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Predigt des Staatsministers für Europa Michael Roth anlässlich des Gottesdienstes in der Stadtkirche Bad Hersfeld am Reformationstag 2017

31.10.2017 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Verantwortung und Gnade

„Tut doch endlich etwas!“ – dieser eindringliche Ruf ist vielen von uns wohl noch in Erinnerung geblieben. Im Sommer 2014 wurden die ersten Berichte über die grausamen Menschenrechtsverletzungen der Terrororganisation Islamischer Staat gegen die irakische Zivilbevölkerung bekannt, vor allem gegen ethnische und religiöse Minderheiten wie die kurdischen Peschmerga oder die Jesiden. Wir alle waren geschockt von der unvorstellbaren Brutalität der Terrormiliz.

Damals stritten wir sehr emotional über die Frage, ob die Bundesregierung Waffen und militärische Ausrüstung an die kurdischen Peschmerga liefern soll. Viele von uns haben damals mit ihrem Gewissen gerungen: Sind wir bereit, das Risiko einzugehen, dass die von uns gelieferten Waffen später einmal in die falschen Hände fallen könnten? Oder beschränken wir uns auf rein humanitäre Unterstützung und riskieren damit das weitere Erstarken einer menschenverachtenden Terrormiliz und das Versinken einer ganzen Region in Blut und Chaos? Der Bundestag entschied damals, neben militärischer Ausrüstung auch deutsche Soldatinnen und Soldaten in den Nordirak zu entsenden, um die kurdischen Sicherheitskräfte und irakischen Streitkräfte an der Waffe auszubilden. Ich erinnere mich noch gut: Das waren damals wirklich keine einfachen Debatten – und schon gar keine einfachen Entscheidungen.

Der Vormarsch des Islamischen Staates konnte gestoppt werden. Die Terrororganisation hat einen erheblichen Teil der von ihr kontrollierten Gebiete im Irak wieder verloren. Auch dank unserer Unterstützung konnten viele Menschen von der Schreckensherrschaft des IS befreit, unzählige Menschenleben gerettet werden und zehntausende Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren. Und in diesen Tagen streiten wir abermals. Sind die von uns gelieferten Waffen womöglich doch in die falschen Hände geraten? Werden sie heute von den kurdischen Kräften dazu missbraucht, um ihr Verlangen nach Abspaltung vom Irak militärisch durchzusetzen? Soll das Bundeswehrmandat vorläufig weitergeführt oder sofort gestoppt werden?

Praktisch jede der aktuellen Krisen stellt uns vor Fragen, auf die es keine eindeutigen und schon gar keine einfachen Antworten gibt: Wie weit soll die EU mit ihren Sanktionen gegen Russland gehen? Sollen NATO-Truppen an der östlichen Außengrenze der EU stationiert werden, um der wachsenden Angst von Polen und den baltischen Staaten vor Russland stärker Rechnung zu tragen? Zieht sich Deutschland komplett aus der Rüstungsproduktion zurück oder liefern wir weiter unter strengen Auflagen Waffen an andere Staaten? Frieren wir unsere politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei komplett ein? Oder bemühen wir uns mit stiller Diplomatie um die Freilassung von Menschenrechtsaktivisten und Journalisten, die aus politischen Gründen inhaftiert worden sind?

Wenn ich eines in den vergangen Jahren im Auswärtigen Amt gelernt habe, dann das: Am Ende tragen wir so oder so die Verantwortung – für unser Handeln genauso wie für unser Nicht-Handeln. Und wir machen uns bisweilen schuldig. So oder so. Durch Tun oder eben auch durch Nicht-Tun. Den Blick abwenden, sich wegducken, sich heraushalten bedeutet die Flucht vor der Verantwortung. Doch eines ist klar: Vor der Verantwortung können wir weglaufen, nicht aber vor den Folgen unseres Nicht-Handelns.

