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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur 20-Jahr-Feier der American Academy

08.10.2014

Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Freunde der American Academy,
vor allem aber: lieber Gary Smith,

Von Jean Monnet, einem der Väter der europäischen Einigung, stammt der kluge Satz „Nichts ist möglich ohne die Menschen, nichts ist dauerhaft ohne Institutionen.“

Die American Academy, deren zwanzigsten Geburtstag wir heute feiern, ist eine wahrhaft bemerkenswerte Institution.

Aber sie wäre nie Wirklichkeit geworden ohne ebenso bemerkenswerte Menschen, die mit ihrer Phantasie, ihrer Erfahrung, ihrer Leidenschaft, ihrer Weitsicht –und, ja, auch mit ihrem Geld – dieses Juwel transatlantischer Begegnung geschaffen und mit Leben gefüllt haben. Sie alle aufzuzählen würde Sie alle den Rest des Abends trefflich unterhalten.

Zumal eine jede und ein jeder von Ihnen ja damit rechnen könnte, auch selbst genannt zu werden. Aber keine Sorge, ich will mich heute Abend auf zwei beschränken.

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Am Anfang stand Richard Holbrooke, damals amerikanischer Botschafter in Deutschland. Ein Diplomat, der den ganzen Instrumentenkasten der Diplomatie nicht nur kannte, sondern auch beherrschte und willens war, ihn einzusetzen. Wer ihn einmal in Aktion erlebt hat, der war ein für alle Mal von dem Klischee geheilt, dass Diplomatie vor allem aus gedämpftem Geplauder bestünde. Das hat nicht nur Slobodan Milosevic erfahren. Sein Ehrgeiz zielte immer darauf, so hat es seine Frau Kati Marton einmal beschrieben, „etwas zu tun, nicht etwas zu sein“. – Kati a warm welcome to you, ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sein können! - „etwas zu tun, nicht etwas zu sein“ So war es auch 1994 in Berlin.

Richard Holbrooke erkannte sehr klar, dass das starke transatlantische Band nach dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Einheit nicht länger allein durch eine existenzielle äußere Bedrohung zusammengehalten würde. Neue Fäden mussten über den Atlantik gesponnen werden. Er hatte viel Vertrauen in dies neue Europa, aber er trat ihm auch fordernd entgegen. Es sollte Verantwortung übernehmen für seine eigene Zukunft und Sicherheit gerade dort, wo diese in Frage gestellt und herausgefordert war wie auf dem Balkan. Holbrooke wollte eine Stätte schaffen für den erwachsenen, aufgeklärten Dialog über den Atlantik als lebendigen Ausdruck unserer von ihm ganz persönlich empfundenen dauerhaften Wertegemeinschaft.

Ideen statt Infanterie, Worte statt Waffen, und das nicht abstrakt und auf Papier, sondern als Begegnungen in Fleisch und Blut. Das war die Gründungsidee der American Academy.

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Wie oft sind wir seitdem hier in diese Villa am Wannsee gepilgert - die vor der Nazizeit der jüdischen Bankiersfamilie Arnhold gehörte, deren Nachkommen so unerhört großzügig geholfen haben, aus ihr diesen wunderbaren Ort der Begegnung zu schaffen - um die besten Köpfe zu sehen und zu hören, die Amerika zu bieten hat: Künstler und Gelehrte, Denker und Dichter. Und ich freue mich, dass auch Angehörige dieser Familie heute hier unter uns sind: vielen Dank also an Ihre Familie, Nina von Maltzahn und Andrew Gundlach!

Es ist ja doch so, dass so mancher in Deutschland bis heute das Vorurteil über die vermeintlich flache amerikanische Kultur sorgfältig hegt und pflegt. Die American Academy und ihre vielen Fellows waren und sind der lebendige Gegenbeweis.

Holbrooke, dieser Mann vieler Talente, verhalf der Academy zu einem guten Start. Er mobilisierte Geld und Freunde, und er begleitete diese junge Institution Zeit seines Lebens mit besonderer Zuwendung und Fürsorge. Ich freue mich, dass die Academy ihm zu Ehren ein „Holbrooke Forum“ ins Leben gerufen hat, in dem seiner nicht nur erinnert wird, sondern in dem ganz in seinem Sinne nach vorn geschaut und Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit gesucht werden. Denn das war immer sein Bestreben: praktische Lösungen zu finden, um der Gewalt, der Armut und dem Leiden in der Welt etwas entgegenzusetzen. Lösungen, die uns dem Frieden, der Gerechtigkeit, der freien Entfaltung eines jeden Menschen Schritt für Schritt näherbringen – auf dem Balkan, in Afrika, in Afghanistan.

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Welcher Herausforderung würde sich Holbrooke heute zuwenden? In einer Welt, in der die Ordnung aus den Fugen zu geraten scheint? Der schwelenden Krise im Osten der Ukraine, die die europäische Friedensordnung bedroht, in die er persönlich soviel Energie und Mühe investiert hatte? Oder der Bedrohung durch die Banden, die sich „Islamischer Staat“ nennen und mit dieser religiösen Bemäntelung teuflischen Schrecken im Irak und in Syrien verbreiten? Oder erneut der Zukunft der transatlantischen Partnerschaft und Freundschaft, die ihm so viel bedeutete?

