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Grußwort von Staatsministerin Maria Böhmer zur Eröffnung der International Istanbul Book Fair

12.11.2016

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr stellvertretender Kulturminister Professor Yayman,
sehr geehrter Herr Kavukçuoğlu,
sehr geehrter Herr Celal,
sehr geehrter Herr Hizlan,
sehr geehrte Frau Becker,
sehr geehrter Herr Dr. Reimar,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich außerordentlich, heute zur Eröffnung der Internationalen Buchmesse Istanbul bei Ihnen zu sein!

Kaum eine Stadt könnte besser gewählt sein. Denn Istanbul weckt Sehnsucht in jedem, der hier einmal auf Entdeckungsreise gegangen ist.

Denke ich an Istanbul, dann fällt mir die erste Zeile des Gedichts von Orhan Veli[1] ein, das den Zauber seiner Heimatstadt so wunderbar einfängt: „Istanbul, ich höre dich und schließe meine Augen…“

"Zuerst weht nur ein leichter Wind,

Streicht langsam nur und nicht geschwind

Die Blätter in den Bäumen.

Weit, weit, wie aus alten Träumen

Trägt er mir nun der Händler stetig Treiben.

Istanbul, ich höre dich und schließe meine Augen.“

Als Kunst- und Kultur-Metropole am Bosporus, als Brücke zwischen Orient und Okzident, zwischen Tradition und Moderne, ist Istanbul  eine literarische Einladung. Ihre Strahlkraft haben Autorinnen und Autoren aus aller Welt gespürt. Sie sind eingetaucht und haben sie in ihren Werken einfließen lassen.

Die Erfahrung, von dieser einzigartigen Atmosphäre inspiriert zu werden, machen auch die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Kulturakademie Tarabya, mit denen ich heute Morgen gesprochen habe. Die Kulturakademie Tarabya, deren Beiratsvorsitzende ich bin, bringt deutsche und türkische Künstlerinnen und Künstler zusammen.  Sie bietet Refugium und Anbindung an die Metropole Istanbul zugleich.

Dass Deutschland Gastland der Buchmesse Istanbul ist, freut mich von Herzen.

Wir wollen die kulturellen, literarischen Schätze gemeinsam heben und sie miteinander entdecken. Literatur ist der Schlüssel zum Wesen, zur Mentalität und zur Kultur des anderen. Das zeigt eindrucksvoll auch der Übersetzerpreis Tarabya, den wir gemeinsam mit dem türkischen Kulturministerium vergeben.

Er würdigt die bedeutende Rolle von Literaturübersetzern als Mittler von Kulturen, als literarische Brückenbauer zwischen Deutschland und der Türkei.

Deutschland und die Türkei sind seit langem eng miteinander verbunden. Uns verbinden vor allem die Menschen:

- die Menschen, die in den fünfziger und sechziger Jahren zu uns gekommen sind, um in Deutschland zu leben und zu arbeiten,

- die Menschen, die bereits in dritter und vierter Generation bei uns leben und Wurzeln geschlagen haben. Aber auch diejenigen, die nach einer Zeit in Deutschland in die Türkei zurückgekehrt sind.

Sie alle nehmen ein Stück von uns und unserer Kultur mit in ihr Land, die Türkei.

In meiner Zeit als Integrationsbeauftragte bei der Bundeskanzlerin war es mir immer ein besonderes Anliegen gewesen, den Austausch und das Verständnis füreinander zu fördern und zu pflegen; miteinander und nicht übereinander zu sprechen.

Auf meinen vielen Reisen in die Türkei habe ich am meisten von den Begegnungen und dem Austausch mit den Menschen vor Ort profitiert, ob in Kayseri, Antakya, Trabzon, Bergama oder Istanbul.

Vor meiner ersten Reise war ich sehr neugierig, mehr über dieses einzigartige Land und seine Menschen zu erfahren.  Um mich einzustimmen, habe ich türkische Kurzgeschichten gelesen.

Es war eine faszinierende literarische Entdeckungsreise von Istanbul nach Hakkari.

Eine solche Faszination erfasst mich auch bei der Buchmesse Istanbul.  Sie ist ein wahres Fest der Bücher. Dieses Fest feiern hier in Istanbul immer mehr Besucher und Besucherinnen mit, darunter viele Familien und junge Menschen. Das ist wunderbar!

Bücher und Literatur vermitteln zwischen den Kulturen und helfen, sich über Grenzen hinweg zu verständigen und zu verständigen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
auch in schwierigen Zeiten setzen wir auf Verständigung, auf den Dialog – mit der Regierung und dem Parlament und mit der Zivilgesellschaft. Wir wollen gerade jetzt die kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und den Menschen in der Türkei stärken, um den Menschen hier Rückhalt zu geben. Denn die Türkei erlebt bedrohliche Zeiten. Viele Menschen machen sich Sorgen – in der Türkei, aber auch in Deutschland.

Der Putschversuch liegt erst wenige Monate zurück. In der vergangenen Woche habe ich das türkische Parlament in Ankara besucht und die Einschläge gesehen. Die Putschisten zielten auf das Herz der Demokratie und die Menschen, die es verteidigten.

Wir trauern mit Ihnen um die Opfer. Meine Anerkennung und mein Dank gelten allen, die sich den Putschisten mit großem Mut entgegengestellt und so den Putschversuch vereitelt haben.

Wir verurteilen den Putschversuch und den Terrorismus in der Türkei, der Ihr Land erschüttert. Deutschland steht an der Seite der Türkei.

Aber: Gerade weil wir so eng miteinander verflochten sind, betrachten wir die aktuellen Entwicklungen in der Türkei mit größter Sorge. Als gute Freunde können wir offen miteinander sprechen. Das ist mir wichtig.

Ich habe bei meinen Besuchen immer wieder erfahren: Viele Menschen  in der Türkei wollen engere Bindungen an Europa. Das unterstützen wir, denn es liegt unserem wechselseitigen Interesse.

Doch der Eindruck verstärkt sich, dass die Türkei an einer Wegscheide steht. Will die Türkei den Weg der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Freiheit und der guten wirtschaftlichen Entwicklung weiter gehen? Ein Weg der ihr große Anerkennung und Wertschätzung gebracht hat!

Oder wird die Türkei diesen hoffnungsvollen Weg verlassen und sich auf einen Irrweg begeben? Das birgt die Gefahr, in einer Sackgasse zu landen.

Bei meinem Besuch in Ankara habe ich im Gespräch mit Vertretern der türkischen Regierung diese Sorge klar zum Ausdruck gebracht.

Ich habe auch die Redaktion von Cumhuriyet besucht, um den Wert der Presse- und Meinungsfreiheit zu unterstreichen. Ich habe mich nach den Verhaftungen gemeinsam mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages mit Abgeordneten der HDP im türkischen Parlament getroffen.

Die Wahrung der Rechte von frei gewählten Abgeordneten ist ein entscheidendes Merkmal einer funktionierenden Demokratie.

Die jüngere Geschichte Deutschlands zeigt, wie unendlich kostbar und wichtig rechtstaatlich gesicherte Freiräume für Journalismus und Politik, Kultur und Wissenschaft sind.

Eine Buchmesse ist ein solcher Ort des offenen Dialogs, des freien Wortes. Vor diesem Hintergrund haben wir unseren Gastlandauftritt unter das Motto gestellt: Worte bewegen.

Schriftsteller sind Sachwalter des freien Wortes! Darum geht es uns bei unserem Gastlandauftritt. Wir wollen Freiräume schaffen für die Kultur, um damit Austausch und Verständigung zu ermöglichen. Wir wollen Worte frei bewegen lassen.

15 deutsche Autorinnen und Autoren und zahlreiche Fachleute haben uns nach Istanbul begleitet. Wir glauben fest an die Kraft des Wortes, an die Wirkung von Kultur, an den Dialog. Wir wollen hier alte Verbindungslinien aufnehmen, neue Gesprächsfäden knüpfen und über die Bücher an der gemeinsamen Wahrnehmung der Welt arbeiten.

Zum Schluss will ich einen sehr herzlichen Dank sagen, Ihnen, Herrn Celal, und den Vertreterinnen und Vertretern der Messegesellschaft Tüyap.

Mein Dank gilt ebenso der Frankfurter Buchmesse und dem Goethe-Institut Istanbul. Sie gestalten gemeinsam mit uns den Gastlandauftritt Deutschlands in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem Verband der deutschen Messewirtschaft AUMA.

Wir freuen uns auf die nächsten Tage hier auf der Messe in Istanbul. Ich darf Sie alle herzlich einladen, uns an unserem Gemeinschaftsstand zu besuchen.

Und nun wünsche ich der Internationalen Buchmesse Istanbul viele interessierte Besucherinnen und Besucher und spannende Diskussionen!

Vielen Dank!

[1] Orhan Veli (1915-1950) ist ein beliebter türkischer Dichter. „Ich höre Dich Istanbul“ ein bekanntes Gedicht. 

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