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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth anlässlich der Gedenkstunde zum Erinnern an die Ermordung der letzten Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau 1944

02.08.2017

--- es gilt das gesprochene Wort ---

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Verhältnis zwischen Europa und seiner größten ethnischen Minderheit ist nach wie vor von Ausgrenzung und Unverständnis, Fremdheit und Ignoranz geprägt. Sinti und Roma sind immer noch nicht in der Mitte unserer Gesellschaften verankert. Das schmerzt mich. Damit dürfen wir uns nicht abfinden. Ansonsten drohten wir uns abermals schuldig zu machen an den rund zwölf Millionen Sinti und Roma in Europa.

Wir sind heute zusammen gekommen, um an den 2. August 1944 zu erinnern. Vor 73 Jahren wurde um 19 Uhr der im NS-Sprachgebrauch als "Zigeunerlager" bezeichnete Teil in Auschwitz-Birkenau nach einem Befehl aus Berlin abgeriegelt. 1.408 noch als arbeitsfähig eingestufte Häftlinge wurden mit dem Güterzug ins KZ Buchenwald verlegt. Die verbliebenen 2.897 Frauen, Männer und Kinder wurden in den Gaskammern ermordet.

Insgesamt waren allein in Auschwitz bis 1944 rund 22.600 Roma und Sinti unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht. Über 19.300 Roma und Sinti wurden in Auschwitz ermordet:

Die Mehrheit erlag der grausamen, planmäßigen Mangelernährung, den Krankheiten und Seuchen, mehr als 5.600 wurden in Gaskammern ermordet, andere wurden Opfer von individuellen Gewaltattacken oder von Medizinverbrechen.

Der Holocaust an den Roma und Sinti – auf Romanes "Porajmos" – Verschlingen – vernichtete die Leben von einer halben Million Menschen.

Hier in Berlin begann im Sommer 1936 in besonders verabscheuenswerter Weise die Verfolgung der Roma und Sinti. Berlin sollte rechtzeitig zu den Olympischen Sommerspielen "zigeunerfrei" werden, wie es die Nazis bezeichneten. Der damalige Reichsinnenminister Frick gab dem Berliner Polizeipräsidenten den Auftrag, einen so bezeichneten "Landesfahndungstag nach Zigeunern" durchzuführen und all jene, die von den Behörden ermittelt werden konnten, zu internieren.

Diese 600 Männer, Frauen und Kinder, unter ihnen auch Otto Rosenberg und seine Familie, wurden später nach Ausschwitz-Birkenau gebracht und dort bis auf wenige Ausnahmen ermordet.

Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma steht symbolisch für die besondere Verantwortung unseres Landes. Wir erkennen den Völkermord an den Roma und Sinti Europas an, der zum dunkelsten Kapitel unserer Geschichte gehört.

Trotz dieses Bekenntnisses: Sinti und Roma in Deutschland und in Europa – das ist nach wir vor ein weitgehend unbekanntes Kapitel im Geschichtsbuch unseres Kontinents.

Nicht umsonst ist vom Porajmos als vergessenem Holocaust die Rede. Dabei gehört er, wie die Shoah der jüdischen Opfer, zur gemeinsamen Erinnerungskultur Europas.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle der Stiftung, Ihrem Direktor Uwe Neumärker und seinem Team für die engagierte Arbeit danken, mit der sie die Erinnerung wach halten.

Gedenken und Erinnern reichen jedoch nicht aus. Es muss  auch etwas daraus erwachsen. Das Wissen um entstandenes Unrecht und um nicht erfolgte Anerkennung verpflichtet uns für das heute und morgen.

Das leben Sie, Herr Höllenreiner, aber auch Romani Rose, Soni Weisz oder Otto Rosenberg, eindrucksvoll vor. Sie leben in Deutschland und engagieren sich für die Rechte von Roma und Sinti. Ohne Sie wären wir heute nicht hier. Ohne Sie gäbe es diesen Gedenktag an den Porajmos nicht. Ohne Sie hätten wir nicht dieses Denkmal.

Deutschland hat sich sehr schwer getan, die Verbrechen durch das nationalsozialistische Deutschland an den Sinti und Roma als Völkermord anzuerkennen. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie auf uns immer wieder zugegangen sind. Hören Sie nicht auf, uns zu fordern, sei es in Ihrem Einsatz für eine Unabhängige Expertenkommission oder auch für einen Beauftragten für die Bekämpfung von Antiziganismus.

Es gibt eben noch so viel zu tun. Es mangelt nach wie vor am Bewusstsein dafür, dass Sinti und Roma seit Jahrhunderten nicht nur Teil Europas und unserer Gesellschaften sind. Sie haben uns auch geprägt und bereichert. Aber  anstelle von Austausch und Begegnung stehen nach wie vor allzu oft Unkenntnis und Stereotype, die schlicht nicht hinterfragt werden. Wir als Mehrheitsgesellschaft müssen unsere Wahrnehmung und Haltung gegenüber Sinti und Roma ändern.

Deshalb freut es mich ganz besonders, dass wir im Juni hier in Berlin die Eröffnung des Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur feiern konnten. Es ist ein wunderbares Projekt, das uns alle mit Stolz erfüllt. Hoffentlich vermag es dazu beizutragen, Vorurteile abzubauen und die Kultur der Sinti und Roma europaweit bekannter zu machen.

Vaclav Havel sagte einmal: "Die Behandlung von Roma ist der Lackmus-Test einer Demokratie". Diesen Test muss unsere Demokratie, muss Europa erst noch bestehen. Tun wir etwas. Tun wir das Richtige. Tun wir es gemeinsam.

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