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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich des Weltkongresses der Deutschen Auslandsschulen am 04. Juni 2014 in Berlin

04.06.2014

Sehr geehrte Kollegen Abgeordnete,
verehrte Frau Ministerin Löhrmann,
Herr Ernst, Herr Verenkotte,
sehr geehrte Vertreter der Deutschen Auslandsschulen,
liebe Schülerinnen, Schüler und Alumni,

Vor einem halben Jahr bin ich zurückgekehrt in dieses Haus am Werderschen Markt und stellte fest: Das Büro ist dasselbe, aber die Welt drum herum, sie hat sich gewaltig verändert! Die Welt hat 25 Jahre nach Ende der Blockkonfrontation ihre alte Ordnung verloren – Gott sei Dank, denn sie war eine Ordnung von zynischen Gewissheiten, der Spaltung in Ost und West.

Doch das Problem ist: Eine neue Ordnung hat die Welt noch nicht gefunden. Unsere Welt ist eine 'Welt auf der Suche'. Neue Mächte streben empor, in Asien und Lateinamerika: mit großem Selbstbewusstsein, mit Stolz auf die eigenen Traditionen, Kulturen, Lebensweisen. Diese Player sind nicht nur wirtschaftlich stark, sondern sie wollen mitbestimmen. Die Welt ist unübersichtlicher geworden – und allein das ist ein Grund, warum das Gerede von einem 'Neuen Kalten Krieg' im Zuge der Ukraine-Krise Unsinn ist – denn so wie früher kann es in dieser Welt nie wieder kommen: Die neuen Player werden eine neue Ordnung mitgestalten.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Welt dreht sich nicht mehr allein um die westliche Sonne. Und daraus kann man zwei ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen. Die einen resignieren und sagen: Die Welt wächst, doch das Gewicht Europas verblasst – bald wir spielen keine Rolle mehr. Ich sage: Kein Grund zur Resignation – im Gegenteil: Lasst uns den Wettbewerb mit offenen Armen annehmen und der Welt das Beste mit auf die Suche geben, was wir zu bieten haben: das Erbe der europäischen Aufklärung.

Genau das tut die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik: das Goethe-Institut, der Deutsche Akademische Austauschdienst, und das ganze breite Netzwerk, das deutsche Kunst, Literatur, Musik und Sprache in die Welt hinausträgt.

Und vor allem tun das Sie im Deutschen Auslandsschulwesen – jeden Tag, auf fünf Kontinenten, in 141 Auslandsschulen und über 1.800 Partnerschulen. Viele hier im Raum sind Teil dieses Netzwerks: Als Lehrerinnen und Lehrer, als Schulleiterinnen und Schulleiter, als DSD-Fachberater, in beruflichen Bildungsabteilungen und in den Verwaltungen.

Aus meiner Sicht und der des Auswärtigen Amtes ist das, was Sie tun, nicht nur Schmuck und Beiwerk, sondern elementarer Bestandteil deutscher Außenpolitik. Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist seit Willy Brandts Zeiten die "dritte Säule" der Außenpolitik – und diese Säule würde ich jedenfalls gerne wieder stärken!

Deswegen gilt Ihnen zu Beginn dieser Konferenz mein herzlicher Dank – ganz besonders denjenigen, die sich ehrenamtlich in den Vorständen unserer Auslandsschulen engagieren. Stellvertretend für Sie alle ein besonderer Gruß an den Vorsitzenden des WDA, an Sie, lieber Herr Ernst. Ich weiß: Im Hauptjob sind Sie ein vielbeschäftigter Geschäftsmann – aber meine kleine Einführung hat hoffentlich gezeigt: Sie sind eben auch ein ehrenamtlicher Außenpolitiker, und diese Arbeit ist für uns unverzichtbar.

In dieser 'Welt auf der Suche', die ich eingangs beschrieben habe, richten sich viele Augen auf Deutschland. Doch ein bisschen hat man den Eindruck, dass auch Deutschland selbst sich in dieser Welt noch nicht recht verortet hat. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich auf unsere öffentlichen und medialen Debatten schaue, gerade jetzt in der Ukraine-Krise. Das ist einer der Gründe, warum ich zu Beginn dieser Amtszeit den sogenannten "Review-Prozess" der deutschen Außenpolitik gestartet habe.

Jede Verortung beginnt mit der Frage: Wo stehen wir eigentlich jetzt?

Eine aktuelle Studie vom McKinsey Global Institute rechnet vor: Deutschland ist das global am meisten vernetzte Land.

