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"Toleranz, Dialog, Austausch – was kann Kultur in der Außenpolitik?"

07.11.2007

Rede des Leiters der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, Martin Kobler, anlässlich der Verleihung des Rave-Forschungspreis

-Es gilt das gesprochene Wort-

Der Tübinger Politikwissenschaftler Volker Rittberger hat vor ein paar Jahren bei einer Tagung hier im Ifa gesagt: die Auswärtige Kulturpolitik sei ein "Stiefkind der Forschung". Wenn ich mir ansehe, was für hervorragende Forschungsarbeiten hier seit einigen Jahren mit dem Ravepreis bedacht werden, kann ich nur sagen: Man kann sich freuen, was das für eine tolle Familie ist, die solche prächtigen Stiefkinder hervorbringt!

Frau Dr. Schäfer, ich möchte Ihnen ganz herzlich gratulieren zum Ravepreis, der Ihnen heute verliehen wird. Sie haben nicht nur eine hervorragende Forschungsarbeit zu den Kulturbeziehungen im Mittelmeerraum geschrieben. Sie haben auch bewiesen, dass man auf hohem wissenschaftlichen Niveau dicke Bretter bohren kann, und dabei doch so verständlich schreiben kann, dass man auch einen Laien nicht abschreckt.

Und Sie haben meinen großen Respekt schon deshalb, weil die Auswärtige Kulturpolitik sich in der Schnittmenge von Kultur und internationalen Beziehungen bewegt – zwei riesigen Forschungsbereichen. In Ihrer Arbeit zitieren Sie einen Wissenschaftler, der es so formuliert: „Beide Begriffe, Kultur und Außenpolitik, holen zu großen Gesten aus.“

Ich selbst möchte heute abend zwar nicht zu "großen Gesten" ausholen. Aber ich möchte sie zu ein paar allgemeinen Überlegungen einladen, wozu – mit welcher Zielrichtung – wir überhaupt Kultur in der Außenpolitik betreiben.

Denn ich bin der festen Überzeugung: Es ist wichtig, dass wir uns ab und zu überlegen, wofür wir soviel Geld und Energie aufwenden. Nur wenn wir uns regelmäßig darüber Rechenschaft ablegen, können wir überprüfen, ob unsere Marschrichtung stimmt – ob unsere Ziele und unsere Mittel noch zusammen passen.

Im Titel meines heutigen Vortrags steckt eine Frage: "Was kann Kultur in der Außenpolitik erreichen?". Dem möchte ich mich über einen kleinen Umweg nähern, denn diese Frage gehört in einen größeren Zusammenhang:

Der französische Philosoph Régis Debray schreibt in seinem neuen Buch, die Globalisierung führe dazu, dass sich in Wirtschaft und Politik alles angleiche, in der Kultur hingegen führe die Globalisierung zur Balkanisierung – also zur Parzellierung und zum Ansteigen der Konflikte. Stimmt das?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass in der Globalisierung alles ähnlicher wird – auch die Kultur -, und das führt dazu, dass die wenigen verbleibenden kulturellen Unterschiede aufgewertet werden, selbst wenn sie eigentlich nur unbedeutend sind. Was stimmt nun?

Was ich in den letzten Jahren festgestellt habe war, dass es nicht nur um Missverständnisse zwischen den Menschen aus dem arabischen und westlichen Kulturkreis geht. Es handelt sich nicht nur um Scheinprobleme, die größer aussehen als sie in Wahrheit sind: Unser Problem sind vielmehr tatsächliche, reale Feindseligkeiten.

Im Irak sowieso: Dort herrscht blanke Anarchie. Jeden Tag fühlt man sich dort an den „Krieg aller gegen alle“ von Thomas Hobbes erinnert. Aber auch in anderen Staaten der Region ist die Situation schwieriger geworden. Dort herrscht kein permanenter Terror wie in Bagdad, aber eine schleichende Verbrämung von Religion und Machtpolitik mit Gewalt.

Im Grunde ist die Frage doch ganz einfach zu formulieren: Wie können die Menschen, obwohl sie alle unterschiedlich sind, zusammen leben in der einen Welt, ohne einander mit Hass und Gewalt zu begegnen? Das ist nicht zuviel verlangt! Aber so einfach die Frage ist, so schwierig ist die Antwort.

