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Rede von Staatssekretär Dr. Géza Andreas von Geyr bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: Die Zukunft und Sicherheit in und für Europa

26.02.2026 - Rede

In meinen Ausführungen heute soll es um Europa und um Sicherheit gehen, um Sicherheitspolitik für Europa in diesen bewegten Zeiten. Die aktuelle Lage ist so brisant, wie ich es in meinen Jahren in unterschiedlichen Häusern der Bundesregierung und im Ausland nicht erlebt habe. Daher versuche ich mich auf sechs, sieben Gedanken oder Themenbereiche zu konzentrieren, die mir besonders wichtig sind bei der großen Frage „Europa“, nämlich Europas Sicherheit und wie wir sie gestalten. Das ist also keine komplette Analyse der sicherheitspolitischen Lage, sondern es sind wirklich Schlaglichter auf für mich wesentliche Themen.

Erlauben Sie mir drei Vorbemerkungen zu der notwendigen Herangehensweise an die großen Fragen in diesen bewegten Zeiten:

1. Die sicherheitspolitische Lage ist überwältigend brisant. Aber wir dürfen uns von dieser Brisanz nicht selber überwältigen lassen. Wir müssen aktiv gestalten!

2. Wir müssen uns fokussieren. Das nehme ich auch so als meine Aufgabe im Auswärtigen Amt wahr. Wir können und müssen uns nicht um alles und um alles gleichzeitig kümmern. Wir müssen schauen, wo welche Themen einen Fokus brauchen. So habe ich auch die sechs Themen ausgewählt, über die ich heute sprechen möchte. Denn auch, wenn wir zwanzig, dreißig Themen nennen könnten, die alle aktuell sind - wir müssen uns auf das Wichtige fokussieren.

3. Wir müssen als deutsche Außen- und Sicherheitspolitik unsere Interessen formulieren. Das Stichwort des Bundeskanzlers ist: „Interessengeleitete Außenpolitik“, mit drei großen Kernzielen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik: Sicherheit, Freiheit, Wohlstand. Diese drei gehören zusammen, und sie müssen immer und in allen Lagen beim Blick auf alle brisanten Situationen in der Welt stimmig gemacht werden.

Bevor ich nun mit meinen Schlagworten beginne, nehme ich mal mein Fazit vorne weg. Sie können danach prüfen, ob es Sinn gemacht hat.

Wenn es heute um unsere Sicherheitspolitik geht, sage ich, dass bei allem, was drängend und wichtig ist, nichts wichtiger ist als sicherheitspolitisch den europäischen Zusammenhalt zu wahren. Nichts ist wichtiger!

Die gute Nachricht dabei ist: Europa, das haben wir selbst in der Hand. Viele anderen Dinge nicht, aber Europa, das haben wir selbst in der Hand, und wir müssen beherzt rangehen. Bei allen Themen, auf die ich heute eingehe, steht diese Erkenntnis über Allem.

1. Wenn ich nun mit meinem ersten Komplex beginne, geht es um die Ukraine. Und über die Ukraine zu sprechen, das geht nicht ohne das eigentlich größere Thema: Russland. Vorgestern war der vierte Jahrestag des Angriffs. Ich war damals Botschafter in Moskau. Es ist ja zu diesem Jahrestag viel geschrieben und gesagt worden, daher will ich nicht alle möglichen Gedanken wiederholen, sondern zwei Sachen beleuchten.

Wo standen wir damals, um was ging es vor vier Jahren? Und wo stehen wir heute?

Damals: Was wollte die Ukraine? Die Ukraine wollte überleben. Was wollte Russland? Was will Russland? Um das zu verstehen, empfehle ich einerseits die Lektüre von zwei Briefen, die vor dem Krieg im Dezember 2021 vom Kreml an die Vereinigten Staaten und an die NATO geschrieben wurden. Diese veröffentlichten Briefe beinhalten im Grunde, was Russland damals wollte. Ausgedrückt wurde das auch in zwei Gesprächsrunden, die damals im Kreml stattgefunden haben, bei denen der russische Präsident einmal den Granden der Sicherheitspolitik erklärt hat, um was es ihm geht, und einmal den Granden der Wirtschaftsimperien. Das gibt im Grunde alle Antworten auf die Frage: Was wollte Russland? Russland wollte viel – es wollte bestimmt den Donbas, es wollte die Ukraine - und es wollte mehr als das, es wollte die Zeit zurückdrehen in die 1990er Jahre. Das war, glaube ich, damals schon klar.

Russlands offizielles Ziel bei Kriegsbeginn war die „Demilitarisierung“ und „Denazifizierung“ der Ukraine. Dieses Narrativ hat sich 2022 sehr schnell geändert. Ein Bild hat sich mir besonders eingeprägt und war eines der bittersten Erlebnisse für mich als deutscher Botschafter in Moskau: Es gab eine Freiluftausstellung auf dem Roten Platz mit vielen Kriegsgeräten aus dem Zweiten Weltkrieg. Viele Menschen waren da, alle Schulklassen mussten hin, und die Überschrift hieß: „2022 = 1941.“ Da war klar: Das Narrativ hat sich innerhalb von nur wenigen Monaten gedreht. Plötzlich ging es darum, auch in den Worten des Staatspräsidenten: „Die Amerikaner und deren Vasallen“ - das sind wir, die NATO - „haben die Russische Föderation angegriffen, mit dem Ziel, sie in ihrer Existenz zu vernichten.“ Und dieses Narrativ wird bis heute durchgezogen.

Um es mit einem zweiten Bild zu illustrieren: in einer Fernsehdiskussion in Moskau, auch 2022, wurde anhand eines Bildes gezeigt, wie lange es dauert, dass eine nukleare Waffe, abgeschossen aus Kaliningrad, in Berlin einschlägt. Nach Berlin sind das 106 Sekunden, nach Paris 120 Sekunden. Den Screenshot habe ich aufgehoben, das ist meine Erinnerung an die Stimmung damals. Es ging um mehr als den Donbass. Es ging von Anfang an auch um das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, um die Sicherheitsarchitektur Europas und damit auch um die Spaltung der NATO und der Europäischen Union.

Wo stehen wir heute? Am heutigen Tag, etwas zwischen 1,2 und 1,8 Millionen Opfern später, sind wir inmitten von „Verhandlungen“. Gleichzeitig wurden heute Nacht, also in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 2026, 420 Langstreckendrohnen, 11 ballistische Raketen, 28 Marsch-Flugkörper, zwei Hyperschallflugkörper, zwei gelenkte Luftbodenraketen und mehr aus Russland auf die Ukraine geschossen. Das allein heute Nacht, begleitend zu den „Verhandlungen“. Da sind wir heute.

In den Verhandlungen gibt es viele Fragezeichen. Wir sehen viel Bewegung und Bereitschaft auf ukrainischer Seite, und, ich fasse mal zusammen: null Bewegung auf russischer Seite. Das alles sieht nicht besonders gut aus. Ich hoffe natürlich auf einen guten Ausgang - jeder Mensch, der nicht sterben muss oder verletzt wird in diesem Krieg, ist es wert, aber ich bin nicht besonders optimistisch. Wir Europäer können nicht tolerieren, und da haben wir unsere Position gehalten von damals bis jetzt, dass Grenzen in Europa wieder mit militärischer Gewalt verschoben werden. Da bleiben wir firm. Das Mittel und die Instrumente sind relativ klar: maximale Unterstützung für die Ukraine, maximaler Druck auf Russland. Das kann ich für die meisten Europäer so sagen und für viele andere in der Welt.

Wo stehen die Amerikaner? Witkoff nutzte als Chefverhandler kürzlich den Terminus: „Die Vereinigten Staaten empfinden sich als Mediator“. Das heißt: Bei der maximalen Unterstützung mit Waffen, die die Ukraine benötigt, um zu überleben, und all dem, was die Ukraine benötigt, um den Winter zu überstehen, stehen wir Europäer relativ alleine da. Man wird sehen, wie sich das in den weiteren Verhandlungen gestaltet.

Um das Thema Ukraine abzuschließen, möchte ich noch begründen, warum dies für mich das erste Thema war – auch, wenn die sechs Themen, die ich für heute ausgesucht habe, nicht hierarchisch angeordnet sind: Unsere Zukunft, die Sicherheit Europas, wird ganz wesentlich abhängen von der Zukunft der Ukraine in Europa. Damit ist nicht ausschließlich die EU und eine rasche Mitgliedschaft gemeint- sondern Europa, in vielerlei Hinsicht und Qualität.