Was heißt das für mich, dass ich so oder so mit der Schuld werde leben müssen? Unter Christenmenschen gibt es einen Weg, Verantwortung, auch solche, die schwer wiegt, zu tragen und zu ertragen. Es kann gelingen, wenn man seine Schuld eben nicht verharmlost. Ein solcher Konflikt wird im Angesicht Gottes durchgestanden. „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand.“ Diese Worte aus einem Lied von Arno Pötzsch machen sicher nicht nur mir Mut.

Gnade ist ein großes, ein mächtiges Wort. Martin Luther steht ja wie kein anderer für die Suche nach der Gnade. Nicht mit guten Werken, allein aus der Gnade Gottes gewinnen wir das ewige Leben. Immer wieder treffen wir Entscheidungen, deren Folgen wir noch nicht absehen können, wo die Kategorien von schwarz und weiß, richtig und falsch wenig helfen. Da tut es gut zu wissen: meine eigenen Möglichkeiten sind begrenzt. Es gibt da eine Instanz, die mich gerecht sprechen kann – allein aus Gnade. Das ist doch der Kern unseres christlichen Glaubens: Gott verurteilt nicht den, der vor ihm steht. Er nimmt mir die Last meines Versagens und meiner Schuld ab. Und er vertraut mir wieder neue Verantwortung an.

Ich rede von der Vergebung der Schuld. Ich rede nicht von der Schnellreinigung des Gewissens. Wenn Gott uns unsere Schuld vergibt, macht er uns frei. Aber dem geht durchaus ein Prozess des Schmerzes, der Angst und des Zweifels voraus. Das wissen wir doch alle! Aber diese Befreiung ist der Anfang für ein sinnstiftendes, erfülltes, ja gutes Leben in Verantwortung vor Gott und den Menschen.

Wenn ich demnächst aus dem Amt als Staatsminister scheide, dann werde ich nicht sagen: ich habe alles richtig gemacht oder es war alles richtig. Sondern ich werde sagen: ich habe vieles entschieden und manches zu verantworten. Und dazu stehe ich. Gott helfe mir.

Freiheit

„Gott helfe mir.“ In diesem Satz klingt die Freiheit an, um die es uns Protestantinnen und Protestanten geht. Denn die Botschaft des Reformationsjubiläums ist eben nicht die naive Identifikation mit Martin Luther oder der bisweilen krampfhafte Versuch, sein Tun und Wirken in die Gegenwart zu übertragen. Nein, die uns seit 500 Jahren faszinierende Botschaft der Reformation lautet: „Christus hat uns zur Freiheit befreit!“

Freiheit ist etwas Kostbares. Freiheit ist ein Geschenk, etwas, das alles andere als selbstverständlich ist. Freiheit ist ein hohes Gut. Freiheit meint ja nicht nur, befreit zu sein, um das zu tun, was man mag. Der Anspruch von Freiheit reicht viel weiter: Frei zu sein von Unterdrückung, Angst, Hunger und Elend. Altbundespräsident Joachim Gauck hat einmal darauf hingewiesen, dass „in unserer freiheitlich verfassten Gesellschaft Freiheit ein abgedroschenes Wort ist. Man beruft sich irgendwie darauf und geht dann zur Tagesordnung über.“ Freiheit, das versteht sich angeblich von selbst, ist immer ein dankbares Thema für allerlei Sonntagsreden - und auch Predigten.

Wenn aber, wie in vielen Teilen der Erde, ob in Afrika, im Nahen Osten oder in Asien Tyranneien gestürzt oder gegen Sie gekämpft wird, dann „bekommt Freiheit für einen Augenblick wieder Klang und Farbe, auch bei uns. Dann erscheint Freiheit als etwas, für das Menschen im Kampf ihr Leben riskieren und sogar verlieren können“, sagt Joachim Gauck.

Das ist für meine Generation bisweilen nur schwer nachzuvollziehen: dass der Wunsch, in Freiheit zu leben, lebensgefährlich sein kann. In 68 Ländern dieser Welt wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in neun Staaten steht darauf die Todesstrafe. In vielen Ländern werden Frauen unterdrückt, ja ermordet, wenn sie sich nicht strikt an von Männern verordnete Verhaltensregeln halten. Menschen riskieren Ihr Leben, wenn sie in einen Gottesdienst gehen oder an einer demokratischen Wahl teilnehmen. In meinem Bad Hersfelder Wahlbezirk haben bei der Bundestagswahl von 1.151 Wahlberechtigten gerade einmal 466 Bürgerinnen und Bürger von ihrem Recht Gebrauch gemacht zu entscheiden, von wem man politisch vertreten und regiert werden möchte. Ist das unser Verständnis von Freiheit?

Freiheit muss im Großen wie im Kleinen immer wieder verteidigt werden. Oder um es mit Martin Luther zu sagen: „Die Sicheren und Schnarcher können sie nicht behalten“. Wer ein Gespür für das große Geschenk der eigenen Freiheit zu entwickeln vermag, hat schon viel begriffen. Denn wer ein Gespür für seine eigene Freiheit hat, der wird auch die Rechte, die Freiheit anderer achten, schützen und stärken.

Die Freiheit, die ich meine, ist wunderbar und kostbar, sie ist aber auch anstrengend, zumutend und kompliziert. Diese Freiheit schenkt mir Gott. Das geschieht in der Taufe. Durch sie weiß ich mich fest verbunden mit Christus. Und wer diesen festen Stand hat, der ist frei: frei zum Streit mit Andersdenkenden; frei zum offenen, respektvollen Austausch mit anderen Religionen, Kulturen und Ethnien; frei zur Verständigung auf Werte, Prinzipien und Haltungen, die uns einen und miteinander versöhnen.

In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Martin Luther mit zwei berühmt gewordenen Sätzen Maßstäbe gesetzt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hat das so zusammengefasst: „Die reformatorische Einsicht, dass ein Christenmensch Herr und Knecht zugleich ist, lässt sich nicht billig aufspalten in eine beschauliche, sofakissengestützte innere Freiheit einerseits und eine buckelnde Anpassung nach außen.“

In Luthers doppelter These der Freiheitsschrift klingt dieser Sinn von Freiheit mehr als deutlich an. Es ist ein Geschenk, auf Gottes Güte, seine Gnade, seine Gerechtigkeit und seine Vergebung zu vertrauen. Und aus der eigenen Befreiung folgt unausweichlich die Zuwendung zum Nächsten. Ich bin frei. Und deshalb bin ich zu Hilfe, Solidarität und Liebe fähig und willens. Das sind die Früchte der Freiheit, die nach unserem protestantischem Verständnis mit der Taufe beginnt.

Gerechtigkeit

Zuhause überlasse ich die Geldangelegenheiten gerne meinem Mann. Martin Luther überlies dies seiner Frau Katharina von Bora. Trotzdem äußerte er sich immer wieder zu Fragen des Geldes und Wirtschaftens. Im Großen Katechismus schrieb Luther zur Frage nach dem Geld und nach Gott warnend: „Denn die zwei gehören zusammen: Glaube und Gott. Worauf du nun dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Aber er bemerkt auch, dass „mancher meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand nichts gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist, Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergemeinste Abgott ist auf Erden.“

Wogegen Luther sich hier wendet, ist nicht der Besitz von Geld oder Gut. Er ist auch kein radikaler Kapitalismuskritiker, zu dem ihn manche gerne machen wollen. Luther arbeitet hier gegen das falsche Vertrauen in jeden Besitz, der zum Gott wird. Irdischer Besitz jedoch, so mahnt Luther, ist nichts, woran wir unser Herz hängen sollen, man soll den Besitz vielmehr so verwenden und verwalten und haben, „als hätten wir ihn nicht“.

Luther fordert die Obrigkeit aber auch auf, gerechte Rahmenbedingungen Wirtschaft und Handel zu erlassen. Das kommt uns bekannt vor. Politik und Staat sind ja heute noch verpflichtet, wirtschaftlichem Handeln klare Regeln zu geben und auf deren Einhaltung zu bestehen. Es soll gerecht, sozial und nachhaltig zugehen. Bei uns zuhause, in Deutschland, in Europa, ja weltweit. Unser Grundgesetz verpflichtet uns nicht nur zu einem demokratischen Rechtsstaat, sondern auch zu einem Sozialstaat .

