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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth zur Eröffnung der Sonderausstellung "Die Exekutionen müssen unauffällig im nächstgelegenen Lager durchgeführt werden", Fotos der vor 75 Jahren im KZ Sachsenhausen ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen in der Gedenkstätte Sachsenhausen

06.11.2016

Exzellenzen, lieber Professor Morsch,
sehr geehrte Damen und Herren,

der Einsatzbefehl Nr. 9 des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes vom 21. Juli 1941 erging als Geheime Reichssache. Er ordnet unter anderem an: „Die Exekutionen sind nicht öffentlich und müssen unauffällig im nächstgelegenen Konzentrationslager durchgeführt werden.“

Am 20.11.1941 richtete die Inspektion der Konzentrationslager hier in Sachsenhausen ein Fernschreiben an den Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Groß Rosen. Es ordnete an, die Verleihung von Kriegsverdienstkreuzen an SS-Angehörige, die an den Exekutionen beteiligt waren, mit der Erfüllung von „kriegswichtigen Sonderaufgaben“ zu begründen. Das Wort „Exekutionen“ dürfe auf keinen Fall erwähnt werden.

Was geschah in den zwischen beiden Befehlen liegenden vier Monaten?

Wir wissen es unter anderem von Emil Büge. Er war Häftling hier in Sachsenhausen und nutzte seine Stellung als Schreibkraft in der Politischen Abteilung des Konzentrationslagers, um sich heimlich Notizen zu machen. Er bewahrte sie, das eigene Leben riskierend, bis zu seiner Befreiung auf. So wurde er zum Chronisten der Ermordung von ungefähr 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen binnen zehn Wochen. Eine unvorstellbare Zahl!

Der Historiker Wachsmann rechnet in seiner jüngst erschienenen Geschichte der Konzentrationslager vor: „Laut einem ehemaligen SS-Blockführer dauerten solche Aktionen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, mit zwei bis drei Minuten für jeden erschossenen Gefangenen, womit jeder Tag um die 300 bis 350 Menschenleben forderte. Auch die Kapos arbeiteten pausenlos und verbrannten in den Öfen über 25 Leichen pro Stunde.“

Diese ungeheuerlichen Verbrechen, die fließbandmäßige Ermordung tausender Menschen lässt uns fassungslos zurück. Doch bildet auch diese Untat in all ihrer Schändlichkeit nur eine grausame Facette der Schrecken des Vernichtungsfeldzuges, den die NS-Führung im Juni 1941 unter dem Namen „Unternehmen Barbarossa“ gegen die Sowjetunion entfesselt hatte. Er sollte alle bisherigen Kriege an Grausamkeit, Ausmaß und Ungeheuerlichkeit der begangenen Verbrechen in den Schatten stellen. Historiker schätzen, dass zwischen Oktober und Dezember 1941 in jedem Monat zwischen 300.000 und 500.000 sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam starben! Wenn sie nicht zuvor ermordet worden waren, starben sie an Kälte, Hunger und Krankheiten in absichtlich völlig unzureichenden, primitiven Lagern.

Das nationalsozialistische Regime hat in seinem Wahn für diesen Krieg alle Hemmungen fallen lassen, jedwede Schranken eingerissen und sämtliche Regeln für ungültig erklärt – so auch das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929. Dort heißt es: „Sie [die Kriegsgefangenen] müssen jederzeit mit Menschlichkeit behandelt und insbesondere gegen Gewalttätigkeiten, Beleidigungen und öffentliche Neugier geschützt werden. Vergeltungsmaßnahmen an ihnen auszuüben ist verboten.“

Die „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare vom 6. Juni 1941“ – bekannt als sogenannter „Kommissarbefehl“ - sind ein eklatanter Bruch der nationalsozialistischen Führung mit den geltenden Regeln des Völkerrechts.

