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Rede von Außenminister Sigmar Gabriel bei der Trauerfeier anlässlich des Todes von Herbert Ehrenberg, Bundesminister a.D.

02.03.2018 - Rede

-- Es gilt das gesprochene Wort --

Liebe Frau van Büren,
liebe Angehörige,
sehr geehrte Mittrauernde!

Wir sind hier versammelt in gemeinsamer, tiefer Trauer.

Die Bundesrepublik Deutschland hat einen herausragenden Politiker, Gewerkschafter und Ökonomen verloren. Wir müssen Abschied nehmen von einer sozialdemokratischen Persönlichkeit, die zeitlebens für gesellschaftlichen Fortschritt, sozialen Ausgleich und den Zusammenhalt des Landes erfolgreich gearbeitet hat. Mit Herbert Ehrenberg ist ein großartiger Streiter für soziale Gerechtigkeit von uns gegangen.

Liebe Frau van Büren, für Sie als Tochter des Verstorbenen ist es ein besonders trauriger Tag. Ihnen möchte ich ganz persönlich mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen. Nur fünf Wochen nach dem Verlust Ihrer Mutter ist auch Ihr Vater von Ihnen gegangen. Unsere Gedanken sind bei Ihnen und Ihrer Familie.

Die gemeinsame und dankbare Erinnerung an Herbert Ehrenberg gibt uns in dieser schweren Stunde des Abschieds ein wenig Trost. Sein Wirken und Schaffen werden weiterleben. Bei seiner Familie, Freunden und Weggefährten. Bei allen die ihn kannten, erlebt und begleitet haben.

Herbert Ehrenberg hat uns sichtbare und dauerhafte Spuren hinterlassen. Seine Schaffenskraft hat dazu beigetragen, das Leben von Millionen von Menschen in diesem Lande ganz konkret zu verbessern.

Nur wenige Persönlichkeiten haben die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland so geprägt wir Herbert Ehrenberg. Er hat sich für unsere Soziale Marktwirtschaft, unseren Sozialstaat und unserer Gemeinwesen verdient gemacht.

Heimat
Wir tragen den Verstorbenen hier in Ostfriesland zu Grabe. Hier hat er als Erwachsener nach dem 2. Weltkrieg eine neue Heimat gefunden. Wilhelmshaven ist ihm ans Herz gewachsen. Er hat diese Stadt als direkt gewählter Abgeordneter fast drei Jahrzehnte im Deutschen Bundestag mit kraftvoller Stimme, Kompetenz und Leidenschaft vertreten.

Ganz verschmerzt hat er den Verlust seiner ursprünglichen Heimat Ostpreußen aber sicher nie. Der Sohn eines Landwirts verlor mit 18 Jahren die heimatliche Scholle. Vom alten Zuhause blieb ihm nicht viel mehr als Erinnerungen und seine unverkennbare ostpreußische Mundart.

Die Flakhelfergeneration, der er angehörte, zahlte in jungen Jahren einen hohen Blutzoll für den verbrecherischen Krieg der Nazis. Und auch diejenigen, die wie Herbert Ehrenberg dem Bomben- und Kugelhagel entkamen, waren vom grausamen Krieg gezeichnet.

Aber er verbitterte nicht, sondern krempelte die Ärmel hoch und baute das Nachkriegsdeutschland als Landarbeiter und Polizist mit auf.

Sozialer Aufstieg
Herbert Ehrenberg arbeitete mit großem Fleiß, Ehrgeiz und Beharrlichkeit. So gelangen ihm die Begabtenprüfung, das Studium der Volkswirtschaft und schließlich seine Promotion.

Seine Dissertation zu Lohnpolitik und Einkommensverteilung zeigte früh, was der sprichwörtlich rote Faden in seinem Schaffen werden sollte: ein vom Keynesianismus geprägtes Verständnis ökonomischer Zusammenhänge. Es gab Herbert Ehrenberg bei den unterschiedlichen Aufgaben seines Lebens den Analyserahmen und die Instrumente, um die Gesellschaft gerechter und fortschrittlicher zu machen. Ja, er war einer der prägenden Gestalten des modernen Deutschlands!

Und mit dem Aufstieg durch Bildung erfüllte sich für ihn persönlich ein zentrales sozialdemokratisches Versprechen.

Früh zeigte sich auch seine Gabe zum Klartext in Wort und Schrift. Herbert Ehrenberg hat sein Leben lang in seinen zahlreichen Veröffentlichungen, Briefen und Reden sowohl Experten als auch breiten Schichten der Bevölkerung komplexe ökonomische Zusammenhänge nahebringen können.

Geschäftsführer und Gewerkschafter
Die Sozialpartnerschaft ist ein zentraler Erfolgsgrund des „Modells Deutschland“.

Herbert Ehrenberg war einer ihrer besonders glaubwürdigen Vertreter. Es widmete dem Erfolg der Sozialpartnerschaft all seine persönliche und politische Kraft.

Denn er kannte die Perspektive von Gewerkschaften und Arbeitgebern aus eigener Erfahrung und setzte sich stets für einen Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital ein.

Herbert Ehrenberg arbeitete als zweiter Geschäftsführer eines Industrieunternehmens – übrigens in meiner Heimatstadt Goslar. Und anschließend machte er als Gewerkschafter Karriere. Auch dort hatte er bald den guten Ruf, ein tüchtiger Ökonom und ein versierter Stratege zu sein, der seine Fähigkeiten zum Wohle der Beschäftigten einsetzte.

Herbert Ehrenberg blieb eben nicht im Theoretischen, sondern setzte seine wissenschaftlichen Kenntnisse und seine Erfahrungen ein, um konkrete Verbesserungen für die Menschen zu erreichen. Etwa bei der Schaffung des Wintergelds oder bei Verbesserungen zur Eigentumsbildung für Arbeitnehmer.

Auch als Herbert Ehrenberg in die Politik wechselte, blieb er ein erfolgreicher Macher und weitsichtiger Stratege. Er lebte Max Webers Idealbild des Politikers, der gleichermaßen mit Leidenschaft und Augenmaß die harten Bretter bohrt.

Mit ökonomischem Sachverstand, sozialdemokratischer Leidenschaft und präzisem Handwerk wurde er als leitender Ministerialbeamter eine Stütze in Willy Brandts Kanzleramt.

Bundesarbeitsminister
Seine Berufung fand er schließlich, als Helmut Schmidt ihn zum Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung ernannte.

Für viele galt Herbert Ehrenberg schlicht als Idealbesetzung in diesem sehr wichtigen Ministeramt, in dem er 6 Jahre lang Verantwortung trug.

Helmut Schmidt und Herbert Ehrenberg – das passte. Die beiden verband vieles, unter anderem die Überzeugung, dass Politik pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken ist.

Dabei waren die Rahmenbedingungen in der wirtschaftlich angespannten Zeit der späten 1970er Jahre alles andere als einfach. Herbert Ehrenberg musste auch schmerzhafte Schritte wie die Sanierung der Rentenkasse mit politischem Augenmaß und ökonomischer Vernunft meistern.

Herbert Ehrenbergs großes Vermächtnis als Minister ist die Schaffung der Künstlersozialversicherung. Diese sozialpolitische Innovation gibt heute fast zweihunderttausend Künstlern und Publizisten erschwinglichen Zugang zur gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Sie gibt damit selbstständig arbeitenden Menschen, die mit ihrer kreativen Arbeit unsere Gesellschaft bereichern, die nötige soziale Absicherung, damit sie sich auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren können.

Die Künstlersozialversicherung ist ein Fortschrittsprojekt, das sich dauerhaft mit dem Namen Herbert Ehrenberg verbindet.

Und sie ist hochmodern. Sie bietet im heutigen digitalen Kapitalismus ein Vorbild, wie neue Formen der selbstständigen, aber abhängigen Beschäftigung solidarisch abgesichert werden können.

Herbert Ehrenberg war stets an der Spitze des sozialen Fortschritts. So auch mit seinen Ideen zu einer Maschinensteuer, ein Konzept das heutzutage sogar von führenden Köpfen des Silicon Valleys diskutiert und gefordert wird.

Dass die Künstlersozialversicherung hier in Wilhelmshaven angesiedelt wurde und hier zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, ist ein bleibendes Geschenk an die Stadt, wo nun auch Herbert Ehrenbergs letzte Ruhestädte ist.

