Hauptinhalt

Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier beim Parlamentarischen Abend Luft- und Raumfahrt im Auswärtigen Amt

11.11.2014

-- es gilt das gesprochene Wort! --

Sehr geehrter Kollege Willsch,
liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,
lieber Gérard Mestrallet,
lieber Tom Enders,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Herzlich Willkommen Ihnen allen im Auswärtigen Amt!

Ich freue mich, heute Tom Enders und Gérard Mestrallet im Auswärtigen Amt begrüßen zu können.

Das Thema des heutigen Abends hat uns vor drei Jahren schon einmal zusammengeführt: Europäische Champions – Sicherung des Industriestandorts Europa. Damals - auf dem Höhepunkt der Europäischen Krise – war das die Sorge um die Zukunftsfähigkeit des europäischen Wirtschaftsstandorts. Und damals wie heute bin ich mit Ihnen der Überzeugung, dass Stabilisierung und Beruhigung der Finanzmärkte nicht ausreichen werden, sondern dass Europa wettbewerbsfähige Industrien erhalten und ausbauen muss.

Deutschland und Frankreich müssen dabei nach meiner festen Überzeugung Hand in Hand gehen. Und wer könnte das besser verkörpern als Sie beide? Schließlich sind gerade die Luft- und Raumfahrt und die Energiewirtschaft schon lange Branchen, in denen ohne europäische Zusammenarbeit gar nichts mehr geht!

Gestern ist der Raumfahrer Alexander Gerst von der Internationalen Raumstation ISS wohlbehalten auf die Erde zurückgekehrt. Wir sind übrigens beide etwa gleichzeitig in Kasachstan gelandet – aber ich gebe zu: er hatte vor der Landung den weiteren Weg. Ich habe abends noch kurz mit ihm telefonieren können. Er ist glücklich und wohlauf!

Morgen wird der Lander Philae der europäischen Sonde Rosetta auf einem Kometen aufsetzen. Beides sind Nachrichten, auf die wir Europäer stolz sein können.

Aber wir sind natürlich nicht die einzigen im Weltraum: Indien ist ein Flug bis zum Mars gelungen. Vielleicht spielt sich dort oben ein Wettbewerb ab, den wir von der Erdoberfläche nur zu gut kennen.

Dieser Eindruck hat sich bei mir auf einer Reise nach Asien verstärkt, von der ich vor einer Woche zurückgekehrt bin. Meine Gespräche in Indonesien und Korea, auch über Fragen der Luftfahrt, haben mir einmal mehr verdeutlicht: Die Welt wartet nicht auf Europa!

Schon heute ist absehbar, dass Europas Anteil am globalen Wachstum bis 2030 von heute 23% auf unter 15% sinken wird. Volkswirtschaften wie China, Indien oder Brasilien fordern unsere Wettbewerbsfähigkeit heraus. Sie begreifen sich längst nicht mehr als „verlängerte Werkbank“ anderer Industriestaaten. Stattdessen setzen sie immer mehr auf Forschung und Entwicklung und nicht mehr nur auf Kostenkonkurrenz.

Künftig kommen im Bereich Luft- und Raumfahrt allein aus China mehr Ingenieure als aus Europa und den USA zusammen. Und Indonesien setzt beim Ausbau der Connectivity seiner 17.000 Inseln verstärkt aufs Flugzeug. Meine indonesischen Gastgeber haben mir bei meinem Besuch auch schon ein Modell des Projekts mit ins Gepäck gegeben, das sie selber bauen wollen.

Die Frage ist: Haben wir Antworten darauf? Wie bleiben wir nicht nur am Ball, sondern einen Spielzug voraus?

Zur Selbstzufriedenheit gibt es keinen Anlass. Stattdessen müssen wir unser technologisches Know How in Europa ausbauen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Dabei sollten wir uns auf unsere Stärken konzentrieren; und zu diesen Stärken gehört eben eine breite und innovative Industrie-Basis.

Von größter Bedeutung ist dabei, dass wir den Übergang zu einer „Industrie 4.0“, der vernetzten und digitalisierten Industrieproduktion, schaffen. Mit unserer breiten industriellen Basis – mit dem Maschinen- und Anlagenbau, unseren Kompetenzen in der Embedded Software und unserer Stärke in der Steuerung komplexer Produktionsprozesse, sind wir in einer besseren Ausgangslage für die nächste Generation industrieller Fertigung als andere!

Diese vierte industrielle Revolution wird jedenfalls ohne eine innovative Luft- und Raumfahrt kaum denkbar sein. In der Raumfahrt geht es schließlich ebenso wie in der Industrie 4.0 um die Verarbeitung und Analyse enormer Datenmengen. „Big Data“ gab es in der Raumfahrt schon lange bevor wir von „Industrie 4.0“ gesprochen haben.

Immer mehr digitale Dienste und Netze stützen sich auf diese Erfahrungen. Google Maps, digitale Kartenwerke aller Art, Erdbeobachtung mit unterschiedlichen Zwecken, von Landwirtschaft über Klima und Wetter bis hin zur Verkehrslenkung, belegen, welche zentrale Rolle die Satelliten- und Raumfahrttechnik für Wertschöpfungsprozesse in vielen Bereichen der Wirtschaft, auch in der industriellen Produktion, spielt.

Dementsprechend müssen wir die Branche auch behandeln. Ich hoffe, das bleibt unsere gemeinsame Überzeugung! Die Aufwendungen der Bundesregierung für die zivile Raumfahrt steigen laufend, auf über 1,3 Mrd. Euro in diesem Jahr.

Erst letzte Woche hat der Bundestag über die strategischen Ziele für die Raumfahrt in dieser Legislaturperiode beraten.

Aber nicht nur die Mittelausstattung für die Raumfahrt soll auch künftig stimmen. Die Raumfahrt soll vor allem noch enger mit anderen Forschungsbereichen verzahnt werden. So wollen wir die deutsche Beteiligung an Schlüsselprojekten wie der erwähnten Kometenmission Rosetta, dem Start des Copernicus-Satelliten Sentinel und natürlich der Mission „Blue Dot“ sichern, womit ich wieder bei Alexander Gerst angekommen bin.

Der hat gestern zwar nicht von seinen Forschungsergebnissen, aber von Beobachtungen berichtet, die durchaus Bezug zur Politik und zur Außenpolitik haben. Ihm sei aufgefallen, hat er mir gesagt, dass aus dem Weltall das nicht mehr sichtbar sei, was hier auf der Erde so häufig Quell von Konflikten und Kriegen ist: Grenzen nämlich!

Dafür trete umso stärker hervor, wo die eigentlichen Probleme unseres Erdballs liegen: Klimaveränderungen, Wassermangel, Wüstenbildungen und Luftverschmutzungen.

Diese Beobachtung ist fast eine Brücke zu unserem nächsten Redner. Denn der Energieerzeugung und –versorgung kommt dabei eine besondere Rolle zu. Gas de France: Das ist Wasser, Energie, Ressourcen und Ressourcenschatz: eines der großen französischen Vorzeigeunternehmen; ein französischer Global Player, dem auch der deutsche Außenminister überall auf der Welt begegnet – ein Unternehmen, das die Märkte kennt, auf denen Europäer Chancen haben, wenn sie dort gemeinsam stärker werden. Sehr geehrter Herr Mestrallet, lieber Gerard: Du hast das Wort!

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere