Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede von Außenminister Johann Wadephul anlässlich der Kommandoübergabe der Panzergrenadierbrigade 41 und des Rückkehrappells der 18. Rotation des deutschen Anteils der NATO Multinational Battlegroup Lithuania

17.04.2026 - Rede

Es gibt Orte, bei denen alleine der Name ausreicht, um in unserer Vorstellung ein Bild zu erzeugen.

Auch, wenn wir vielleicht noch nie dort waren.

Butscha ist so ein Ort.

Vor vier Jahren war er vermutlich den wenigsten bekannt.

Eine Kleinstadt, mit ehemals 34.000 Einwohner, ca. 30 km nordwestlich von Kiew, am Rande des Ballungsgebiets.

Heute steht er weltweit für den Terror, mit dem Russland die Menschen in der Ukraine überzieht.

Ich war vor wenigen Wochen mit einigen Amtskollegen aus der Europäischen Union dort, anlässlich des vierten Jahrestags der Befreiung von Butscha.

Nicht nur, um zu erinnern.

Nicht nur, um das unfassbare Grauen, das die russischen Soldaten dort anrichteten, zurück in das kollektive Bewusstsein unserer Nationen zu holen.

Sondern auch, um dort anzukündigen, dass wir uns an einem Sondertribunal beteiligen werden, das die russischen Verbrechen strafrechtlich aufarbeiten und verfolgen wird.

Weil wir davon überzeugt sind, dass die Täter sich eines Tages für ihre Verbrechen an den Menschen in der Ukraine rechtstaatlich verantworten werden.

Das muss unser Anspruch sein.

Denn Russland machte Butscha für seine Einwohner zur Hölle auf Erden.

Es ist aber auch ein Ort, der für die Widerstandskraft der ukrainischen Armee steht.

Vor vier Jahren befreite sie Butscha und offenbarte die unfassbaren Verbrechen der russischen Armee.

Seitdem ist Butscha für mich auch eine Mahnung an uns alle.

Denn wir sehen, was Menschen droht, wenn sie unter russische Besatzung fallen.

Darum, Soldatinnen und Soldaten der 18. Rotation der Multinationalen Battlegroup Lithuania, waren Sie bis Ende Januar für ein halbes Jahr in Litauen stationiert.

Sie übten dort an der Seite ihrer Kameraden aus den Niederlanden, Norwegen, Belgien und Tschechien.

Sie verkörpern die Entschlossenheit, mit der wir bereit sind unsere Alliierten und Freunde im Baltikum zu verteidigen.

Der Unfall-Tod eines belgischen Kameraden hat ihre Rotation überschattet.

General Hammerstein beschrieb soeben die fordernde Situation, in der sie dennoch ihren Auftrag erfüllt haben.

Auch weil sie wissen, dass es ein Auftrag ist, den wir uns nicht ausgesucht haben.

Sondern den wir erfüllen müssen, weil es die Lage erfordert.

Den Gegner abschrecken, damit er von einem offenen Angriff auf die NATO zurückschreckt.

Ich mache bewusst diese Einschränkung „offener Angriff“.

Denn Russland versucht unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs immer wieder, die NATO an der Nord-Ostflanke zu testen.

Sei es durch Eindringen von Drohnen und Flugzeugen in den baltischen Luftraum,

durch Provokationen der russischen Marine in der Ostsee,

durch Desinformationskampagnen, die Vertrauen untergraben sollen:

Das alles gehört zu einer zusammenhängenden Strategie Russlands, die uns mürbe machen soll.

Putin testet unsere Entschlossenheit, ihn abzuwehren.

Sehe ich aber in ihre Gesichter, dann weiß ich, dass an unserer Entschlossenheit kein Zweifel besteht, solange es Verbände gibt wie die Panzergrenadierbrigade 41.

Meiner Heimatbrigade als Reserveoffizier.

Und solange es Soldaten gibt wie Brigadegeneral Hammerstein.

