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Rede von Außenminister Johann Wadephul anlässlich der Jubiläumsveranstaltung: „75 Jahre Wiedergründung des Auswärtigen Amts“

24.03.2026 - Rede

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Frank-Walter Steinmeier,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

Exzellenzen, verehrte Gäste!

Ich möchte heute über drei Bilder sprechen.

Das erste ist vielleicht weniger ein Bild im engeren, als im übertragenen Sinne.

Ein Bild der Erinnerung:

Hier im zweiten Stock, sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sie kennen sich hier ja aus, gibt es eine große Gedenktafel.

Auf dem oberen Teil der Tafel stehen dreizehn Namen.

Die Namen von Angehörigen des Auswärtigen Dienstes, die sich während der nationalsozialistischen Diktatur ihrem Gewissen verpflichtet sahen. Die unter anderem am Attentat des 20. Juli beteiligt waren.

Die ihre konsequente Haltung und ihr konsequentes Handeln mit dem Leben bezahlen mussten.

Auf der Tafel stehen aber mehr Namen:

Die Namen derer, die seit 1945 im aktiven Dienst ihr Leben verloren haben.

Sie starben als Opfer in Kriegen, im Libanon zum Beispiel. Oder bei Terroranschlägen. Wie beim Überfall der RAF auf die deutsche Botschaft in Stockholm. Oder wie Gerold von Braunmühl, dessen Tod durch die Hände der RAF sich dieses Jahr zum 40. Mal jährt.

Die Menschen hinter all diesen Namen starben im Dienste einer dem Frieden verpflichteten deutschen Außenpolitik.

Meine Damen und Herren,

dass es eine solche Außenpolitik nach den Gräueltaten des Dritten Reichs wieder geben durfte, verdanken wir vor allem den Westalliierten.

Denn 1945 gab es keine deutsche Außenpolitik mehr.

Es durfte sie nicht geben.

Bis die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und Frankreich die politische Selbstverantwortung Stück für Stück an ein Gemeinwesen zurückgaben, das sich im Mai 1949 als Bunderepublik Deutschland, als demokratischer und freier Staat neu konstituierte.

Um also auch außenpolitisch wieder handlungsfähig zu werden, wurde am Vormittag des 15. März 1951 – das heißt vor 75 Jahren – wieder ein Außenministerium gegründet.

Und es hieß – wie schon seit Bismarcks Zeiten – erneut „Auswärtiges Amt“.

Mit Konrad Adenauer als erstem Bundesminister.

Meine Damen und Herren,

Das war keine Selbstverständlichkeit!

Denn das Auswärtige Amt war genauso gebrochen, wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Den langen Schatten der NS-Diktatur konnte man in Begrifflichkeiten, in Personen und Strukturen nachvollziehen.

Dass die Westalliierten uns ihr Vertrauen entgegengebracht haben, das lag vor allem an den Menschen, die sich NICHT durch den Nationalsozialismus haben korrumpieren lassen.

Und uns einen klaren Wertekompass mitgegeben haben.

Und das bringt mich zum zweiten Bild, ein Foto.

Es zeigt Konrad Adenauer, am 21. September 1949, sechs Tage nach seiner Wahl zum Bundeskanzler.

Er steht auf einem Teppich und verliest etwas.

Der Ort war der Sitz der Alliierten Hohen Kommissare auf dem Bonner Petersberg.

An diesem Tag trat das Besatzungsstatut in Kraft.

Die Regelung also, die festlegte, welche Rechte die Westalliierten – die Vereinigten Staaten von Amerika, das Vereinigte Königreich und Frankreich – in der neuen Bundesrepublik weiter hatten.

Protokollarisch war für den Tag festgelegt, dass die Hohen Kommissare auf einem Teppich stehen sollten. Die Delegation der Bundesrepublik hingegen auf dem nackten Fußboden daneben.

Adenauer jedoch brach das Protokoll und stellte sich einfach selbst auf den Teppich zu den Alliierten.

Und hielt von dort seine Ansprache.

Niemand protestierte.

Die Szene war damit zu einer symbolischen Geste neu gewonnenen Selbstvertrauens geworden.

Zu einem ersten Schritt in die politische Mündigkeit.

Dieses Foto ist das erste der kleinen Ausstellung „Schritte zur Freiheit“, die Sie heute hier besichtigen können.

Sie zeigt unvergessliche Momente aus der Geschichte der Bundesrepublik – wie die deutsch-französische Aussöhnung und die deutsche Wiedervereinigung.

Herzlichen Dank an alle Kolleginnen und Kollegen, die an dieser Ausstellung mitgewirkt haben.

Meine Damen und Herren,

Wieso erzähle ich Ihnen das alles?

Nicht, weil die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit einen Selbstzweck erfüllt.

Sondern, weil es in unserem aktuellen Interesse ist, unsere Geschichte im Blick zu haben.

Weil uns der Rückblick die Möglichkeit bietet, für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen.

Ich bin überzeugt:

Diplomatie ist heute nötiger denn je.

Denn wir stehen vor neuen epochalen Herausforderungen:

Ich nenne drei Dinge:

Erstens: Die Internationale Ordnung, wie wir sie in den letzten 75 Jahren kannten, steht unter Druck – einige versuchen, sie zu zerstören.

Zweitens: Unser transatlantisches Verhältnis befindet sich in einem tiefgehenden Wandel. Ich plädiere dafür, dass wir nie vergessen, dass es vor allem auch die Vereinigten Staaten von Amerika waren, die uns vom Nazi-Regime befreit haben, die junge Bundesrepublik geprägt und uns die Wiedervereinigung ermöglicht haben.

Drittens: Erstmals seit Generationen muss Europa mit zwei Kriegen unmittelbar an unseren Grenzen und in unserer Nachbarschaft gleichzeitig umgehen:

Einem Angriffskrieg Russlands gegen seinen Nachbarn Ukraine mitten auf unserem eigenen Kontinent – und einem Krieg im Nahen Osten und am Golf.

Unsere eigene Sicherheit ist womöglich konkreter in Gefahr als sie es in den letzten 75 Jahren war – und ich sage das als jemand, der sich an die Brisanz des Kalten Krieg als Soldat noch gut erinnert.

Und deshalb müssen wir in Europa zusammenstehen.

Und die Sicherheit Europas zu unserer Top-Priorität machen.

Angesichts dieser Herausforderung und Gefahren zu versuchen, eine Zukunft in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand zu bewahren und immer wieder neu zu erarbeiten, das sehe ich als DIE Aufgabe deutscher Diplomatie.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir alle müssen heute umdenken.

Dass wir im AA Übung im Umdenken haben, zeigt eine weitere Ausstellung, mit dem Titel „AA im Wandel der Zeit“, in der Blauen Halle.

Vielleicht möchten Sie ja später einen Blick auf die „Organisationsgeschichte“ des Auswärtigen Amts werfen.

Auch heute fordern neue Herausforderungen von uns Veränderungen und neue Lösungsansätze.

Wir brauchen einen modernen, zukunftsfähigen und schlagkräftigen Auswärtigen Dienst – mit dementsprechenden Strukturen.

Wir sind daher seit November dabei, uns organisatorisch neu aufzustellen.

Ab diesem Sommer wird die Struktur der Zentrale die veränderte Weltlage noch besser widerspiegeln.

Dazu gehört auch, dass wir das „WIE“ unseres Arbeitens hinterfragen.

Denn Künstliche Intelligenz und neue Kommunikationsmittel verändern auch unser Berufsbild.

Übrigens ein Grund, warum ich auch als ü60 Minister auf Social Media vertreten bin. Weil ich überzeugt bin: Wir müssen Außenpolitik heute noch besser erklären – im Ausland und bei uns zuhause.

