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Ansprache von Außenminister Heiko Maas anlässlich eines Empfangs europäischer und internationaler Gäste zum 30. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer

09.11.2019 - Rede

Ein berühmtes deutsches Sprichwort besagt: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Wollten wir den historischen Ereignissen, die wir heute feiern, eine Überschrift geben, so würde ich dieses Sprichwort dafür wählen.

An diesem historischen Abend vor dreißig Jahren im November 1989 ist die Mauer nicht einfach gefallen – sie wurde zu Fall gebracht. Sie wurde eingerissen von den Menschen in Ostdeutschland, deren Hunger nach Freiheit und Gerechtigkeit stärker war als alle Zäune und Mauern.

Der Rest ist Geschichte:

  • Fremde fielen sich in die Arme.
  • Menschen tanzten kaum hundert Meter von hier entfernt auf der Mauer und
  • ganze Kolonnen von Trabis fuhren den Kurfürstendamm hinunter und wurden von Tausenden Westberlinerinnen und -berlinern jubelnd willkommen geheißen.

In dieser Nacht vergoss ein ganzes Land Freudentränen.

Und diese Freude wurde nicht nur von uns Deutschen geteilt. Denn der Fall der Berliner Mauer beendete nicht nur die Teilung Deutschlands; auch der Eiserne Vorhang, der unseren Kontinent 40 Jahre lang gespalten hatte, wurde damit niedergerissen.

Viele einzelne Schritte hatten dazu geführt:

  • In Polen hatten die mutigen Männer und Frauen der Solidarność schon 1980 begonnen, sich gegen das kommunistische Regime zu stellen. Niemand weiß besser als Du, Jacek [Czaputowicz, polnischer Außenminister], welch großer Mut und welche Opfer dafür nötig waren, weil Du im Gefängnis saßt.
  • Die Ungarn öffneten dann als erste einen Spalt im Eisernen Vorhang.
  • Wir denken heute auch an die Singende Revolution in Lettland, Litauen und Estland,
  • an die Männer und Frauen der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei
  • und an die Demonstrantinnen und Demonstranten überall in Mittel- und Osteuropa, deren Sehnsucht nach Freiheit die alten Regime hinwegfegte.

Wir Deutsche werden nicht vergessen, was ihr Kampf für unser Land und für die Einheit unseres Kontinents bedeutet hat.

Ebenso wenig werden wir das Vertrauen und die Unterstützung vergessen, die uns unsere Freunde und Verbündeten im Westen – in Washington, London und Paris – und die politische Führung der Sowjetunion zuteilwerden ließen.

Angesichts unserer Geschichte im 20. Jahrhundert, die Krieg und Zerstörung über viele Ihrer Länder gebracht hat, wären Zweifel an einem wiedervereinigten Deutschland mehr als verständlich gewesen. Stattdessen gaben Sie uns die Chance, an einer besseren, friedlicheren Zukunft für Europa zu arbeiten.

Die Deutsche Einheit war ein Geschenk, das uns auch von Ihren Ländern gemacht wurde, ein Geschenk, für das wir immer dankbar sein werden.

Das Vermächtnis von 1989 erfordert von uns jedoch noch mehr als Dankbarkeit. Es verpflichtet uns – ganz besonders uns Deutsche – dazu, ein Europa zu schaffen, das den Träumen und Werten all jener gerecht wird, die 1989 auf die Straße gingen:

  • Ein Europa, das nicht länger in Nord und Süd oder Ost und West gespalten ist;
  • ein Europa, in dem Rechtsstaatlichkeit geachtet wird und Vielfalt willkommen ist;
  • ein starkes, souveränes und soziales Europa.

Das erwarten die Bürgerinnen und Bürger von uns, und das sind wir ihnen schuldig.

Seinerzeit sagten manche Wissenschaftler voraus, dass Freiheit und Demokratie nach 1989 ihren weltweiten Siegeszug antreten würden. Dazu ist es nicht gekommen:

  • Europa verliert an Einfluss.
  • Die Vereinigten Staaten richten ihre Aufmerksamkeit zunehmend nach innen und
  • das Völkerrecht verliert an Bedeutung.

Für uns Europäer kann es nur eine Antwort auf diese Herausforderungen geben, nämlich Europa.  

Auf dieser Welt werden wir nur gehört, wenn wir mit einer Stimme sprechen.

Nur vereint können wir unseren Freunden und Verbündeten bessere Partner sein.

Uns allen ist klar, dass es nicht leicht sein wird, ein wirklich vereintes Europa zu schaffen – das war es nie.

Wir werden dafür manche der uns so teuren nationalen Tabus brechen müssen, insbesondere auch hier in Deutschland.

Die Zeit, dies zu tun, ist jetzt.

Ansporn dafür können uns die Ereignisse von 1989 liefern.

Sie zeigen, wozu wir fähig sind, wenn wir über nationale Grenzen hinweg denken und handeln, und was wir erreichen können, wenn wir uns für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie stark machen.

Sie lehren uns auch, dass geteilte Freude doppelte Freude ist.

Mir ist es heute eine Freude, diesen Jahrestag mit Ihnen allen gemeinsam zu begehen. Und diese Freude – das kann ich Ihnen versichern – wird durch Ihre Anwesenheit mehr als verdoppelt.

Herzlichen Dank also, dass Sie heute alle hier sind!

Und danke, dass Sie unsere Freude teilen!

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