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Rede von Staatsminister Michael Roth zum Holocaust-Gedenktag in Thessaloniki

26.01.2014 - Rede

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrter Herr Gouverneur,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister ,
sehr geehrter Herr Saltiel,
verehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Thessaloniki,

es ist für mich eine große Ehre, an diesem Tag zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich bin tief bewegt, weil ich weiß, an welchem Ort ich hier heute stehe, und aus welchem Anlass.

Dieser Tag ist ein Tag der Trauer für die jüdische Gemeinschaft in Thessaloniki. Vor 71 Jahren wurden aus dieser Stadt tausende von Juden von den deutschen Besatzern in Vernichtungslager deportiert und dort bis auf wenige Überlebende grausam ermordet. Wir trauern heute um die 48.000 Opfer des Holocaust aus Thessaloniki – unschuldige Männer, Frauen und Kinder.

Dieser Ort ist ein Ort der Trauer für die jüdische Gemeinschaft. Auf diesem Platz wurden nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht alle männlichen Juden zusammengetrieben, gequält, gedemütigt und kurze Zeit später zur Zwangsarbeit deportiert. Das Unrecht, das hier begangen wurde, ist unbegreifbar. Umso ergreifender ist es für uns alle, heute an diesem Ort der Erinnerung zusammen zu kommen. Bis zum heutigen Tag steht dieser Platz für den tiefenSchmerz der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Thessalonikis.

Doch auch für die nichtjüdische Bevölkerung von Thessaloniki ist es ein Tag und ein Ort der Trauer. Thessaloniki war über Jahrhunderte hinweg eine Stadt mit einem unverkennbar jüdischen Gesicht. Der Holocaust hat dieses Gesicht für immer verändert, er hat tiefe Wunden und Narben hinterlassen. Die Stadt hat 1943 nicht nur unzählige ihrer Bürgerinnen und Bürger verloren, auch ihr einzigartiges jüdisches Leben – sei es in der Kultur, Wissenschaft oder Wirtschaft – wurde nahezu vollständig ausgelöscht. Dieser Verlust schmerzt uns alle – ob Juden oder Nichtjuden.

Lieber Herr Saltiel,

ich danke Ihnen, dass Sie mich als Vertreter der deutschen Bundesregierung eingeladen haben. Das Leid, das Ihre Gemeinde von Deutschen und in deutschem Namen erlitten hat, ist unfassbar. Das heutige Deutschland bekennt sich zu den Verbrechen an der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Griechenlands. Auch wenn meine Generation keine persönliche Schuld trifft, stehen wir zu unserer Verantwortung. Dieses dunkelste Kapitel in der Geschichte der Menschheit darf niemals in Vergessenheit geraten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Erinnerung an die Katastrophe und an die nationalsozialistischen Verbrechen auch in der heutigen und künftigen Generation wachgehalten wird. Das sind wir den Opfern schuldig. Wir sind es aber auch unseren Kindern schuldig, die die deutsche Geschichte geerbt haben und mit ihr leben müssen.

Denn nur aus diesem Bekenntnis zu unserer historischen Verantwortung heraus kann es eine bessere Zukunft geben. Diese Zukunft liegt für uns alle – für Griechen und Deutsche, für Juden und Nichtjuden – in einem freien, toleranten und weltoffenen Europa. Dabei kann ganz Europa aus der Geschichte Thessalonikis mit all ihren Höhen und Tiefen, Erfolgen und Tragödien lernen: Denn diese Stadt war über Jahrhunderte hinweg ein einzigartiger Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachen. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier über lange Zeiträume Toleranz, gegenseitiger Respekt und ein friedliches Miteinander im Alltag gelebt wurden, ist ein Vorbild für die Zukunft unseres Kontinents.

Wir müssen auch künftig achtsam bleiben. Denn Antisemitismus, Fremdenhass und Homophobie sind mitnichten Probleme von gestern, sie machen sich auch heute noch in unseren Gesellschaften breit. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Und wir dürfen auch nicht zulassen, dass junge Menschen im Schatten der Krise in die Radikalität abdriften, weil sie für ihre Zukunft keine Perspektiven mehr sehen. Dies sage ich auch ganz bewusst hier in Thessaloniki, der europäischen Jugendhauptstadt 2014: Unsere Zukunft liegt vor allem in den Köpfen und Händen der jungen Generation. Dafür setzen sich Deutschland und die deutsche Politik ein, und dem bin ich auch persönlich aus ganzer Überzeugung verpflichtet.

Lieber Herr Saltiel,

unter Ihrer langjährigen Leitung hat die jüdische Gemeinde von Thessaloniki große Anstrengungen zum Wiederaufbau unternommen und unter schwierigsten Umständen Großes geleistet. Wir Besucher können nur erahnen, welche Kraft und welche Ressourcen es Sie selbst, die Gemeindemitglieder sowie viele Unterstützerinnen und Unterstützer gekostet hat, das jüdische Leben und die jüdischen Einrichtungen dieser Stadt wiederaufzubauen und zu erhalten.

Ich möchte Ihnen heute erneut versichern, dass die deutsche Bundesregierung Sie in Ihrem Bemühen konkret unterstützen wird, das jüdische Leben in Thessaloniki zu stärken und weiter zu entwickeln. Es wäre wunderbar, wenn dies gelänge. Wir wollen hierzu mit Ihnen, sehr geehrter Herr Saltiel, im Gespräch bleiben.

Wir können nichts ungeschehen machen. Wir sind es den Opfern schuldig, dass wir ihr Leid nicht aufwiegen, aufrechnen und relativieren, denn es ist unermesslich. Wir können nur um Vergebung bitten. Und wir können dabei mithelfen, dass sich das Unrecht, das geschehen ist, niemals wiederholt. Wir wollen über die Jahre hinweg als Partner und Freunde zusammenarbeiten und gemeinsam die Zukunft gestalten. So kann aus der Erinnerung an das Leid der Vergangenheit eine hoffnungsvolle deutsch-griechisch-jüdische Partnerschaft für die Zukunft entstehen.

Ich möchte daran mitwirken.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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