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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Indian Ocean – Konferenz im Auswärtigen Amt

09.06.2015

Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Dr. Hamm,
lieber Kurt Beck,

vielen Dank für die ermutigenden Eröffnungsworte. Und vielen Dank für Ihre Zusammenarbeit, die hilft, den Blick auf die Welt zu schärfen und Kenntnisse über Regionen, die fern von uns liegen, in Deutschland zu verbreiten. Das ist wichtig, auch um Vorurteile abzubauen, die manche haben mögen.

Es ist mir eine große Freude, dass wir heute zusammenkommen, um über die Zukunft der aufstrebenden Region des Indischen Ozeans nachzudenken.

Ich freue mich persönlich auch deshalb über diesen Termin, weil er herausfällt aus dem üblichen Tagesschema der Außenpolitik dieser Tage. Wir leben in turbulenten Zeiten. Ich persönlich kann mich jedenfalls in meiner eigenen politischen Biographie an keine Zeit erinnern, in der so viele, so komplexe, so heftige internationale Krisen zusammengetroffen sind. Das beherrscht unseren außenpolitischen Alltag. Aber hinter den Krisen steckt ja mehr – das ist keine zufällige Anhäufung von Krisen, sondern hier entladen sich die Spannungen einer Welt, die - wenn Sie so wollen - aus den Fugen geraten ist, in der internationale Ordnungsstrukturen unter Druck geraten und die tektonischen Platten der Weltpolitik sich verschieben.

Gerade deshalb ist es so wichtig – neben der akuten Krisenpolitik – den Blick zu weiten für diese größeren Verschiebungen und zu fragen, wie internationale Ordnung im 21. Jahrhundert sich weiterentwickeln wird. Und in dieser größeren Perspektive sehe ich unsere heutige Konferenz.

Im vergangenen Jahr habe ich hier im Auswärtigen Amt mit dem „Review 2014“ die Einladung formuliert, uns für diese weiteren, diese größeren Perspektiven ganz bewusst zu öffnen und zu fragen: Wie verändert sich diese Welt eigentlich und wie verändert sich damit auch unsere Rolle, die Rolle deutscher Außenpolitik. Wir haben versucht, den Anspruch des Reviews schon durch das Logo deutlich zu machen, das Sie hier sehen: die Welt neu betrachten, die Lage Deutschlands neu betrachten – die eingefahrenen Denkmuster auf den Kopf stellen!

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So wollen wir es auch heute tun. Wir sprechen in Deutschland oft und selbstverständlich von der „Atlantischen Gemeinschaft“ oder vom „Pazifischen Jahrhundert“. Aber der Indische Ozean? Nur wenige sehen die Region um dieses Weltmeer bisher als einen Kultur- und Wirtschaftsraum – dabei ist er es, schon lange.

Früher durchkreuzten Handelsschiffe den Indischen Ozean; von der Küste Ostafrikas nach China; von Indien bis ins Rote Meer. Waren, Menschen und Ideen bewegten sich frei zwischen alten Kulturräumen der Menschheit, die alle am Indischen Ozean liegen: Von Ostafrika, dem Horn von Afrika und der Arabischen Halbinsel, über den Persischen Golf bis nach Südasien und Südostasien. Mir scheint, als wäre der Zeitpunkt gekommen, dass ein solches Zeitalter von Frieden, Austausch und Kooperation im Indischen Ozean wieder entstehen kann. Aber auch hier gilt: Hierfür muss man arbeiten!

Die Chancen der Region Indischer Ozean sind enorm. Hier lebt schon jetzt ein Drittel der Weltbevölkerung. Alle Weltreligionen sind um den Indischen Ozean vereint. Viele Volkswirtschaften von Kenia über Indien bis Malaysia diversifizieren sich erfolgreich. Experten der Universität Harvard sagen sogar vorher, die Region Indischer Ozean werde in der kommenden Dekade das stärkste Wirtschaftswachstum weltweit erzielen.

Große neue Gasfelder werden entdeckt, wie zuletzt vor Ostafrika. Der Handel über den Indischen Ozean zwischen den benachbarten Kontinenten Afrika, Europa, Asien und Australien wächst rasant. Ambitionierte Infrastruktur-Vorhaben wetten auf eine florierende Zukunft – die Container-Tonnage, die den Indischen Ozean durchquert, soll sich bis 2030 verdoppeln oder verdreifachen. Und all dies wird befeuert durch den technologischen Wandel, der die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten gerade der wachsenden Mittelschichten verbessert: Allein in Ostafrika haben in den letzten 10 Jahren über 130 Millionen Menschen Zugang zum Mobilfunknetz erhalten.

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Aber wie in jeder Weltregion mit hoher Dynamik liegen Chancen und Herausforderungen auch in der Region Indischer Ozean dicht beieinander.

90% des Welthandels geht über Seewege. Wenn das 21. Jahrhundert ein maritimes Jahrhundert wird, dann wird der Indische Ozean ein zentraler Raum der Weltgemeinschaft. Viele der aufstrebenden Wirtschaftsmächte Asiens sind Küstennationen und existenziell auf sichere Meere angewiesen – wie auch wir in Deutschland: Zwei Drittel aller Container mit deutschen Exportgütern durchqueren den Indischen Ozean.

