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Rede von Außenminister Heiko Maas anlässlich der Gedenkveranstaltung zum Warschauer Aufstand

01.08.2019 - Rede
Außenminster Heiko Maas anlässlich des Gedenkens an den Warschauer Aufstand vor 75 Jahren
Außenminster Heiko Maas anlässlich des Gedenkens an den Warschauer Aufstand vor 75 Jahren© Xander Heinl

Eine junge Warschauerin läuft durch ihre Stadt. In ihrer Hand hat sie eine Kamera. Was fängt sie damit ein? Die Schönheit der Altstadt? Ihre Freunde in einem der unzähligen Cafés in dieser Stadt? Ein Selfie im Park?

Das jedenfalls bekommen wir zu sehen, wenn wir auf Instagram, da bewegen sich ja viele junge Menschen, den Hashtag #Warschau eingeben. Eine Stadt im Aufbruch - jung, modern und weltoffen.

Auch Ewa Faryaszewska war eine junge Warschauerin. Auch sie lief mit einer Kamera durch die Stadt. Doch die Fotos, die sie machte, zeigten Häuserskelette, aus denen Flammen steigen. Sie zeigten ein Ruinenmeer.

Diese Fotos stammen aus den Zeiten des Warschauer Aufstands.

Als er begann, war Ewa 24 Jahre alt. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste. Für Ewa wie für viele andere Warschauerinnen und Warschauer war an jenem 1. August im Jahr 1944 klar: Das ist der Moment, die Barbarei der Besatzer abzuschütteln.

Der Moment, alles zu wagen. Für ein freies Land, ein freies Polen, für eine bessere Zukunft.

Doch Ewa kämpfte nicht mit Waffen gegen die deutschen Besatzer. Sie nutzte ihre Kamera. Mit ihr dokumentierte sie das untergehende Warschau, die grenzenlose Zerstörung dieser Stadt, die sie so sehr liebte. 

Meine Damen und Herren,
es ist nicht leicht, das heutige lebensfrohe Warschau, das ich auch gestern gesehen habe, mit den Bildern von Ewa Faryaszewska in Einklang zu bringen.

Oder mit den Bildern, wie ich sie auch gerade in einem kurzen Film mit meinem Kollegen gesehen habe. Dort sieht man Warschau, oder das, was davon übrig geblieben ist, nach dem Ende des Aufstands.

Die einst so schöne Stadt – zerbombt zu einer einzigen Trümmerwüste.

Diese Bilder sprengen unser menschliches Vorstellungsvermögen. Wenn man sie nicht sieht, kann man es nicht glauben. Und gerade deshalb ist es wichtig zu sehen, wozu Menschen in der Lage sind.

Wie furchtbar dieses Werk war, wird nirgendwo so deutlich wie hier, im Stadtbezirk Wola, wo heute der Puls des modernen Warschaus schlägt. Hier verübten die deutschen Besatzer ein besonders grausames Massaker an Unschuldigen.

Das Signal war überdeutlich: Warschau sollte ausgelöscht werden. Die Stadt und die Menschen, die darin lebten.

Die junge Studentin Ewa wollte das nicht zulassen. Sie wollte dazu beitragen, die Identität der Stadt und der Menschen, die hier lebten, zu bewahren. Durch ihre Fotos. Und durch die Rettung von Kulturgütern. Es kostete sie das Leben.

So wie Zehntausende andere, derer wir heute voll Trauer und Dankbarkeit gedenken.

Meine Damen und Herren,
jeder einzelne von ihnen hat durch sein Handeln damals deutlich gemacht: die deutschen Besatzer mögen uns fast alles genommen haben: Das Recht auf Bildung, auf Selbstbestimmung, auf körperliche Unversehrtheit.  Aber eines konnten sie uns nicht nehmen: unseren Willen zur Freiheit.

Warschau wurde zerstört. Aber es wurde nicht gebrochen.

Die Bürgerinnen und Bürger Polens haben dies nicht zugelassen.

Nicht die Menschen, die sich am 1. August 1944 erhoben oder die Aufständischen unterstützt haben. Und nicht die nachfolgenden Generationen, die Warschau wieder aufgebaut haben. Und jeder aufgebaute Stein war dabei ein Sieg des Lebens über das Grauen der Vergangenheit.