Ich möchte mich diesem spannenden Thema nähern, in dem ich Ihnen ein paar Thesen vorstelle, die ich in diesem Zusammenhang für zentral halte: Sie kreisen um die Begriffe "Toleranz", "Dialog", und "Austausch":

1. These: Es gibt zuviele Modeworte, die so tun, als trügen sie zur Verständigung der Völker bei.

2. These: "Toleranz" als Antwort reicht nicht, denn sie will viel zu wenig.

3. These: "Dialog" reicht auch nicht, denn er will viel zuviel.

4. These: Der praktische Kulturaustausch, die "Mühen der Ebene", wie Brecht sie nannte, sind das einzig erfolgversprechende Konzept.

Toleranz, Dialog, Austausch – eine Inflation von Begriffen, die meist ohne großes Nachdenken synonym verwendet werden. Haben sie also überhaupt noch eine Relevanz? Meine erste These lautet: nein, denn die meisten verwenden sie, ohne sich Gedanken zu machen, was eigentlich damit gemeint ist. Das birgt die Gefahr, dass sie eher den Blick vernebeln, denn sie lenken von den wahren Problemen ab.

Das erste Beispiel ist der Begriff der Toleranz. Landläufig wird er in Sätzen gebraucht wie: "Wir müssen Fremden, Ausländern und Andersgläubigen gegenüber toleranter sein, dann ist harmonisches Zusammenleben möglich." Dem würde erstmal keiner widersprechen wollen. Aber stimmt das wirklich? Ist es Toleranz, die wir da brauchen?

Bernard-Henry Levy hat in einem Interview mit der ifa-Zeitschrift "Kulturaustausch" einmal gesagt: "Man ist nicht einem Freund gegenüber tolerant, sondern einem Gegner. Toleranz setzt eine Art von Feindseligkeit, eine gewisse Distanz, eine Andersartigkeit voraus". Dem entspricht auch die Herkunft des Worts: das lateinische tolerare heißt "Ertragen" oder "Durchstehen" und kommt von tolus= die "Last". Nur wenn uns das Gegenüber eine Last ist, können wir ihn „tolerieren“. Das heißt zum Beispiel auch: Wenn mir egal ist, ob Lehrerinnen in Deutschland Kopftücher tragen, bin ich nicht tolerant, sondern indifferent.

Toleranz ist also zuwenig, wenn wir zu einem gedeihlichen Zusammenleben gelangen wollen, denn sie markiert ja offensichtlich nur die Grenze zu einem widerwillig geduldeten Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Andershandelnden. Daher meine zweite These: "Toleranz reicht nicht, denn sie will viel zuwenig!"

Bevor ich nun zur dritten These komme, gestatten Sie mir einen Exkurs zum Thema Religion und Außenpolitik. Beginnen möchte ich dabei mit der provokanten Frage: Warum müssen wir uns überhaupt mit Religion beschäftigen? Mit "wir" meine ich das Auswärtige Amt – das Außenministerium eines säkularen Staates.

Auf den ersten Blick ist das völlig asymmetrisch: Die Ausgangsfrage war: "Wie können wir friedlich Zusammenleben?". Das ist recht eigentlich Politik – nämlich Außenpolitik. Vielleicht berührt es die Sicherheitspolitik, vielleicht die Integrationspolitik. Aber Religion?

Trotzdem redet heute jeder über die Religion und ihre Renaissance: Vor einem Monat habe ich die Frankfurter Buchmesse besucht, und ich habe gesehen: Sogar der Suhrkamp-Verlag – wahrhaftig keine traditionelle Heimstätte gottesfürchtiger Theologen – hat jetzt einen "Verlag der Weltreligionen" gegründet. Müssen wir uns da nicht ernsthaft Sorgen machen – oder uns wenigstens wundern?

Die Frage stellen, heißt sie verneinen: Natürlich ist es kein Wunder, dass alle über Religion sprechen. Und auch wir, die wir uns mit Außenpolitik beschäftigen, müssen uns mit der Religion beschäftigen, denn beides, Religion und Außenpolitik, hat eine Menge miteinander zu tun:

Wir leben in Zeiten, in denen sich das Leben für fast alle Menschen auf der Welt stark beschleunigt. Letztlich ist das, was wir "Globalisierung" nennen, ganz einfach zu beschreiben: Es gibt mehr Güter, die in Umlauf kommen, mehr Tourismus, mehr Migration, mehr Information, mehr Bilder, mehr Eindrücke….mehr von allem, eben. Viele einzelne Menschen, aber auch Gruppen von Menschen, Gesellschaften und sogar ganze Kulturen bekommen dabei das Gefühl, sie geraten unter Druck, sie werden beiseite gedrückt oder verlieren den Boden unter den Füßen. Deshalb klammern sie sich an Gewohnheiten und Traditionen, an die Gemeinschaft, die Nation und – genau: – an die Religion.

Und genau in diesem Moment gewinnt die Religion an politischer Bedeutung! Denn sie ist ein Produkt der politischen und wirtschaftlichen Umwelt und hat auch wieder Auswirkungen auf diese Umwelt. Nun darf man natürlich nicht den Denkfehler machen und sagen: Islamistische Hassprediger gegen alles Westliche sind eigentlich nur Opfer der Globalisierung.

Was ich sagen will ist nur: Es gibt eine große Gruppe von Menschen, die sich von der Globalisierung überfordert fühlt. Und es gibt eine Tendenz – übrigens weltweit, nicht nur in der islamischen Welt – sich wieder auf religiöse Traditionen zu besinnen. Und wir müssen aufpassen, dass das nicht weiter von Aggressoren ausgenutzt wird, die in dieser Situation ihr eigenes politisches Süppchen kochen wollen.

Die spannende Frage ist nun: Wie können wir das erreichen – wie schaffen wir es, dass die religiös aufgeladenen Gesellschaften (oder Gruppen in diesen Gesellschaften) sich nicht im Namen ihrer Religion anfeinden? „Toleranz“ reicht dabei – wie wir gesehen haben - nicht aus, denn sie will viel zuwenig!

Meine dritte These lautet: auch das Konzept des "Dialogs" reicht als Antwort nicht aus, denn er will zuviel – er setzt zu hoch an. Was meine ich damit? Auf den ersten Blick scheint klar, was mit dem "Dialog der Kulturen bzw. Dialog der Religionen" gemeint ist. Ein Dialog, das Miteinander-Reden, ist immer eine gute Idee. Auch dieser Begriff klingt so freundlich und unangreifbar, dass ihm niemand widersprechen mag.

Doch wir müssen uns fragen: Welcher Dialog soll das eigentlich sein, ein "Dialog der Religionen"?: Wer soll einen solchen Dialog führen? Mit welchem Inhalt? Und welche konkrete Ergebnisse kann man sich von so einem Dialog erhoffen?

Zunächst einmal muss man festhalten: Nicht jeder Dialog, der zwischen zwei Menschen stattfindet, von denen einer aus dem Westen und einer aus einem islamisch geprägten Land kommt, ist gleich ein "Dialog der Religionen": Wenn der ägyptische Autor Nagib Mahfus nach Deutschland kommt, ist das noch nicht automatisch ein Beitrag zum "Dialog der Religionen". Und Günter Grass würde sich herzlich bedanken, wenn wir ihn als Vertreter des Christentums zu einer Lesung oder zu einer Podiumsdiskussion nach Kairo schicken wollten!

Doch selbst, wenn wir uns an die Fachleute in Sachen Religion halten: Bringt es uns weiter, wenn wir zu religiös-kulturphilosophischen Themen Podiumsdiskussionen mit Theologen aus dem Westen und der islamischen Welt veranstalten? Werden die sich nicht allzu oft auf einem Abstraktionsniveau einigen oder streiten, das nicht mehr viel mit den wahren Problemen der Menschen zu tun hat?

Außenminister Steinmeier hat einmal gesagt: Wir brauchen keinen "Dialog der Kulturen", sondern eine "Kultur des Dialogs". Ich glaube, das zeigt die Richtung, in die wir denken müssen.

Solange wir uns nur, oder in erster Linie, als "Muslime" und "Christen" oder "Muslime" und "Westler" betrachten, ist keine Besserung in Sicht. Wir dürfen nicht wie das Kaninchen auf die Schlange auf das „Andere“ starren, sonst schaffen wir es nicht, aus dem Schema auszubrechen, das Samuel Huntington den "Zusammenprall der Zivilisationen" genannt hat. Wir sollten uns bemühen, uns nicht als "Andere" zu begegnen.

