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Ansprache von Staatssekretär Géza Andreas von Geyr beim Abschlussempfang des Deutsch-Polnischen Forums

17.06.2026 - Rede

-- Es gilt das gesprochene Wort --

Zunächst mein sehr herzlicher Dank an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, für die Einladung zu diesem schönen Empfang.

Es ist etwas Besonderes, dass das Forum heute bei Ihnen im Roten Rathaus Berlins zu Gast sein kann – und das passt zu diesem heutigen Tag, der für unsere deutsch-polnische Geschichte eben auch ein ganz besonderer ist.

Als heute vor 35 Jahren Bundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Bielecki den Deutsch-Polnischen Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet haben, war dies keine Selbstverständlichkeit.

Dieser Vertrag hat ein neues Kapitel in den deutsch-polnischen Beziehungen aufgeschlagen.

Für mich ist der Vertrag die Grundlage, dass wir, Deutsche und Polen, uns vertrauen und zugewandt sein können.

Einander zugewandt gemeinsam Politik gestalten, Europa bauen.

Der Auftrag gilt auch heute.

Es liegt an uns, dass wir das Beste daraus machen.

Hierzu möchte ich drei Bemerkungen machen.

Zunächst zur Politik und unseren gemeinsamen Aufgaben:

Unsere beiden Außenminister haben heute Vormittag beim Forum den Stand unserer Beziehungen eingeordnet.

Wichtiger aber noch: Sie haben hingewiesen auf die Herausforderungen, die jetzt und absehbar vor uns liegen – und diese Herausforderungen sind angesichts der Lage Europas und der Welt scharf und enorm.

Ich will nicht in´s Detail gehen, nur so viel:

Ich bin überzeugt, dass die drängendsten Fragen einer guten Zukunft Europas ein enges deutsch-polnisches Miteinander brauchen.

Je enger Deutschland und Polen zusammenfinden, umso stärker die NATO, umso besser die Sicherheit Europas.

Je enger Deutschland und Polen zusammenfinden, umso handlungsfähiger die EU, umso wettbewerbsfähiger Europa.

Umgekehrt beschreibt dies auch unsere gemeinsame Verantwortung: Wenn unser Miteinander nicht klappt, dann schwächt dies nicht nur uns, sondern Europa.

Gerade weil derzeit der Blick auf unsere Beziehung durchaus kritisch ist, möchte ich ein Beispiel der Aktualitäten herausgreifen, und zwar ein so anspruchsvolles wie vielversprechendes:

Sicherheit und Verteidigung gehören bestimmt zu den sensibelsten Bereichen bilateraler Beziehungen. Alle Staaten sind da besonders vorsichtig. Dass heute in Warschau ein Verteidigungsabkommen zwischen unseren Ländern unterzeichnet wurde, ist umso bedeutender.

Dieses Abkommen kann, wenn mit Substanz gefüllt, ein wichtiges, ein starkes Stück deutsch-polnischen Miteinanders werden und zu einem starken Europa beitragen. Wir haben es selbst in der Hand.

Meine zweite Bemerkung schließt daran an: Europa.

Staaten, Nationen, können zwei Umstände nicht ändern: Ihre Geschichte und ihre Geographie. Dies charakterisiert Europa vielleicht mehr als andere Kontinente. So gilt es auch für Deutschland und Polen.

Wir tragen weiterhin schwer an unserer Geschichte. Von deutschem Boden ist im vergangenen Jahrhundert unermessliches Leid über Polen gebracht worden.

Das vergessen wir Deutsche nicht.

Aber wichtiger noch: Das wollen wir Deutschen nicht vergessen.

Wichtig ist, was wir aus dem Nachdenken über unsere Geschichte machen, dass wir es zu einem möglichst gemeinsamen Nachdenken machen.

Dass demnächst ein Denkmal hier in Berlin an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung erinnern wird, ist wichtig und gut.

Der Gestaltungswettbewerb hat begonnen, Ende des Jahres soll der Siegerentwurf präsentiert werden.

Hier möchte ich auch sagen, dass ich mich sehr freue, dass heute mit Botschafter Janusz Reiter der Deutsch-Polnische Preis an jemanden ging, der wie kaum ein anderer den Wert von Geschichtsbewusstsein und Versöhnung für unsere beiden Länder und damit für Europa zu beschreiben weiß.

Diesen Gedanken möchte ich weiterführen:

Dass wir beide, Deutsche und Polen heute in Freiheit über unsere Geschichte nachdenken können ist ein Glück, das noch nicht allen Europäern vergönnt ist.