Verdienste nach dem Mauerfall
Nach dem Fall der Mauer widmete Herbert Ehrenberg seine Erfahrung und Kompetenz dem Aufbau einer Arbeitsverwaltung für in Ostdeutschland, die den Menschen dort in den Umbrüchen der Wiedervereinigung ein Stück Stabilität geben konnte. Regine Hildebrandt, die große ostdeutsche Sozialdemokratin und Sozialpolitikerin bat ihn um beratende Unterstützung.

Herbert Ehrenberg konnte in einer Zeit, als Millionen von Arbeitsplätzen über Nacht wegbrachen freilich keine Wunder bewirken.

Aber er trug nach Kräften dazu bei, dass ein möglichst wirksamer Mix aus Qualifizierung, Zumutbarkeit und Absicherung angewendet wurde, um den tiefgreifenden Umbruch für unzählige Menschen im Osten Deutschlands zumindest abzufedern.

Sozialdemokrat
Bei all seinem Schaffen war er stets geleitet von einem klaren Wertekompass.

Dass der dem Seeheimer Kreis in der SPD angehörige Herbert Ehrenberg in jungen Jahren als eher rechts und später als eher links innerhalb der Sozialdemokratie galt, das spricht eher für ihn.

Denn er blieb sich treu, während sich der Zeitgeist änderte. Er wollte sich nie in eine Schablone pressen lassen, stand aufrecht für seine politischen und ökonomischen Überzeugungen und hängte seine Fahne nie in den Wind.

Die SPD verliert nach 63 Jahren Mitgliedschaft ein geschätztes langjähriges Präsidiumsmitglied und einen großen Sozialdemokraten, der sich auch nach seiner aktiven Zeit als Politiker immer wieder mit klugen Impulsen konstruktiv in die Debatte einbrachte. Ein sozialer Demokrat durch und durch!

Noch vor wenigen Jahren setzte sich Herbert Ehrenberg mit der IG Metall und gemeinsam mit seinen Amtsnachfolgern Norbert Blüm und Walter Riester für die Interessen von Leiharbeitern ein. Lohndumping und prekäre Arbeit machten ihn regelrecht zornig, und das hat er in deutlichen Worten und zu Recht auch Parteifreunde wissen lassen.

Herbert Ehrenberg war noch im hohen Alter ein Vorreiter für eine neue soziale Ordnung am Arbeitsmarkt. Die Einführung des Mindestlohns und die Eindämmung des Missbrauchs von Leiharbeit sind damit auch sein Verdienst.

Dabei hatte er wie stets in seinem politischen Streben zwei Motive: das Herz eines Sozialdemokraten, der für Gerechtigkeit und Solidarität stritt. Und gleichzeitig der Verstand eines keynesianisch geschulten Ökonomen, der die Mechanismen der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung analysieren konnte und auch steuern wollte.

Der Ökonom Ehrenberg erinnerte auch in Zeiten, als die ökonomische Schule John Maynard Keynes außer Mode war, an die Lehren des britischen Volkswirtes und behielt damit langfristig Recht.

Dass Deutschland derzeit wirtschaftlich sehr gut dasteht, hat auch viel mit der starken Binnennachfrage zu tun, die letztlich auch von einer Renaissance des Keynesianismus nach der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 getragen ist. Herbert Ehrenberg ist neoliberalen Irrwegen nie gefolgt!

Herbert Ehrenberg genoss in der Politik, bei den Gewerkschaften und in der Wirtschaft hohes Ansehen. Für seine Verdienste wurde er zu recht mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, dem Niedersächsischen Verdienstorden und der Marie-Juchacz-Plakette der Arbeiterwohlfahrt. Letztere war ihm besonders wichtig, denn der AWO war er zeitlebens eng verbunden.


Liebe Frau van Büren, liebe Familie des Verstorbenen, liebe Mittrauernde!

Der Abschied von Herbert Ehrenberg ist schmerzhaft. Sein Tod reißt eine tiefe Lücke. Den Angehörigen gelten unsere tief empfundene Anteilnahme und unser Mitgefühl.

Wir trauern gemeinsam. Doch wir bleiben nicht mit leeren Händen zurück. Albert Schweitzer hat gesagt, dass das, was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, nicht verloren geht. Herbert Ehrenberg hat als Familienmensch, Gewerkschafter und als sozialdemokratischer Politiker viel Gutes gegeben und bewirkt. Und das wird bleiben!

Wir verneigen uns vor einer großen Persönlichkeit. Ruhe in Frieden, lieber Herbert. Wir alle behalten Dich in ehrendem Gedenken!


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