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Grußwort von Staatsministerin Maria Böhmer bei der Konferenz "Perspektiven der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Welterbe" in Berlin

12.12.2016 - Rede

Sehr geehrter Frau Dr. Kaiser,
sehr geehrter Herr Dr. Bernecker,
sehr geehrter Herr Verdaas,
meine Damen und Herren!

Es ist mir eine besondere Freude, Sie in Berlin begrüßen zu können. Den Vertretern der grenzüberschreitenden und transnationalen Welterbestätten möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen: Sie setzen sich mit großen Engagement für unser gemeinsames Kulturerbe ein und sind heute hier, um uns einen Eindruck von Ihrer Arbeit geben zu können.

Die Arbeit mit Welterbestätten ist für meine Begriffe einer der schönsten Aufgaben im UNESCO-Bereich. Das konnte ich im vergangenen Jahr als Vorsitzende der 39. Sitzung des Welterbekomitees im vergangenen Jahr auch selbst erleben. Sie setzen sich für Pflege und Schutz der Welterbestätten ein. Sie tun dies über Ländergrenzen hinweg. Es ist ein wertvolles Zeichen und eine großartige Chance: Kultur kann Grenzen überwinden!

Auf Basis der Welterbekonvention aus dem Jahre 1972 hat die UNESCO mittlerweile über tausend Stätten in 165 Ländern den Titel "Welterbe" verliehen.

Welterbestätten sind der Stolz eines jeden Landes. Sie strahlen weit über die Grenzen eines Landes hinaus. Sie verbinden die Menschen in ihrem Glauben, ihren Traditionen und ihrer Geschichte. Dies wollen wir fördern, dies müssen wir erhalten.

Die Auszeichnung hat zudem große Bedeutung für den Tourismus und ist damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Meine Damen und Herren,
fast täglich sind das Welterbeprogramm der UNESCO und die Welterbe­stätten in den Schlagzeilen. Oft sind es keine guten Nachrichten, die uns erreichen.

Die Zerstörung von Kulturgut durch Terror und Krieg, durch Raubgrabungen und illegalen Handel bedroht das kulturelle Erbe der Menschheit.
Die Zerstörung unserer Vergangenheit gefährdet auch unsere Gegenwart und Zukunft. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, unser kulturelles Erbe zu schützen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte in mehreren Resolutionen die bewußte Zerstörung von Kulturgut. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat einen weiteren wegweisenden Beitrag geleistet: Die Zerstörung von Kulturerbe in Mali wurde als Kriegsverbrechen verurteilt. Der Schutz, Erhalt und Wiederaufbau des kulturellen Erbes drängende Frage unserer Zeit.

Vorletzte Woche habe ich die Bundesrepublik Deutschland auf einer Konferenz in Abu Dhabi vertreten, zu der der französische Präsident und der Kronprinz von Abu Dhabi eingeladen hatten.

Thema der Konferenz war der Schutz des kulturellen Erbes in Krisenregionen. Die internationale Gemeinschaft hat mit der Konferenz ein starkes Zeichen für den Schutz des Kulturerbes gesetzt. Ein internationaler Fonds zum Kulturgüterschutz wurde ins Leben gerufen und ein Netzwerk mit sog. "Safe Havens" für bedrohtes Kulturgut initiiert. Wenn es jetzt an die Umsetzung geht, werden wir uns als Deutschland mit unserer Expertise und konkreten Projekten einbringen.

Anfang Juni war das Auswärtige Amt Gastgeber einer UNESCO-Expertenkonferenz zum Erhalt und Schutz des Kulturerbes in Syrien. Die Konferenz haben wir gemeinsam mit dem Welterbezentrum der UNESCO und mit Unterstützung der DUK, des DAI und der Gerda-Henkel-Stiftung ausgerichtet.

Zu sehen, wie junge Syrer trotz traumatischer Erfahrung von Krieg und Terror den Willen haben, die Zukunft ihres Landes zu planen - das hat mich beeindruckt. Die gemeinsame Verantwortung und der gemeinsame Schutz von Kulturerbe verbindet über politische Gegensätze hinweg.

Als ein syrischer Teilnehmer einen Landsmann fragte, zu welcher der zahlreichen politischen Gruppen er gehöre, war die Antwort: Ich gehöre zu Syrien. Dieser Geist von Gemeinsamkeit hat mich bewegt.

Wir wollen Erfahrungen weitergeben und zeigen, wie Kooperation praktisch funktioniert, auch über Grenzen hinweg.