Die Ukraine leidet seit viereinhalb Jahren unter der brutalen und durch nichts zu rechtfertigenden Aggression Russlands.

Gerade erst in der Nacht von Sonntag auf Montag hat Moskau die Ukraine mit einem der härtesten Angriffswellen seit April 2022 überzogen: Über 600 Drohnen und über 70 Raketen. Es darf und wird dem Kreml nicht gelingen, seine Grenzen mit Gewalt zu verändern, seine Nachbarn zu dominieren und uns einzuschüchtern.

Dass am gleichen Tag die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine begonnen haben, zeigt unmissverständlich, wo wir die Zukunft der Ukraine sehen: bei uns!

Das ist unser Interesse.

Zugleich hoffen wir, dass der andere Krieg an den Grenzen Europas, im Nahen Osten und am Golf, jetzt rasch ein Ende findet.

Auch das ist deutsch-polnisches Interesse.

Die gemeinsame Sorge und der gemeinsame Einsatz für Frieden und Freiheit in ganz Europa, Sicherheit an allen unseren Grenzen, das gehört heute zu uns, zu Polen und Deutschland.

Wir dürfen den Blick unserer gemeinsamen Verantwortung als Deutschland und Polen nicht verengen, sondern werden ihn noch mehr weiten müssen – und dies auch immer wieder erklären müssen.

Geschichte und Geographie: Polen und Deutschland, wir sind doch in jeder Hinsicht zwei wichtige Länder in der Mitte Europas. Auch daraus wächst gemeinsame Verantwortung.

Wichtig ist: In welchen Konfigurationen auch immer wir als Europäer dies und jenes verhandeln: Polen kann sich darauf verlassen, dass wir nicht über seine Köpfe hinweg Politik gestalten.

Meine dritte Bemerkung dreht sich um die Menschen.

Wir sind Nachbarn, haben eine lange gemeinsame Grenze. Ich plädiere für einen offenen Blick:

Bei all den Schwierigkeiten, die es immer wieder gibt: entscheidend ist und bleibt doch, dass unsere gemeinsame Grenze den Menschen heute so unendlich viel mehr Chancen bietet als Probleme.

Deutsche und Polen leben weit weniger nebeneinander als miteinander.

Sie wirtschaften miteinander, lernen, forschen, reisen, treiben Sport miteinander.

Die Menschen freuen sich miteinander und sie leiden miteinander.

Auch hier gilt: Es liegt an uns, was wir aus unserer Nachbarschaft machen.

Das heutige Forum hat eindrucksvoll gezeigt: die für das Deutsch-Polnische Engagierten, unzählige Menschen machen viel daraus, sehr viel!

Und es kann noch mehr werden, entscheidend sind Offenheit, Dialog und Empathie, ein geschichtsbewusster Blick in die Zukunft.

Genau dazu passt das heute auch mit dem deutsch-polnischen Preis ausgezeichnete Projekt „Grenzerfahrungen“ der Städte Frankfurt (Oder) und Słubice.

Zwei starke, innovative, sich zugewandte Verwaltungen! Bravo!

Wenn schon Verwaltungen diese Zugewandtheit hinbekommen, dann doch die Menschen allemal.

Eines der Vorhaben unserer beiden Regierungen ist: 60.000 Gratis-Bahntickets für junge Deutsche und Polen. Das ist ein tolles Angebot.

Aber es liegt an den Menschen, was sie daraus machen: Wenn jeder der reist, dabei 10 Freundschaften schließt, dann haben wir damit 600.000 Menschen neu erreicht, oder noch mehr.

Ich glaube: die Menschen sind der Politik und Bürokratie schon ein Stück weit voraus. Im Kleinen wird doch schon praktiziert, was wir als Regierungen manchmal noch umständlich wägen und diskutieren.

Unsere beiden Länder sind sich auf ganz besondere Weise verbunden, wir haben ganz besondere Gestaltungsmöglichkeiten. Unser Verhältnis ist zu wichtig, es darf nicht zum Opfer innenpolitisch motivierter Instrumentalisierung werden.

Im Gegenteil: Es liegt an uns.

35 Jahre deutsch-polnischen Freundschaftsvertrag: lassen Sie uns einander zugewandt sein, lassen Sie uns die vielen großen und kleinen Chancen entschlossen gemeinsam nutzen.

Das ist gut und wichtig für uns - und das bringt Europa voran.

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