2. Damit komme ich zum zweiten großen Thema für heute: Naher und Mittlerer Osten und dem Golf, einer Region, in der sich viel abspielen wird, was die Zukunft der Sicherheit Europas anbelangt. Heute, auch zu dieser Stunde, finden Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran in Genf statt. In den letzten Nachrichten, die ich heute dazu gelesen habe, hieß es, aktuell gibt es eine Verhandlungspause, d.h. noch keinen Abbruch. Wir hoffen alle, dass es zu einem Abbruch nicht kommen wird, aber auch da ist mein Optimismus nicht allzu groß. Die Situation ist extrem brisant. Gestern bin ich von einer Dienstreise aus Bagdad und Erbil zurückgekommen. Dort ist man überzeugt, dass, wenn es einen Angriff gibt, die Iraner reagieren werden, und zwar im ersten Schritt höchstwahrscheinlich auf Israel, aber dann auch sehr stark auf den Norden des Irak. Gerade Erbil ist hier stark im Fokus, es herrschen enorme Unsicherheiten.

Das zweite große Thema in diesem ganzen geografischen Komplex heißt Gaza. Dort wird aktuell mit viel Dynamik und amerikanischer Can-Do-Politik mit dem Zwanzig-Punkte-Plan eine Architektur geschaffen, um Gaza zu stabilisieren. Noch bleiben aber viele Fragezeichen, was die Kernfrage anbelangt: die Entwaffnung der Hamas. Wer soll das machen? Wie soll das geschehen?

Bei aller Unsicherheit ist klar: Was auch immer das Ergebnis sein wird, sowohl in der Frage Iran wie in der Frage Gaza, wird auch die Sicherheit Europas explizit betroffen sein. Als Europäer sind wir im Moment in einer Situation, in der, je länger die Unsicherheiten andauern, desto mehr werden die Länder aus der Region wissen wollen, was wir, Europa, in diesen ganzen Komplexen zu bieten haben.

Wo stehen wir? Wo steht Deutschland? Ich bin einmal gefragt worden, in dieser ganzen großen Komplexität des Nahen und Mittleren Ostens, wie man das reduziert, unsere Politik fokussiert. Ich habe heute ja selber bereits den Anspruch gestellt, sich nicht um alles zu kümmern, sondern das Wesentliche zu suchen. Wo also sind die wesentlichen drei, vier zentralsten Punkte und Interessen in dieser Region für unsere Außen- und Sicherheitspolitik?

Ich beantworte diese Frage wie folgt: Erstens, die Sicherheit Israels. Zweitens, die Lebensfähigkeit der Palästinenser auf ihrem Gebiet. Und drittens, keinesfalls eine Nuklearwaffe in den Händen Teherans. Das sind die drei Essentials, das ist der ganz wesentliche Fokus, um den es uns gehen muss. Der geografische Bogen ist riesengroß, und man könnte neben diesen Themen viele weitere nennen: Natürlich müssen wir uns auch kümmern um die Stabilität in Syrien. Natürlich geht es auch bei der Stabilität Jordaniens und der Stabilität des Libanon um unsere Interessen. Die Region ist leider durch und durch instabil. Sie braucht europäisches Engagement, es bräuchte Angebote für Partnerschaften, für Sicherheit und Prosperität mit all diesen Staaten, was die lange Perspektive anbelangt. Und auch kurzfristig wünschte ich mir ein stärkeres europäisches Gesicht bei all diesen Komplexen in diesem geografischen Raum.

3. Damit komme ich zum dritten Punkt. Den halte ich sehr kurz, weil ich einfach nur sagen will, man könnte jetzt noch lange weitermachen und über andere Regionen zuvorderst China sprechen, der Kanzler ist ja gerade dort. China und der Indo-Pazifik sind ebenfalls wichtig auch für unsere Sicherheit. Denn unser Verhältnis zu China betrifft alle drei Kerninteressen, die ich am Anfang genannt habe: sowohl Freiheit, Sicherheit, als auch Wohlstand. Wir müssen dies, also unsere Interessen in eine gute Kombination bringen.

Wir müssten natürlich auch über den westlichen Balkan sprechen, der immer noch von Instabilität geprägt ist, so dass wir dort weiter militärische Präsenzen benötigen, mitten auf unserem Kontinent, und das seit über dreißig Jahren. Das spricht nicht für uns, aber wir müssen das in die europäische Hand nehmen. Die europäische Integration des westlichen Balkans muss gelingen, und zwar bald. Das ist auch eine Frage unserer Glaubwürdigkeit

4. Als Viertes möchte ich auf unsere Schlüsselpartner in der Welt eingehen. Ich glaube, es wird für unsere langfristige Sicherheit ganz entscheidend sein, dass wir Schlüsselpartner identifizieren auf allen Kontinenten, mit denen wir Europäer eng und gut zusammenarbeiten. Partnerschaften, Prosperität und Sicherheit – diese Punkte gilt es, zu verbinden, und gemeinsam Sicherheit zu projizieren.

