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Rede von Staatsministerin Maria Böhmer bei der Eröffnung der UNESCO-Welterbetage der Schweiz in Bern

10.06.2016 - Rede

--- es gilt das gesprochene Wort ---

Sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrter Herr Präsident der Schweizerischen UNESCO-Kommission,
sehr geehrte Frau Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission,
sehr geehrte Frau Botschafterin Spoljaric Egger,
sehr geehrter Herr Gross,
sehr geehrter Herr Ruppen,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, heute anlässlich der Eröffnung der UNESCO-Welterbetage der Schweiz bei Ihnen in Bern zu sein!

Wenn man durch die Berner Altstadt geht, spürt man in besonderer Weise, wie sehr unser kulturelles Erbe eine Quelle für unsere Lebensentfaltung in der Gegenwart ist. Man spürt, wie sehr die lebendige Begegnung mit der Geschichte uns bereichert.

Ihre wunderbare Altstadt wurde bereits 1983 von der UNESCO als Teil des Erbes der Menschheit ausgezeichnet. Dies ist eine hohe, und im Falle Berns, eine besonders verdiente Anerkennung!

Auch als ehemalige Vorsitzende des UNESCO-Welterbekomitees und Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes für das UNESCO-Welterbe will ich allen Verantwortlichen hier vor Ort, in der Region, im Kanton und in der Eidgenossenschaft, dafür danken und gratulieren, dass Sie dieses Menschheitserbe mit so hohem Sachverstand schützen und bewahren.

Ich danke Ihnen auch sehr herzlich für die Einladung, die UNESCO-Welterbetage in der Schweiz gemeinsam mit Ihnen zu eröffnen. Dies ist für mich eine besondere Ehre und persönliche Freude, da ich Ihrem Land durch viele Besuche und Begegnungen verbunden bin!

Die Schweiz ist ein Land mit einem reichem und vielfältigem Kultur- und Naturerbe. An den Welterbetagen, die Sie landesweit heute und morgen ausrichten, stehen die von der UNESCO anerkannten Stätten im Vordergrund: die Benediktinerklöster St. Gallen und St. Johann, die Altstadt von Bern, die drei Burgen von Bellinzona,
die ich morgen besuchen werde, die Alpenregion Jungfrau, in der ich oft gewandert und Ski gefahren bin, der Monte San Giorgio, die Weinberg-Terrassen in Lavaux, die Rhätische Bahn, die Schweizer Tektonikarena Sardona, die Stadtlandschaft der Uhrenindustrie, und die Prähistorische Pfahlbauten.

Dieser beeindruckende Reigen von Welterbestätten steht dabei nur stellvertretend für den Reichtum Ihres Landes an Kulturerbe und für Ihre Naturschätze von Weltruf.

Unter den eben genannten Welterbestätten befindet sich auch die weltweit einzigartige Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen, die ich mir bereits selbst voller Bewunderung angesehen habe.

Seit Beginn des 8. Jahrhunderts wird dort das gesammelte Bildungsgut des europäischen Mittelalters bewahrt. Man kann diesen außergewöhnlichen Ort ohne Übertreibung als eine der Herzkammern der frühen europäischen Bildungsgeschichte bezeichnen.

Wir bewundern die Schweiz nicht nur für die Vielfalt und den Reichtum dieses Erbes. Wir nehmen auch mit großem Respekt zur Kenntnis, dass die Verbundenheit mit dem historischen Erbe und die Verantwortung für die Natur und Umwelt hier in der Eidgenossenschaft einen hohen Stellenwert haben.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass die Würdigung und Pflege des eigenen Kultur- und Naturerbes Voraussetzung ist für Weltoffenheit, die Achtung von kultureller Vielfalt und das Verstehen und Anerkennen anderer Kulturen.

Dieses Erbe kann nur fortbestehen, wenn die Menschen vor Ort, die es tragen und mit Leben erfüllen, seine Bedeutung erkennen und sich dafür einsetzen.

Politik kann und muss die notwendigen Instrumente und Mittel bereitstellen und Rahmenbedingungen definieren. Ohne die direkte Teilhabe und auch das Verständnis der Menschen vor Ort ist aber der Erhalt des Erbes auf Dauer nicht möglich.

Die vielfachen Begegnungen an den Welterbetagen mit Veranstaltungen an jeder Welterbestätte stärken die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrem eigenen Erbe. Das Bewusstsein wächst, dass jede einzelne Welterbestätte auch zugleich Teil des Erbes der gesamten Menschheit geworden ist.

Lassen Sie mich an dieser Stelle aus meiner Erfahrung als Vorsitzende des UNESCO-Welterbekomitees noch einmal sagen, wie bedeutend und auch zukunftsweisend dieser Gedanke ist.

Die Entwicklung der modernen Denkmalpflege im 19. Jahrhundert war sehr eng mit der Herausbildung eines nationalstaatlichen Bewusstseins verknüpft. Die Pflege des Kulturerbes stand in besonderem Maße unter der Prämisse der Stärkung nationaler Identitäten.

Die UNESCO hat mit dem Konzept des universellen Menschheitserbes diesen Ansatz erfolgreich weiter entwickelt: Herausragendes Kultur- und Naturerbe ist von universeller Bedeutung und steht daher in der gemeinschaftlichen Verantwortung der Staatengemeinschaft.

Die Werte, für die wir uns beim Schutz des Kultur- und Naturerbes einsetzen, sind universelle Menschheitswerte. Wir alle kennen das Kriterium des „outstanding universal value“. Es gilt, diese Werte über staatliche und kulturelle Grenzen hinweg zu achten und zu stärken.

Für uns, als Bürgerinnen und Bürger, in unseren lokalen und regionalen Bezügen ist dies auch eine Einladung zur Weltoffenheit: Die Verbundenheit mit unserem eigenen Erbe wird reicher, wenn wir es als Teil des gemeinsamen Menschheitserbes begreifen. Unser Kulturerbe ist eine Brücke zur Verständigung.

Menschen überall auf der Welt verstehen diese völkerverbindende Idee des Menschheitserbes und nehmen sie an. Die UNESCO wurde in der Überzeugung gegründet, dass es über politische Vereinbarungen hinaus auch entscheidend darauf ankommt, das Bewusstsein der Menschen zu verändern, um die Grundlagen für Frieden und Sicherheit zu schaffen. Um sie für die Werte der Verantwortung, der Solidarität und einer nachhaltigen Entwicklung zu sensibilisieren.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass es der UNESCO mit dem Welterbeprogramm gelingt, global ein neues und modernes Bewusstsein zu schaffen für die völkerverbindende Funktion des Kultur- und Naturerbes.

Der Schutz des Menschheitserbes ist auch eine politische Aufgabe, der sich die UNESCO immer wieder von neuem stellen muss. Dies zeigen aktuell der Krieg in Syrien und die Bedrohung und die barbarische Zerstörungen des kulturellen Erbes durch die IS-Terroristen.

Die Spur dieser kulturellen Zerstörungen reichen von den Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan, über die Mausoleen und Moscheen in Timbuktu, über Mossul, Nimrud, Hattra, Aleppo und den Baal-Tempel in Palmyra. Der Tempel der Toleranz, das Symbol für die Aussöhnung der Religionen im Zeichen der Zivilisation, sollte verschwinden.

Die Terroristen wollen jegliche Erinnerung an die Vergangenheit und das kulturelle Gedächtnis der Menschen im Nahen Osten völlig auslöschen. Das dürfen wir nicht hinnehmen!

Gemeinsam mit der Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova, und haben wir uns mit der deutsch-irakischen „UN-Resolution zum Schutz von Kulturgütern in Irak“ vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen dafür eingesetzt, dass gezielte Zerstörungen von Kulturgütern und Plünderungen von kulturellen und religiösen Stätten als terroristische Akte und Kriegsverbrechen geächtet werden. Auch der Handel mit illegalen Kulturgütern muss unterbunden werden.

Der Schutz von Welterbestätten ist für die UNESCO von hoher Priorität. Mit der Bonner Erklärung hat das UNESCO-Welterbekomitee deutlich gemacht, dass gezielte Zerstörungen von Kulturerbe Kriegsverbrechen sind und strafrechtlich verfolgt werden müssen. Wir haben den illegalen Handel mit Kulturgütern geächtet,
weil er zur Finanzierung des internationalen Terrorismus beiträgt. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat inzwischen das erste Verfahren zugelassen, bei dem es genau um diese Fragen gehen wird.

Die gesamte Weltgemeinschaft hat der Resolution zugestimmt, auch die islamischen Länder! Das ist eine wichtige Botschaft!

Die Welterbstätte „Ruinen von Palmyra“ ist nun nicht mehr in den Händen der Terrororganisation Islamischer Staat; die Zerstörungen sind geringer als befürchtet. Jetzt können wir handeln!

Dafür brauchen wir aber die Unterstützung möglichst vieler Länder für die UNESCO, um laufende Schutzmaßnahmen für bedrohtes Kulturerbe auszuweiten. Dabei geht es um die Hilfe für Flüchtlinge, aber auch um die Hilfe für ihre Kultur.

Kulturelles Erbe stiftet gemeinsame Identität. Sie ist für die Zukunft eines Landes und den künftigen Zusammenhalt der Menschen unverzichtbar.

Vor einer Woche habe ich gemeinsam mit der UNESCO im Auswärtigen Amt in Berlin das „Internationale Expertentreffen zum Schutz und Erhalt des Kulturerbes in Syrien“ eröffnet.

Über 170 Archäologen, Altertumswissenschaftler, Denkmalpfleger, Architekten und Städteplaner aus aller Welt kamen zusammen. Unter ihnen waren zahlreiche
in Syrien tätige und aus Syrien stammende Experten. Das hat mich sehr bewegt.

Alle einte das Engagement, die Sorge und das Wissen um die außergewöhnliche universelle Bedeutung des jahrtausendealten Kulturerbes in ganz Syrien. Sein Verlust würde die gesamte Menschheit treffen. Deshalb wird der UNESCO-Aktionsplan von 2014 zum Schutz des syrischen Kulturerbes fortgeschrieben.

Die Angriffe auf das Kulturerbe sind Angriffe auf die Werte, die wir mit diesem Erbe verbinden: Respekt vor Vielfalt, Fähigkeit zur Reflexion auf unser geschichtliches Werden, Anerkennung der kreativen Leistungen aller Epochen und Weltregionen, die gemeinsame menschheitliche Verantwortung für die Schöpfung und auch füreinander im Sinne eines modernen Weltbürgertums.

Dieser Geist des Welterbeprogramms verbindet uns gerade hier und heute in Bern. In diesem Sinne füllen die Vertragsstaaten der UNESCO, zu denen die Schweiz und Deutschland gehören, ihre gemeinsame Verantwortung für das Kultur- und Naturerbe der Welt mit allem Nachdruck aus.

Ich wünsche uns allen, dass wir weiterhin unseren Beitrag dazu leisten, das Menschheitserbe zu erhalten und zu stärken und damit für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.

Ganz im Sinne des zentralen Auftrags aus der Gründungscharta der UNESCO: „Den Frieden im Geist der Menschen zu verankern“.

Vielen Dank.

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