Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

„Europa ist an dieser Krise gewachsen“

04.05.2020 - Interview

Außenminister Heiko Maas im Interview mit den Medien der Funke-Mediengruppe zur Reisewarnung, geschlossenen Grenzen in Europa und Deutschlands Unterstützung weltweit während der Corona-Krise.

Ist es denkbar, dass Sie die weltweite Reisewarnung den ganzen Sommer über aufrechterhalten? 

Das lässt sich heute noch nicht vorhersagen. Wir überprüfen von Woche zu Woche die Lage und werden vor dem 14. Juni erneut entscheiden. Wenn die Pandemie in Deutschland und im Ausland weiter unter Kontrolle gebracht werden kann, wenn Einreise- und Quarantäneregeln gelockert werden, also: wenn Leute nicht nur wieder ins Ausland fliegen können, sondern auch mit hinreichender Sicherheit zurückkommen, dann können wir die Reisewarnung schrittweise zurückfahren. Es  darf dabei aber keine Schnellschüsse geben. Wir können und werden im Sommer nicht noch einmal eine Viertelmillion Menschen aus dem Urlaub zurückholen.

Welche Länder könnten als erstes von der Warnung ausgenommen werden?

Wir wollen ein möglichst abgestimmtes Vorgehen in Europa. Dazu spreche ich täglich mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Einige Länder erleben gerade die vollen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Andere konnten den Ausbruch früh durch drastische Maßnahmen eindämmen und fürchten, sich das Virus wieder ins Land zu holen, wenn sie die Grenzen  öffnen. Auch deshalb will ich nicht ausschließen, dass es zu differenzierten Lösungen kommt. Und natürlich muss die Rückreisemöglichkeit gesichert sein.

Wie lange kann sich Europa geschlossene Grenzen leisten? 

Keinen Tag länger als nötig. Es tut mir wie jedem überzeugtem Europäer weh, wieder Grenzer und Schlagbäume mitten in der EU zu haben. Als Saarländer ist mir sehr bewusst, was die aktuellen Beschränkungen für das Zusammenleben in den Grenzregionen bedeuten. Aber auch bei den Grenzöffnungen müssen wir kontrolliert und koordiniert vorgehen, um nicht die Fortschritte im Kampf gegen das Virus aufs Spiel zu setzen, für die wir alle in den letzten Wochen einen Teil unseres normalen Lebens geopfert haben.

Schauen Deutschland und andere EU-Mitglieder in der Corona-Krise zu sehr auf sich selbst? 

Zur Wahrheit gehört: Europa war nicht gut genug vorbereitet auf diese Pandemie. Viele Staaten mussten in den ersten Tagen zunächst einmal ihre eigene Handlungsfähigkeit sicherstellen, auch wir. Aber: Europa ist mit jedem Tag an dieser Krise gewachsen. Wir haben inzwischen in fast allen Bereichen gemeinsame Antworten gefunden: Wir kooperieren in der EU bei der Beschaffung medizinischer Güter und der Forschung an Impfstoffen. Wir haben allein hier in Deutschland etwa 230 Intensivpatienten aus Italien, Frankreich und den Niederlanden aufgenommen. Auf unseren Rückholflügen haben wir über 6.000 Reisende aus anderen EU-Ländern mitgenommen. Und wir haben in kürzester Zeit über eine halbe Billion Euro zur Krisenbewältigung mobilisiert. Wo sonst hat es jemals eine so weitreichende Solidarität unter Staaten in einer Krise gegeben?

Welche Länder will Deutschland besonders unterstützen?

Wir konzentrieren uns auf zwei strategische Schwerpunkte: Zum einen auf Afrika, wo viele Experten den größten Bedarf an internationaler Hilfe sehen. Zum anderen auf unsere direkte Nachbarschaft – also den Westbalkan und Osteuropa. Das Virus wird sich auch in Zukunft nicht an nationale Grenzen halten. Deshalb unterstützen wir die schwächeren Gesundheitssysteme bei der Eindämmung des Virus, nicht nur mit über 400 Millionen Euro an EU-Finanzhilfen, sondern auch mit Expertise des Robert-Koch-Instituts und Hilfe bei der Beschaffung von Schutzausrüstung. Das ist auch in unserem ureigenen Interesse, weil wir sonst ein Problem direkt vor unserer Haustür haben.

Und welche Staaten bekommen dafür weniger Geld?

Blinde Flecken können wir uns nicht leisten. Die Logik der Pandemie sagt: entweder wir besiegen das  Virus weltweit oder gar nicht.  Und der Erfolg wird sich kaum bei uns, sondern bei den Ärmsten der Armen entscheiden. Deshalb haben wir den Vereinten Nationen 300 Millionen Euro an humanitärer Hilfe zugesagt, die dort eingesetzt werden kann, wo sie am dringendsten benötigt wird. Und deshalb richten wir am Montag gemeinsam mit der EU die Globale Corona-Geberkonferenz aus, um Weichen für eine faire weltweite Verteilung von Schutzmaterial, Tests, Medikamenten und Impfstoffen zu stellen.

Die Mutmaßungen über den Ursprung des Virus reißen nicht ab. Wie denken Sie über die These, dass es nicht wie von der chinesischen Führung behauptet dem Fischmarkt, sondern einem staatlichen Labor in Wuhan entsprungen sei? Sollte Peking Aufklärung leisten?

Die ganze Welt hat ein Interesse, dass der genaue Ursprung des Virus geklärt wird. Fundierte Antworten darauf muss aber die Wissenschaft geben, nicht die Politik. China kann hier unter Beweis stellen, wie transparent es mit dem Virus tatsächlich umgehen will.

Schlagworte

nach oben