Wir sind wichtigster Teilnehmer der Globalisierung, und zwar nicht nur durch unsere Exportwirtschaft, sondern auch mit Blick auf digitale Datenströme und die Migration von Menschen.

Doch das klingt wie graue Statistik.

Lebendig wird die Sache erst, wenn man einen Blick in unsere Auslandsschulen wirft.

Lassen Sie mich die Lebensstationen eines einzelnen Schülers nachzeichnen – vielleicht erraten Sie ja unterwegs, um wen es geht. Geboren 1965 in Bulgarien, floh ein Junge mit seiner Familie ins politische Asyl nach Deutschland. Kurze Zeit später ging es weiter nach Kenia. 1984 machte er sein Abitur an der Deutschen Schule in Nairobi. Der junge Mann zog nach Deutschland, arbeitete als Übersetzer und Verleger. 1996 erschien sein erster eigener Roman "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall". Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet – und sie hat er alle auf Deutsch verfasst!

Ilja Trojanow ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie unser Land mit der Welt verwoben ist. Und sein Beispiel zeigt noch mehr:

Unsere Vernetzung mit der Welt ist eine "Two-Way-Street". Sie verändert die Welt, aber sie verändert auch unser Land.

Und deswegen heißt Auswärtige Bildungspolitik für mich: Lernen für die Welt genauso wie Lernen von der Welt.

Biographien wie die von Ilja Trojanow prägen heute unser Land. Sie machen es offener, bunter, vielfältiger. Wussten Sie, dass der Bevölkerungsanteil derer, die im Ausland geboren wurden, in Deutschland heute genauso groß ist wie Einwanderungsland schlechthin, den USA?

Das ist gut so! Es ist sogar dringend notwendig. Denn ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, dass wir in 15 Jahren in Deutschland fünf bis sechs Millionen weniger Menschen im Arbeitsalter haben werden, und dass wir deshalb junge Talente händeringend brauchen.

Keine Frage: Deutschland ist attraktiv für junge Menschen. Wir haben heute schon die drittmeisten internationalen Studierenden weltweit.

Doch wir müssen besser werden. Denn der internationale Wettbewerb um Talente geht weiter.

Daher –und Ihnen,  liebe Frau Pieper, gilt dafür herzlicher Dank– ist die Wettbewerbsfähigkeit ein Leitgedanke hinter der Reform des Auslandschulgesetzes.

Dafür haben wir einen Rechtsanspruch auf Förderung für absolventenstarke Schulen eingeführt. Ich weiß aus unseren Gesprächen, dass das schwierig war – aber es war gut.

Dafür haben wir den Auslandsschulen mehr Autonomie in ihrem Budget eingeräumt.

Und dafür haben wir die Förderung der DSD-Schulen im neuen Auslandsschulgesetz nach dem Zuwendungsrecht erstmals gesetzlich festgeschrieben.

All das hat ein klares Ziel: die Grundlagen zu schaffen, damit unsere Auslandsschulen wachsen können.

Na klar, dabei geht’s auch um Geld. Viele von Ihnen wissen, dass der erste Regierungsentwurf für den AKBP-Haushalt in diesem Jahr war um 40 Millionen Euro geschrumpft war. Wir hatten daraufhin viele Gespräche, wir haben gerungen, wir haben uns gestritten mit dem Finanzminister. Nun steht die Bereinigungssitzung für diesen Haushalt an. Da sie erst morgen Nacht sein wird, kann ich Ihnen noch nichts versprechen – aber ich bin zuversichtlich, dass wir morgen diese Kürzung rückgängig machen.

Wenn es unser Ziel ist, möglichst viele und möglichst gut vorbereitete junge Menschen in deutsche akademische und berufliche Ausbildung zu bekommen, dann, meine Damen und Herren, funktioniert eines nicht: Man kann nicht erwarten, dass scharenweise Anfang 20-Jährige aus dem Ausland zum Studium nach Deutschland kommen, die vorher noch nie mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen sind. Dafür kennen wir alle die Tücken unserer Sprache ein bisschen zu gut

Deshalb müssen wir die Bildungsbiographie als Ganze im Blick haben, und dafür müssen unser nationales Bildungswesen und die Instrumente unserer auswärtigen Bildungspolitik ineinander greifen: vom Goethe-Institut mit Sprachkursen für die, die nicht in den Genuss einer Auslands- oder Partnerschule kommen, über die Studienförderung des DAAD, bis hin zur Rückbindung an die deutsche Wissenschaft mit der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Ich bin dankbar, liebe Frau Löhrmann, dass Sie für die Kultusministerkonferenz diesen Willen zur Zusammenarbeit eben bekräftigt haben.

