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„Julikrise 1914 – schlafwandelnde Diplomaten?“ - Rede von Außenminister Steinmeier bei der Diskussionsveranstaltung zum Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum

14.03.2014 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Gleichzeitigkeiten, auch wenn sie zufällig sind, können manchmal Gänsehaut verursachen und uns einen Schauer über den Rücken jagen. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, diesen Eindruck musste man in den letzten Tagen beinah bekommen, ist die Frage von Krieg und Frieden, von Einheit und Spaltung unseres Kontinents nach Europa zurück gekehrt. Die Auseinandersetzungen um die Krim, um die Zukunft der Ukraine, zwischen dem Westen und Russland verschärfen sich.

Da wundert es kaum, wenn das ZDF heute Journal vor wenigen Tagen – natürlich rhetorisch gemeint – die Frage stellte: Sollten wir, anstatt Gedenkfeiern abzuhalten, nicht lieber hellwach sein, was das Heute betrifft?

Diese Frage scheint auf den ersten Blick folgerichtig zu sein. Aber sie ist doch falsch gestellt. Und zwar aus zwei Gründen.

Zum einen, weil wir mit historischen Parallelen nicht allzu leichtfertig umgehen dürfen. Es verstellt den Blick für das, was die heutige Krise ausmacht, wenn wir vorschnell grobschläch-tige Vergleiche ziehen. Und es macht uns auch handlungsunfähig, wenn wir Geschichte als ständige Wiederholung begreifen, an deren Verlauf wir eh nichts ändern können.

Und die Frage ist noch aus einem anderen Grund falsch gestellt. Denn Gedenkveranstaltungen, Rückbesinnung und Erinnerung schließen doch überhaupt nicht aus, im gleichen Atemzug aufmerksam gegenüber aktuellen Entwicklungen zu sein. Ganz im Gegenteil: Bei aller Vorsicht, was historische Parallelen angeht, so sehen wir im Rückblick auf 1914 doch vor allem eins: Was nämlich passiert, wenn Diplomatie versagt, wenn Gespräche nicht gesucht werden, wenn nationale Eifersüchteleien, militärisches Großmachtgetue und Unbesonnenheit die Oberhand gewinnen. Deshalb gibt es in der Tat kein besseres Timing, als ausgerechnet heute, in der jetzigen Situation, über den Ersten Weltkrieges zu reden – und zwar genau mit Blick auf seinen Ausbruch, wie wir uns das für heute Abend vorgenommen haben, auf die Julikrise, auf die wenigen Tage und Wochen, in denen aus einem regionalen Konflikt ein europäischer, ja ein globaler Flächenbrand wurde.

Und ich freue mich sehr, dass wir das heute Abend mit zwei renommierten Experten tun können, die die Ereignisse und Abläufe rund um die Julikrise wie kaum jemand Zweites erforscht, analysiert und interpretiert haben: Professor Clark aus Cambridge und Professor Krumeich aus Freiburg. Herzlich willkommen bei uns, und vielen Dank, dass Sie unsere Einladung angenommen haben!

Herr Clark, Sie haben in den letzten Monaten die deutsche und europäische Debatte über den Ersten Weltkrieg ein gutes Stück durcheinander gerüttelt. Für Ihre These, 1914 seien die eu-ropäischen Politiker, Militärs und Diplomaten in einen – vermeidbaren! – Krieg geradezu schlafwandlerisch hinein gestolpert, haben Sie nicht nur Zustimmung erfahren. Herr Krumeich wird uns gleich begründen, wo diese Sicht seiner Meinung nach zu kurz greift und vielleicht auch den Blick gerade auf die besondere Verantwortung unseres eigenen Landes verstellt.

Aber Sie haben doch, und zwar auf wie ich finde beeindruckende Weise, die Frage nach der Verantwortung von Diplomatie zurück auf die Tagesordnung gebracht. Es macht eben doch einen Unterschied, ob wir gute oder schlechte Diplomatie betreiben, genug davon oder zu wenig. Ob wir uns um Dialog bemühen, oder den Gesprächsfaden vorschnell abreißen lassen. Ob wir uns treiben lassen vom Willen zur Eskalation, mit der Hoffnung auf kurzfristige Positionsverbesserungen – oder ob wir den mühsamen Weg der Deeskalation beschreiten.

