Hauptinhalt

Rede von Staatssekretär Stephan Steinlein zur Eröffnung der Ausstellung "Kontrast Syrien" des syrischen Fotografen Mohamad al-Roumi im Museum für Islamische Kunst

28.07.2016

Sehr geehrter Mohamad al-Roumi,
sehr geehrter Professor Weber,
sehr geehrte Anke Müller,
sehr geehrter Norman Leskau,
verehrte Gäste,

Syrien ist zum Synonym geworden für Tod, Leid, Folter und Vertreibung. Nicht wenige vergleichen den Bürgerkrieg in Syrien mit dem 30-jährigen Krieg, der Deutschland und weite Teile Europas verwüstet hat.

Viele Menschen, die unsägliches Leid erduldet haben, sind zu uns nach Deutschland gekommen, um hier Zuflucht zu finden.

Sie sind vor einem Krieg geflohen, der seit 2011 mehr als eine Viertel Million Todesopfer gefordert hat. Vor einem Krieg, der wie im Mittelalter Städte und Dörfer mit einem Belagerungsring umgeben hat. In dem Millionen von Menschen über Jahre von jeglicher Hilfe abgeschnitten sind.

Es ist ein Krieg, dessen Vernichtungswut auch vor Kunst und Kultur nicht Halt macht. Die Altstadt von Aleppo, die Zitadelle, Palmyra - Orte, die für den ungeheuren kulturellen Reichtum Syriens standen - sind durch den IS - aber nicht nur durch ihn - geschändet, zerstört, dem Erdboden gleich gemacht worden.

Ich habe Syrien noch kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges mit meinem ältesten Sohn bereisen können. Ich habe all diese Orte noch in ihrer ursprünglichen Schönheit gesehen. Und es tut mir im tiefsten Herzen weh, wenn ich sehe, was aus ihnen geworden ist.

Das Nebeneinander verschiedener Religionen machte den besonderen Zauber Syriens aus - man konnte in die christlichen Viertel gehen und sich ein wenig wie in Paris fühlen. Man konnte in den Moscheen mit jungen Menschen diskutieren, die ihren Lebenssinn im Islam gefunden hatten und dennoch voller Neugier mit uns Westlern über die Bibel, Moses und Jesus diskutieren wollten. 

Das Syrien vor dem Bürgerkrieg war ein Land im Aufbruch, ein Land auf der Suche, ein offenes, ein dialogorientiertes, vor allem ein vielfältiges, ein tolerantes Land. 

Syrien war immer ein Land der Begegnung. Und um diese kulturelle Identität Syriens zu wahren, haben wir gemeinsam mit der UNESCO und in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Gerda Henkel Stiftung Anfang Juni ein internationales Expertentreffen im Auswärtigen Amt ausgerichtet, das Notfallmaßnahmen für den Schutz von Syriens kulturellem Erbe entwickelt hat.

Die junge syrische Architektin Zoya Masoud, eine der Teilnehmerinnen am Forum junger Experten im Rahmen dieser Konferenz, hat es wunderbar gesagt: „Syrien war und ist ein Knotenpunkt zwischen Afrika, Europa und Asien. Durch die Geschichte hinweg gab es hier den Austausch mit unterschiedlichen Regionen, Religionen und ethnischen Gruppen. Man spürt die Chance, die in dieser Vergangenheit liegt. … Der Wiederaufbau ist ein Projekt für alle. Darin liegt das Potenzial für gesellschaftliche Erneuerung.“

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind heute Abend zusammengekommen, um das wahre Syrien, das Syrien jenseits des Bürgerkrieges, zu entdecken. Durch die Fotografien, die sie in dieser Ausstellung sehen können. Der Titel ist Programm: In einer beeindruckenden ästhetischen Sprache ermöglichen Sie, lieber Mohamad al-Roumi, mit Ihren Bildern unterschiedliche Blickwinkel - auf den Menschen als Individuum, aber auch auf die soziale Wirklichkeit der Porträtierten und die geografischen Gegebenheiten Ihres Heimatlandes.

Die Schönheit Syriens und seiner Menschen bildet gleichzeitig einen Kontrapunkt zu den gegenwärtig in unseren Köpfen vorherrschenden Bildern von Syrien, die von Krieg, Leid und Massenflucht geprägt sind.

Dass dieser andere Blick auf Syrien und seine Menschen hier, in den Räumen des Museums für Islamische Kunst, möglich wird, unterstreicht einmal mehr die aktive Rolle, die Museen in unserer Gesellschaft heute spielen können. Dass Museen nicht nur der Beschäftigung mit der Vergangenheit dienen, sondern auch die aktive Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart fördern und Orte der Begegnung sind, hat das Museum für Islamische Kunst unter Ihrer Leitung, lieber Stefan Weber, mit vielen Initiativen unter Beweis gestellt.

Eine dieser Initiativen, an der das Museum als Partner des Auswärtigen Amtes gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut arbeitet, ist die Erstellung eines digitalen Kulturgüterregisters im „Syrian Heritage Archive Project“. Ein solches Register hilft, syrische Kulturgüter vor dem Vergessen zu bewahren. Es freut mich sehr, dass eine weitere Initiative, die wesentlich auf Ihr Engagement zurückgeht - die Ausbildung und der Einsatz von Geflüchteten als Museumsführer im Projekt „Multaka“ - heute Abend noch eine ganz besondere Würdigung erfahren wird! [Anm.: Im Programm folgt Preisverleihung durch Anke Müller/Land der Ideen und Norman Müller/Deutsche Bank als „ausgezeichneter Ort“ im „Land der Ideen“.]

Das Selbstverständnis des Museums haben Sie einmal als einen „Reflektionsraum für kollektive Identitäten“ beschrieben. Raum zu bieten für die Aushandlung kollektiver Identitäten, für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Narrativen – dies beschreibt auch ein leitendes Motiv unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Gemeinsam mit Partnerinstitutionen wollen wir Syrerinnen und Syrer dabei unterstützen, das kulturelle Fundament für eine Nachkriegsordnung zu legen - jenseits der Assad-Diktatur, aber auch jenseits der Machtphantasien einer der religiös-politischen Gruppierungen, die sich anmaßen, die Zukunft des syrischen Volkes allein zu bestimmen.

Dazu gehören der bereits erwähnte Schutz des kulturellen Erbes ebenso wie eine Vielzahl weiterer Projekte und Programme: Das aus rund 20 Institutionen bestehende Archaeological Heritage Network hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, Geflüchtete aus Syrien zu Architekten, Archäologen, Bauforschern, Stadtplanern und Handwerkern aus- und fortzubilden. Über den DAAD und die „Deutsche Albert Einstein Flüchtlingsinitiative“ des UNHCR stellen wir Stipendien für Flüchtlinge in Deutschland und in der Region bereit, damit sie ihre akademische Ausbildung fortsetzen und beim künftigen Wiederaufbau ihrer Heimat Verantwortung übernehmen können. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung ermöglicht verfolgten Wissenschaftlern aus Syrien im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative, ihre Forschungen frei von Bedrohungen fortzuführen.

All das ist - wohlgemerkt - nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist das Mindeste, was wir tun können, um den kulturellen Menschheitsort Syrien - als Land der Vielfalt und der Begegnung - zu erhalten und über die Katastrophe des jetzigen Bürgerkrieges hinüberretten zu helfen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere