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Eröffnung der Ausstellung "Targets" von Herlinde Koelbl am 08. Mai 2014 im Deutschen Historischen Museum durch Michael Roth, Staatsminister für Europa

08.05.2014 - Rede

--es gilt das gesprochene Wort--

"Männer". "Starke Frauen". "Jüdische Porträts". "Kleider machen Leute". Und vor allem "Spuren der Macht – die Verwandlung des Menschen durch das Amt." Es sind Ihre Porträtfotographien, liebe Frau Koelbl, mit denen Sie mich schon vor Jahren für Ihre Arbeit eingenommen haben. Vielleicht auch, weil Ihre ganz besondere Form der Porträts gerade Politiker so direkt angeht.

Denn für Herlinde Koelbl ist die Kamera immer auch ein sozialwissenschaftliches Werkzeug. Sie will wissen, was Menschen in bestimmten sozialen Rollen machen und was diese sozialen Rollen aus ihnen machen. Sie blickt hinter die Fassaden. Aber anders als eine Soziologin sucht Herlinde Koelbl in ihrer Arbeit nicht das klare, möglichst eindeutige Ergebnis. Sie setzt vielmehr auf die vielschichtige Botschaft des Bildes.

Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit Herlinde Koelbls Schaffen so anregend für mich: Als Politiker habe ich den Wunsch, dass mein Handeln Menschen in ihren gesellschaftlichen Rollen bewegt; sie zu Engagement und neuen Ideen anregt. Ich weiß aber auch, dass kaum etwas so schwer vorherzusagen ist, wie die Wirkung von politischen Impulsen auf das Denken und Handeln von Menschen. Denn in den ungeheuer komplexen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts muss Politik immer damit rechnen, Risiken und Nebenwirkungen auszulösen. Oder aber auch plötzlich gesellschaftliche Kräfte freizusetzen, an die zuvor niemand geglaubt hat.

Herlinde Koelbls Porträts zeigen, wie Menschen sich in ihren sozialen Rollen bewegen und entwickeln. Damit geben sie mir als Politiker eine Art Feedback. In anderer Hinsicht aber verweigern sie sich natürlich auch: denn sie bleiben wortlos, liefern jedoch gerade durch die Wirkung auf den Betrachter oftmals noch eindringlichere Antworten, als Worte es jemals könnten. Ja, es stimmt eben: ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Meine Begeisterung für Herlinde Koelbls Arbeiten wird, wie ich weiß, von vielen geteilt – sicher von Ihnen allen, die heute zur Eröffnung gekommen sind. Gerne haben verschiedene Ministerien und vor allem auch die Auslandsvertretungen des Auswärtigen Amts die Künstlerin bei ihrem neusten Kunstprojekt unterstützt. Mit einer Empfehlung von Bundesaußenminister Steinmeier ist sie seit 2009 in alle Welt gereist, um die ausgestellten Aufnahmen machen zu können.

Die Fotografien sind in über 25 Ländern entstanden, u.a. im Irak, in Afghanistan, Russland, China, Brasilien oder Äthiopien.

Damit bestätigt Herlinde Koelbl in schönster Weise die Grundhaltung unserer Auswärtigen Kulturpolitik: Kultur baut Brücken, Kultur ermöglicht Dialog. Ich danke Ihnen, liebe Frau Kölbl, damit auch für die Unterstützung unserer Arbeit. Und ich freue mich, dass Sie sich nach allem, was ich hörte, in der Betreuung des Auswärtigen Amts und der Botschaften gut aufgehoben gefühlt haben.

Die Ausstellung "Targets" lädt uns ein, in eine für die allermeisten von uns ungewohnte Rolle zu schlüpfen: In die Rolle des Soldaten, der für den Dienst an der Waffe ausgebildet wird.

Ihr Handwerk besteht darin, auf Feinde – auf Feind-Bilder – zu schießen.

Beim Betrachten der Fotos von den landestypischen Schießzielen erkennen wir, dass der Feind überall auf der Welt ganz unterschiedliche Gesichter hat. Aber er bleibt eben doch immer ein Mensch.

Wenn wir uns mit unserem Besuch heute hier nicht einfach leicht tun, dann haben wir eine Aufgabe angenommen, die Herlinde Koelbl uns mit ihren Arbeiten stellt. Was ist es für ein Gefühl, sich als Soldat in anderen Ländern für Sicherheit und Stabilität einzusetzen? Wie empfinden wir als Zivilisten, wenn wir von der Fotografin plötzlich in die Rolle von Soldaten gestellt werden? Welche Beziehung haben wir selbst zum Soldat-Sein?

Das sind nur einige der Fragen, die die Ausstellung an uns stellt. Die Antworten werden bei jeder und jedem von Ihnen ganz unterschiedlich ausfallen.

Da gibt es kein richtig oder falsch. Wichtig ist am Ende eines: "Targets" lädt uns ein, im Experiment mit uns selber etwas herauszufinden, worüber wir sonst wohl oft lieber hinweg gehen. Es ist letztlich die Frage, wie wir es als Gesellschaft damit halten, auch wehrhaft zu sein.

Internationale Krisen wie in Afghanistan, aber auch in Syrien oder der Ukraine zeigen eindringlich, dass das keine abstrakte Frage ist. Wir erleben immer wieder, wie brüchig Frieden sein kann. Gerade jetzt.

Damit stellt sich der Außenpolitik und der Diplomatie eine Aufgabe, die indirekt auch in Herlinde Koelbls Ausstellung zu sehen ist: Wir müssen den Frieden erhalten – auch dann, wenn andere mit dem Feuer spielen.

Konkrete diplomatische Lösungen kann uns die Kunst zwar nicht liefern.

Aber "Targets" macht doch auf ein wesentliches Element aufmerksam: Nur wenn wir auch die unterschiedlichen Perspektiven und Sichtweisen von Betrachtern aufmerksam registrieren und in unser Handeln einbeziehen, kommen wir zu guten Lösungen.

Der heutige 8. Mai ist ein Tag, der auch zu einer historischen Perspektive aufruft. Im Jahr 2014 denken wir nicht nur an den deutschen Überfall auf Polen vor 75 Jahren zurück, sondern zugleich an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor nunmehr 100 Jahren. Es liegt mir fern, hier heute leichtfertig historische Parallelen zu ziehen. Jede Situation in der Geschichte ist einmalig und unverwechselbar.

Daher gibt es auch keine klaren Regeln, was in welchen Situationen zu tun ist. Geschichte wiederholt sich nicht.

1914 hat die europäische Diplomatie angesichts einer zu Beginn nur lokalen Krise verhängnisvoll versagt. Damals hielt man in allen Hauptstädten die Suche nach Kompromissen bereits für ein Eingeständnis von Schwäche. Zwar mochte wohl niemand wirklich an einen großen europäischen Krieg glauben, aber alle waren letztlich bereit, ihn zumindest in Kauf zu nehmen.

Heute wissen wir, dass die Diplomatie 1914 teilweise sogar bewusst darauf verzichtet hat, alle Möglichkeiten zum Friedenserhalt auszuloten. Mein Haus hat daher die Veranstaltungsreihe: "1914 – 2014: Vom Versagen und Nutzen der Diplomatie" initiiert. In bisher vier Veranstaltungen haben wir uns gemeinsam mit Gästen aus aller Welt mit der Frage beschäftigt:

Welche Konsequenzen und Lehren hat 1914 für unser Handeln im Jahr 2014?

Zwei der vier Veranstaltungen haben übrigens hier im Deutschen Historischen Museum stattgefunden. Am 13. Juni, wiederum hier im DHM, wird u.a. der polnische Publizist Adam Krzeminski unser Gast sein.

Es ist klar: solche Veranstaltungen machen wir nicht zum Selbstzweck. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts unterstreichen die oberste Aufgabe der Diplomatie. Ihr muss es darum gehen, den Frieden und die Chance der Zusammenarbeit zu erhalten. Denn an einem neuen Kalten Krieg, einer erneuten Spaltung Europas, kann und darf niemand ein Interesse haben.

Die Diplomatie muss Verhandlungslösungen suchen und (Aus-) Wege aus der Krise aufzeigen. Aber sie muss in den Verhandlungen auch deutlich machen, welche Grundprinzipien nicht gebrochen werden dürfen.

Gerade wir Deutschen tragen dafür eine besondere Verantwortung. Denn 1914 hätte die Diplomatie vielleicht bei verantwortungsvoller Herangehensweise noch eine Chance gehabt. Aber 25 Jahre später, vor dem Zweiten Weltkrieg, war es die nationalsozialistische Führung des Deutschen Reichs, die fest zum Krieg entschlossen war. Der Zivilisationsbruch des Dritten Reiches, die Verbrechen des Holocaust und die Angriffs- und Vernichtungsfeldzüge des Zweiten Weltkriegs – all dies ging von Deutschland aus.

Es bleibt darum dauerhaft richtig, eine besondere Verantwortung der deutschen Politik für den Frieden abzuleiten.

Herzstück dieser Friedenspolitik ist seit Beginn der 1950er Jahre die europäische Einigung. Gerade in Zeiten, in denen die EU öffentlicher Kritik und populistischen Anfeindungen ausgesetzt ist, müssen wir uns vergegenwärtigen, was wir mit der EU gewonnen haben: In Europa regiert nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts. Wir zielen nicht mehr mit Waffen aufeinander, sondern wir diskutieren in den Brüsseler Verhandlungsräumen über politische Kompromisse. Meist mit Erfolg, in jedem Fall aber gemäß der Regeln, die wir gemeinsam beschlossen haben.

Wir dürfen aber auch eine andere, persönlichere Dimension nicht vergessen. Schon 2006 sagte Wim Wenders auf der Konferenz "A Soul for Europe": "Als ich ein Junge war, träumte ich von einem Europa ohne Grenzen. Nun reise ich quer hindurch, virtuell und realiter, ohne je meinen Pass zu zeigen, zahle sogar mit einer Währung, aber wo ist meine Emotion geblieben?"

Die Frage von Wenders kann ich natürlich nicht für ihn beantworten. Aber es scheint mir doch eigentlich ganz normal: verwirklichte Träume haben die Tendenz, in der Normalität bisweilen banal und selbstverständlich zu werden. Das ist eine Erfahrung, die fast jeder in seinem Leben macht.

Europa ist heute vielleicht für manche von uns wie eine in die Jahre gekommene Liebe.

Gerade die jungen Europäerinnen und Europäer sind damit aufgewachsen, dass offene Grenzen kein Traum sondern gelebte Realität sind. Sie verbinden mit Europa darum vielleicht nicht mehr so starke Empfindungen. Dafür rücken die Probleme des europäischen Alltags stärker in den Blick.

Als Politiker nehme ich die Kritik an der Realität der EU sehr ernst. Es ist richtig: Wir müssen in Europa in vielen Dingen noch viel besser werden. Aber gleichzeitig sage ich: Wir dürfen über den europäischen Alltagsproblemen nicht den Kern Europas als Union des Friedens, der Demokratie und des Rechts vergessen.

Wenn ich die Ausstellung "Targets" sehe, schwingt "Europa" doch immer etwas mit – als der bis heute fortgeschrittenste Versuch, militärische Ziele überflüssig zu machen und den Frieden dauerhaft zu sichern. Vielleicht, liebe Herlinde Koelbl, wäre das in der inneren Logik ja das noch fehlende Gegenstück zu "Targets": eine Ausstellung, die uns als Betrachter in die Rolle des Europäers bringt, der über seinen Kontinent reflektiert?

Aber ich möchte Ihnen, liebe Frau Koelbl, hier gar keine Hausaufgaben aufgeben. Ich will Ihnen vielmehr danken für eine wunderbare, bewegende Ausstellung, die uns im Gedenkjahr 2014 und auch vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen in Europa dazu anregt, uns kreativ mit den wichtigen gesellschaftlichen und politischen Grundfragen unserer Zeit zu beschäftigen. Mein Dank richtet sich ebenso an das Deutsche Historische Museum, das die Ausstellung hier möglich gemacht hat.

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