Entscheidend ist, dass wir einen klaren Kriterienkatalog für uns formulieren, der unseren Interessen entspricht. Dazu gehören Aspekte der klassischen Sicherheitspolitik, aber auch der Wirtschaftssicherheit, der Rohstoffsicherheit, der Transportwegesicherheit, der Kommunikationswegesicherheit, der Tech-Sicherheit, und so weiter. Dieser Kranz von Argumenten ergibt die eine Skala, an der wir Partnerschaften sicherheitspolitisch definieren müssen. Hier, glaube ich, haben wir als Europäer gute Chancen zu überzeugen. Wir haben viel Erfahrung und aus Erfahrung gelernt, und wir können Überzeugungskraft generieren, gerade weil wir kein Dominanzspiel betreiben.

5. Das bringt mich auch schon zum fünften Punkt: Die Sicherheit in Europa. Darüber sprechen heißt natürlich, über das transatlantische Miteinander sprechen, und damit vor allem über die NATO. Ich denke, man kann das so sagen: Die Sicherheit in Europa hängt ganz wesentlich ab von einem sich wandelnden, aber weiterhin zentralen transatlantischen Miteinander. Es wird sich verändern, aber es wird für uns noch lange zentral bleiben.

Wo stehen wir? Zunächst: Die Amerikaner haben die Spielregeln für sich selbst bereits geändert. Spätestens der Fall Grönland hat uns das gezeigt. Noch nie ist Europäern gegenüber tatsächlich formuliert worden, dass hier Gebietsansprüche kombiniert werden mit Zolldrohungen. Das ist ein bisschen wie in einer Partnerschaft, in einer Ehe. Wenn man einmal etwas ausgesprochen hat, kriegt man es nicht mehr weg. Das wird prägend bleiben.

Aus dem Thema „Grönland“ wie aus weiteren Einlassungen des Weißen Hauses lässt sich ein außen– und sicherheitspolitisches Konzept herauslesen, das definiert scheint durch die Maxime: „Alles ist verhandelbar!“ Wenn das tatsächlich so ist, dann haben wir hier einen ganz neuen, grundlegenden Unterschied, denn für uns ist und kann nicht alles verhandelbar sein.

Spielen wir mit bei diesen geänderten Spielregeln? Ich glaube, nein, wenn es um eine neue Art Regellosigkeit geht, in der Regeln nicht mehr geleichermaßen für alle gelten sollen. Europa ist ohne Regeln nicht vorstellbar. Ohne feste Regeln hätte es die europäische Integration nicht gegeben. Länder, die jahrhundertelang Kriege gegeneinander geführt haben, leben auf diesem Kontinent seit achtzig Jahren in Frieden. Das basiert auf Regeln, auf dem Völkerrecht, auf der internationalen Ordnung – und ohne geht es nicht. Wir müssen und werden auf einem für alle verlässlichen Regelwerk als Basis unseres Tuns beharren.

Wie jetzt also damit umgehen? Wir müssen ohne Idealismus oder Verschrobenheit an diese Fragen herangehen und sehrkklar, realistisch denken, analysieren und reagieren. Ich möchte mich hierbei auf die NATO und die Sicherheit Europas konzentrieren. Es ist unser Interesse, so lange wie nur irgend möglich transatlantisch zu bleiben, und so rasch wie möglich wesentlich europäischer zu werden. Und zwar beides gleichzeitig. Nicht das eine hinter dem anderen, sondern beides zusammen. Anders wird es nicht gehen, das ist unser vitales Interesse. Hierfür tun wir Europäer viel, zu nennen ist zum Beispiel das Bekenntnis zum Fünf-Prozent-Ziel der NATO, und was wir als EU rüstungsindustriepolitisch aufbauen.

Das hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Als ich im Verteidigungsministerium war, haben wir gekämpft um einige wenige Milliarden mehr und ich muss sagen, damals haben wir verloren. Keine Chance im Bundestag. Jetzt geht's um ganz andere Beträge. Wir sind dabei. Wir haben gelernt, sogar unsere Verfassung geändert. Hier geht's knallhart um militärische Fähigkeiten.

