,

liebe Nominierte des Medienpreises der Kindernothilfe,

meine Damen und Herren,

nicht minderjährig heiraten zu müssen, zur Schule gehen zu dürfen, sich den Staub des Flüchtlingslagers abwaschen zu können. So klingen die Wünsche von 420 Millionen Kindern – jedes fünfte weltweit – die in Kriegen und Konflikten aufwachsen.

Ihre Wünsche erschüttern einen, machen betroffen, traurig und wütend. Weil sie scheinbar leicht zu erfüllen wären. Und weil sie trotzdem viel zu oft ferne Träume bleiben in dieser Welt.

Meine Damen und Herren,

ich könnte Ihnen jetzt viel von unserer Arbeit im Auswärtigen Amt erzählen, weltweit:

Wie schwierig das Ringen um Frieden ist in Syrien, in Jemen oder im Irak.

Auf welche Widerstände wir im Menschenrechtsrat und erst recht im Sicherheitsrat stoßen, wenn wir dort für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und Mädchen eintreten, für die Rechte minderjähriger Flüchtlinge oder für den Schutz von Schulen in Kriegsgebieten.

Wie wir uns - übrigens in enger Abstimmung mit der Kindernothilfe und anderen Partnern - darum bemühen, die Kinderrechtskonvention, die in diesen Tagen ihr 30-jähriges Jubiläum feiert, in Deutschland und weltweit umzusetzen.

Und ich könnte auch darauf hinweisen, dass es Kindern global gesehen heute besser geht als 1959, als die Kindernothilfe gegründet wurde. Die Einschulungsquote liegt heute viel höher als damals. Die Kindersterblichkeit hat sich allein in den letzten dreißig Jahren halbiert; genauso wie die Zahl der Mädchen, die zwangsverheiratet werden. Das alles sind große, großartige Errungenschaften.

Aber: Damit ist es nicht getan.

Damit ist es nicht getan, solange fast eine halbe Milliarde Kinder in Kriegen und Konflikten um ihr Leben fürchten.

Damit ist es nicht getan, solange über 260 Millionen Kinder keine Schule von innen sehen.

Und damit ist es nicht getan, solange hunderttausende Kinder auch hier bei uns, in einem der reichsten Länder der Welt, in Armut leben. Und zehntausende Jahr für Jahr Opfer werden von Gewalt, Vernachlässigung und Ausgrenzung.

„Der wahre Charakter einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit ihren Kindern umgeht.“ Nelson Mandela hat das gesagt. Er hatte Recht und mehr noch: Wie wir mit Kindern umgehen ist nicht nur eine Charakterfrage. Es ist die zentrale Zukunftsfrage einer jeden Gesellschaft.

Weil es die Kinder von heute sind, die diese Zukunft gestalten werden. Und wie wir mit ihnen umgehen, das wird ihr Leben und damit auch unsere Zukunft prägen – im Guten wie im Schlechten.

Sehr geehrte Frau Rau,

sehr geehrte Frau Weidemann,

liebe Mitarbeiter und Unterstützer der Kindernothilfe,

ich weiß natürlich, dass ich gerade Sie davon nicht überzeugen muss. Dank Ihres Engagements konnte aus einer Organisation, die ihre Arbeit vor 60 Jahren mit gerade einmal fünf Patenschaften begonnen hat, eine der größten Kinderrechtsorganisationen in Deutschland werden.

Die Kindernothilfe gibt den Jungen und Mädchen eine Stimme, die ich zu Beginn meiner Rede zitiert habe. Menschen, die sonst nicht gehört werden.

Die Kindernothilfe legt den Finger in die Wunde. Dann etwa, wenn Sie uns in der Bundesregierung dazu anhalten, Kinderrechten einen noch größeren Stellenwert einzuräumen - zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit. Oder wenn Sie die Defizite ansprechen, die es bei der Umsetzung der Kinderrechtskonvention auch hier in Deutschland immer noch gibt. Am allerwichtigsten aber scheint mir: Mit Ihrem Engagement haben Sie dafür gesorgt, dass über sieben Millionen Mädchen und Jungen auf der ganzen Welt einen besseren Start ins Leben hatten. Die Chance auf eine bessere Zukunft.

Dafür möchte ich allen Unterstützerinnen und Unterstützern der Kindernothilfe, den Patinnen und Paten und all Ihren Partnern weltweit im Namen der ganzen Bundesregierung herzlich danken!

Meine Damen und Herren,

die Kinder gibt es nicht! Ich habe zwei und schon auf die trifft das nicht zu.

Ich habe das vor einigen Monaten erlebt, als ich mich mit den Töchtern und Söhnen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Auswärtigen Amts getroffen habe. Mich hat interessiert, wie sie es erleben, wenn ihre Familie dauernd umziehen muss, wenn sie immer wieder die Schule wechseln und ihre Freunde zurücklassen müssen. Und ihre Antworten waren so vielfältig, wie jede und jeder von uns es ist. Was ein Junge als traurigen Verlust beschrieben hat, war für ein Mädchen ein spannender Neubeginn.

Es ist übrigens genau diese Vielfalt, genau diese Individualität, die unserer Verfassung zugrunde liegt, wenn sie die Menschenwürde - und nicht eben etwa die „Erwachsenenwürde“ -allem anderen voranstellt.

Meine Damen und Herren,

diese Verfassung, unser Grundgesetz, ist mehr als eine Sammlung von Rechtsprinzipien. Sie bildet das Wertefundament unserer Gesellschaft. Deshalb: Ja, wir reden hier darüber jedes Jahr, Kinderrechte gehören ins Grundgesetz! Es ist gut, dass das Bundessjustizministerium sich entschlossen hat, noch dieses Jahr einen Gesetzesentwurf dazu vorzulegen. Und ich hoffe, dass wenn wir uns nächstes Jahr hier wiedersehen, die Kinderrechte endlich im Grundgesetz stehen.

Es geht uns nicht nur darum, Kinderrechten formaljuristisch den allerhöchsten Stellenwert einzuräumen. Es geht um einen echten Paradigmenwechsel, um ein gesellschaftliches Umdenken.

Darum, anders mit Kindern umzugehen. Sie wirklich anzuhören, und zwar bei allen Entscheidungen, von denen sie betroffen werden. Und dazu würde es führen, wenn die Kinderrechte im Grundgesetz stünden.

Das bedeutet Debatten anders zu führen, anders Politik zu machen - für Kinder, vor allem aber auch mit Kindern – auch wenn der eine oder andere sich das schwer vorstellen kann. Und wie jede Veränderung, das kann ich Ihnen jetzt schon voraussagen, wird auch diese Veränderung diejenigen auf den Plan rufen, die am liebsten alles beim Alten lassen würden, wie immer. Das zeigt sich ja ganz aktuell schon in der Debatte über Demonstrationen von Fridays for Future. Aber genau dieses Beispiel zeigt auch, warum wir Kindern zutrauen können, ja zutrauen müssen, für sich selbst zu sprechen und zu handeln.

Sie haben ein besonderes Gespür für die Herausforderungen ihrer Zeit. Weil es eben ihre Zukunft ist, um die es geht. Was sie auf dem Weg in diese Zukunft brauchen sind Menschen, die sie unterstützen, stärken und ermutigen. Kindernothelfer, wie Sie und Ihre Unterstützerinnen und Unterstützer es sind, liebe Frau Weidemann. Oder etwas poetischer ausgedrückt: Wegbegleiter und Traumerfüller.

Vielen Dank!

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