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Rede von Staatssekretär Géza Andreas von Geyr aus Anlass des Elysée-Tages beim Jahresempfang der Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes
Ich freue mich sehr, dass heute auch viele französische Freunde anwesend sind und Persönlichkeiten, die dem Deutsch-Französischen verbunden sind. Bienvenue!
Im vergangenen Jahr hat die neue Bundesregierung die drei wesentlichen außenpolitischen Interessen und Ziele für unser Land benannt: Sicherheit, Freiheit, Wohlstand.
Im Grunde entspricht dies auch dem Kerngedanken der deutsch-französischen Freundschaft, verankert 1963 in einem der wichtigsten Verträge unserer gemeinsamen Geschichte.
Die Erinnerung an den Elysée Vertrag betrifft natürlich die Geschichte – sie ist aber auch höchst aktuell.
Dazu einige Bemerkungen:
Wenn wir heute mit unserer französischen Kollegin vor Ihnen stehen, so als Vertreter zweier Länder, die über Jahrhunderte Kriege gegeneinander geführt haben, Erbfeinde waren.
Nach der unermesslichen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs haben wir zur Versöhnung gefunden.
Voraussetzung war die Bereitschaft der Menschen in Deutschland, den Abgründen der eigenen Geschichte in die Augen zu sehen. Und mehr noch Voraussetzung war die menschliche Größe der Franzosen, uns die Hand zur Versöhnung zu reichen.
Gleiches gilt für unsere anderen Nachbarn, denen im deutschen Namen Furchtbares angetan wurde. So konnte unser Land wieder ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft werden. Dafür bleiben wir dankbar.
Frieden braucht den aufrichtigen Willen sich der eigenen Geschichte und Verantwortung zu stellen – auch heute. Ohne Geschichtsbewusstsein kein friedliches Europa.
Aus der deutsch-französischen Versöhnung wurde Freundschaft - und der historische Auftrag unseres Miteinanders heißt: Europa.
Die europäische Integration ist eine enorme Wohlstandsleistung. Aber mehr noch ist sie ein einzigartiges Friedens- und Freiheits-Projekt.
Beides, Wohlstand und Frieden in Freiheit, gehört zusammen und macht Europa aus. Dies ist unsere Stärke, gerade heute.
Und dies ist nicht selbstverständlich. Es ist lange ersehnt worden, erkämpft und erarbeitet.
Und ich sage sehr bewusst dazu: Dass die europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist, verdanken wir auch den Vereinigten Staaten von Amerika.
Sie waren bereit auf diesem Kontinent engagiert zu bleiben und mit der NATO für die gemeinsame Sicherheit zu sorgen, in der die europäische Integration und die Überwindung der Teilung unseres Kontinents gelingen konnte – wohlgemerkt: zum beiderseitigen, transatlantischen Nutzen.
Ja, das ist Geschichte – und es ist doch auch Gegenwart. Denn heute sind sowohl Europa, wie das Transatlantische unter einzigartigem Druck – von Außen und auch von Innen.
Unsere Antwort lautet: Transatlantisch wollen wir bleiben – und zugleich wollen und müssen wir noch europäischer werden. Und das mit Tempo.
Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt. Wir sind auf dem richtigen Weg:
Wir Europäer beweisen Stärke und Selbstbewusstsein, wenn es um die Frage geht: freier Handel oder eine Welt mit hohen Zollmauern.
In der EU richten wir aktuell die Finanzen für die nächsten Jahre neu aus, auf das allem übergeordnete Ziel wettbewerbsfähiger und innovativer zu werden - und damit zukunftsfest.
In der NATO wird der europäische Pfeiler sichtbar kräftiger. Wir stehen zu den 5%. Zusammen haben wir Europäer viele und fähige Soldaten und gutes Material. Aber wir müssen uns rasch besser organisieren.
Für die Ukraine haben wir als Europäer gerade einen enormen finanziellen Kraftakt getan, der klarmacht: Wir bleiben verlässlich an der Seite Kyjiws.
Und: Europa achtet darauf, dass die Freiheit bei uns und in der Welt keinen Schaden nimmt und dass vereinbarte Regeln verlässlich bleiben. Die Souveränität der Staaten muss gelten. Genauso für die Ukraine, wie für Dänemark, wie überall.
Think the unthinkable.
Eine der Analysen, die in diesen Tagen oft zitiert wird, lautet: „Wir leben in einer Welt, die von Stärke, Gewalt und Macht regiert wird“.
Ja, das sehen wir. Auf allen Kontinenten.
Lange war es undenkbar: Mit der Ukraine wurde ein europäisches Land gegen jedes Völkerrecht militärisch überfallen - und wird jetzt schon vier Jahre mit einem Krieg überzogen, der auch zu dieser Stunde barbarisch Millionen Menschen frieren lässt.
Lange war es undenkbar: Innerhalb der NATO, dem stärksten Militärbündnis der Welt, wird auf offener Bühne über die Souveränität von Alliierten diskutiert und die Frage, ob man sich aufeinander verlassen kann.