Herr General, vermutlich wird jedem Kommandeur am Ende seiner Verwendungsdauer gesagt, dass er eine Einheit „in entscheidender Phase“ übernommen hat.

Bei Ihnen reicht ein Blick in die jüngste Geschichte um zu sehen, dass das keine Binse ist.

Denn was Sie leisten mussten, was ihr Nachfolger leisten wird, ist die Einsatzbereitschaft ihrer Einheiten, ihrer Frauen und Männer kompromisslos zu erhöhen.

Und das, während an den Grenzen Europas der grausame Krieg Russlands gegen die Ukraine alles in Frage stellt, was wir an taktischer Gewissheit glaubten zu haben.

Das prägte Ihre Zeit als Kommandeur.

Durch die Ausbildung der ukrainischen Soldaten ist Ihnen und ihren Männern und Frauen der Krieg nähergekommen als vielen anderen in unserem Land.

Weil Sie die unmittelbaren Erfahrungen, Einblicke und Belastungen aus erster Hand erfuhren.

Diese Ausbildung der Ukrainer ist keine einfache „Eben mal so“-Aufgabe.

Denn Sie wissen, dass diejenigen, die Sie hier ausbilden und kennenlernen, ihre Fähigkeiten unmittelbar im Kampfgeschehen benötigen werden.

Und dass doch viele diesen Krieg vielleicht nicht überleben werden und wenn doch, dann mit Verwundungen an Körper und Geist.

Das führt dazu, dass wir in der Bundeswehr, gerade in Einheiten wie Ihrer, eine neue Ernsthaftigkeit haben, eine neue Art der Entschlossenheit.

Ich erlaube mir anzumerken: Der in Berlin so oft beschworene „Mindset“ existiert bereits – nur reicht es nicht, wenn er in nur in der Truppe vorherrscht.

Denn wir sehen den weiten Weg, den unsere Streitkräfte noch vor sich haben, um zur stärksten konventionellen Armee Europas aufgebaut zu werden.

Dieses Ziel müssen alle in der Bundeswehr verfolgen, vom Wehrdienstleistenden bis zum General. Es ist eine große Verantwortung, die Ihnen zukommt.

Als Kommandeur müssen Sie auf diesem Weg mit Beispiel vorangehen, durch Vorbild führen.

Denn wir leben in einer Welt, deren Krisen unserem Land alles abverlangt, und damit auch unseren Streitkräften.

Seit 10 Jahren beispielsweise sind deutsche Soldatinnen und Soldaten auf Rotationsbasis in Litauen stationiert.

Und auch, wenn wir dort bereits seit 10 Jahren eine militärische Präsenz haben, ist es doch keine „Routine“, keine Alltagsaufgabe.

Weil sich das geopolitische Umfeld in diesen 10 Jahren grundlegend geändert hat.

Damals, 2016 wurde Russland noch nicht von allen als die Bedrohung gesehen, die es aber bereits damals war.

Auch in Deutschland. Das war ein Irrtum.

Manche wollen es bis heute nicht sehen.

Die Realität aber ist eine andere.

Die Entscheidung, die NATO-Präsenz in den baltischen Republiken und Polen zu erhöhen, war eine direkte Folge der gewaltsamen Besetzung der Krim durch Russland 2014.

Sie war keine Provokation, sondern eine Reaktion auf die Bedrohung durch Russland, die sich bereits damals abzeichnete und im Februar 2022 vollends offenbar wurde.

Wir können also dankbar sein für die Weitsicht dieser damaligen Entscheidung.

Eine Weitsicht, die sich für unsere Verbündeten heute auszahlt.

Die aber gänzlich leer wäre ohne das kraftvolle Engagement von Verbänden wie der Panzergrenadierbrigade 41 und ihrem Kommandeur. Von Soldatinnen und Soldaten wie Ihnen!

Die Lehre aus der Ukraine und aus Städten wie Butscha zeigt sich in Ihrer Einsatzbereitschaft.