Mark Twain hat 1897 in Wien einen Vortrag gehalten unter dem Titel "Die Schrecken der Deutschen Sprache". Darf ich Ihnen einen kleinen Ausschnitt vorlesen? Twain sagt: "Ich bin der treueste Freund der deutschen Sprache (…) Ich würde nur einige Änderungen anstreben. Ich würde bloß die Sprachmethode - die üppige, weitschweifige Konstruktion - zusammenrücken; die ewige Parenthese unterdrücken, abschaffen, vernichten; die Einführung von mehr als dreizehn Subjekten in einen Satz verbieten; das Zeitwort so weit nach vorne rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann. Mit einem Wort, ich möchte Ihre geliebte Sprache vereinfachen." Und obwohl er so klagt über diese Sprache, ist das Erstaunlichste, meine Damen und Herren: Mark Twain hat den ganzen Vortrag auf Deutsch gehalten…

Sie ahnen, was ich sagen will: ein Maschinenbaustudium in Aachen oder Mathematik in Dresden ist anspruchsvoll genug. Deutschkenntnisse müssen wir so breit wie möglich vorher vermitteln – nur so senken wir die viel zu hohen Abbrecherquoten ausländischer Studierender.

Ich habe vorhin gesagt: Lernen für die Welt, Lernen von der Welt.

Die Alumni unserer Auslandsschulen prägen nicht nur unser Land. Sondern viele von denen, die wir ausbilden, werden später ihr Heimatland prägen, ihre Gesellschaft verändern, Verantwortung in der Welt tragen.

Das zeigt ein Blick auf die lange Liste Ihrer Alumni, die heute die Welt gestalten:

Denken Sie an meinen türkischen Kollegen, Ahmet Davutoglu, an meine ehemalige mexikanische Kollegin Patricia Espinosa, die heute Botschafterin in Berlin ist. Denken Sie an Rolando Villazón oder Dario Fo oder Giovanni di Lorenzo.

Oder denken Sie an die Physikerin Ana María Cetto, die 1962 ihr Abitur an der Deutschen Schule in Mexiko gemacht hat. Ihr Lebensthema ist die atomare Abrüstung – Sie war sie für diese Arbeit an zwei Friedensnobelpreisen beteiligt: 1995 und 2003. Frau Cetto hat einmal gesagt: "In meiner Schulzeit habe ich gelernt, logisch zu denken und diszipliniert zu arbeiten. Das ist etwas, was mich nie verlassen hat, und dafür bin ich der Deutschen Schule sehr dankbar."  Natürlich wollen wir Frau Cetto nicht vereinnahmen: Aber an dieser Stelle dürfen wir ruhig ein bisschen stolz darauf sein, dass die Fähigkeiten, die so viel zu Frieden und Abrüstung beigetragen haben, ihren Anfang an einer Deutschen Auslandsschule nahmen. Und ähnliches gilt für so viele, in so vielen verschiedenen Bereichen, in denen Ihre Alumni Gutes in der Welt bewegen, und darauf können Sie stolz sein!

Damit komme ich am Ende meiner Rede zurück auf das Projekt "Review 2014" – die Selbstverortung deutscher Außenpolitik. Ich habe zu Beginn dieses Jahres viele internationale Außenpolitik-Experten gebeten, ihre Sicht auf Deutschland und vor allem ihre Erwartungen an deutsche Außenpolitik zu formulieren. Wissen Sie, was ich in diesen Beiträgen immer wieder gelesen habe? Stichworte wie: Vermittler, Brückenbauer, interkulturelle Sensibilität, Verständigung.

Auf diese Fähigkeiten kommt es an in einer Welt, die auf der Suche ist. In so einer Welt gibt nicht einer den Ton an, und die anderen laufen hinterher. Kulturen, Werte, Traditionen treffen ungefiltert aufeinander. In so einer Welt läuft Hau-drauf-Politik ins Leere.

Lassen Sie mich zum Schluss also eine Prognose wagen: Wie auch immer dieser Review weitergeht, auswärtige Kultur und Bildung werden eine entscheidende und immer stärkere Rolle spielen.

Und wenn Sie das ähnlich sehen, dann will ich dafür gerne gemeinsam mit Ihnen arbeiten.

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