Krisen wie in Somalia, Jemen und den Gebieten unter der Schreckensherrschaft des so genannten Islamischen Staats könnten den aufstrebenden Wirtschaftsraum des Indischen Ozeans destabilisieren. Im schlimmsten Fall greift der Zerfall von Staatlichkeit, der sich oft in kriminellen Tätigkeiten auf See spiegelt, in der gesamten Region weiter um sich. 10 der 20 fragilsten Staaten der Welt befinden sich bereits heute in der Region Indischer Ozean.

Wie können wir diese Staaten stärken? Und wie können wir vielen Millionen Menschen eine bessere Perspektive eröffnen, als die hochgefährliche Migration über das Meer?

70% aller Naturkatastrophen weltweit ereignen sich heute in der Region Indischer Ozean und ganze Inselstaaten sind existentiell vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Wie können wir dem Klimawandel entschieden entgegentreten und gleichzeitig die Küstenstädte von Durban bis Delhi, von Karachi bis Kuala Lumpur dabei unterstützen, klima-resiliente „smart cities“ zu werden?

Die rasante Urbanisierung ist eine weitere geteilte Herausforderung: Allein in Ostafrika werden 2050 ca. 230 Millionen mehr Menschen in Städten leben als heute. Das entspricht fast der gesamten heutigen Bevölkerung von Äthiopien, Tansania, Kenia und Sudan zusammen – oder der ganz Indonesiens. Wie können wir erreichen, dass diese Menschen lebenswerte Städte mit lohnenden Arbeitsmöglichkeiten vorfinden?

Zu viele junge Menschen sind ohne berufliche Perspektive. Welche Formen der Bildung können diese jungen Menschen auf einen Arbeitsmarkt vorbereiten, der sich so rasant verändert wie nie zuvor?

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Liebe Gäste, allein durch diese wenigen Anstriche – sowohl zu den Chancen als auch den Herausforderungen – ergibt sich schon so etwas wie ein neuer Blick, eine neue Perspektive auf die tektonischen Verschiebungen dieser Welt. Viel wird in der Öffentlichkeit vom „Pacific Pivot“ gesprochen, vom Pazifischen Trend. Aber wenn die gerade genannten Fakten stimmen, dann halte ich es auch für uns in Deutschland und Europa für höchste Zeit, das Zeitalter des Indischen Ozeans in den Blick zu nehmen. Wenn solch ein neuer Blick auch in der deutschen Öffentlichkeit ankommt, dann hat diese Konferenz bereits gelohnt.

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Aber es geht nicht nur um Aufmerksamkeit. Es geht am Ende um große politische Herausforderungen: von maritimer Sicherheit, Fragilität von Staaten oder Klimawandel, zu wirtschaftlichem Wachstum, Urbanisierung und beruflicher Bildung. Es liegt in unser aller Interesse, diese Aufgaben gemeinsam anzugehen. Ob Anrainer auf den Kontinenten oder Inselstaat, ob China, USA, Europa oder Deutschland – wir alle haben ein Interesse an einer friedlichen und florierenden Region Indischer Ozean; an einem weiteren Motor für globale Entwicklung; am gemeinsamen Fortschritt verschiedener Kulturen und Religionen; an sicheren Seewegen und einer regelbasierten und nachhaltigen Nutzung maritimer Ressourcen.

Ich würde mich freuen, wenn diese Konferenz, an der so viele Partner und Gäste aus der Region teilnehmen, wie auch unsere europäischen Freunde, den Anstoß gibt, dass wir gemeinsam an Perspektiven für diese Region arbeiten.

Nur durch ein gemeinsames Verständnis von maritime governance zum Beispiel können wir Streitigkeiten zu Seegrenzen und der Nutzung maritimer Ressourcen vermeiden. Nur gemeinsam können wir innovative Entwicklungsansätze wie den Tiefseebergbau und die Blue Economy zum Erfolg führen. Nur gemeinsam können wir die große Zukunft der Region Indischer Ozean zur Realität werden lassen.

Deutschland steht bereit, die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans hierbei zu unterstützen – mit unseren Partnern in Europa und weltweit. Für die gemeinsame Zukunft der Region ist ihre Regionalorganisation, die Indian Ocean Rim Association, IORA, eine wichtige Stütze. Daher freue ich mich, heute ankündigen zu können, dass sich Deutschland als Dialogpartner der Indian Ocean Rim Association bewerben wird. Wir stehen bereit, mit der IORA und ihren Mitgliedern und Dialogpartnern zusammen zu arbeiten, zum Beispiel in den Bereichen maritime Sicherheit und Blue Economy.

In meinen Augen ist diese Konferenz ein kleiner, aber wichtiger Schritt in diese Richtung. Und daher bin ich unseren Mitveranstaltern besonders dankbar, der Robert Bosch Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ohne sie wäre diese Konferenz nicht möglich gewesen. Auch möchte ich den Unternehmen FERROSTAAL und VERIDOS für Ihre freundliche Unterstützung dieser Konferenz danken – nicht zuletzt aber Ihnen allen, die Sie teils sehr weit angereist sind.

Ich wünsche Ihnen allen heute einen interessanten Perspektivwechsel.

Willkommen auf der Indian Ocean Conference!

Vielen Dank.

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