Es waren auch die Fotos von Ewa, die dabei geholfen haben. Sie waren ein Baustein von vielen, die die Stadt wieder zu dem gemacht haben, was sie heute ist und dank der Polinnen und Polen auch nie aufgehört hat zu sein: eine europäische Metropole im Herzen unseres Kontinents.

Meine Damen und Herren,
die Verbrechen, die vor 75 Jahren von Deutschen und in deutschem Namen dieser Stadt und ihren Bewohnern angetan wurden, sind kaum in Worte zu fassen. Das wird in diesem Museum sehr deutlich.

Und Deutschland trägt die Verantwortung für dieses Grauen.

Und diese deutsche Verantwortung betrifft nicht nur Warschau. Auch in anderen Teilen des Landes wurden Städte zerstört und ganze Dörfer ausgelöscht. Wurde die Bevölkerung vertrieben, um sogenannten „Lebensraum“ – was für ein zynisches Wort! - zu schaffen. Und zwar für Deutsche.

Die Zerstörung der Hauptstadt aber war ein besonders düsteres Kapitel dieses Krieges. Ein bewusster Schlag zur Auslöschung all dessen, was polnische Identität ausmacht.

Der heutige 1. August, jeder 1. August in den letzten 75 Jahren, beweist aber, dass dies Gott sei Dank nicht gelungen ist.

Dass ich heute  hier sein darf, das berührt mich persönlich  ganz besonders. Ich weiß nämlich, dass das keinesfalls selbstverständlich ist. Dir, lieber Jacek, danke ich ganz herzlich für diese Einladung, weil sie auch eine ganz besondere Geste der Freundschaft ist.

Ich bin hierhergekommen, weil ich die Toten ehren und die Familien der Toten und Verletzten, weil ich das polnische Volk um Vergebung bitten möchte.

Ich schäme mich für das, was Ihrem Land von Deutschen und in deutschem Namen angetan wurde.

Und ich schäme mich auch dafür, dass diese Schuld nach dem Krieg viel zu lange verschwiegen worden ist.

Umso bemerkenswerter, umso berührender ist, dass es oft Polen war, das nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hat.

Etwa als die polnischen Bischöfe in einem Brief an ihre deutschen Kollegen im November 1965 den mutigen Satz schrieben: „Wir vergeben - und wir bitten um Vergebung.“ Eine beeindruckende Geste, die leider nie das Echo erhielt, das sie eigentlich verdient hatte.

Meine Damen und Herren,
nicht nur den Toten schulden wir eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir sind sie uns auch selbst schuldig, denn erst das gemeinsame Erinnern bahnt den Weg für eine gemeinsame Zukunft.

Deshalb wollen wir etwas dagegen tun, dass das Wissen um die polnischen Opfer des Krieges in Deutschland oft zu kurz kommt. Dass auch der Warschauer Aufstand bis heute viel zu wenig thematisiert wird, gerade in Deutschland.

Wir haben uns deshalb vorgenommen, dieses Wissen zu fördern.

So wurde vor einigen Tagen mitten in Berlin – in der Gedenkstätte Topographie des Terrors – eine Ausstellung über den Warschauer Aufstand wiedereröffnet.

Und wir unterstützen die Initiative, die in Berlin einen Gedenkort für die Opfer des Krieges und der Besatzung in Polen schaffen will. Das ist lange überfällig.
Eine solche Gedenkstätte wäre nicht nur eine Versöhnungsgeste an Polen. Sie wäre bedeutend auch für uns Deutsche selbst.

Wir können die Verbrechen nicht ungeschehen machen. Und viele Wunden werden wohl niemals verheilen.

Aber wir können dazu beitragen, dass der Opfer gedacht wird und zwar angemessen. Dass ihre Lebensgeschichten erforscht und erzählt werden und durch Erinnern lebendig gehalten werden.

Ich freue mich deshalb, dass das Warschauer Pilecki-Institut die deutschen Aktenbestände zum Warschauer Aufstand gemeinsam mit dem Bundesarchiv digitalisieren will.

Sie sind ein Stück deutsch-polnischer Erinnerung, schmerzhafter Erinnerung –  an deutsche Verbrechen und polnischen Mut, die wir für die kommenden Generationen in unseren beiden Ländern bewahren müssen.