Der Befehl unterstellt, politische Kommissare in der Roten Armee seien für eine zu erwartende barbarische Kriegsführung und unmenschliche Behandlung deutscher Kriegsgefangener verantwortlich. „Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme gegenüber diesen Elementen“ sei falsch und gefährde die eigene Sicherheit. Aus den Kriegsgefangenen seien an bestimmten Merkmalen erkennbare Kommissare sofort abzusondern, sie werden nicht als Soldaten anerkannt, der völkerrechtliche Schutz finde auf sie keine Anwendung. „Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen“. Sich unverdächtig gebende Kommissare sind später an Sonderkommandos zu übergeben.

Lange vermochte sich kaum jemand vorzustellen, dass die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen die ausdrückliche Billigung auch der Wehrmachtsführung gefunden hat. „Die Offiziere der Wehrmacht würden gegen die SS vorgehen“ - so lesen wir es selbst in den Aufzeichnungen von Emil Büge, dem langjährigen KZ-Häftling in Sachsenhausen. Es war präzedenzlos und auch aus damaliger Perspektive schlicht nicht vorstellbar.

Und doch – der Wahnsinn hatte Methode. Nicht nur in Sachsenhausen wurden sowjetische Kriegsgefangene umgebracht – auch in anderen Konzentrationslagern starben ungezählte sowjetische Kriegsgefangene, so in Dachau, Flossenbürg, Buchenwald, Neuengamme oder Groß-Rosen. Die Kommandanten der einzelnen Konzentrationslager tauschten sich in Besprechungen und regelrechten Lehrvorführungen über die effektivsten Methoden für den Massenmord aus. So wurde etwa in Auschwitz an sowjetischen Kriegsgefangenen die Wirkung des Gases Zyklon B getestet. Es wurde das Mittel zum Massenmord in den Vernichtungslagern schlechthin.

Diese grauenvolle Praxis sprengte möglicherweise auch deswegen das Vorstellungsvermögen vieler damaliger Zeitgenossen, weil sie in komplettem Gegensatz zur Behandlung der fremdländischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam während des Ersten Weltkrieges stand.

Kaum ein Vierteljahrhundert zuvor hatten deutsche Wissenschaftler die Anwesenheit ausländischer Kriegsgefangener aus weiten Teilen der Welt noch für ernsthafte ethnologische, kulturwissenschaftliche und linguistische Studien genutzt und unter anderem Tonaufnahmen und Fotodokumentationen gefertigt.

Auch im Herbst 1941 waren Fotos von den eintreffenden Kriegsgefangenen gemacht worden – wir sehen die heute noch erhaltenen Aufnahmen erstmals in dieser Ausstellung als ganze Sammlung. Prof. Dr. Morsch hat Ihnen die unglaubliche Geschichte dieser Fotos schon dargelegt. Danke für dieses eindrückliche, so wichtige Projekt.

Aber im Zweiten Weltkrieg war alles anders: Es war eben nicht wissenschaftliches Interesse an anderen Völkern mit unbekannten Sprachen, Kulturen und Sitten, dem diese Aufnahmen dienen sollten. Vielmehr betrieb die nationalsozialistische Propaganda eine verzerrte Darstellung des „Sowjetparadieses“ und seiner als „Untermenschen“ herabgewürdigten Bevölkerung. Damit sollte der Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der arischen so genannten „Herrenrasse“ in der Sowjetunion gerechtfertigt werden.

An der Stelle, an der die Baracke mit der Genickschussanlage stand, mit der hier in Sachsenhausen die sowjetischen Kriegsgefangenen ermordet wurden, findet sich eine Fotoinstallation mit Portraits einiger von ihnen, die auch heute Teil der Ausstellung sind.

Was vermögen uns die Bilder heute noch zu sagen? Der menschenverachtende Zweck, zu dem diese Fotos gemacht wurden, verkehrt sich für mich in sein genaues Gegenteil:

Es sind eben keine von den Nazis ihrer Würde beraubte, so genannte Untermenschen. Es sind Menschen zu sehen - in all ihrer Verschiedenheit und Einzigartigkeit.

