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Grußwort von Staatsministerin Pieper anläßlich des Festakts zum 40-jährigen Jubiläum der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission am 24. Mai 2012 in Braunschweig

24.05.2012

Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrter Herr Botschafter Prawda, lieber Marek,
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Rohse-Paul,
Sehr geehrter Herr Generalsekretär Michallik,
Sehr geehrte Frau Vizepräsidenten Dr. Metze-Mangold,
Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Lässig,
Sehr geehrter Professor Müller,
Sehr geehrter Professor Traba,
Sehr geehrter Herr Michnik,
Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Georg-Eckert-Institus,
Sehr geehrte deutsche und polnische Gäste,

40 Jahre Deutsch-Polnische Schulbuchkommission – das ist der Anlass, der uns heute hier zusammengeführt hat. Er widmet sich einem bedeutenden Projekt unserer bilateralen Beziehungen, einem Durchbruch in der Sicht unserer Länder und Völker aufeinander.

Eine Generation ist es her, dass sich im Februar 1972 in Warschau Historiker, Geographen und Schulbuchexperten unter dem Dach der UNESCO zur ersten Schulbuchkonferenz zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen trafen. Das Jahr 1972 markiert die Wiederaufnahme der deutsch-polnischen diplomatischen Beziehungen.- Diesem Datum ging die Unterzeichnung des „Vertrags über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen“ am 7. Dezember 1970 voraus. Uns allen bleibt für immer der Kniefall von Willy Brandt vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstands im April 1943 im Gedächtnis, der auf symbolische Weise die Verantwortung für die Millionen Opfer des Holocaust übernahm und für die Verbrechen in der Zeit des Dritten Reises um Vergebung und Versöhnung bat.

Willy Brandt selbst schrieb dazu in seinen Erinnerungen: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Diese symbolische Geste brachte eine Wende auch in der Weise, dass Deutschland nunmehr als nachbarschaftliches und friedliches Land wahrgenommen wurde.

Die Vertragsunterzeichnung von Warschau führte zur Belegung der kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Kontakte.

Die vom damaligen deutschen Außenminister Walter Scheel als „Genesungsprozess“ bezeichneten Entwicklungen zwischen Deutschland und Polen waren die ersten Schritte hin zu den exzellenten deutsch-polnischen Beziehungen.

Damals war das ein mutiger Schritt, der in beiden Ländern heftig umstritten war. Gleichzeitig war diese Schulbuchkonferenz ein bedeutendes Element der neuen Ostpolitik der damaligen sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Alter Scheel.

Zum ersten Mal wollten Experten beider Seiten diskutieren, was junge Menschen aus beiden Ländern übereinander wissen sollten, um trotz der damaligen Zugehörigkeit zu zwei entgegen gesetzten politischen Systemen und der tief verwurzelten Verwundungen der Vergangenheit künftig als Partner und Freunde miteinander umgehen zu können.

Heute, 40 Jahre später, werden vielfältige Ergebnisse der Kommissionsarbeit im schulischen Alltag beider Länder praktisch angewandt, sind Schulpartnerschaften, Jugendfreizeiten und viele persönliche Begegnungen zwischen Deutschland und Polen selbstverständlich. Oder und Neiße trennen nicht mehr, sie verbinden die Menschen an beiden Ufern.

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission ist ein bleibendes, herausragendes Beispiel dafür, wie sich auch in Zeiten politisch verhärteter Verhältnisse Formen der Kooperation gestalten lassen, wenn man sich auf gesellschaftlicher Ebene zu einem offenen Dialog zusammensetzt. Dabei war der Ausgang der Debatte darüber, ob die scheinbar bekannten Fakten über geschichtliche Ereignisse oder andere Länder so stimmen, wie sie tradiert worden sind, nicht vorherzusehen.

Die deutsch-polnischen Beziehungen haben in unserer Außenpolitik einen ganz besonderen Stellenwert. Ihre Beziehungsgeschichte ist für beide Seiten wichtige Grundlage ihrer historischen Erfahrung und Identität. Dass es zwei Völkern gelungen ist, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die Polen und Deutsche so nachhaltig geprägt haben, nicht nur zu Normalität sondern sogar zu Freundschaft und enger partnerschaftlicher Zusammenarbeit in Europa zu gelangen – das ist eine weltweit beachtete Erfolgsgeschichte.

Die Arbeit der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission hat dazu ihren ganz spezifischen Beitrag geleistet. Mit ihren bahnbrechenden „Empfehlungen für Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen“ legte die Kommission 1976 eine wichtige Grundlage dafür, dass heute sogar das Projekt eines gemeinsamen Schulbuches für das Fach Geschichte möglich ist.

Die Arbeit der Schulbuchkommission wird seit ihrer Gründung bis heute auf deutscher Seite kontinuierlich vom Auswärtigen Amt gefördert. Denn wir wissen, dass das Wissen der jungen Generation übereinander die unverzichtbare Basis für das ist, was wir politisch, gesellschaftlich oder auch wirtschaftlich gemeinsam erreichen wollen.

Das gemeinsame deutsch-polnische Geschichtsbuch ist ein Projekt von großer Symbolkraft für die deutsch-polnische Verständigung und Aussöhnung. Ich bin froh, dass und gemeinsam mit unseren polnischen Partnern und den Bundesländern in den vergangenen Wochen der Durchbruch gelungen ist. Nun sind ein deutscher und ein polnischer Verlag beauftragt, dieses Buch zu schreiben. 2015 soll der erste Band erscheinen, das fertige Werk soll 2017 / 18 den Schulen zur Verfügung stehen.

Es ist ein Leuchtturmprojekt unserer bilateralen Beziehungen. Gleichzeitig ist es eine konsequente Fortsetzung der Ideen jener Politiker und Wissenschaftler, die 1972 unter schwierigen Rahmenbedingungen den ersten Schritt gewagt haben.

Ich wünsche mir, dass dieser Leuchtturm nicht der einzige bleiben wird. Insbesondere setze ich mich dafür ein, diese Zusammenarbeit nach dem Modell des „Weimarer Dreiecks“ in künftigen Projekten um eine französische Komponente zu ergänzen. So habe ich die Bundeszentrale für politische Bildung gebeten, die DVD zum 20. Jubiläum des Weimarer Dreiecks vom letzten Jahr schon jetzt als Lehrmaterial den Schulen zur Verfügung zu stellen. Im Film diskutieren junge Männer und Frauen aus Osteuropa, Frankreich und Deutschland über die Zukunft Europas. Ich freue mich schon jetzt auf weitere neue Ideen und Projekte!

Wie sagte schon Johann Wolfgang von Goethe: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement und Ihren Beitrag für unsere deutsch-polnischen Beziehungen. Die Zusammenarbeit zwischen unseren Zivilgesellschaften ist ein wesentlicher Beitrag zu deren Vertiefung.

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