Und zwar so, dass die Menschen in unserem Land uns und unseren Entscheidungen vertrauen.

Dass wir das Vertrauen unserer europäischen Nachbarn nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergewinnen konnten – auch das ist ein außenpolitischer Meilenstein.

Und damit das so bleibt, setze ich mich persönlich in den Haushaltsverhandlungen immer wieder dafür ein, dass das Auswärtige Amt dafür die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen hat.

Und ich schaue hier in Richtung der dankenswerterweise anwesenden Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag.

Denn wenn wir diese Mittel jetzt nicht einsetzen, wird es später umso teurer, unsere Freiheit zu verteidigen oder gar zurückzugewinnen.

Aber ohne Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen weltweit, wäre das natürlich alles nicht möglich.

Die letzten Wochen haben erneut gezeigt: Der Auswärtige Dienst ist kein Dienst wie jeder andere.

In diesen Wochen haben wir wieder erlebt: Wir alle können uns auf Sie verlassen. Das ist besonders wichtig in Zeiten der Krise.

Dafür möchte ich Ihnen meinen wirklich herzlich empfundenen Dank aussprechen!

Die Teams der Auslandsvertretungen aus Teheran, Bagdad und Erbil wissen wir jetzt glücklicherweise wieder in Sicherheit.

Aber wir denken auch an die Kolleginnen und Kollegen, die noch an den Vertretungen in der Region unter schwierigen Bedingungen jeden Tag ihren Dienst tun.

Und ich bin dankbar, dass diese Kolleginnen und Kollegen und unser Team hier dabei geholfen haben, tausende deutsche Staatsangehörige wieder nach Hause nach Deutschland zu bringen!

Meine Damen und Herren,

wenn wir also in die Zukunft blicken und uns fragen, wie sich deutsche Außenpolitik entwickeln wird, hilft auch ein Blick ins Gesetz über den Auswärtigen Dienst.

Da kommt jetzt der Jurist in mir durch.

Im sog. GAD steht also – das wird Sie nicht besonders überraschen: „Der Auswärtige Dienst pflegt die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu auswärtigen Staaten […].

Beziehungspflege in der Welt war und ist – auch in Zukunft – das Herzstück der Diplomatie.

Das bedeutet:

Sich selbst vor Ort ein Bild zu machen.

Im persönlichen Gespräch.

Zwischen den Zeilen zu lesen. Und zuzuhören.

In anderen Worten: Diplomatie ist und bleibt People’s Business!

Diesen harten Kern halte ich für zukunftsfest, egal welche Technologie noch erfunden wird.

Menschliches Miteinander kann keine Maschine ersetzen.

Und damit kommen wir dann auch schon zum dritten Bild, über das ich sprechen möchte.

Nämlich das, was wir gleich auf der Bühne sehen.

Die Zukunft des Auswärtigen Dienstes.

Unsere Anwärterinnen und Anwärter, werden im zweiten Teil ihren Blick auf die Zukunft unseres Dienstes mit uns teilen.

Ich bin ich schon sehr gespannt darauf!

Doch bevor wir gleich zum Nachwuchs kommen, begrüßen wir für die Festrede, sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sie , einen deutschen Diplomaten im Unruhezustand.

Als Bundespräsidenten und zweifachen Außenminister kann man Ihnen in Sachen Außenpolitik nicht so schnell etwas vormachen. Das weiß ich aus unseren zahllosen Gesprächen, zu denen sie mich freundlicherweise oftmals einladen.

Aber in einer Sache hatten Sie Unrecht:

Denn auf dem Sprung in Ihr heutiges Amt als Bundespräsident haben Sie sich im Jahr 2017 zum zweiten Mal von der Belegschaft dieses großartigen Hauses verabschiedet und gesagt „Es ist ein Abschied! Und dieses Mal komme ich wirklich nicht zurück…

Doch Sie sind da, Herr Bundespräsident, Sie sind zurück.

Herzlich Willkommen, the floor is yours.

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