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Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier beim Symposium „Begegnungen – Schutzräume für Kinder“ der Peter Maffay-Stiftung in Tutzing, 19.5.2009

19.05.2009

Es gilt das gesprochene Wort!


Lieber Peter Maffay,
sehr geehrter Herr Greiner,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren Abgeordneten,
sehr geehrter Bischof Huber,
meine Damen und Herren!

Sie haben mich gebeten, aus meiner Sicht des Politikers etwas zu sagen, wie wir geschützte Räume und Orte der Begegnung für Kinder schaffen können. Das will ich gerne tun. Und als wir eben über diese wunderbare Landschaft hier geflogen sind, da sind mir noch einmal ein paar Bilder aus meiner eigenen Kindheit und Jugend in Erinnerung gekommen. Wo ich solche „geschützten“ Räume der Freude und des Lernens erlebt habe, wie sie Peter Maffay mit seiner Stiftung schafft:

Der Raum meiner Kindheit, an den ich die vielleicht intensivsten Erinnerungen habe, das ist eigentlich kein geschlossener Raum. Sondern das sind die Schonungen oberhalb meines Heimatdorfs. Meine Mutter arbeitete dort, wie man bei uns sagte, „im Forst“, wie viele Flüchtlingsfrauen! Den ganzen Sommer, mehrere Sommer habe ich verlebt mich Gleichaltrigen von morgens früh bis spät Nachmittags. Ohne Not, ohne Angst.  Das ist, zugegebener-maßen, eine sehr schöne Kindheitserinnerung. Und ich kann Ihnen versichern, so idyllisch, wie es sich jetzt anhört, war es auch nicht. Sondern das war mit harter Arbeit für die Erwachsenen verbunden.

Nichtsdestoweniger: Wenn man wie ich und wie Sie alle hier ein wenig in unserem Land herum kommt, dann weiß man diese Kindheitserinnerung besonders zu schätzen.

Die Welt hat sich verändert. Auch bei uns. Und nicht immer zum besseren. Vielleicht nicht so sehr in Tutzing, in Berlin, Köln-Chorweiler, Duisburg-Marxloh, Hamburg-Wiltensburg schon!
Vor ein paar Tagen war ich erst in Neukölln, einem absoluten Problemkiez in Berlin.

Ein Quartier, das weitestgehend abgeschottet von dem lebt, was wir als eine funktionierende Gesellschaft begreifen. In dem soziales Verhalten – besser sagt man: Unverhalten – sich auf der Strasse breit macht. Betreuung gibt’s da kaum noch! Weder staatlich noch privat. Geht auch kaum, weil im Wortsinne und im übertragenen Sinne die Zugänge in diese Parallelgesellschaft fehlen. Das fängt mit der Sprache an, das geht aber weiter über kulturelle Unterschiede bis hin zu Verhaltensmaßstäben.

Hier von Schulbildung zu sprechen, ist schon fast unmöglich. Die meisten Kinder schwänzen. Und die, die nicht schwänzen, brauchen Betreuung. Mit normalem Unterricht ist hier wenig zu erreichen. Sondern hier geht es eher darum, die Bildungsverweigerung aufzubrechen. Und dafür sind unsere Lehrerinnen und Lehrer nicht ausgebildet. Hier brauchen Sie mehr Unterstützung. Vom Staat, von Betreuungseinrichtungen und von der Zivilgesellschaft.

Auch das macht Projekte wie das von Peter Maffay und von vielen hier im Saal so notwendig!

Nur so schaffen wir die positiven Beispiele, an denen sich die Kinder und Jugendlichen in diesen Stadteilen orientieren können. Die Vorbilder, an denen sie sich aufrichten können, wenn es einmal nicht so läuft. Wer laufen will, der muss zu erst gehen lernen. Und die ersten Schritte sind bekanntlich die schwersten. Deswegen ist es so wichtig, dass wir früh anfangen. In den Vorschulen und Kindergärten, bei der Hausaufgabenbetreuung und in den Grundschulen.