Meine Damen und Herren,
im April hat mich Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Beauftragten des Auswärtigen Amts für UNESCO-Welterbe, UNESCO-Kulturkonventionen und UNESCO-Bildungs- und Wissenschaftsprogramme ernannt. Ich möchte während meines Mandats die UNESCO als Institution stärken und den Schutz der Welterbestätten verbessern. Wir haben im Auswärtigen Amt ein umfangreiches Programm zum Kulturerhalt, das es weiter zu stärken gilt. Auch Nothilfe für gefährdetes Kulturerbe wie das Projekt "Stunde Null" gehören dazu.

Die Vernetzung der nationalen und internationalen Akteure ist dabei von entscheidender Bedeutung. Mit dem Projekt "Archaeological Heritage Network" oder Initiativen wie der Expertenkonferenz zu Syrien im Juni dieses Jahres bringen wir Verantwortliche und Entscheidungsträger zusammen.

Eine solche Vernetzung der Akteure ist auch ein Hauptanliegen der heutigen Konferenz.

Meine Damen und Herren,
all diese Aktivitäten zeigen: Deutschland steht als strategischer Partner bereit, um bei neuen Initiativen mitzuwirken, seine Expertise zur Verfügung zu stellen und Projekte gemeinsam zu unterstützen. Die Zusammenführung von Ressourcen, Kompetenzen und Netzwerken ist unser gemeinsames Anliegen.

Mit diesen Stichworten - Zusammenführung von Ressourcen, Kompetenzen und Netzwerken - können wir auch die Zielstellung der heutigen Tagung beschreiben.

Kultur- und Naturerbe zu erhalten, gerade solches, das Grenzen überschreitet, ist eine Aufgabe, die zugleich die Menschen näher bringt. Unabhängig von ihren politischen Standpunkten, unabhängig von ihrer Herkunft.

Europas Grenzen, die unsere Völker lange Zeit getrennt haben, verbinden uns heute. Deutschland hat alleine neun direkte Nachbarländer und zahlreiche grenzüberschreitende und transnationale Welterbestätten, aber auch Stätten von europäischer Bedeutung wie die Europäischen Kulturrouten. Das hat uns sehr bereichert, wir haben damit wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Diese Stätten verpflichten uns zur internationalen Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn und Partnern aus Übersee. Wir haben uns dieser Verpflichtung gern und aktiv gestellt.

Wir wissen, dass der grenzüberschreitende Charakter zumindest einer Stätte Folge der von Deutschland initiierten Konflikte des vergangenen Jahrhunderts ist. Aufgrund unserer Geschichte stehen wir als Bundesrepublik Deutschland darum in besonderer Form in der Verantwortung.

Die Eintragung des Muskauer Parks als erste grenzüberschreitende Welterbestätte im Jahr 2004 hat für uns besondere, ja wegweisende Bedeutung. Die beidseitig der Neiße gelegene Stätte macht deutlich, dass Grenzen und gegenseitige Vorbehalte mit dem Bekenntnis zum gemeinsamen Erbe überwunden werden können.

Kulturerbe kann Schlüssel für Versöhnung und Dialog zwischen allen Parteien in Konfliktregionen sein. Es bedarf des politischen Willens, diese Chance über Grenzen hinweg zu nutzen.

Meine Damen und Herren,
der Schutz von Weltkulturerbe hat in unserem europäischen politischen Kontext auch eine tiefe politische Bedeutung.

Wir erleben derzeit, daß einige politische Konstanten unseres Kontinents zu wanken scheinen. Es wird gefragt, was die EU zusammenhält. Die EU ist ein Wirtschafts- und Wohlstandsprojekt, vor allen Dingen aber ein europäisches Friedensprojekt. Meiner Meinung nach wird dabei oft zu wenig die kulturelle Dimension in den Blick gerückt. Die europäische Kultur ist in ihrer Vielfalt einzigartig - und hierzu rechne ich auch das Welterbe.

Kulturpolitik wird manchmal als Konkurrenzkampf oder Rivalität verstanden - im europäischen Kontext erleben wir, daß das Gegenteil der Fall ist: Wir setzen uns gemeinsam für den Schutz von Kulturgut ein und erfüllen so unsere gemeinsamen Werte neu mit Leben. Der Schutz unseres gemeinsamen kulturellen und auch natürlichen Erbes funktioniert nur miteinander, nicht gegeneinander.

Mit dem Einsatz für Zusammenarbeit über die deutschen Grenzen hinweg geben Sie ein wertvolles Signal. Dafür danke ich Ihnen.

Für die Konferenz wünsche ich Ihnen viele inspirierende Begegnungen, gute Gespräche und erfolgreiches Netzwerken.

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