Hauptinhalt

Rede von Staatsministerin Cornelia Pieper zur Verleihung des Deutsch-Polnischen Preises

14.06.2012

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Bernatowicz,
sehr geehrte Preisträger,
Herr Stadtpräsident Dutkiewicz und
Herr Direktor Scherer – ich möchte hier gleichzeitig auch die Direktorin der polnischen Partnerschule des Deutsch-Polnischen Gymnasiums, Frau Direktor Golisowicz begrüßen -,
sehr geehrte Mitglieder des Preiskomitees für den Deutsch-Polnischen Preis,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Schröder,
sehr geehrte Frau Direktorin Mościcka-Dendys,
sehr geehrter Herr Direktor Miszczak,
Exzellenzen,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine außerordentliche Freude, Sie heute hier in der Villa Borsig begrüßen zu dürfen. Wir sind zusammengekommen, um die Verleihung des Deutsch-Polnischen Preises für das Jahr 2011 feierlich zu begehen. Mit diesem Preis werden seit nunmehr beinahe 20 Jahren besondere Verdienste um die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen gewürdigt. Die Vergabe des Preises ist in jedem Jahr ein großer Tag für unsere beiden Gesellschaften. Sie gibt uns Gelegenheit, innezuhalten und besondere Initiativen zur Mitgestaltung unserer Beziehungen für einen Moment ganz offiziell in das Rampenlicht zu stellen, das sie verdienen. Ein Blick auf die Preisträger 2011 wie der vergangenen Jahre zeigt, wie vielfältig und reich unsere Beziehungen heute sind.

In diesem Jahr wird der Deutsch-Polnische Preis an die Europaschule Deutsch-Polnisches Gymnasium in Löcknitz sowie an die Stadt Breslau verliehen. Auf den ersten Blick mögen diese beiden Preisträger sehr unterschiedlich erscheinen. Wer näher hinsieht, erkennt, dass beide Preisträger in besonderem Maße Anteil daran haben, dass unsere Beziehungen heute gerade da, wo sie besonders fragil sein könnten, stabil und fruchtbar sind.

Ist es denn selbstverständlich, verehrte Gäste, dass polnische und deutsche Kinder zusammen zur Schule gehen und in beiden Sprachen lernen – in einer Region, in der es lange Zeit alles andere als alltäglich war, Brücken zu den Nachbarn zu schlagen? Und ist es denn selbstverständlich, dass eine Stadt wie Breslau sich heute als „Stadt der Begegnung“ in der Mitte Europas präsentiert, anstatt gerade gegenüber Deutschland auf Distanz zu gehen?

Ich möchte das bezweifeln. Die Stadt Breslau und das Deutsch-Polnische Gymnasium Löcknitz mußten in der Vergangenheit aus unterschiedlichen Gründen einen steinigen Weg begehen. Sie haben nicht nur die Steine aus dem Weg geräumt, sondern sind sogar zu Brückenbauern geworden. So tragen sie in hohem Maße dazu bei, dass die deutsch-polnischen Beziehungen heute auf lebendigem Austausch und gewachsenem Vertrauen beruhen. Für das Preiskomitee des Deutsch-Polnischen Preises ist es in gewisser Weise selbst eine Ehre und stets eine große Freude, Verdienste wie die der beiden heutigen Preisträger auszuzeichnen.

Lassen Sie mich nun – als Vertreterin der deutschen Seite des Preiskomitees – näher auf den polnischen Preisträger, die Stadt Breslau eingehen. Eine Stadt, die 1945 weitestgehend in Trümmern lag und deren Bevölkerung in Folge des II. Weltkriegs fast in Gänze ausgetauscht wurde. Meine Damen und Herren, was für eine Herausforderung für die ehemaligen und die neuen Bewohner, was für eine Herausforderung für unsere beiden Gesellschaften! Die neuen Bewohner Breslaus,

noch frisch unter dem Eindruck von Krieg und Besatzung mit allen damit einhergehenden Grausamkeiten – und in vielen Fällen selbst ausgesiedelt aus Gebieten im vormaligen Osten Polens –, standen vor der Aufgabe, eine fremde und stark zerstörte Stadt wieder aufzubauen und dort heimisch zu werden. Was wäre naheliegender gewesen, als den bewussten Schnitt zu suchen, das Trennende zu betonen?