Wie gesagt, es gibt auch positive Beispiele. Zum Beispiel die Stadtteilmütter in Neukölln und Kreuzberg. Hier gehen Mütter, die den Weg aus der Parallelgesellschaft heraus geschafft haben, zu den Familien, in denen es Probleme gibt. Beraten sie in Fragen der Erziehung und der Ernährung, schlichten Streite, klären auf über Sexualität und warum es wichtig ist, zur Schule zu gehen. Diese Stadtteilmütter haben mittlerweile in ganz vielen Berliner Bezirken Nachfolger gefunden. Weil das Modell funktioniert. Vor allem, weil die Stadtteilmütter glaubwürdig sind. Weil sie durch ihr Vorbild Hoffnung geben.

Und wir brauchen mehr Erfolgsgeschichten wie die, auf die ich vor drei Wochen in Mainz gestoßen bin: Ein Mädchen, das ohne Schulabschluss war. Das sich danach einen Ruck gegeben und rangeklotzt hat, intensiv unterstützt wurde, es bis zum Abitur gebracht hat und heute studiert. Das zeigt, was möglich ist! Nicht überall und bei jedem, aber ganz sicher viel häufiger.

Und das möglich zu machen, das ist unser Job als Politiker.

Aber nicht nur hier bei uns. Das sollten wir bei alldem nicht vergessen: So groß uns die Probleme hier oft erscheinen, so gewaltig viel größer sind sie in vielen anderen Ländern dieser Welt. Und auch hier ist unsere Hilfe gefragt.

Als Außenminister kommt man ja auch im Ausland so ein bißchen rund. Und kann bei dem ein oder anderen Projekt mit anpacken, helfen und unterstützen.

Und eines war mir dabei immer besonders wichtig: dass es Projekte sind, die Chancen eröffnen. Den Erwachsenen, aber vor allem den Kindern. Denn die leiden am meisten unter sozialer Not und Ungerechtigkeit!

Ein paar Anstöße konnten wir in den letzten drei Jahren geben. Drei, die mir besonders am Herzen liegen, will ich hier nennen.

Da sind zunächst einmal die deutschen Schulen im Ausland. Die wenigsten hier bei uns im Lande wissen ja, dass kein anderes Land so viele Kinder anderer Nationalitäten ausbildet, wie wir. Die Schulen der anderen Nationen sind in erster Linie für die sogenannten „expatriates“. Unsere dagegen verstehen sich als Partner. Und ein besonders gutes Beispiel für diesen Ansatz ist unsere Schule in Jakarta, einer Megacity mit dramatischen Mängeln in der Organisation des Alltags und der Hygiene. Vor einem Jahr war ich zur 50 Jahrfeier dort. Habe Kinder aus einem Dutzend Nationen und aus vier Religionen gesehen, die zusammen lernen und arbeiten – und unsere Sprache sprechen.

- So fühlt sich „Glück“ an. -

Das macht Mut, auch hier bei uns, und das ist wichtig für unser Land. Denn diese jungen Leute bleiben auch später Deutschland verbunden und ich bin sicher: der ein oder andere, der jetzt in eine deutsche Schule im Ausland geht, wird später meinen Nachfolger auf Deutsch begrüßen. So wie das heute meine mexikanische oder griechische Amtskolleginnen tun – beide von den Deutschen Schulen.

Noch ein zweites Beispiel will ich nennen, das mich sehr bewegt hat. Und auch wenn wir hier in der evangelischen Akademie sind, sei nicht verschwiegen, dass es von einem Franziskanerpater geleitet wird.
Aber nicht deswegen erwähne ich das, sondern weil es mir ein gutes Beispiel dafür scheint, wie wir gute Beispiele aus dem Ausland auch bei uns unterstützen können.