Das ist die Perspektive, mit der ich heute auf den Kriegsbeginn von vor 100 Jahren blicke. Das ist die Idee auch hinter der gesamten Veranstaltungsreihe, die das Auswärtige Amt gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Museum in diesem Jahr durchführen wird. „Vom Versagen und Nutzen der Diplomatie“ haben wir sie genannt. Und damit ganz bewusst nicht nur vom Versagen gesprochen, vom Blick zurück, sondern auch vom Nutzen, und damit den Blick nach heute, nach vorn gerichtet.

Nein, Gedenkveranstaltungen wie die heute Abend sind kein Gegensatz zur Wachsamkeit gegenüber aktuellen Krisen. Gerade das Wissen um die Fehler von vor 100 Jahren hilft uns, unsere Position zu bestimmen, auch im aktuellen Konflikt um die Ukraine. Denn es ist keine Frage, dass wir als Europäer reagieren müssen und entschieden reagieren werden, wenn die russische Führung weiterhin auf Eskalation setzt. Aber ebenso darf es keine Frage sein, dass wir unsere Reaktion nicht als Einbahnstraße anlegen, sondern dass wir immer wieder auch Ausfahrten möglich machen. Deshalb haben wir ganz bewusst entschieden, die möglichen Sanktionen in Stufen vorzunehmen. Deshalb bemühen wir uns weiterhin um internationale Gesprächsformate, in denen Deeskalation möglich wird. Der Vorwurf, dass unsere Gespräche und Bemühungen bisher zu keinem greifbaren Ergebnis geführt haben, ist bitter genug. Nicht leben könnte ich aber mit dem Vorwurf, dass wir uns gar nicht erst um Gespräche bemüht hätten. Das ist die Lehre, auch für mich persönlich, aus den Ereignissen von 1914.

Lieber Professor Clark, ich habe mich gefreut, diese Woche im Spiegel Optimistisches von Ihnen zu lesen. Wir sind heute klüger als vor 100 Jahren, schreiben Sie, und antworten mit einem klaren „Nein“ auf die Frage, ob wir aktuell Gefahr laufen, in einen neuen Flächenbrand zu schlafwandeln.

Für diesen Optimismus gibt es gute Gründe. Die deutsch-französische Aussöhnung, die europäische Einigung sind zwei davon. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg trennt uns heute nicht mehr von unseren Nachbarn, sondern verbindet uns. Am 25. April findet eine Diskussion im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe an anderem Ort statt, nämlich in Paris. Gemeinsam mit meinem französischen Kollegen wollen wir genau über diesen Optimismus diskutieren – nämlich darüber, ob Europa heute vor den Fehlern von 1914 gefeit ist.

Für uns, die wir heute Verantwortung tragen, ist das keine rein akademische Frage. Herr Clark, Ihr Optimismus ist für uns auch eine Herausforderung. Denn wir müssen dem gerecht werden! Es ist an uns, aus der Erinnerung an 1914 die richtigen Schlüsse zu ziehen – jetzt in der Krimkrise, aber auch insgesamt in der deutschen und europäischen Außenpolitik. Es ist an uns, Diplomatie nicht zu unterschätzen, sondern dafür zu sorgen, dass sie ihr friedenserhaltendes oder gar friedensstiftendes Potential zur Entfaltung bringen kann. Ich bin sicher, dass auch die heutige Diskussion uns weitere Hinweise darauf geben wird, was wir in Zukunft vermeiden müssen und wie wir es heute und in Zukunft gerade nicht machen dürfen.

Ich danke dem Deutschen Historischen Museum und Präsident Koch für die Gastfreundschaft heute Abend, und für die Zusammenarbeit für unsere Veranstaltungsreihe. Und ich danke Herrn Sturm von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der uns jetzt durch die Diskussion führen wird.

Zum Schluss das Wichtigste. Und wieder hat es mit dem richtigen Timing zu tun. Lieber Herr Clark, wir hätten uns auch an jedem anderen Tag darüber gefreut, Sie zu einer Diskussion begrüßen zu können. Dass Sie unserer Einladung aber sogar an Ihrem Geburtstag gefolgt sind, ist für uns eine ganz besondere Ehre! Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen.

Und natürlich haben wir auch ein kleines Geschenk für Sie vorbereitet – wobei man bei dessen Umfang von einem „kleinen“ Geschenk eigentlich nicht mehr reden kann...! Sie sehen hier auf dem Tisch aufgebaut die acht Bände der Edition der „Amtlichen Kriegsdepeschen”. Ich hoffe, dass Sie Vergnügen damit haben werden, und diese Quellen Sie zu neuen Forschungen und Erkenntnissen inspirieren.

Noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch, und Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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