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Deutschland und Ungarn; bilaterale Beziehungen Ungarn

21.06.2019 - Artikel

Politische Beziehungen

1964 eröffnete die Bundesregierung eine Handelsvertretung in Budapest. Nach dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zu den Vereinten Nationen nahmen beide Länder am 21. Dezember 1973 diplomatische Beziehungen auf. Einen Meilenstein für das bilaterale Verhältnis setzte Ungarn, als es am 10. September 1989 seine Grenze zu Österreich für die in Ungarn befindlichen Flüchtlinge aus der DDR öffnete. Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher versprachen dem „Land, das den ersten Stein aus der Berliner Mauer brach“ tatkräftige Unterstützung bei der Annäherung an die Europäische Union.

Die bilateralen politischen Beziehungen sind eng und vielfältig. Zuletzt traf Bundespräsident Steinmeier den ungarischen Staatspräsidenten Ader im September 2017 auf Malta und erneut zum 500-jährigen Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 in Wittenberg. Das letzte Treffen der Bundeskanzlerin mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Orbán fand am 2. Juli 2018 in Berlin statt. Am 6. Februar 2017 verabschiedeten die Außenminister Gabriel und Szijjartó eine gemeinsame Erklärung „25 Jahre deutsch-ungarischer Freundschaftsvertrag“. Hierin bekräftigten sie: „Die deutsch-ungarischen Beziehungen gründen tief und sind vielgestaltig. Auf dieser Basis wollen wir sowohl bilateral, als auch im europäischen und internationalen Kontext weiterarbeiten, um die Europäische Union als Wertegemeinschaft und Friedensordnung auch für die Zukunft und die kommenden Generationen zu erhalten und zu vertiefen.“

Zusammenarbeit in EU und NATO

Seit 1992 bildet der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Ungarn über freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft in Europa eine wichtige Grundlage für die bilateralen Beziehungen. Auf europäischer und multilateraler Ebene wurde die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Ungarn durch das Europaabkommen zwischen der Europäischen Union und Ungarn von 1994, die Aufnahme Ungarns in die NATO im März 1999 und den ungarischen EU-Beitritt am 1. Mai 2004 erweitert und vertieft. Daneben arbeiten die beiden Länder in zahlreichen internationalen Organisationen wie der NATO, den Vereinten Nationen, der OSZE oder der in Budapest ansässigen Donaukommission eng zusammen.

Deutsch-Ungarisches Forum

Wichtigstes regelmäßiges Treffen von Fachleuten aus Politik, Wirtschaft und Kultur aus beiden Ländern ist das Deutsch-Ungarische Forum, das seit 1990 abwechselnd in Deutschland und Ungarn veranstaltet wird. Diskutiert werden dabei nicht nur rein bilaterale Themen, sondern sämtliche aktuellen Fragen der europäischen Integration und der regionalen Zusammenarbeit. Das letzte Junge Deutsch-Ungarische Forum fand im Dezember 2018 in Budapest statt, das nächste wird im September 2019 in Berlin stattfinden.

Parlamentsbeziehungen

Die Ungarisch-Deutsche Freundschaftsgruppe in der Ungarischen Nationalversammlung zählt zu den größten Parlamentariergruppen und befindet sich im regelmäßigen und intensiven Austausch mit der Deutsch-Ungarischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages. Anlässlich des 20. Jubiläums des deutsch-ungarischen Freundschaftsvertrags verabschiedete die Ungarische Nationalversammlung am 20. Februar 2012 einstimmig eine feierliche Entschließung. Am Stipendienprogramm des Deutschen Bundestages (IPS) haben seit 1990 weit über 100 junge Ungarinnen und Ungarn teilgenommen. Seit 2008 gibt es das Ungarische Parlamentsstipendium (UPS), ein Programm speziell für junge Deutsche, die die ungarische Politik aus nächster Nähe miterleben möchten. Im September 2015 stattete die Deutsch-Ungarische Freundschaftsgruppe im Deutschen Bundestag Ungarn einen Besuch ab und im April 2016 folgte der Besuch der ungarisch-deutschen Freundschaftsgruppe im Deutschen Bundestag.

Deutsche Minderheit

Die deutsche Minderheit ist auf der Basis der Volkszählung 2011 mit circa 186.000 Personen -laut Selbstangabe (Schätzungen liegen jedoch deutlich höher) - die zweitgrößte Minderheit in Ungarn nach den Roma. Bei der Volkszählung gaben circa 132.000 Personen eine deutsche Nationalität an, circa 38.000 Deutsch als ihre Muttersprache. Auf der Basis des 2012 verabschiedeten Nationalitätengesetzes vertritt die „Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen“ (LdU) die politischen Interessen der deutschen Minderheit, besonders auf den Gebieten Bildung und Kultur. Im Parlament ist die deutsche Minderheit nach den Wahlen im April 2018 erstmals durch einen Abgeordneten mit Stimmrecht vertreten. Die Bundesregierung leistet tatkräftige Unterstützung bei der Bewahrung des kulturellen Erbes der Ungarndeutschen. Das ungarische Parlament hat im Dezember 2012 den 19. Januar als Nationalen Gedenktag für die Vertreibung der Ungarndeutschen beschlossen.

Wirtschaftsbeziehungen

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Ungarn sind traditionell sehr intensiv. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der ungarischen Wirtschaft: 2018 wurde mehr als ein Viertel des ungarischen Außenhandels mit Deutschland abgewickelt. Die wichtigsten deutschen Exportgüter sind hierbei Kraftfahrzeuge, Automobilteile und Maschinen; die wichtigsten ungarischen Exportgüter sind ebenfalls Kraftfahrzeuge und Automobilteile sowie Maschinen und chemische Erzeugnisse.

Die Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer (DUIHK) in Budapest vertritt die wirtschaftlichen Interessen von mehr als 900 Mitgliedsfirmen aus Deutschland und Ungarn. Außerdem vertritt die DUIHK einige Bundesländer in Ungarn. Aktuelle Informationen über den ungarischen Markt sowie Geschäftsmöglichkeiten in Ungarn erhalten deutsche Unternehmen bei Germany Trade and Invest (gtai) in Budapest.

Kultur- und Bildungsaustausch

Das Goethe-Institut (GI), der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD), die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), der Pädagogische Austauschdienst (PAD), das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Deutsche Bundesstiftung Umwelt (UBA) und zahlreiche andere Einrichtungen engagieren sich im Kultur- und Bildungsaustausch. Zentrale Themen sind dabei die Förderung der deutschen Sprache, der akademische und schulische Austausch sowie kulturelle Veranstaltungen.

Die deutsche Sprache spielt in Ungarn in den Bereichen Bildung, Gesellschaft und Wirtschaft eine wichtige Rolle. Das Goethe-Institut Budapest bietet ein umfassendes Kursangebot und verfolgt eine enge Zusammenarbeit mit Schulen in Ungarn. Landesweit nehmen 48 Schulen an der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) teil und bieten Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom an. An drei deutschen Auslandsschulen in Budapest, Győr und Baja/Frankenstadt kann sowohl das deutsche als auch das ungarische Abitur abgelegt werden. An der Audi Hungaria-Schule läuft ein deutsch-ungarisches Pilotprojekt zur internationalen dualen Berufsausbildung.

Akademischer Austausch

Jährlich halten sich einige Tausend Ungarn im Rahmen von Studien- und Forschungsaufenthalten in Deutschland auf. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt diesen Austausch durch Stipendien und durch die Entsendung von deutsch­sprachigen Lektorinnen und Lektoren an ungarische Universitäten und Hochschulen. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH) vergibt Forschungsstipendien an ungarische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, fördert wissenschaftliche Konferenzen und übergibt Gerätespenden an wissenschaftliche Einrichtungen. Deutschland ist eines der beliebtesten Zielländer der ungarischen Studenten und Forscher.

Die deutsch-ungarische Zusammenarbeit im Hochschulbereich, die sich einer jahrhundertelangen Tradition erfreut, ist von herausragender Bedeutung. Die Hochschulrektorenkonferenz verzeichnet mehr als 600 Hochschulpartnerschaften. Für deutsche Studenten ist Ungarn ebenfalls ein attraktives Zielland. 2018 haben über 3000 Deutsche in Ungarn studiert. Am beliebtesten sind die medizinischen Fakultäten. An mehreren Universitäten in mehreren Städten besteht sogar die Möglichkeit, Medizin auf Deutsch zu studieren (Human-, Zahn-, Veterinärmedizin und seit einigen Jahren auch Pharmazie).

Die Andrássy Universität Budapest (AUB) wurde 2001 gegründet und ist die einzige vollständig deutschsprachige Universität außerhalb des deutschen Sprachraums. Als europäische Universität in Ungarn wird sie von mehreren deutschsprachigen Partnerländern und -regionen getragen und gefördert. Die AUB ist nach deutschen Regeln und Kriterien akkreditiert und wurde 2013 in das nationale Exzellenzprogramm ungarischer Hochschulen aufgenommen

Rund 250 Studierende sowie 50 Erasmus-Stipendiaten und zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus über 20 Nationen studieren, lehren und forschen an der AUB. Das interdisziplinäre Studienangebot mit Europa-Fokus umfasst (Doppel) Master- und postgraduale Studiengänge in den Bereichen Geschichte, Kultur, Politik, Recht, Wirtschaft und Verwaltung sowie ein interdisziplinäres Ph.D. – Programm in Geschichts-, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.

Wissenschaft und Forschung

Die im September 2004 unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Weiterentwicklung und Intensivierung der Zusammenarbeit in der wissenschaftlichen Forschung und technologischen Entwicklung“ bildet die Grundlage für die Fortschreibung der deutsch-ungarischen Beziehungen in Wissenschaft und Forschung.

Größere Kooperationsprojekte entstanden zwischen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Ungarns größter Wissenschaftsorganisation, der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) sowie dem Nationalen Amt für Forschung, Entwicklung und Innovation (NKFIH), zwischen der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG), der Max-Planck-Gesellschaft und der MTA. Ein Beispiel dafür ist die 2010 erfolgte Gründung des Fraunhofer Projektzentrums für Produktionsmanagement und -informatik in Budapest. Im Jahr 2017 wurde der ungarische Standort des Extreme Light Infrastructure Konsortiums (ELI-ALPS) in Szeged übergeben (mit deutscher Beteiligung). Anfang 2018 haben dort im Laserzentrum die ersten internationalen Arbeitsgruppen mit der Forschung begonnen.

Auch deutsche Firmen greifen gern auf die traditionell gute Ausbildung ungarischer Fachleute zurück und suchen nach Kooperation insbesondere im Bereich der Ingenieurwissenschaften, Informatik und Naturwissenschaften. Ein Beispiel hierfür ist das Kooperationsabkommen zwischen Audi Hungaria, MTA und der Universität Győr, in dem nach deutschem Muster duale Studiengänge für Fahrzeugtechnik, Maschinenbau und Mechatronik angeboten werden. Deutsche Firmen sehen Ungarn nicht mehr nur als ein Produktionsstandort, sondern es verlagern immer mehr Aktivitäten mit höherer Wertschöpfung, zum Beispiel Forschungs- und Entwicklungszentren, in das Land.

Das 2014 gestartete EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“ bietet weitere Instrumente zur Umsetzung gemeinsamer Ziele und zum Ausbau einer wettbewerbsfähigen europäischen Forschungslandschaft. Damit werden auch Möglichkeiten für multinationale Großprojekte geschaffen. Die Vernetzung deutscher und ungarischer Wissenschaftler soll sich durch die „Knowledge and Innovation Communities“ des seit 2010 in Budapest angesiedelten Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT) weiter intensivieren.


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