Auf meiner ersten Brasilienreise 2006 hatte ich in Rio de Janeiro die Hafenschule von Pater Eckart Höfling besucht. In einer der schlimmsten Favelas dort hat er vor 30 Jahren in einem Elend zu arbeiten begonnen, dass wir uns hier nicht vorstellen können und das so schlimm war, dass sein eigener Orden die Arbeit aufgeben wollte.
Nicht so Pater Eckart. Er hat privates Geld gesammelt, die Kinder von der Straße geholt, Kindergärten aufgebaut und Schulen und Hospitäler. Er hat einem ganzes Stadtviertel, besser gesagt einer ganzen Stadt Hoffnung gegeben.
Kinder, die zum ersten mal in ihrem Leben sich nicht um das tägliche Brot prügeln müssen
die keine Angst vorm gewalttätigen Dealer der drogensüchtigen Mutter haben müssen
die als Minderjährige dort im Hafenviertel nicht mit 12 oder 13 schon in der Prostitution landen
Kinder, die eine Chance haben nicht nur zu überleben (schon das wäre eine Leistung), sondern eine Chance auf Zukunft.

Die leuchtenden Kinderaugen seiner Schüler habe ich damals nicht vergessen und hat mich sehr gefreut, dass ich dann zwei Jahre später helfen konnte, dass ihn 30 seiner Schüler zu einer Preisverleihung nach Deutschland begleiten durften. Und in Berlin ein wirklich auch für uns ermutigendes Zeugnis und Beispiel geben konnten, wie gelebtes Engagement in Kleinen die Dinge im großen verändern kann.

Schließen möchte ich mit einem dritten Beispiel aus einem Kontinent, auf den wir uns in unserer Arbeit der letzten Jahre besonders konzentriert haben und weiter konzentrieren müssen: Afrika. Auf einer meiner Reisen dort war ich auch in Ouagadougou, Hauptstadt von burkina Faso, früher Obervolta!. Und ich weiß aus eigener Anschauung, dass es dort kein Steuerparadies gibt. Dafür aber eine Fußballschule, die wir über die Deutsche Botschaft ans Laufen gebracht haben. In der Kindern aus wirklich ärmsten Verhältnissen zum ersten Mal in ihrem Leben mit etwas Bildung in Berührung kommen.  Kinder aus trostlosen Verhältnissen, Straßenkinder, jugendliche Gewaltopfer, ehemalige Kindersoldaten, die ihre Erlebnisse größter Grausamkeit ein Leben lang mit sich herumtragen müssen! Einige von denen haben zum ersten Mal in ihrem Leben sowas wie Halt und Heimat gefunden.

Als Außenminister habe ich oft genug erlebt, wie Fußball die Kinder dort abholt, wo es an staatlicher Betreuung oder an einer funktionierenden Gesellschaft überhaupt mangelt.

Ich sage das nicht nur, weil Philipp Lahm heute hier ist. Der ja mit seiner Stiftung auch in Afrika besonders engagiert ist. Herzlich willkommen!

Es waren die Spieler der Fußballnationalmannschaft der Elfenbeinküste, die das Land nach Beendigung des Bürgerkrieges zusammen gehalten haben. Und über unsere Fußballschule werden eben nicht nur 3 Stunden Fußball, sondern auch fünf Stunden Schulunterricht ermöglicht. Nach drei Jahren haben die Kinder so nicht nur das sportliche Talent, sondern auch wenigstens einen Grundschulabschluss – und dieses wenigstens ist in einem Land mit 80% Analphabeten eine hervorragende Leistung!

Nochmals: so etwas möglich zu machen, das ist Aufgabe der Politik. Das kann aber Politik nicht alleine leisten. Auch deswegen bin ich so gerne hierher nach Tutzing gekommen: Ihre Veranstaltung heute, lieber Peter Maffay, steht für Ihr persönliches Engagement und sie steht für das Engagement aller Anwesenden hier und von Millionen von Menschen in Deutschland, die sich ehrenamtlich einsetzen und engagieren für das Wohl der Kinder.

Ich freue mich sehr, dass so viele Künstler heute dem Ruf von Peter Maffay gefolgt sind. Ihr Engagement zählt doppelt.
Nicht nur, weil Sie bekannt sind, weil man denjenigen besonders glaubt, die besonders sind, ihren eigenen Lebensstil haben, und dennoch Verantwortung übernehmen und sich für Gesellschaft engagieren.

Lassen Sie uns alle gemeinsam daran arbeiten: an einer Welt mit glücklichen Kindern in einer gerechten und solidarischen Gesellschaft!
Vielen Dank!

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