Die notwendige Ordnung und Regulierung von Wirtschaft und Sozialstaat unterliegen stets dem politischen Streit, den Sie alle zu genüge kennen: Brauchen wir einen Mindestlohn und wenn ja, wie hoch muss er sein? Begrenzen wir Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge? Welche Vorschriften gelten für Herstellung und Verkauf von Lebensmitteln und Produkten?

In einer globalisierten Welt bedarf es aber vor allem internationaler oder zumindest europäischer Regeln: gegen Kinderarbeit und Ausbeutung, gegen Steuer- und Sozialdumping, für fairen Handel und ökologische Mindeststandards. Ja, die Politik steht in der Pflicht, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Und wie schwer, ja mühselig das ist, zeigen uns die Kontroversen um Handelsabkommen wie CETA oder TTIP.

Aber was ist mit Ihrer Verantwortung, liebe Brüder und Schwestern? Was tun Sie als Verbraucherinnen und Verbraucher für Gerechtigkeit, Fairness, Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Handel? Viele von uns sind ganz verliebt in die Schnäppchenjägerei, in die Suche nach preisgünstigen Produkten und attraktiven Rabatten. Gerade einmal zehn Prozent unseres Einkommens geben wir Deutsche im Durchschnitt für Lebensmittel aus. Damit gehören wir in Europa und weltweit zu den Schlusslichtern. Wer für ein Kilo Schweineschnitzel 3,99 Euro bezahlt oder weniger als einen Euro für den Liter Milch, kann nicht gleichermaßen solide Qualität aus regionaler und artgerechter Tierhaltung erwarten. Ganz zu schweigen von den T-Shirts für drei Euro und die Jeans für weniger als zwölf Euro. Wie sollen bei diesen unverschämt billigen Preisen faire Handelsbedingungen ohne Ausbeutung, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung Beachtung finden?

„Der Roth hat da gut reden, der hat doch genug Geld, um Bio-Käse und Produkte aus dem Weltladen zu kaufen...“ Das dürfte die eine oder der andere von Ihnen sicher denken. Und ich nehme Ihre Kritik durchaus ernst. Aber ob uns gesunde und vernünftig produzierte Lebensmittel wirklich etwas wert sind, wir beispielsweise das Brot vom alt eingesessenen Bäckermeister um die Ecke kaufen oder ob wir unser Geld lieber in industriell hergestellte Brötchen vom Discounter, das modernste Handy, dass das elfte paar Schuhe oder ein neues Auto investieren, ist keine Frage allein der sozialen Herkunft oder der Dicke des Geldbeutels. Es ist, liebe Brüder und Schwestern, auch eine Frage der Haltung, der Wertschätzung gegenüber Produzierenden und Produkten, der Solidarität mit anderen Teilen der Welt und der Achtung vor der Schöpfung.

Verantwortung, Freiheit und Gerechtigkeit - diese drei Prinzipien gehören zusammen. Sie bedingen einander. Freiheit ohne Verantwortung ist genauso unmöglich wie eine Freiheit, die meint, ohne Gerechtigkeit auskommen zu können. In diesem protestantischen Dreieck versuche ich zu leben und zu arbeiten. Und das ist alles andere als einfach.

Als Politiker, Bürger, Freund oder Partner ist mir eines bewusst: das ganze Leben ist von Kompromissen geprägt. Wir alle tragen Wünsche, Ideale, Träume und Hoffnungen in unseren Herzen. Doch es hilft eben nichts, wie ein Kaninchen auf die Schlange zu starren und zu meinen, Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung stellen sich von ganz alleine ein. Ich muss etwas tun. Wir müssen etwas tun. Lassen Sie uns unseren Weg gehen. Schritt für Schritt. Mal kleine und mal große. Ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit, ein Leben in Verantwortung vor Gott und den Menschen ist möglich. Unser Kompass ist unser Glauben. Er hilft uns, Orientierung zu finden. Gerade in stürmischen Zeiten, in Ungewissheit und Not. „Mit unsrer Macht ist nichts gethan.“ Gott helfe mir.

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