Während man in Deutschland noch das historische Geschenk genoss, zum ersten Mal in der Geschichte nur von befreundeten Nachbarn umgeben zu sein, erlitten die Vereinigten Staaten den Schock der Anschläge des 11. September. Seitdem haben wir die Herausforderungen der Welt mehr als einmal unterschiedlich beurteilt, haben mehr als einmal unterschiedliche Schlussfolgerungen daraus gezogen. Aber in dieser unübersichtlichen Welt von heute verbindet uns als freie Demokratien, als Verfechter einer freien und friedlichen Weltordnung unendlich viel mehr, als uns trennt. Wie gelingt es uns, diese Nähe auch in praktisches, gemeinsames Handeln für eine neue Ordnung zu übersetzen? Das ist die Herausforderung für uns, aber erst Recht für die nächste Generation, die nicht mehr durch den Kalten Krieg geprägt ist.

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Um die jüngere Generation für diese Partnerschaft zu gewinnen, reicht es eben nicht aus, über den Vertrauensverlust im Zuge von NSA-Affäre und Snowden-Enthüllungen nur die Schultern zu zucken. Wir müssen über die Herausforderungen unserer digitalen Zukunft in ein Gespräch finden über den Atlantik, das am Ende ein gemeinsames Verständnis, gemeinsame Lösungen hervorbringt.

Es muss uns gelingen, das große Projekt einer Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft, das TTIP-Abkommen, aus dem Halblicht der Gerüchte und Fehlwahrnehmungen herauszuholen und es als das voranzutreiben, was es sein soll: das Projekt einer gemeinsamen Prägung von Normen und Standards und Werten, die weltweit ausstrahlen und Maßstäbe setzen können. Nicht für eine Globalisierung der Konzerne, sondern für eine Globalisierung, die unseren Vorstellungen von richtigem Wirtschaften, von sozialem Ausgleich, von der Würde der Arbeit, von Freiheits- und Schutzrechten, von Demokratie, von Lebensqualität und von ihrer ökologischen Verträglichkeit weit über unsere Grenzen hinaus Nachdruck und Wirkung verleiht.

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In der Welt von heute ist der Wettbewerb politischer Systeme in vollem Gange. Unsere westliche Demokratie hat eine Eigenschaft, die mich trotz mancher Schwierigkeiten optimistisch in die Zukunft blicken lässt: die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen und zu erneuern. Das ist unsere Stärke in einer Welt, die sich in dramatischer Geschwindigkeit verändert und in der es deshalb immer mehr auf Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit ankommt. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb viele Menschen in der Welt immer noch mit großen Erwartungen auf uns schauen - nach Amerika wie nach Europa. Die Demokratie ist dann stark, wenn sie sich nicht in Ideologie verfängt, wenn sie nicht ängstlich ist, sondern Problemen realistisch ins Auge sieht und dem freien Denken Raum gibt. Im Innern hat Deutschland genau das geschafft. Wir haben uns wirtschaftspolitisch reformiert und wir haben uns gesellschaftspolitisch geöffnet, auch wenn es nicht einfach war. Deutschland ist heute wirtschaftlich stark und gesellschaftlich offener, gerade nicht weil wir selbstzufrieden, sondern weil wir kritikfähig waren. Dieses offene Denken braucht Deutschland auch in der Außenpolitik. Denn unser Land ist mit der Welt wohl enger verflochten als irgendein anderes Land vergleichbarer Größe. Unser Wohlstand und unsere Sicherheit hängen davon ab, dass wir uns nicht als Insel begreifen.

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Für diese Offenheit des Denkens auch über den Atlantik hinweg steht die American Academy. Sie lebt diese Offenheit jeden Tag. Sie versprüht den Charme und die Produktivität des kritischen Denkens. Und da ist einer, der lädt sie ein, der ermuntert sie, reizt sie, provoziert und inspiriert sie, treibt sie an - seit vielen Jahren. Der gute Geist dieses Ortes ist Gary Smith.

„Nichts ist möglich ohne die Menschen“, sagt Monnet. Ohne Gary wäre die Akademie nie geworden, was sie heute ist. Und es fällt uns schwer, uns diesen Ort der Begegnung ohne ihn vorzustellen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er nicht nur hunderte der klügsten Köpfe Amerikas nach Berlin gelockt, er hat ihnen auch abverlangt, das Beste hierzulassen: ihre Ideen, ihre Begeisterung, ihre Leidenschaft, ihre Freundschaften.

Lieber Gary, Dir – und Deinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern - gilt an diesem Abend unser ganz besonderer Dank, unsere Bewunderung und unsere Anerkennung. Dass die American Academy gewachsen ist, dass sie erwachsen geworden ist, dass sie im Leben dieser Stadt so viele geistige Spuren hinterlassen hat, das verdankt sie zu einem unschätzbaren Teil Dir und Deiner unerschöpflichen Energie, Deiner Zuneigung zu diesem Land, Deiner ewigen Neugier - und auch Deinen uramerikanischen Talenten als begnadeter Netzwerker und als genialer Fundraiser.

Die Freundschaft und Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland braucht Institutionen wie die American Academy, sie braucht Menschen wie Gary Smith, sie braucht die tätige Unterstützung von Ihnen, von uns allen. Und ein besonderer Dank geht heute an Deine Familie und Deine wunderbare Frau! Liebe Chana, lieber Gary – nicht nur in der American Academy, sondern ganz privat sind Amerika und Deutschland einander buchstäblich ans Herz gewachsen.

Ich glaube, keiner heute hier im Saal kann sich so recht vorstellen, wie es ohne Gary Smith mit der Academy weitergehen wird. Aber jeder von uns weiß auch: Du bleibst uns nah! Ich ganz persönlich, jeder hier im Saal, und Deine Institution, die American Academy, weiß, dass wir weiterhin auf Deine Freundschaft und Klugheit bauen können. Und deshalb sage ich voller Zuversicht: Auf bald!

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