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Grußwort von Außenminister Heiko Maas anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Von Innen nach Außen – die Novemberpogrome in Diplomatenberichten aus Deutschland“

08.11.2018 - Rede

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt heute bei knapp 81 Jahren. Wenn wir also in diesen Tagen der Pogrome des Novembers 1938 gedenken, dann liegt zwischen damals und heute die durchschnittliche Dauer eines Menschenlebens.

„Nur eines Menschenlebens“, ist man versucht zu sagen. Denn viel weiter entfernt scheinen uns die Bilder brennender Synagogen, der Hetzjagden auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, mitten in den Trümmern ihrer Geschäfte und ihrer Wohnungen.

Die Bilder des enthemmten Mobs, der mordend und brandschatzend durch die Straßen Berlins und vieler anderer Städte in Deutschland zog – sie wirken so archaisch, als seien sie dem tiefsten Mittelalter oder einer noch dunkleren Vorzeit entsprungen.

Wie konnte so etwas passieren in einem vermeintlich modernen und zivilisierten Land? Im Land der Dichter und Denker?

Diese Frage – sie trieb auch den Geschäftsträger der britischen Botschaft in Berlin um, als er am 16. November 1938 erschüttert und fast ungläubig nach London berichtete: “Modern civilisation has certainly not changed human nature.“

Es sind Sätze wie dieser, die die Ausstellung „Von Innen nach Außen“ auch heute so aktuell machen. Viele der Berichte sind eben nicht nur interessante historische Quellen. Sie gehen tiefer. Sie werfen ganz grundsätzliche Fragen auf – Fragen nach Gut und Böse, nach den Widerstandskräften von Gesellschaften und nach Menschlichkeit und Moral.

Aus ihnen spricht vor allen Dingen eine Mahnung: Hass und Hetze münden in Gewalt. Diese Erkenntnis hat sich erst vor wenigen Tagen auf grausame Weise bewahrheitet, in Pittsburgh, wo elf unschuldige Menschen Opfer blanken Hasses auf Juden geworden sind.

Hass spaltet. Hass hetzt auf. Hass tötet.

Als im November 1938 die Synagogen brannten, da war es bereits zu spät. Der Weg zur systematischen Vernichtung der Juden Europas war eingeschlagen. Mit den brennenden Synagogen sanken auch Anstand und Moral in Schutt und Asche. Auch davon zeugen Botschaftsberichte. Sie sind allerdings nicht Teil dieser Ausstellung, sondern lagern im Archiv des Auswärtigen Amts.

Es sind die Berichte deutscher Botschaften über die Reaktionen des Auslands auf den 9. November 1938.

Von dem Entsetzen, das aus den Berichten der ausländischen Diplomaten in Berlin spricht, ist in den Berichten der deutschen Botschaften nichts zu spüren. Sorge wird allenfalls darüber geäußert, dass das Bild von Deutschland als einem, ich zitiere: „Hort der Ordnung und Bollwerk gegen Ausschreitungen und Eingriffe in das Privateigentum“ beschädigt werden könnte. Welche Kälte, welche Gleichgültigkeit, welch Menschenverachtung spricht aus solchen Worten!

Meine Damen und Herren,

gerade einmal fünf Jahre - von 1933 bis 1938 - haben gereicht, um Anstand, Moral und Menschlichkeit aus dem deutschen Staatsapparat zu verdrängen. Nur wenige, viel zu wenige, stellten sich später der staatlichen Vernichtungsmaschinerie, zu der damals auch das Auswärtige Amt gehörte, in den Weg.

In einem weiteren Bericht eines Auslandskorrespondenten heißt es: „Wie sich in diesen Tagen Gewalt und schamloser Rassismus Bahn brachen, wie Rechtsradikale die Straße eroberten und ungeniert den Hitlergruß zelebrierten, war einfach nur widerlich.“

Meine Damen und Herren,

dieser Bericht stammt nicht aus dem November 1938. Er stammt aus dem August des Jahres 2018, als die Welt erschrocken nach Chemnitz blickte.

Mich erschüttert das. Es ist schlicht unerträglich, so etwas heute lesen zu müssen. Weil es unerträglich ist, wenn auf unseren Straßen wieder offen der Hitlergruß gezeigt wird. Wenn Männer für das Tragen einer Kippa verprügelt werden und „Jude“ zum Schimpfwort auf unseren Schulhöfen wird. Das können, das dürfen und das werden wir nicht hinnehmen in unserem Land.

Dass Deutschland heute für viele Jüdinnen und Juden wieder Heimat geworden ist, ist nichts anderes als ein kostbares Geschenk. Wir verdanken es nicht zuletzt auch jüdischen Organisationen und Gemeinden im In- und Ausland, die sich für die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland engagiert haben. Dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken! Deshalb freue ich mich ganz besonders, dass heute auch eine Gruppe von Rabbinerinnen und Rabbinern aus Großbritannien, Kanada und den USA bei uns zu Gast ist. Es ist uns eine Ehre, dass Sie heute unter uns sind.

Vor einem Monat durfte ich dabei sein, als in der Beth Zion Synagoge, nicht weit von hier, erstmals seit der Shoah drei orthodoxe Rabbiner hier in Berlin ordiniert wurden. Es war ein bewegender Moment.

Denn diese drei Menschen und ihre Gemeinden haben damit großes Vertrauen in unseren Rechtsstaat, in unsere Demokratie, in die Offenheit unserer Gesellschaft zum Ausdruck gebracht.

Dieses Vertrauen gegen alle Anfeindungen zu verteidigen und jüdisches Leben zu schützen, muss deshalb auch die Maxime unseres eigenen Handelns sein. Lassen sie uns deshalb gemeinsam eintreten für Menschenrechte, Toleranz und für Verständigung. Im Netz und auf der Straße. Am Stammtisch, im Sportverein, bei Nachbarn oder bei den Kollegen.

Wir dürfen antisemitischen und rassistischen Ressentiments keinen Fuß breit Platz lassen. Denn erst sind es Worte, dann folgen die Taten. Der „Firnis der Zivilisation“ ist eben auch heute noch dünn, wie der Schweizer Soziologe Kurt Imhof schon vor einigen Jahren zu Recht angemerkt hat.

Meine Damen und Herren,

die Zeitung „Der Standard“ aus Wien schrieb nach den Ereignissen des Spätsommers in Deutschland: „Chemnitz könnte für Deutschland eine Zeitenwende bringen. Wohin der Wind sich dreht, ist noch nicht absehbar.“

Letztlich liegt es an uns allen, wohin der Wind sich dreht. Populisten und Nationalisten wollen spalten. Sie schüren Ressentiments und Vorurteile.

Machen wir klar, dass wir auf der anderen Seite stehen. Auf der Seite von Toleranz, Respekt und Mitgefühl. Als Politiker, als Demokraten, vor allem aber: als Menschen.

Herzlichen Dank und herzlich willkommen im Lichthof des Auswärtigen Amts!

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