Identität -  das ist nichts, was sich an einigen wenigen – geschweige denn einem einzigen – Merkmal festmachen lässt. Im Gegenteil: Die Verkürzung der kulturellen Identität auf eines oder wenige Merkmale beschreibt niemanden von uns zutreffend und nimmt uns jede Freiheit: Was bin ich denn "am meisten"?: Schwabe, Europäer, Deutscher, ein Familienvater, VfB-Stuttgart-Fan, Protestant, Beamter, Nichtraucher? Will ich mich für eins entscheiden müssen?

Eine Verkürzung der Identität kann schreckliche Folgen haben, das kennen wir aus unserer eigenen Geschichte. Amartya Sen, der indische Nobelpreisträger, hat diese Verkürzung von Identität als "Miniaturisierung" der Menschen bezeichnet. Wir müssen daher aufpassen, dass wir nicht in diese "Identitätsfalle" treten, die uns auch mit der inzwischen weltweit aktiven "Dialog-Industrie" droht. Wer nur einen abgehobenen Dialog der "einen" mit den "anderen" Seite führt - wer sich nur mit großen, ideologisch aufgeladenen Konzepten beschäftigt –  der verkennt die wahren Probleme.

Wichtiger ist es, dass Leute aus unterschiedlichen Gesellschaften gemeinsam etwas unternehmen, um die Probleme anzugehen, die wir miteinander haben. Eine Erfahrung, die wir mit unserer Kulturarbeit in den islamischen Staaten in den letzten Jahren gemacht haben, bestätigt das: In der Regel spricht man die meisten Menschen viel besser an, wenn es um konkrete Projekte geht, die auch mit ihrem alltäglichen Leben etwas zu tun haben:

Das sind zum Beispiel gemeinsame Projekte im Bildungs- oder Kulturbereich wie die deutschen Universitäten in Kairo oder Amman; oder ein Praktikantenaustausch, wie ihn das Institut für Auslandsbeziehungen mit seinen hervorragenden "CrossCulture-Praktika" organisiert. Oder das „West-östliche Divan Orchester“ von Daniel Barenboim und Edward Said, das vor zwei Jahren sein legendäres Konzert in Ramallah gegeben hat. Mit dabei waren Musiker aus Syrien, Palästina und Israel.

Wer sich -nicht- für solche konkreten Projekte interessiert und stattdessen die Schriftgelehrten aller Länder gemeinsam auf ein Podium nach dem anderen lädt, trägt nichts Wesentliches zur Lösung der Probleme bei – er verschleiert sie sogar eher. Meine dritte These lautete daher: Der Dialog will zuviel – nämlich zuviel auf einmal. Oft will er Kulturen und Religionen verheiraten, indem er philosophische Probleme wälzt.

Damit bin ich auch bei meiner vierten These angekommen: der praktische Kulturaustausch ist das einzig valable Konzept. Ich will die Begriffe nicht gegeneinander aufwiegen – letztlich sind es alles nur Wortgefäße, die mit dem richtigen Inhalt angefüllt werden müssen. Beim Wort "Kulturaustausch" fühle ich mich dennoch am wohlsten. Vor allem deshalb, weil es beim Kulturaustausch um ein konkretes Kennenlernen der Kultur, der Werte und Denkweisen des Gegenübers geht. Zum Beispiel, wenn wir einen Jugendaustausch mit Polen organisieren oder eine ägyptische Studentin Deutsch lernt. Oder wenn eine kenianische Musikgruppe für ein Konzert nach Deutschland kommt, und ein chinesischer Gastprofessor für ein Semester an einer deutschen Uni lehrt.

Solche Aktivitäten ermöglichen es vielen einzelnen  Menschen, sich kennenzulernen. Und in der Folge entsteht erst gar nicht, was uns das Zusammenleben oft so schwer macht: Missverständnisse oder Vorurteile. Gerade wenn wir die Menschen in jungen Jahren erreichen. Wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, sich gegenseitig kennenzulernen, wird sie diese Erfahrung für ihr ganzes Leben prägen – ihnen zeigen: Andere sind "anders", aber das ist grundsätzlich keine Gefahr.

Ich komme selbst aus der Gegend – wir im Südwesten kennen das doch auch: Wir sind mit der "Jumelage", den Städtepartnerschaften mit Frankreich, aufgewachsen. Ich glaube, man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was diese Graswurzel-Partnerschaften für die dauerhafte Aussöhnung in Europa geleistet haben.

Unser Ziel heißt dabei übrigens nicht, dass wir mit dem Kulturaustausch alle Unterschiede zwischen den Kulturen eindampfen wollen! Es geht uns ja gerade –nicht- darum, eine "Fortsetzung der Globalisierung mit anderen Mitteln" zu betreiben. Nicht die Nivellierung, sondern der Erhalt der kreativen Unterschiede sind unser Ziel.

Die Europäische Union macht’s vor! Mehr und mehr wachsen wir nicht nur in ein europäisches politisches System hinein, sondern es entsteht auch ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Und – wir haben trotz der Vereinheitlichungstendenz eine vielfältige kulturelle und sprachliche Landschaft, die in der Welt ihresgleichen sucht. Mehr noch: Paradoxerweise wird die kulturelle Vielfalt von der EU ja gerade gefördert: Unterstützung für die kleinen Sprachen und für die Vielfalt der Kulturen in den Regionen wird in einem Maß geleistet, das es vorher gar nicht gab!

Vielfalt ist ein hohes Gut. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum ich vorhin den Begriff "Dialog" vorhin kritisiert habe. Das habe ich nicht nur getan, um Sie zu irritieren: Was mich am Begriff Dialog immer ein wenig stört, ist dieser Versuch, überall etwas "Verbindendes" und etwas "Gemeinsames" zu suchen! Vielleicht untergräbt es die Wertschätzung, die wir für die Vielfalt haben sollten.

Und auch aus einem anderen Grund ist der Versuch, immer etwas "Verbindendes" zu finden, fragwürdig: Im Verhältnis des Westens zu den islamischen Ländern etwa gibt es sehr viel Verbindendes: Wir haben die Grundlagen unserer Mathematik, bahnbrechende Erkenntnisse in der Medizin und bedeutende philosophische Werke aus der arabisch-muslimischen Welt übernommen.

Aber das 21. Jahrhundert ist nicht mehr das 10. Jahrhundert. Wir können uns nicht mehr auf Errungenschaften eines vergangenen goldenen Zeitalters ausruhen, wenn gleichzeitig zum Beispiel eine Krise um die Mohammed-Karikaturen in Dänemark weltweit zu teilweise gewalttätigen Ausschreitungen führt!

Wir müssen uns immer bemühen, die Positionen unserer Partner in aller Welt zu verstehen; aber es gibt auch klar umrissene Grenzen, die wir nicht überschreiten können, wo eine Suche nach „Verbindendem“ keine Früchte trägt: Im innerstaatlichen Bereich haben wir den Begriff „wehrhafte Demokratie“. Das bedeutet: alle, die sich am politischen Prozess beteiligen wollen, können dies tun. Die Feinde von Freiheit und Demokratie werden aber ausgeschlossen, damit sie nicht die demokratischen Errungenschaften gefährden.

Auf die Außenbeziehungen übertragen heißt das: Wer sich nicht mit den grundlegenden Menschenrechten – wenn Sie so wollen: den Werten der Aufklärung – anfreunden kann, mit dem werden wir nicht zusammen kommen: Ohne Glaubensfreiheit, ohne Meinungsfreiheit – auch da wo sie wehtut – geht es einfach nicht. Vernunft darf nicht an den Grenzen der Religion haltmachen! Und wenn die Hamas in Palästina beispielsweise weiterhin die Vernichtung Israels als ihr politisches Endziel verfolgt, hat sie sich für die Zusammenarbeit mit uns disqualifiziert! Und dann bringt uns auch die Suche nach dem „Verbindenden“ nicht weiter.

Wenn man aber über eine gemeinsame Kommunikationsbasis verfügt, also über das was Steinmeier die „Kultur des Dialogs“ genannt hat, dann liegt auch und gerade in der Differenz viel kreatives Potenzial – im Austausch unterschiedlicher Meinungen, unterschiedlicher Ansichten und abweichender künstlerischer Positionen. Diese gemeinsame Kommunikationsbasis herzustellen, ist – und da komme ich auf meine vierte These zurück – Aufgabe des Kulturaustauschs.

Diese Gedanken möchte ich gerne etwas weiter weiterführen. Denn es stellt sich hier grundsätzlich die Frage: Was für einen Mehrwert hat eine Außenpolitik, die sich auch auf Kultur und Bildung stützt, und nicht nur auf die diplomatischen und außenwirtschaftlichen Beziehungen zum Ausland?

Ich möchte Ihnen vier Punkte nennen, die ich hier für zentral halte:

1.                              Kultur kann „vor der Welle schwimmen“.

Auswärtiger Kulturpolitik wird manchmal vorgeworfen: Sie handele nicht schnell genug; sie könne keine schnellen, klaren, vorzeigbaren Erfolge vorweisen. Deswegen sei sie nicht politisch genug. Das ist falsch. Schnelle Ergebnisse sind nicht ihre Aufgabe! Wir verfolgen in der Auswärtigen Kulturpolitik einen völlig anderen Ansatz, der auf langfristige Änderungen in den Köpfen und Herzen der Menschen abzielt.

Natürlich: Nicht alles, was lange dauert, ist auch nachhaltig! Wir aber sind es: Schauen Sie sich an, wieviele Schüler, die wir mit Deutschland und der deutschen Sprache in den Auslandsschulen in Kontakt gebracht haben, später ein Studium hier aufnehmen. Oder wieviele Menschen in Osteuropa immer noch an unseren Goethe-Instituten Schlange stehen, um Deutsch zu lernen!

Natürlich wird dabei nicht sofort eine Investitionsrendite ausgeschüttet, wenn die Kinder eingeschult werden oder ein Sprachkurs aufgelegt wird. Trotzdem ist diese dauerhafte Bindung an Deutschland ein reales Ergebnis unserer Arbeit, der Arbeit unserer Mittlerorganisationen und der Lehrerinnen und Lehrer vor Ort. Diese Ergebnisse kann man sogar messen! Darauf können wir auch ein bisschen stolz sein. Was wir mit diesen langfristig erfolgreichen Maßnahmen erreichen, kann die hektische Tagespolitik sonst nicht leisten: Es ist das langfristige Denken!

„Vor der Welle schwimmen“ heißt zugleich „präventiv Denken“! Unser Ziel ist es, Probleme auszuräumen, bevor sie entstehen. Missverständnisse und Vorurteile sind meist Folgen tiefer Unkenntnis und können Ursache sein für Konflikte. Sie wollen wir mit unseren Kultur- und Bildungsangeboten rechtzeitig ausräumen. Ich nenne das „vor der Welle schwimmen“. Das heißt nicht, dass wir die schnellsten Ergebnisse produzieren. Aber es heißt, dass wir vorausschauen und uns bemühen, schon in einem frühen Moment zu handeln, bevor die Welle über uns bricht.

2.                              Kultur leistet "Entwicklungshilfe"

Damit meine ich natürlich einmal Entwicklungshilfe – im wörtlichen Sinne:

Gute Kultur- und Bildungsinfrastruktur ist eine wesentliche Grundvoraussetzung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung eines Landes.

Mindestens genauso wichtig ist die "Entwicklungshilfe", die wir mit dem Kulturaustausch für uns selbst leisten. Unser Land, unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft profitieren ganz erheblich davon, dass wir mit dem Kultur- und Bildungsaustausch eine ständige geistige Durchlüftung vornehmen:

Die Alexander von Humboldt-Stiftung etwa holt jedes Jahr aufs neue die besten Wissenschaftler aus aller Welt für ein Forschungsjahr nach Deutschland. Damit trägt sie massiv zur Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland bei. Mittlerweile 40 Nobelpreisträger (5 allein 2005) sind unter den ehemaligen Humboldtianern – das spricht für sich!

Aber nicht nur Wissenschaftsaustausch und Bildungsaustausch leisten Entwicklungshilfe für Deutschland. Auch über die Kultur – die Musik, die Literatur und die bildende Kunst – profitieren wir vom Austausch mit dem Ausland. Denn das ist das Spannende und auch die Herausforderung für uns alle: Die Globalisierung hat dazu geführt, dass einige Probleme überall auf der Welt ähnlich sind. Von einem Austausch mit anderen Kulturen können wir also lernen, wie die anderen ihre Probleme bewältigen: Zum Beispiel können wir fragen: Wie geht Südafrika mit Migranten um? Wie steht es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Korea? Oder: wie schaffen es dünn besiedelte Landstriche in Kanada, die Schul-Infrastruktur für ihre Kinder sicherzustellen.

3.                              Kulturpolitik ist Politik!

Die Kultur kann all dies nur leisten, wenn wir sie auch lassen. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik muss integraler Bestandteil der Außenpolitik sein. Aber natürlich sind wir bei dieser Symbiose von Kultur und Politik auf Sensibilität von beiden Seiten angewiesen. Das heißt: Die Außenpolitik darf, wenn sie von den Wirkungen der Kultur profitieren will, nicht den Fehler machen, sie zu gängeln, einzuengen und nur instrumentell zu begreifen: Kultur ist eine Kraft, die nur wirken kann, wenn sie ihre eigene Aura behält. Kultur muss Dinge tun dürfen und auf eine Art und Weise zu ihrem Publikum sprechen dürfen, die vielleicht nicht immer direkt den Wünschen und politischen Vorstellungen der Politik entspricht. Nur dann kann sie ihre spezifische Wirkung auch zugunsten der Außenpolitik entfalten.

Auf der anderen Seite muss natürlich auch die Kultur bereit sein, politisch zu denken. Seit einigen Jahrzehnten sprechen wir in der Auswärtigen Kulturpolitik von einem "erweiterten Kulturbegriff". Wir tun gut daran, diesen konsequent umzusetzen. Das bedeutet, dass wir Modedesign, Architektur und Computerspiele in unsere Arbeit einbeziehen und wieder mehr über Sport reden. Das soll unsere bisherige Arbeit nicht ersetzen – im Gegenteil! Es soll sie ergänzen und neue  Zielgruppen an uns binden.

4.                              Kultur ist aber auch Selbstzweck.

Zu guter Letzt: Ich finde, dass wir der Kultur auch zugestehen sollten, ein Selbstzweck zu sein: "L’art pour l’art"? – Ja bitte, warum nicht! Damit möchte ich natürlich nicht all dem, was ich bisher über die Wirkung der Kultur in der Außenpolitik gesagt habe, widersprechen. Aber ich möchte dafür plädieren, dass wir die unglaubliche Vielfalt und Lebendigkeit der Kultur- und Bildungslandschaft, die wir in Deutschland genießen können, als Wert an sich begreifen.

Die Ausländer, mit denen wir kommunizieren, sollten den Eindruck bekommen: Deutschland ist ein Land, in dem Kultur und Bildung ein Ziel sind, kein Mittel zum Zweck. Wir sind ein Land, das nicht eine begrenzte, hermetisch abgeschlossene Kultur nach außen transportieren will, sondern das gerne in den kulturellen Austausch mit seinen Partnerländern in aller Welt eintritt. „Kultur als Staatsziel“ – das sollten wir unserem Selbstverständnis als Kulturnation schuldig sein.

Der Stellenwert der Kultur in der Außenpolitik ist gestiegen. Ich bin deshalb sehr froh, dass gerade Außenminister Steinmeier sich dieses Themas persönlich angenommen hat. Seit zwei Jahren bemühen wir uns, den Kulturetat des Auswärtigen Amts endlich wieder den wachsenden Aufgaben und Herausforderungen anzupassen – mit beachtlichem Erfolg. Diese Trendwende freut mich sehr. Sie wird nicht zuletzt auch dem IFA zugute kommen.

Ich freue mich, dass in einer Zeit, in der die Kultur Konjunktur hat, eine viel intensivere – auch kritische – Begleitung durch die Öffentlichkeit und durch die Wissenschaft erfolgt, als wir das bisher kannten. Besonders erfreulich ist das, wenn dabei solche brillianten Arbeiten wie die heute preisgekrönte Dissertation herauskommen. Nochmals herzlichen Glückwunsch, Frau Dr. Schäfer, und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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