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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth zur Ausstellungseröffnung "Meisterwerke der französischen Kunst aus Russland zu Gast in Gotha"

14.05.2017 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Taubert,
sehr geehrter Herr Schwydkoj,
sehr geehrte Frau Loshak,
sehr geehrter Herr Professor Eberle,
Exzellenzen,
Herr Botschafter Grinin,
Herr Botschafter Etienne,
liebe Gäste,

zwei Fragen haben mich bei der Vorbereitung der heutigen Ausstellungs-eröffnung ganz besonders beschäftigt: Ist eine Kunstausstellung wie diese hier in Gotha eigentlich eine Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln? Und: Können wir von der Kunst längst vergangener Epochen etwas lernen für die Gegenwart?

Unser Verhältnis zu Russland durchläuft derzeit schwierige Zeiten. Mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, der Destabilisierung der Ostukraine, der Unterdrückung von kritischen Geistern und den barbarischen Anschlägen auf Homosexuelle in Tschetschenien ist Vertrauen gegenüber Russland verloren gegangen. Klar ist aber auch: Wir sind bereit, wieder aufeinander zuzugehen, sobald gemeinsame Grundlagen dafür gegeben sind. Wir brauchen einander. Gerade jetzt. Die Welt sehnt sich nach mehr Frieden, Stabilität und Sicherheit. Das schaffen wir jedoch nur gemeinsam.

In diesem politisch schwierigen Umfeld bietet uns diese wunderbare Kunstaus-stellung die Gelegenheit, auf ein Beispiel langjähriger und vertrauensvoller deutsch-russischer Partnerschaft zu blicken: die Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha und dem Moskauer Puschkin-Museum. Diese Kooperation hat es nicht nur ermöglicht, die hier zu bewundernden französischen Meisterwerke teilweise als Premiere außerhalb Russlands zu zeigen. Im vergangenen Jahr führte sie auch erstmals die Gothaer Cranach-Sammlung in Moskau wieder zusammen. Sie ist seit dem Zweiten Weltkrieg getrennt. So eine Ausstellung gab es bislang auch in Moskau nicht zu sehen. Und sie stieß auf ein überwältigendes Interesse.

Für Deutschland und Russland ist der Verlust von Kulturgütern gleichermaßen ein schmerzvoller Einschnitt in die kulturelle Identität. Bei der Eröffnung der Moskauer Ausstellung, haben Sie, Herr Professor Schwydkoj, Ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass solche gemeinsamen Projekte den Boden bereiten, auch über schwierige Fragen zu sprechen. Dem schließe ich mich ausdrücklich an!

Gestern Cranach in Moskau und heute die Meister der französischen Kunst auf Gegenbesuch in Gotha sind Teil unseres Strebens, in politisch schwierigen Zeiten das Gespräch zwischen uns nicht abreißen zu lassen. Lassen Sie uns die Entfremdung vor allem durch Stärkung und Belebung zivilgesellschaftlicher Begegnungen überwinden. Denn Kunst und Kultur schaffen eine Beziehung zwischen Menschen, sie helfen uns, den anderen besser zu verstehen. Sie sind nicht das Sahnehäubchen auf dem Kaffee, sondern die Hefe im Teig.

"Menschen bewegen" ist daher auch das Motto unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Wir wollen Menschen über Grenzen hinweg bewegen - beispielsweise im Rahmen unserer zahlreichen Stipendien- und Residenzprogramme oder auch unserer Jugendaustauschprogramme. Unsere Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik spart gesellschaftlich kritische Fragen nicht aus. Im Gegenteil. Und sie ergreift Partei - für Humanität, Respekt, Vielfalt und die Freiheit der Kunst. Wir wollen ohne Angst verschieden sein. Und zwar überall.

Erst die Begegnung und der Austausch mit anderen Menschen schafft jenes Umfeld, das uns intellektuelle Beweglichkeit und Weiterentwicklung sichert, aber auch Verständnis, Verständigung und den Abbau von Vorurteilen fördert. Aufgabe von Kulturpolitik ist es, (Frei-)Räume für intellektuelle als auch emotionale Begegnung zu schaffen. Darum geht es auch hier in Gotha.

Unsere Gesellschaften leben davon. Kultur war und ist ein „Antreiber“ gesellschaftlicher Prozesse. In diesem Sinne fördern wir beispielsweise auch Projekte zum Ausbau des zivilgesellschaftlichen Austausches mit Russland und den osteuropäischen Ländern.

Das Betrachten von Kunst sollten wir immer auch als Gelegenheit verstehen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das kann allemal und besonders für die Politik sehr nützlich sein. Wie Paul Klee 1920 sagte, gibt Kunst nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar. Kunst ist also auch ein Spiegel ihrer Zeit. Sowohl bei der Cranach-Ausstellung in Moskau als auch heute bei den in Gotha zu sehenden französischen Meistern spielen etwa Porträts eine zentrale Rolle. Im 15. Jahrhundert war das in den italienischen Stadtstaaten in Mode kommende Porträt noch revolutionär. Es stellte den Menschen als Individuum in das Zentrum der Kunst und der Politik.

Das Porträt blieb aber immer auch die Darstellung von Macht, Herrschaft und politischer oder wirtschaftlicher Bedeutung, die sich gerade mit Cranach und seinen vielen Luther-Porträts fest in unser Bewusstsein verankert haben.

Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora waren die ersten Bürgerlichen in Deutschland, die so im Porträt dargestellt wurden. Sie in den eigenen vier Wänden in dieser Weise zu zeigen, war ein mutiges Bekenntnis zur Reformation. So kam der Porträtkunst der Werkstatt Cranachs ähnlich wie dem Buchdruck Gutenbergs 50 Jahre zuvor eine zentrale Bedeutung für den Erfolg der Reformation zu. Durch die zwei großen Ausstellungen, die das Auswärtige Amt in den Vereinigten Staaten gefördert hat, konnte dies eindrücklich gezeigt werden. Das Interesse daran war riesig.

In insgesamt sieben Wanderausstellungen präsentiert derzeit das Deutsche Kulturforum östliches Europa, welche weitreichenden politischen, religiösen und gesellschaftlichen Auswirkungen die Reformation auch im östlichen Europa hatte, bis nach Russland.

Die hier ausgestellten französischen Meister - wie viele Jahre vor ihnen auch Cranach - waren Auftragskünstler an aristokratischen Höfen und setzten die Tradition der Porträtmalerei fort. Allerdings zeigt sich in ihren Werken auch, wie im Nachgang zur Reformation und dem aufsteigenden Absolutismus in den europäischen Hauptstädten zwischen Paris und Moskau im 16. bis 18. Jahrhundert noch mehr Gewicht auf aristokratische Machtinszenierung gelegt wurde.

Insofern betrachten wir mit dieser Ausstellung heute auch die Kunst- und Sammelleidenschaft einer pan-europäischen aristokratischen Machtelite. Sie definierte sich in erster Linie über ihren adligen Status und damit über Machtinteressen und viel weniger über ihre eigene Sprache oder Kultur oder der ihrer Untertanen.

Beispielsweise zeigen die Werke von François-Lois Drouais und Jean-Marc Nattier die Porträts der Prinzessin Ekaterina Golitsyna und des Prinzen Dimitri Golitsyn. Deren nahe Verwandte, die dem Kartenspiel sehr zugeneigte Natalya Golitskyna, war noch zu ihren Lebzeiten das Vorbild für Puschkins Erzählung der „Pik Dame“ von 1834.

Nachdem Hermanns Habsucht zum Verrat an der Geliebten und zum Tod der Pik Dame geführt hatten, berauschte er sich am Glauben an die dadurch gewonnene magische Kraft in seinen Händen, ein jedes Kartenspiel garantiert gewinnen zu können. Am Ende aber begeht er im entscheidenden Moment einen Fehler - und verliert alles.

Welch eine Mahnung an die mit starkem Ego ausgestatteten Machthaber und Hazardeure der heutigen Zeit! Zumal der porträtierte Prinz Golitsyn wesentlichen Anteil an den Verhandlungen zur ersten Teilung Polens hatte. Er verkörpert das aristokratisch-imperiale Machtstreben seiner Zeit.

Die Kunstwerke sind aber auch erste Anzeichen des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heraufziehenden Wandels weg von ständisch-aristokratischen hin zu liberal oder konservativ orientierten Nationalstaatswerdungen.

Denn der erwähnte Prinz Golitsyn steht auch für die aus eigenen Mitteln finanzierte Gründung des Golitsyn-Krankenhauses in Moskau, dem er einen Großteil seines Erbes vermachte.

Später sollten weitere Golitsyn-Familienmitglieder und von 1828 - 1853 der als „heiliger Doktor von Moskau“ bekannte deutsche Arzt Dr. Friedrich Haas in eben diesem Krankenhaus praktizieren. Sie setzten sich gemeinsam für die Humanisierung des Strafvollzugs in Russland ein. Das Golitsyn-Porträt zeigt somit auch einen ersten Protagonisten aus den Geburtsstunden des zivilgesellschaftlichen Engagements und ebenfalls die darauf aufbauende deutsch-russische Zusammenarbeit. Welch unerwartete Aktualität und Vorbildfunktion für uns heute! Und welch ein Kontrast zur zuvor erwähnten Beteiligung Golitsyns an der Teilung Polens.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten verantwortungslose aristokratische Eliten und aggressiver Nationalismus Europa in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Dessen unzählige Opfer und furchtbare Entbehrungen fegten das deutsche und das russische Herrscherhaus von der politischen Bühne hinweg. So kam es im Februar/März und Oktober/November 1917 zur Russischen Revolution und vor knapp 99 Jahren in der November-Revolution zur Weimarer Republik.

Von dem Mitbegründer des 1898 eröffneten Moskauer Künstlertheaters Konstantin Stanislawski stammt das Zitat: „Man liebe die Kunst in sich, nicht sich in der Kunst!“. In Zeiten in denen das Selfie mit Digitalfilter die Porträtkunst in durchaus ambivalenter Weise - sagen wir - „weiterentwickelt“, bleiben die Fragen der Selbstverortung des Menschen in der Gesellschaft, in einer sich globalisierenden und digitalisierenden Welt hoch aktuell. Porträtkunst bleibt nach wie vor ein Spiegel der Zeit. Das ist heute nicht anders als zu Cranachs Zeiten.

Den Organisatoren der heutigen Ausstellung gilt mein Dank! Ich wünsche allen Engagierten im deutsch-russischen Kunst- und Kulturdialog viele gute Ideen und sinnstiftende Projekte. Dialog statt Sprachlosigkeit, Austausch statt Abschottung, Inspiration statt Einöde, Freiheit statt Unterdrückung, Mut statt Resignation - genau das wünsche ich uns. Insofern - um auf meine zwei Leitfragen zurück zu kommen - ist auch diese Kunstausstellung politisch. Und wir können durchaus etwas von ihr lernen, wenn wir uns denn auf sie einlassen.

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