Das Gegenteil ist geschehen. Wer heute nach Breslau fährt, der findet eine junge, dynamische Metropole, die sich selbstbewusst und mit großem Interesse mit allen Facetten ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Die diese kreativ in die städtische Gegenwart integriert und im Rückbezug auf alle vor Ort vorhandenen Traditionen ihre Zukunft als „Stadt der Begegnung“ im Herzen Europas gestaltet.

Um die Größe des Verdienstes voll würdigen zu können, sei noch einmal ein schlaglichtartiger Blick auf einige kaum selbstverständliche Tatsachen gestattet. Jede von ihnen ein Stolperstein, der von engagierten Bürgerinnen und Bürger Breslaus aus dem Weg geräumt wurde.

So ist es bei näherer Betrachtung gar nicht selbstverständlich, dass Breslau alle Besucher mit offenen Armen aufnimmt. Aus Deutschland kamen zunächst vor allem ehemalige Bewohner der Stadt oder Personen, deren Eltern oder Großeltern aus dieser Gegend stammen. Wrocław und seine Einwohner haben den Dialog mit ihnen gewagt, haben ihre Suche nach den Wurzeln nicht selten einfühlsam begleitet. Auf den Spuren der Vergangenheit lernten die ehemaligen Breslauer so unwillkürlich auch das Nachbarland Polen und dessen Gegenwart kennen. Es entstand ein lebendiger Bezug, und aus Besuchern, die zögerlich und misstrauisch gekommen sein mögen, wurden Botschafter für ein modernes und gastfreundliches Land – weil ihnen die heutigen Breslauer die Hand gereicht hatten.

Ebenso wenig ist es selbstverständlich, dass die Universität Breslau – Uniwersytet Wrocławski – im vergangenen Jahr ihre 200-Jahr-Feier begangen hat. In Anwesenheit der Präsidenten Deutschlands, Polens und der Ukraine und unter Rückbezug auf die akademischen Traditionen vor Ort ebenso wie auf die renommierte Lemberger Universität, deren polnische Gelehrte nach dem Krieg in Breslau eine neue Wirkstätte gefunden hatten. 

Und sicher wäre auch falsch, als selbstverständlich abzutun, dass es in Breslau einen Verband der Deutschen Minderheit gibt, der auf das Engste mit verschiedensten Kultureinrichtungen der Stadt zusammenarbeitet und sich als Mittler zwischen Deutschland und Polen versteht. Auch der trilaterale Austausch mit der ukrainisch-lemkischen Minderheit vor Ort ist rege – und die Stadt fördert und genießt die Vielfalt in ihrer Mitte, anstatt sie zu scheuen.

Um ein letztes Beispiel zu nennen, meine Damen und Herren, so ist es auch nicht selbstverständlich, dass wir heute im Deutschen von „Breslau“ sprechen können, ohne in den Verdacht des Revisionismus zu geraten. Und doch wird ganz selbstverständlich im Polnischen der polnische, im Deutschen der deutsche Name verwendet – auch von Polen.

Dass all dies heute entgegen der Widrigkeiten, mit denen wir uns noch vor wenigen Jahrzehnten konfrontiert sahen, DOCH selbstverständlich ist – genau dass zu feiern, sind wir heute zusammengekommen.

Den Rahmen dafür zu schaffen, daran haben Sie, verehrter Herr Stadtpräsident Dutkiewicz, ganz entscheidenden Anteil. Breslau ist heute eine Stadt breitester und stets vertrauensvoller Begegnung von Deutschen und Polen. Ihre Stadt beheimatet zahlreiche Schulen, an denen Deutsch mit besonderem Schwerpunkt unterrichtet und der Austausch mit Deutschland gepflegt wird. Die Germanistik an der Universität Breslau ist die größte in ganz Polen. Ihre Forschungserträge mit besonderem Fokus auf das literarische Schaffen in der Region sind von internationalem Rang. Gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst betreibt die Universität Breslau das renommierte Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien, das gerade vor einigen Wochen sein zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Die Stadtbibliothek betreibt, unterstützt vom Goethe-Institut, einen deutschen Lesesaal. Von Jahr zu Jahr schließlich kommen mehr ausländische Studierende in die Stadt, darunter unzählige junge Deutsche, die hier im Rahmen von ERASMUS ein oder zwei Semester verbringen und später als Freunde immer wieder in die Stadt zurückkommen.