Im Endeffekt ist die Glaubwürdigkeit der NATO abhängig von dem, was der französische Präsident mal „able and willing“ genannt hat. „Willing“, das ist in Artikel 5 abgebildet, aber ohne „able“, ohne die Fähigkeiten, nutzt das alles nichts. Das einzige Kriterium der Glaubwürdigkeit, auch den USA gegenüber, sind Fähigkeiten. Und das wird für uns in Deutschland, für die Europäer, die Aufgabe mindestens einer Dekade sein, hier auf ein Niveau zu kommen, das es braucht.

Wir müssen, und da darf nach 80 Jahren Anlehnung an US-Sicherheitspolitik für Europa keiner überrascht sein, wir müssen mehr in die gemeinsame Verteidigung investieren und auf unsere europäischen Schultern bringen. Unser wahrscheinlich vitalstes außen- und sicherheitspolitisches Interesse ist, einen Prozess zu koordinieren mit Blick auf das Reduzierung amerikanischem militärischen Engagement auf unserem Kontinent und ein Hochfahren dessen, was ich gerade beschrieben habe: Mehr Europa, mehr Fähigkeiten.

Nochmals: in diesem Prozess eine Synchronisation hinzubekommen, sodass es keine Sicherheitslücken auf unserem Kontinent gibt, das halte ich im Moment für unser vitalstes sicherheitspolitisches Interesse.

6. Und damit beginne ich mit meinem letzten Themenkomplex: Europa. Ich komme zurück zu dem, was ich am Anfang gesagt habe: Die gute Nachricht ist: Europa, das haben wir selber in der Hand. Bei all den anderen Fragen spielen wir eine Rolle, natürlich. Aber, nur Europa, das haben wir ganz selbst in der Hand.

Und deswegen gilt für mich auch das Fazit, das ich am Anfang gesagt habe: Der absolute Imperativ, um die Sicherheit auf unserem Kontinent zu wahren und Europa stark zu halten, ist, den Zusammenhalt der Europäer zu wahren. Das ist der absolute Imperativ. Im Grunde weiß jeder der 27 Mitgliedstaaten und darüber hinaus, dass wir in der globalisierten Zukunft bei all den geostrategischen Verschiebungen Relevanz nur gemeinsam entfalten können. Alleine und für sich wird jeder vielleicht stolz bleiben, aber sicher irrelevant. Und das gilt für alle.

Was macht uns aus? Neben der Bindung an Regeln, die ich vorhin beschrieben habe, möchte ich einen Begriff herausstellen: Kompromiss und Kompromissfähigkeit. Gerade, weil er auf der anderen Seite des großen Teichs als negativ angesehen wird. Europa, das ist eine Kompromissmaschine, und das ist gut!

Das ist unser strategischer Vorteil, auch in der globalisierten Zukunft, in der es immer mehr darum gehen wird, mit anderen Ländern auf allen Kontinenten ein gutes Miteinander zu finden. Das wird nur auf Basis von Kompromissfähigkeit möglich sein. Die Kraft von Kompromissen in Europa ist im Grunde unser größtes Kapital und ich würde fast sagen, das ist das Gegenmodell zu autoritären Strukturen, auch etwa zum Putinismus.

Wenn ich da noch einmal nach Russland schauen darf, sehe ich ein Land, das, leider, heutzutage dominiert wird von einem inneren Gefüge von Angst. Und zwar Angst vor anderen außerhalb des Landes, die Kompromissfähigkeit beweisen und den Willen zur Toleranz, zum Einbeziehen, zur Inklusivität. Ich glaube, diese Kompromissfähigkeit macht uns nicht langsam und altbacken als Europäer, sondern sie macht uns unglaublich modern, offen für Partnerschaften in der Welt. Und so sollten wir das sehen, so sollten wir Europapolitik betreiben.

Deshalb Europa! Dabei steht natürlich erstens Wettbewerbsfähigkeit ganz vorne, zweitens Sicherheitspolitik und drittens der Abbau von Vulnerabilitäten, von Abhängigkeiten. Ich glaube, das sind die drei großen Ziele der Europapolitik, um unseren Kontinent sicher zu halten. Und bei allen Schwierigkeiten haben wir all das selber in der Hand.

Und dann möchte ich noch eins erwähnen beim Thema Europa, das, glaube ich, in Ihrem Kreis gut verstanden wird. Es betrifft unsere politische Kultur, unsere Soft Power, über die in letzter Zeit sehr wenig gesprochen wird, wenn es nur um die wirklich harten Themen geht der Sicherheitspolitik.

Soft Power. Als ich noch in Moskau war, hat mir mein italienischer Kollege mal Folgendes erzählt: Das war das Dante-Jahr und er ist am Abend spazieren gegangen vor seiner Residenz. Dort hingen große Plakate zum Dante-Jahr mit Erklärungen, und er hat beobachtet, wie eine ältere Dame vor einem dieser Plakate stand und gelesen hat. Sie ist dann zu ihm gegangen und hat sich kurz mit ihm unterhalten, und sie hat gesagt: „Ihr werdet diesen Krieg gewinnen - wegen eurer Kultur.“ Das ist mir zu Herzen gegangen. Das hat was.

Unsere Kultur als Europäer, sie verbindet uns mit so vielen Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten, auch während so furchtbaren Auseinandersetzungen und zwar mehr, als wir manchmal denken. Wir müssen das nutzen.

Ein weiteres Beispiel: Als ich vorgestern in Bagdad war, ging es dort natürlich vor allem um sicherheitspolitische Fragen brisante Themen, gerade jetzt, wenn Krieg in der Luft liegt.

Aber ich bin sehr froh, dass es mir möglich gemacht worden ist, das Irak-Museum zu besuchen, mit seinen grandiosen Sammlungen, teilweise geraubt gewesen, wiedergefunden, wieder aufgebaut. Das Museum befindet sich im Umbau und ist daher eigentlich gerade geschlossen, aber ich durfte es besichtigen. Und das habe ich in den Gesprächen dann erzählt, und ich behaupte mal, dass sich der Charakter der Gespräche dadurch geändert hat. Man hat mir anders zugehört, weil es ein Zeichen ist, auch lernen und verstehen zu wollen, was andere Kulturen ausmacht.

Das ist ja der Kern unseres diplomatischen Geschäfts: zuzuhören und zu erklären. Uns selber zu erklären und andere verstehen zu wollen und zuzuhören. Das ist der Kern der Diplomatie und das ist auch der Kern unserer Soft Power.

Wir Europäer wollen nicht dominieren. Wir können es wahrscheinlich auch gar nicht, aber vor Allem wollen wir es nicht. Das ist das Entscheidende. Wir wollen uns erklären und wir wollen verstehen. Die politische Kultur von Vielfalt und Toleranz bei uns sollte und darf uns auch immer animieren, das bei anderen einzufordern. Und ich glaube, das ist ein großer, wertvoller Teil auch der Sicherheitspolitik. Soft Power ist nicht nur soft, die kann eine Ergänzung, ja ein Teil einer erfolgreichen Hard Power sein.

Ich habe am Anfang gesagt, nichts ist wichtiger als der europäische Zusammenhalt in der Sicherheitspolitik. Zusammengefasst geht es hierbei zentral um militärische Fähigkeiten; um die Wirtschaftskraft, die wir brauchen und erhalten müssen; um die Soft Power, die wir nutzen sollten und zur Geltung bringen sollten; und viertens, darauf möchte ich am Schluss noch eingehen, den Begriff der Wahrheit.

Wolfgang Schäuble hat in einem der letzten Interviews, die er gegeben hat, etwas sehr Interessantes gesagt. Er ist gefragt worden nach den größten Bedrohungen unserer Zeit. Dabei schwingt implizit natürlich Russland mit. Daneben hat er aber auch gesagt: Für ihn ist die größte Bedrohung unserer Freiheit, und vielleicht auch unserer Sicherheit, die Manipulierbarkeit der Wahrheit.

Wir Europäer, da komme ich jetzt wieder zu meinem Thema zurück, wir Europäer müssen bei der Wahrheit bleiben. Wir müssen das zur Geltung bringen.

Wir müssen uns, und das ist mein Schlussplädoyer, wir müssen uns beherzt dranmachen. Ich wünsche mir – auch wenn man vieles kritisieren kann in Europa – ich wünsche mir, sei es die EU, seien es die Europäer in der NATO, seien es die E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), von denen man immer mehr hört, dass wir die Probleme selber beherzt in die Hand nehmen. Ich glaube, wenn wir es richtig machen - und es ist schwer, einen positiven Ausblick zu finden in dieser Zeit - aber wenn wir es richtig machen, können wir aus dieser Zeit der unglaublich intensiven und brisanten Herausforderungen als Europäer sogar gestärkt herauskommen.

Vielen herzlichen Dank!

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