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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier an der Hebrew University in Jerusalem anlässlich der Zeremonie zur Verleihung der Ehrendoktorwürde

31.05.2015

Herr Präsident Ben-Sasson!
Herr Präsident Peres!
Sehr geehrte Empfänger des Ehrendoktortitels!
Liebe Freunde und Verwandte und vor allem:
liebe Absolventen!

Was für ein wunderbares Publikum! Was für ein herr-licher Tag für Ihre Feier und für einen zweistündigen Vortrag über unsere bilateralen Beziehungen .... Ich hoffe, Sie sind darauf vorbereitet...

Nein, keine Bange, ich bin nicht hier, um zu dozieren – ich bin hier, um Ihnen zu gratulieren!

Heute ernten Sie die Früchte Ihrer harten Arbeit. Heute erhalten Sie die Doktorwürde! Masel tov Ihnen allen!

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Wenn ich fragen darf: Wer von Ihnen hat in Jura promoviert? Wunderbar, ich dachte, Sie wären noch in der Bibliothek. Okay, ich gebe es zu: Ich habe auch in Jura promoviert. Als ich vor vielen Jahren auf Ihren Platz saß, bei meiner eigenen Promotionsfeier, hörte ich zufällig, wie sich einige Absolventen darüber unterhielten, welches ihrer Studienfächer das älteste und ehrwürdigste sei. Ein Medizinstudent sagte: „Erinnert Euch: Als Gott Eva erschuf, schnitt er sie aus Adams Rippe. Das war die allererste Operation aller Zeiten. Die Medizin ist also das älteste Fachgebiet!" Ein Architekturstudent wandte ein: „Nein! Zuvor hat Gott die Erde aus dem Chaos erschaffen. Also ist die Architektur das älteste Fach." Doch dann sagte dieser Jurastudent: "Und wo, glaubt Ihr denn, kam das Chaos her?"

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Es war 1984 -ich selbst war gerade mit dem Jurastudium fertig-, als ich zum ersten Mal von einem mutigen und beeindruckenden Mann hörte, der gerade Premierminister von Israel geworden war; ein Mann, der den Weg des jüdischen und demokratischen Staates Israel entscheidend geprägt hat; ein Mann, von dem ich mir nie hätte träumen lassen, dass ich eines Tages an diesem historischen Ort neben ihm sitzen würde. Dieser Mann ist Shimon Peres!

Kwodd HaNassi, Kawodd Gedoll huli, la’Amodd Immcha, we’im tisch’a ischimm elle, hayomm, all Bimma achatt. Todda Rabba!

Vor fünf Jahren besuchte Präsident Peres mein Land. Mitten im Herzen unserer Demokratie, im Deutschen Bundestag, erzählte er uns von seinem Großvater, Rabbi Meltzer. Der kleine Junge Shimon liebte seinen Großvater, und in vielen kalten Winternächten wärmte er sich unter seinem Gebetsmantel. Bis zu dem Tag, an dem die Nazis kamen. Sie zwangen alle Juden der Stadt in die Synagoge. Rabbi Meltzer ging seiner Gemeinde voran, eingehüllt in eben diesen Gebetsmantel. Die Nazis verschlossen die Türen hinter ihnen und steckten die Synagoge in Brand. Von der Gemeinde blieb nichts als glühende Asche übrig.

Diese Geschichte erzählte uns Shimon Peres.

Und doch, in derselben Rede, sprach Präsident Peres von der „einzigartigen Freundschaft“, die heute zwischen Deutschland und Israel besteht. Präsident Peres hat -wie so viele andere Israelis- Deutschland, dem Land der Täter, die Hand gereicht. Und gemeinsam hielten wir uns bei den Händen, über den Abgrund der Vergangenheit hinweg, und bauten eine Brücke der Freundschaft! Diese Freundschaft, liebe Freunde, ist nicht weniger als ein Wunder!

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 „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Vögel sangen...“

schrieb der deutsch-jüdische Dichter Heinrich Heine.

Im Monat Mai vor 70 Jahren verstummten alle Vögel. Der Krieg war zu Ende und die Frühlingssonne brachte das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit ans Licht, die Schoah am jüdischen Volk. Und doch, wieder in eben diesem Monat Mai, nur 20 Jahre später, vor einem halben Jahrhundert also, nahm der Staat Israel diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland auf. Und heute feiern Sie im wunderschönen Monat Mai ihre Promotion und begrüßen den deutschen Außenminister in Ihrer Mitte!

Liebe Freunde: Nur drei Generationen hat er gedauert –ein Wimpernschlag der Geschichte, könnte man sagen: der Weg vom dunkelsten Kapitel der Menschheit zum ihrem hellsten politischen Wunder!

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Drei Generationen – und schauen Sie sich um: Alle drei Generationen sind heute hier unter uns!

Die erste Generation war Zeuge der Dunkelheit. Shimon Peres ist hier. Einige Ihrer Großeltern sind hier. Auch Regina und Zwi Steinitz sind hier. Regina und Zwi überlebten die Hölle der Schoah in Auschwitz und Sachsenhausen. Sie leben in Tel Aviv, aber sie kehren noch immer jedes Jahr nach Deutschland zurück, um vor jungen Deutschen Zeugnis abzulegen über ihr Leid. Vor wenigen Wochen traf ich Regina und Zwi in Sachsenhausen, und sie nahmen meine Einladung an, heute nach Jerusalem zu kommen und mit uns zu feiern. Herzlich willkommen, Zwi und Regina Steinitz!

Lieber Zwi: In derselben Generation wie Sie wurde auch meine Mutter geboren, und zwar nicht weit von Ihrem Heimatort – in Breslau. Breslau war damals ein lebendiges Zentrum jüdischen Lebens – die Stadt von Ferdinand Lassalle, Paul Ehrlich, Edith Stein und Fritz Stern.

Wenige Jahre nach der Geburt meiner Mutter begannen jüdische Familien vor dem Hass und der Gewalt der Nazis zu fliehen. Unter ihnen war auch der große Historiker Richard Koebner. Er kam just hierher an die neu gegründete Hebrew University. Zehn Jahre später musste auch meine Mutter aus Breslau fliehen, nunmehr vor jenem Krieg, den die Nazis über Europa gebracht hatten und der sich jetzt gegen seine Verursacher gewendet hatte...

Und heute? Der Name Richard Koebners ist verewigt im Koebner Centre der Hebrew University, das sich der Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte widmet. Und in Breslau, Koebners Heimatstadt und der Heimatstadt meiner Mutter, ist die alte Synagoge zum Weißen Storch renoviert worden. Dort saß ich vor wenigen Monaten und war Zeuge der ersten Ordinierung von Rabbinern seit dem Krieg. Die vier jungen Rabbiner wurden in Berlin und Potsdam ausgebildet – ein lebendiger Beweis für das jüdische Leben, das wieder aufblüht in Europa und Deutschland! Diese Blüte ist unsere Blüte, sie bereichert uns alle und wir müssen sie vor allen Formen von Antisemitismus, Rassismus und Hass beschützen.

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Und dann folgt die zweite Generation, meine eigene Generation. Die Generation Ihrer Professoren, die Sie durch die vergangenen Forschungsjahre geleitet haben. Und die Generation Ihrer Eltern, die hier in dieser Feier sitzen und so stolz auf Sie sind!

Unsere Generation hat die ersten, vorsichtigen, oft schmerzlichen Annäherungsversuche zwischen unseren beiden Ländern durchlebt – wir als junge Menschen in Deutschland, die sich mit den Verbrechen unserer Väter auseinandersetzten; und Ihre Eltern als junge Leute, die die dunklen, unaussprechlichen Erinnerungen ihrer Eltern zu ergründen suchten.

Viele der frühen Verbindungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland entstanden im Bereich der Wissenschaft. Schon in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, nahm die Hebrew University ihre ersten Kontakte zu deutschen Universitäten auf. Aber erst als ich siebzehn war, reiste erstmals ein deutscher Bundeskanzler nach Jerusalem. Es war Willy Brandt. Und auch zu dieser Zeit war es für viele Menschen in Jerusalem noch schmerzlich, die deutsche Sprache zu hören, die düsterste Erinnerungen wachrief.

Ihr Professor Dror Wahrman beispielsweise war sechzehn Jahre alt, als er herausfand, und auch nur durch Zufall, dass sein Vater Yakov Deutsch sprach. Dror hat mir erzählt, dass er gerade letzte Woche einen alten Brief zuhause gefunden hat, den sein Vater im Alter von fünfzehn Jahren an seinen Vater, Drors Großvater, geschrieben hatte. In dem Brief heißt es: "Vater, ich möchte eine deutschsprachige Lesegruppe auf unserem Balkon gründen. Und ich hoffe, dass keiner kommen wird."

Und heute? Heute sind wir zusammengekommen. Wir haben uns gefunden – durch alle Dunkelheit hindurch. Und nun kommen wir regelmäßig zusammen, auf Reisen, an Universitäten, bei Regierungskonsultationen, zu Geschäftsterminen - und irgendwie, so scheint es mir, auch auf Yakov Wahrmans Balkon.