Lange war es undenkbar: Ein alternativer Ordnungsrahmen für Frieden und Sicherheit auf der Welt wird vorgeschlagen, der nicht wie die UN von der Gleichheit aller Staaten ausgeht, sondern auf eine Person zugeschnitten ist.
Und was mag noch kommen?
Sind wir Europäer in dieser Lage handlungsfähig, anpassungsfähig? Bleiben wir prinzipienfest?
Jeder spürt, wir stehen an einer Wegmarke, an einem entscheidenden Moment.
Wir Europäer positionieren uns. Mit all unserer Erfahrung, mit unseren Prinzipien – und auch mit unserer politischen Kultur.
Wenn wir in Europa unsere Interessen wahren wollen, wenn wir überzeugt sind, dass Sicherheit und Freiheit und Wohlstand nur gemeinsam möglich sind - dann können wir nicht akzeptieren, dass Methoden von gestern wieder zu den Methoden der Zukunft werden.
Wir haben als Europäer all dies erlebt: wenn das Recht des Stärkeren ungezügelt waltet, wenn Regeln und Normen nicht für alle gelten. Wenn die Welt in Dominanz-Bereiche aufgeteilt wird.
Die Fragen spitzen sich zu. Das bedeutet, dass wir uns auf das Wesentliche fokussieren müssen:
Jetzt, gerade jetzt ist entscheidend, dass wir als Europäer zusammenhalten und uns von niemandem spalten oder provozieren lassen, dass wir selbstbewusst sind.
Die Prognose ist für mich eindeutig: Gemeinsam können wir als Europäer jetzt Relevanz entfalten. Einzeln können wir stolz sein, bleiben aber alle irrelevant.
Nur eines haben wir Europäer jetzt selbst in der Hand: Europa als Teil der Lösung.
Deutschland, Frankreich: Nichts ist für uns heute wichtiger als Europa.
Deshalb sprechen wir intensiv über alle Themen - ohne Tabus.
Lassen wir uns nicht einreden, dass Europa eine Idee von gestern ist und in dieser kritischen Zeit nichts zu bieten hat. Im Gegenteil!
Europa, unsere politische Kultur – das ist Vielfalt, das sind Werte, das ist die Bereitschaft zum Kompromiss.
Vielfalt – das ist ein Cappuccino in Rom, ein Baguette in Paris, eine Borscht-Suppe in Kyjjew, Brezeln in München.
Vielfalt - das ist der faire Wettbewerb von politischen Meinungen, von Lösungen in Wirtschaft und Technologie, das sind erstklassige Produkte und klügste Patente - und das ist auch das Eintreten im Informationsraum für Wahrheit und gegen Lüge.
Werte - Dieses Europa steht nicht nur für Interessen, sondern immer auch für Werte. Wir werden sie nicht relativieren.
Die Würde jedes einzelnen Menschen bleibt geschützt, mit Regeln, die wir als Staaten achten und deren Respekt wir von den Menschen, die hier leben, einfordern.
Kompromisse - Wir, Deutschland und Frankreich, ringen ständig um Kompromisse – ja, das ist nicht immer einfach…
Aber: Genau mit der Kraft von Kompromissen leben wir in Europa in Frieden und so gestalten wir unsere Beziehungen in der Welt.
Europa hat aus seiner Geschichte gelernt und will gerade nicht, wie in früheren Jahrhunderten, Nachbarn oder gar andere Kontinente dominieren, bedrohen und wie Vasallen behandeln.
Wir suchen in der Welt nach gemeinsamen Interessen und guten Kompromissen.
Und ich bin mir sicher: In unserer globalisierten Zukunft wird die Welt mehr Kompromissfähigkeit brauchen und nicht weniger. Unsere Fähigkeit zu Kompromissen macht Europa modern.
Ja, Europa ist prinzipienfest und, auch wenn das Undenkbare passiert, anpassungsfähig. Ein attraktiver Kontinent, Sehnsuchtsort für viele, die nicht in Freiheit und Frieden leben.
Der Elysee-Vertrag und sein europäischer Geist haben auf Verstand gebaut – und auf Herz, auf Vertrauen.
Heute als Deutsche und Franzosen über Europa sprechen, heißt beherzt für dieses Europa eintreten – gerade heute!
2026 wird, so wie es angefangen hat, bestimmt kein einfaches Jahr, vielleicht mit entscheidenden Weichenstellungen und Konsequenzen für die jüngeren Generationen, für ihre Sicherheit, Freiheit und ihren Wohlstand.
So möchte ich zum Schluss die jungen Deutschen und Franzosen, die heute hier sind, besonders ansprechen und sie bitten, sich des Deutsch-Französischen beherzt anzunehmen, Europas und unserer Verantwortung in der Welt.
Unser Bundespräsident hat einem Kreis junger Menschen einmal sehr bewegend zugerufen:
Ihr braucht Europa – und Europa braucht euch!
« Vive l’amitié franco-allemande et vive l´Europe ».