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Gedenkrede von Europa-Staatsminister Michael Roth zum 77. Jahrestag der Reichspogromnacht am 09. November im Auswärtigen Amt

09.11.2015

--- es gilt das gesprochene Wort ---

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heute vor 77 Jahren brannten in ganz Deutschland die Synagogen und Gebetshäuser. Organisierte Schlägertrupps zertrümmerten damals die Schaufenster jüdischer Geschäfte und demolierten die Wohnungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Tausende Jüdinnen und Juden wurden brutal misshandelt, verhaftet oder getötet. In dieser Nacht des Grauens wurden die Menschenrechte im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten.
Dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels damals von „spontanem Volkszorn“ sprach, war eine Farce. In Wahrheit waren die Terrorakte reichsweit organisiert. Spätestens in dieser Nacht konnte jeder sehen, dass der Antisemitismus zur neuen Staatsdoktrin des Deutschen Reichs geworden war. Spätestens jetzt war er in der Mitte der Gesellschaft angekommen und verankert. Diese Nacht war der grausame Auftakt zur völligen Entrechtung der Juden in Deutschland und zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

An diese Ereignisse vor 77 Jahren erinnern wir uns heute, wollen ihrer gedenken. Denn die Erinnerung wach halten, heißt auch, sich mit den Höhen und Tiefen unserer wechselhaften Geschichte auseinanderzusetzen und daraus Konsequenzen für unser Handeln im Hier und Jetzt zu ziehen. Denn Antisemitismus und die Ausgrenzung von Minderheiten im Allgemeinen sind mitnichten Probleme von gestern. Sie machen sich auch heute noch in unseren Gesellschaften breit.

Trotz aller bereits unternommenen Anstrengungen müssen wir uns immer wieder selbstkritisch befragen: Tun wir wirklich genug im Kampf gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Fremdenhass? Der NSU-Skandal sowie der Anstieg fremdenfeindlicher Straftaten zeigen uns: Wir dürfen in unseren Bemühungen nicht nachlassen! Niemals dürfen wir wegschauen, wenn Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden!

Gerade jetzt, wo Flüchtlinge aus den Krisenregionen dieser Welt in so großer Zahl zu uns kommen, müssen wir besonders wachsam sein.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie können wir heute, 77 Jahre nach der Reichspogromnacht und 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Erinnerung an den Holocaust wach halten? Schließlich gibt es immer weniger Zeitzeugen, die diese Zeit (über)erlebt haben und uns davon berichten können. Jeder, der einmal einem Überlebenden zugehört hat, fassungslos, erschrocken, berührt, wird mir sicher zustimmen: das vermag kein Buch, kein Film, kein Stück zu erreichen. Wir können so dankbar sein, dass sie uns, solange sie es noch können, ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen und uns mit der grausamen Wirklichkeit des Holocaust konfrontieren.

Lassen Sie uns also neue Formen des Gedenkens finden! Zumal sich jede neue Generation ihre ganz eigenen Wege der Auseinandersetzung mit der Geschichte sucht.

Eine repräsentative Befragung von Jugendlichen ab 14 Jahren, die TNS-Infratest durchgeführt hat, macht mir Mut: Mehr als zwei Drittel der befragten Jugendlichen interessieren sich für die Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust. Ein Drittel war der Auffassung, in der Schule lerne man zu wenig über das Thema. Zwei Drittel sehen die eigene Generation in der Pflicht, die nationalsozialistischen Verbrechen nicht zu vergessen, 80 Prozent halten Holocaustgedenken für sinnvoll. Und 59 Prozent der befragten Jugendlichen empfinden „Scham“ angesichts der deutschen Verbrechen während der NS-Zeit, auch wenn sie selbst keine Schuld daran tragen.

Dieselbe Umfrage stellt aber auch fest: 40 Prozent der Jugendlichen glauben, sich beim Thema NS-Zeit „politisch korrekt“ verhalten zu müssen. 43 Prozent fühlen sich genötigt, „Betroffenheit“ zu zeigen, wenn das Thema angesprochen wird. Und 39 Prozent beklagen, dass man als Deutscher keine Witze über die NS-Zeit machen dürfe.

Was sagen uns diese Zahlen zum Geschichtsbewusstsein der dritten Generation nach dem Holocaust? Vor allem eines: Wir brauchen eine zeitgemäße Erinnerungskultur, die sich viel stärker an den Bedürfnissen und Mediengewohnheiten der jüngeren Generation orientiert.

Lassen Sie mich ein paar Gedanken dazu mit Ihnen teilen. Wir brauchen nach wie vor feste Orte und Tage, um uns zu sammeln und bewusst zu erinnern. Auch die Gespräche mit Zeitzeugen sind unersetzbar – solange wir sie haben. Das gilt auch für die Arbeit in den Mahn- und Gedenkstätten, mit Jugendbegegnungen und Workshops.

Aber daneben müssen wir einen anderen Umgang mit dem Gedenken finden, der die jüngeren Generationen besser erreicht. Wir wissen alle aus unserer alltäglichen Lernpraxis: Es ist wesentlich nachhaltiger, sich Geschichte selbst zu erschließen, als nur vorgefertigte Deutungen zu übernehmen.

Und deshalb freue ich mich besonders, dass wir heute ein Projekt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kennenlernen dürfen. Das Projekt „We will call out your name“ – auf Deutsch: „Wir werden Eure Namen rufen“ – zeigt, wie Gedenken an den Holocaust heute aussehen kann und wie die junge Generation aktiv in diesen Prozess einbezogen werden kann.

Liebe Frau Gerstetter,

Sie sind nicht nur eine wunderbare Sängerin – davon werden wir uns gleich noch überzeugen können. Sie haben uns auch ein ganz besonderes Projekt geschenkt, das mich sehr beeindruckt hat.

Als Sie, liebe Frau Gerstetter, sieben Jahre alt waren, fragten Sie ihre Großtante Jolly, warum denn eine Nummer auf ihren Arm tätowiert sei. Ihre Großtante erzählte Ihnen damals, dass ihr die Nummer, ihre Häftlingsnummer, im Konzentrationslager Auschwitz gestochen wurde. Während Ihre Großtante damals überlebte, starb ihre Schwester Rozsika in Ausschwitz – im Alter von nur sieben Jahren.

Die Geschichte Ihrer von den Nazis ermordeten Großtante hat Sie seitdem nicht mehr losgelassen und Sie haben sie in einem Comicband verarbeitet. Das Besondere an Ihrem Projekt ist nun, dass junge Menschen dazu eingeladen werden, die Geschichte von Rozsika in einem Online-Blog fortzuschreiben. Wie wäre ihr Leben wohl weiter verlaufen, wäre es nicht auf so grausame Weise in Auschwitz beendet worden. Wo würde sie heute leben? Wäre sie verheiratet? Welchen Beruf hätte sie wohl erlernt?

Durch dieses Projekt wird Holocaust-Opfern im übertragenen Sinne ein neues – wenn auch fiktives – Leben geschenkt, das ihnen die Nazis genommen haben. Durch die Auseinandersetzung mit solchen berührenden Einzelschicksalen bekommen junge Leute einen persönlichen Bezug zum Holocaust. Auf diese Weise bekommen abstrakte Opferzahlen ein Gesicht.

Und über diese sehr persönliche Darstellung der Geschichte eines jungen Mädchens kommen wir zwangsläufig zu den immer wiederkehrenden Fragen: Wie konnte das bloß passieren? Wie konnte fast ein ganzes Volk den Nationalsozialismus auf den Leim gehen oder ihn zumindest widerstandslos über sich ergehen lassen? Und übertragen auf die Gegenwart: Wie gehen wir heute mit Intoleranz, Unbarmherzigkeit und Menschenverachtung um, damit sich die Geschichte niemals wiederholen kann?

Der heutige Gedenktag gibt uns einmal mehr auf, die Werte der Demokratie entschlossen und leidenschaftlich zu leben und zu schützen. Das sind wir den vielen Opfern des Holocaust schuldig.

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