In dem Versuch der Entmenschlichung des Gegenübers erkennen wir ein Strickmuster jeder auf Feindbildern gegründeten Ideologie: dem Gegner, ja Feind soll die Eigenschaft des Menschen, des Gleichberechtigten, des Gleichwertigen genommen werden. Synonyme für Untermenschen sind Ungeziefer, Kakerlaken, Ratten und andere entmenschlichende Begriffe. Die Macht des Bildes aber verkehrt diese zynische Intention in sein Gegenteil: Wir erkennen in diesen Bildern die auf Einzigartigkeit gegründete Identität von Menschen, jede individuell und unverwechselbar. Den Porträtierten wird ihre Würde eben nicht genommen, im Gegenteil.

Wer meint, 75 Jahre seit der Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen in Sachsenhausen hätten der Menschheit Gelegenheit zum Lernen und zur Einsicht gegeben, wer meint, 71 Jahre seit Kriegsende bildeten eine hinreichende Isolierschicht, die uns vor Wiederholungen bewahrt, irrt leider.

Dieses Muster erkennen wir vielmehr auch heute noch. Hasserfüllte Meinungsäußerungen gegen anders-Sprechende, anders-Glaubende, anders-Aussehende, anders-Liebende finden sich zuhauf nicht nur in den sogenannten „neuen Medien“.

Beim bloßen Beklagen dürfen wir es aber nicht bewenden lassen – der Befund muss uns aufrütteln. Deswegen ist es richtig und dringend notwendig, dass es Gerichtsurteile wegen Volksverhetzung gegen Nutzer von Online-Plattformen gibt, oder dass jüngst das Europaparlament die Immunität eines rechtsgerichteten Abgeordneten aufgehoben hat, der öffentlich zum Rassenhass aufgerufen hatte. Akte der Volksverhetzung jedweder Art sind nicht zu tolerieren.

Wir sind heute in vielfacher Hinsicht dazu aufgerufen, an das Geschehene zu erinnern. Wir sind den ermordeten Kriegsgefangenen verpflichtet, sie – wie es Bundespräsident Gauck in seiner Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Stukenbrock ausdrückte – aus dem „Erinnerungsschatten“ zu befreien. Wir sind es dem KZ-Häftling Emil Büge schuldig und den tschechoslowakischen Häftlingen, die unter Lebensgefahr Aufzeichnungen und Negative aus dem Lager in die Außenwelt schmuggelten, um Zeugnis abzulegen. Nicht zuletzt sind wir unseren heutigen Nachbarn und den Nachfahren der Völker, die unter dem von Deutschland entfachten Krieg besonders gelitten haben, verpflichtet: so etwas darf nie wieder geschehen.

Und es waren gerade die Völker in Mittel- und Osteuropa, in dem das nationalsozialistische Deutschland besonders verbrecherisch gewütet hat.

Ich freue mich, heute viele Menschen aus diesen Ländern hier begrüßen zu können. Ich bitte Sie, diese Botschaft in ihre Heimatländer mitzunehmen: Deutschland bekennt sich auch 75 Jahre nach den Ereignissen zu historischer Schuld und Verantwortung. Staaten bestehen ja (zum Glück) nicht nur aus Politikern, sondern auch aus vielen Bürgerinnen und Bürgern. Bei ihnen muss diese Botschaft glaubhaft ankommen, sie müssen sie spüren, damit das Bekenntnis nicht abstrakt bleibt, sondern konkret greif- und sichtbar wird – sichtbar wie in dieser Fotoausstellung. Mein Haus, das Auswärtige Amt, fühlt sich diesem Andenken besonders verpflichtet und hat die Realisierung des Ausstellungsprojektes gerne unterstützt.

In dem an seine Kinder gerichteten Abschiedsbrief schrieb Klaus Bonhoeffer, wie sein Bruder Dietrich wegen Widerstands gegen die Nationalsozialisten kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben für's Leben die richtige Haltung.“ In diesem Sinne berühren uns die heute gezeigten Fotos unmittelbar.

Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit fordert uns auf, die Erinnerung zu bewahren und weiterzugeben, weil wir eine Verantwortung für die Zukunft haben, für die Welt, in der wir mitmenschlich, respektvoll, schlicht anständig miteinander leben wollen.

Erkennen wir den Mit-Menschen in den Abgebildeten. Ihnen gilt unser Versprechen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dafür treten wir ein. Weltweit.

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