Meine Damen und Herren, unerwähnt lassen wollen wir auch nicht, dass Breslau mit einem Wirtschaftswachstum von über zwölf Prozent zu den dynamischsten Städten in Polen, ja in ganz Europa zählt. Für die Region bedeutet das, dass sich immer mehr internationale Unternehmen hier ansiedeln. Gerade Unternehmen aus Deutschland haben die Stadt längst als attraktiven Standort entdeckt. Die Außenhandelskammer unterhält ein lokales Büro, die Firmen tauschen sich im „Europa-Forum“ aus. Auch für die Bundesländer – insbesondere aus dem grenznahen Raum – genießt die Kooperation mit der niederschlesischen Metropole hohe Priorität, wie nicht zuletzt das vor einigen Wochen feierlich eröffnete Sächsische Verbindungsbüro bezeugt.

Für uns – Deutsche und Polen – bedeutet das nicht zuletzt, dass Kooperation und Austausch in Breslau längst auf der immer wieder beschworenen Augenhöhe stattfinden. Indem Polen und Deutsche in bi- und multinationalen Teams zusammenarbeiten, als Studierende gemeinsam lernen oder sich in Schüler- und Jugendprojekten begegnen, praktizieren sie ganz selbstverständlich die Normalität einer vertrauensgeprägten Nachbarschaft, von der wir so lange nur träumen konnten.

Und genau das ist es, was Breslau für die deutsch-polnischen Beziehungen so besonders macht. Wie kaum ein zweiter Ort ist die Stadt heute verflochten mit dem Nachbarland Deutschland. Auf allen Ebenen, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens findet lebendiger Austausch statt. Wir finden Selbstverständlichkeiten und Normalität genau dort, wo wir sie – das habe ich deutlich gemacht – am wenigsten hätten erwarten dürfen. Wo die Distanz am größten hätte sein können, wurde die Nähe als erstes und beispielgebend für die Gesamtgesellschaft ermöglicht.

Dabei ist „Begegnung“ in Breslau niemals nur „deutsch-polnische Begegnung“. Man ahnt das etwa, wenn man an die Gast-Studierenden aus ganz Europa denkt. Und Breslau versteht es immer wieder, Anknüpfungspunkte an die Stadtgeschichte in zukunftsweisende, integrierende Impulse zu verwandeln. Die ostpolnischen und ukrainischen Bezüge der heutigen Bewohner habe ich bereits erwähnt. Auf die jüdischen Traditionslinien der Stadt besinnt sich Breslau in öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen im „Stadtteil der Toleranz“, wo vier Gotteshäuser unterschiedlicher Bekenntnisse in unmittelbarer Nachbarschaft nebeneinander liegen, ebenso wie in polnisch-deutsch-israelischen Begegnungen im Edith-Stein-Haus. Auch die Nähe zu den Nachbarn im Süden, zu Tschechien und auch Österreich, beide aufs Engste mit der Stadtgeschichte verwoben, rückt immer mehr ins Blickfeld kultureller Initiativen.

Und so nehmen wir denn auch mit großer Freude zur Kenntnis, dass Breslau, Kristallisationspunkt mitteleuropäischer Geschichte wie kaum ein zweiter Ort, sich 2016 als Kulturhauptstadt Europas präsentieren darf. Was für eine wunderbare Bestätigung für diese Stadt, die im deutschen Titel von Norman Davies’ Monographie zur Stadtgeschichte sinnfällig als „Blume Europas“ bezeichnet wird – eine Beschreibung, die jeder Besucher sich gern zu eigen machen wird. Wir ahnen, dass das Motto „Stadt der Begegnung“ noch viele Weiterungen erfahren wird. Das gilt auch für die Fußball-Europameisterschaft, die Breslau in diesen Tagen mit ausrichtet. Dass Sie heute, mitten aus diesem herrlichen Fußballfest heraus, den Weg zu uns gefunden haben, verehrter Herr Stadtpräsident, wissen wir sehr zu schätzen. Wir wünschen Ihrer Stadt von Herzen, dass die Begegnungen während der Europameisterschaft dazu führen werden, dass Breslau viele neue Freunde in ganz Europa gewinnt.

In Deutschland hat Breslau bereits unzählige unverbrüchliche Freunde gewonnen, zum Nutzen unserer beider Gesellschaften. Dafür sprechen wir der Stadt und ihren Bewohnern, allen, die daran Anteil hatten, mit der heutigen Preisverleihung unsere Anerkennung und unseren alleraufrichtigsten Dank aus.

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere