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"Die Nachricht von der Katastrophe ist ein Schock für uns alle"

26.03.2015 - Interview

Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht mit der Passauer Neuen Presse (26.03.2015) über das Flugzeugunglück in Südfrankreich.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht mit der Passauer Neuen Presse (26.03.2015) über das Flugzeugunglück in Südfrankreich.

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Herr Steinmeier, Deutschland und Europa stehen nach der Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen unter Schock. Tiefe Trauer und Entsetzen – wie kann man jetzt den Angehörigen und Freunden der Opfer beistehen und helfen?

Die Nachricht von der Katastrophe ist ein Schock für uns alle. Es ist unermessliches Leid, das diejenigen zu tragen haben, die in diesen Tagen mit schrecklichen Nachrichten konfrontiert werden: Vom Tod ihrer Liebsten, ihrer Familienangehörigen, ihrer Freunde.

In diesen traurigen Momenten müssen wir alle zusammenstehen und einander Kraft und Beistand geben. Aus der ganzen Welt erreichen uns tausende Botschaften von Menschen, die Anteil nehmen am Schmerz und der Trauer der Angehörigen und sie in ihre Gebete einschließen. Wir alle sind in diesen Tagen in tiefster Trauer vereint.

Sie waren am Dienstag vor Ort an der Absturzstelle. Welches Bild hat sich Ihnen dort geboten?

Es ist ein grausames Bild der völligen Zerstörung, das alle Hoffnungen, dass es doch noch Überlebende geben könnte, unbarmherzig zunichte macht. Das Ausmaß und die Gewalt des Absturzes übersteigt jede menschliche Vorstellungskraft. Umso größeren Respekt habe ich vor den unermüdlichen Anstrengungen der französischen Einsatzkräfte, die in diesem schwer zugänglichen Gebirgszug die Bergungs- und Aufklärungsarbeiten schnell, professionell und sehr sensibel vorantreiben.

Lässt sich ein Terroranschlag bereits ausschließen?

Natürlich treibt uns alle, auch mich, die Frage nach den Ursachen dieser Tragödie um. Aber zum jetzigen Zeitpunkt verbietet sich einfach jede Spekulation. Es wird unter Hochdruck an der lückenlosen Aufklärung gearbeitet, deutsche Experten stimmen sich dazu eng mit den französischen Spezialisten ab. Wir haben aber keine Hinweise, die auf einen Terrorakt hindeuten würden.

Auch 16 Schüler und zwei Lehrer aus dem westfälischen Haltern, die an einem Austausch in Spanien teilgenommen hatten, sind unter den Opfern. Der Bürgermeister spricht vom schwärzesten Tag für die Stadt. Fassungslosigkeit und tiefe Trauer. Wie lässt sich dieses Trauma für die Menschen dort und vor allem die Angehörigen und Mitschüler überwinden?

Es war für mich ein unendlich trauriger Moment zu erfahren, dass an Bord des Flugzeugs auch Kinder und so viele junge Menschen ums Leben gekommen sind. Dass eine ganze Gruppe junger Menschen auf Schüleraustausch so plötzlich aus dem Leben gerissen wird, ist für uns alle einfach unbegreiflich und unfassbar.

Dieses Unglück wird für die Menschen in Haltern und vor allem für die Familien und Mitschüler ein entsetzlicher Einschnitt bleiben. Die Erinnerung an diese Tragödie und an die Kinder, die ihnen entrissen wurden, wird sie immer begleiten. Ihnen sage ich: Wir alle sind in ihrem Schmerz bei ihnen. Wir geben ihnen alle Unterstützung, die wir in dieser entsetzlichen Situation leisten können.

Sie haben einen Krisenstab und eine Telefon-Hotline eingerichtet – wie läuft die Soforthilfe? Haben Sie neue Erkenntnisse?

Oberste Priorität für den Krisenstab ist weiterhin, die Angehörigen zu ermitteln und zu benachrichtigen. Bei der Hotline sind schon am Mittwoch Tausende von Anrufen eingegangen. In den Fällen, wo wir Angehörige ermitteln konnten, werden diese so rasch wie möglich benachrichtigt. Eine Todesnachricht wird immer persönlich überbracht. Hier arbeitet der Krisenstab mit dem Bundeskriminalamt und den Polizeibehörden der Länder eng zusammen, die hierfür speziell geschulte Mitarbeiter haben, die diese schwere Aufgabe vor Ort bei den Angehörigen übernehmen. Wir müssen im Moment davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der 150 Opfer Deutsche sind. Es gibt immer noch einige Fälle, in denen die Staatsangehörigkeit noch nicht bestätigt werden konnte. Das liegt auch daran, dass es sich um einen Flug innerhalb des Schengen-Raums gehandelt hat, bei dem keine Ausweiskontrolle stattfindet. Die Mitarbeiter des Krisenstabs arbeiten mit Hochdruck daran, rasch Gewissheit zu erlangen.

Wie erleben sie das französische Krisenmanagement, die Bergungsarbeiten und die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen in Paris und Madrid?

Die Zusammenarbeit mit unseren französischen und spanischen Freunden ist ausgezeichnet und sehr professionell. Wir könnten uns vor Ort keine bessere Unterstützung wünschen. Die Hilfsbereitschaft und das Engagement der französischen Kollegen sind überwältigend, sowohl bei den Helfern vor Ort als auch in den Ministerien und bei den örtlichen Behörden. Die Bergungsteams haben dort auch in der Nacht unter den extremen Bedingungen im Hochgebirge durchgearbeitet. Die Anteilnahme ist riesengroß, und alle Beteiligten stehen mit viel Fingerspitzengefühl auch den Angehörigen der Opfer zur Seite.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Passauer Neuen Presse.

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