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Und dann sind da Sie! Die Generation unserer Kinder. Ich denke an meine eigene Tochter. Für sie, wie für viele von Ihnen, hat der deutsch-israelische Austausch einen festen Platz auf ihrem jungen Lebensweg gefunden, bei ihrer Entdeckung der Welt! Besonders Berlin und Tel Aviv ziehen junge Menschen an, wie Magnete der Moderne!

Tausende junger Deutscher kommen jedes Jahr nach Israel und tausende junger Israelis gehen nach Deutschland und tragen dort zum jüdischen Leben bei. In Frankfurt, Köln, Berlin und vielen anderen deutschen Städten gibt es heute jüdische Festivals, jüdisches Theater und jüdische Start-ups ... in Berlin kriegt man heute sogar einen ordentlichen Bagel! Sagte mir jedenfalls ein jüdischer Freund... Wie kann ich denn beurteilen, was ein guter Bagel ist? Ich bin doch ein Goi aus Westfalen – ich kann Ihnen sagen, was ein guter Pumpernickel ist!

***

In diesen Geschichten aus drei Generationen, liebe Freunde, wird das lebendig, worum es bei diesem Wunder wirklich geht: Dieses Wunder ist nicht auf die politische Elite begrenzt. Diese Freundschaft lebt in der ganzen Gesellschaft, sie lebt in tausenden von Geschichten, an jedem einzelnen Tag! Mir kommt dabei eine deutsche Redewendung in den Sinn, für die es keine rechte Übersetzung gibt. Sie heißt: „Deutsche und Israelis sind einander ans Herz gewachsen.“ An die Mediziner: Nein, es handelt sich nicht um einen chirurgischen Eingriff... Sondern, was das für mich persönlich bedeutet; was dieses Wunder im tiefsten Innern ausmacht, gerade wenn ich mich in diese Runde schaue: Das ist eine tiefe Zuneigung  eine Zuneigung, die mich demütig macht, im Angesicht unserer Vergangenheit, und die unerschütterlich ist, wo auch immer uns unser Weg hinführen wird.

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Liebe Absolventen, das war jetzt eine persönliche Geschichte. Aber ja, dessen ungeachtet bin ich auch der Außenminister und weiß, dass die Welt, in der Sie leben, nicht von Zuneigung regiert wird. Diese Welt ist nicht rosig. Da draußen herrscht viel Dunkelheit. Selbst wenn Sie sich an diesem wunderschönen Ort umsehen, von diesem historischen Berg hinabschauen. Da ist Hass, da ist Furcht, da ist Ungerechtigkeit. In Ihrem eigenen Land. In Ihrer Nachbarschaft. Und auch bei uns in Europa.

Aber ich habe Hoffnung! Ich habe Hoffnung, dass Verständigung und Versöhnung und Frieden möglich sind!

Manche mögen das naiv nennen. Und da Sie alle nun Ihren Doktortitel haben, möchte ich Ihnen den stärksten empirischen Beweis für diese Hoffnung liefern, den die Menschheit je gesehen hat – und zwar das Wunder von Deutschland und Israel – das Wunder der Freundschaft nach der Dunkelheit.

Diese Freundschaft ist nicht nur Stoff für die Geschichtsbücher, sondern sie trägt für die Zukunft! Sie ist nicht auf die Generation der Zeitzeugen beschränkt, sondern sie schließt auch die jungen Menschen mit ein und all jene, die erst seit Kurzem in unseren Gesellschaften leben, die als Immigranten nach Deutschland und nach Israel gekommen sind! Sie ist nicht statisch, sondern sie ist lebendig! Und das heißt, sie kann auch die kritischen Fragen verkraften, die Sie als junge Menschen stellen, Ihrer eigenen Regierung und der jeweils anderen.

Und vielleicht sogar gehört dieses Wunder nicht nur unseren beiden Ländern, sondern es kann hinausstrahlen in die Welt! Es kann all jenen Hoffnung geben, die unter Konflikten leiden und in Furcht leben– denn dieses Wunder zeigt: Versöhnung ist möglich.

Liebe Absolventen: Diese deutsch-israelische Freundschaft beweist, dass die harte Arbeit dreier Generationen Wunder wirken kann. Und nun ist es an Ihnen, diese Arbeit fortzuführen. Denn diese Welt braucht viele Wunder!

Herzliche Glückwünsche Ihnen allen! Und im Namen aller Ehrendoktoren danke für diese Auszeichnung, die wir demütig entgegennehmen. Ich fühle mich geehrt und berührt.

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