Und diese ist auch unsere, meine Verantwortung als Politiker, als Minister, Mitglied des Deutschen Bundestags und Reserveoffizier.

Als Außenminister schaue ich auf das Baltikum, auf die NATO-Nordostflanke.

Und ich sehe Ihren großen Einsatz in einem durch Russlands Revisionismus bedrohten Verantwortungsraum.

Ich schaue aber natürlich auch in die Welt.

Und ich sehe eine Welt, in der die Gewissheit einer internationalen Ordnung an Boden verliert.

Eine Welt, in der unser Land gefordert, und seine Interessen immer mehr heraus-gefordert werden.

Eine Welt, die unseren, die ihren Einsatz braucht.

Und das kann auch für Sie wortwörtlich den Einsatz bedeuten.

Wir mögen es angesichts der Lage an der Nordostflanke nicht mehr so prominent vor Augen haben.

Aber auch heute noch ist die Bundeswehr in 17 Auslandseinsätzen und einsatzgleichen Verpflichtungen gefordert.

Mir war wichtig, diese Einsätze als Parlamentarier immer konstruktiv zu begleiten.

Ich habe sie als Mitglied des Parlaments mitbeschlossen.

Weil ich davon überzeugt bin, dass sich ihr Einsatz lohnt und am Ende auszahlt.

So, wie es ihre Verpflichtung in Litauen getan hat und in Zukunft auch weiter tun wird.

Wir bleiben fest verankert in der NATO.

Eine NATO, in der Lasten neu verteilt werden.

In der wir die Verantwortung für unsere eigene Sicherheit übernehmen, und Deutschland in Europa vorangeht.

Und das ist ganz maßgeblich auch ihre Aufgabe.

Soldatinnen und Soldaten, ich stehe heute vor Ihnen nicht nur als Minister, sondern auch als Reservist im Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“– an dieser Stelle herzliche Grüße an die Kameraden aus Eutin.

Im Rahmen einer Wehrübung war ich vor drei Jahren im Rahmen einer NATO-Übung auch in Litauen.

Ich habe das Land aus der Perspektive eines Soldaten kennengelernt, seine Menschen und ihre konkrete Sorge vor einem russischen Griff nach ihrer Freiheit.

An der Seite unserer Kameradinnen und Kameraden hatte ich die russische Grenze im Blick.

Und ich spürte, dass ich mich auf die Männer und Frauen an meiner Seite verlassen kann.

Ihre Entschlossenheit, ihre Stärke und ihren unbedingten Willen zur Verteidigung unseres Bündnisses.

Diese Erfahrung habe ich mitgenommen in mein Amt als Außenminister, es sind Erlebnisse, die mein Denken und Handeln prägen.

General Hammerstein, ich danke Ihnen für ihren Dienst als Brigadekommandeur dieser Männer und Frauen.

Der „Wille zum Kampf mit dem Einsetzen des eigenen Lebens“ ist, wie sie sagten, der Kern und Ausgangspunkt des soldatischen Handelns.

Formen Sie diesen Willen auch in Ihre kommende Verwendung als Kommandeur der Offizierschule des Heeres.

Führen Sie weiter durch Vorbild.

Greifen Sie insbesondere Ihre Erfahrungen mit den ukrainischen Soldaten auf und nutzen Sie diese zur realitätsnahen militärischen Prägung unserer angehenden Offiziere.

Herr Oberst Krämer, Ihnen wünsche ich in Ihrer kommenden Verwendung viel Soldatenglück.

Sie übernehmen eine Brigade im Umbruch.

Gestalten Sie diesen Umbruch entschlossen und fordernd entlang der Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung.

Soldatinnen und Soldaten: Es war mir eine große Ehre, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Sie können gewiss sein:

Auch, wenn ich heute als Minister vor Ihnen stehe -
als Reserveoffizier stehe ich in Gedanken stets an Ihrer Seite!

Schlagworte

nach oben