Viele Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Generation sind heute hier – Schülerinnen und Schüler aus beiden Ländern. Einige von ihnen nehmen an einem neuen Projekt „menschen gedenken“ teil, für das sich Außenminister Czaputowicz und ich uns ganz besonders gemeinsam eingesetzt haben.

Sie zeichnen die Schicksale von Menschen wie Ewa Faryaszewska nach. Menschen, die für Menschlichkeit eingetreten sind – und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben.

Daraus entsteht ein gemeinsames Verständnis für die Vergangenheit, aber auch für die Sensibilitäten des jeweils anderen in der Gegenwart.

Meine Damen und Herren,
Am 1. August 1944 wurde in Warschau europäische Geschichte geschrieben. Warschau hat einen schrecklichen Preis für diesen Aufstand bezahlt. Aber der Freiheitswille der Polinnen und Polen wurde nicht gebrochen!

Umso tragischer ist es, dass sie auch nach 1945 noch fast ein halbes Jahrhundert auf ihre Freiheit warten mussten.

Darauf bezog sich auch der damalige Bundespräsident Roman Herzog, als er vor genau 25 Jahren hier in Warschau betonte, dass Polens Platz ganz selbstverständlich in Europa ist.

Oder um es mit anderen Worten zu sagen: dass Europa amputiert wäre ohne Polen.

Ohne den polnischen Pragmatismus, ohne seine wirtschaftliche Dynamik. Aber auch ohne seinen zupackenden Optimismus, der auch aus der polnischen Erfahrung resultiert, es immer wieder geschafft zu haben, etwas aufzubauen. Auch wenn sie häufig bei Null wieder anfangen mussten.

All das brauchen wir heute in Europa. Von all dem profitieren wir.

Für uns Deutsche ist es ein großes Glück, mit Polen als gleichberechtigte Partner in einem vereinten Europa heute zu leben.

Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Wir haben zum Beispiel in Teilen unterschiedliche Auffassungen in einigen Themen, auch was Fragen der Souveränität angeht – aber wie sollte es  auch anders sein angesichts unserer jeweiligen Geschichte.

Aber das darf uns doch nicht trennen und das wird uns auch nicht trennen. Die Europäische Union ist kein Projekt, das auf Kosten nationaler Identitäten geht.

Im Gegenteil: sie schenkt uns eine zusätzliche. Eine gemeinsame europäische. Deshalb ist es heute ohne jeden Widerspruch möglich, gleichzeitig stolzer Warschauer, Pole und Europäer zu sein.

Aber diese europäische Identität ist nur vollständig, wenn wir unsere verschiedenen historischen Erinnerungen und Erfahrungen zusammenführen. Wenn sie also auch polnische Vorstellungen und polnisches Erinnern einschließt und abbildet.

Nur so werden wir die Spaltungen überwinden, die wir gerade auch in Europa erleben.

Und das sollte doch unser gemeinsames Ziel sein. Denn Spaltung – das wissen unsere beiden Länder aus ganz unterschiedlichen Gründen – verursacht unglaubliche Schmerzen.

Und ebendas macht uns zu Verbündeten. Und daraus erwächst auch eine gemeinsame Verantwortung. Verantwortung zu gestalten und die Bereitschaft zu Kompromissen im Sinne Europas.

Meine Damen und Herren,
auch heute versuchen junge Warschauer, ihre Stadt per Smartphone festzuhalten. Die Kamera ist aber kein Mittel des Widerstands mehr. Die jungen Warschauerinnen und Warschauer dokumentieren mit ihr ganz beiläufig, dass Polen heute längst dort ist, wo sein Platz immer sein sollte.

In der Mitte Europas, als freies, souveränes und für Europa unersetzliches Land.

Deutlicher lässt sich nicht zeigen, dass das Ziel der deutschen Besatzer, eine polnische Identität auszulöschen, fehlgeschlagen ist.

Auch dank Menschen wie Ewa Faryaszewska, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen wollten. Und damit auch das Schicksal Europas mitgeprägt haben.

Ihr Wille zur Freiheit, ihr Eintreten für Menschlichkeit, all das lebt in der Geschichte Polens und seiner Menschen fort. Und das sind die Werte, die wir heute brauchen. In Polen. In Europa. Weltweit.

Und deshalb, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist das Gedenken, das in diesen Tagen hier begangen wird, ein wichtiges. Ein wichtiges für Polen, ein wichtiges für Deutschland, aber auch ein wichtiges für uns alle in Europa.

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