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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur 100-Jahr-Feier des Lateinamerika Vereins im Auswärtigen Amt

06.07.2016

Lieber Herr Liesenfeld,
estimada Señora Bárcena,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren aus Bundes- und Landesministerien,
verehrte Gäste,
queridos amigos,

Außenpolitische Reden beginnen in diesen Tagen regelmäßig mit einem Blick in die zahllosen Krisenregionen dieser Welt – eine Welt aus den Fugen, scheinbar die schlechteste der vorstellbaren Welten.

Das wird scheinbar bestätigt durch die Bilder, die allabendlich in die Wohnzimmer der Deutschen dringen. Ich verstehe, dass all das viele Menschen derzeit zu einem pessimistischen Blick auf die Welt und ihre Zukunft verleitet… und ich gebe zu: Einfacher ist Außenpolitik nicht geworden.

Es sind nicht nur viele Krisen, mit denen wir zu tun haben. Es sind auch andere Krisen, will sagen: weniger die klassischen Konflikte zwischen Staaten, vielmehr neuartige Konflikte, ausgelöst durch das Auftreten nicht staatlicher Akteure im Kampf gegen den eigenen Staat, aus ethnischen oder religiösen Gründen, oder, wie in großen Teilen des Mittleren Ostens, die Erosion von staatlicher Ordnung überhaupt.

Das verändert Bedingungen für Außenpolitik; Anlass zur Verzweiflung ist es nicht.

Und Anlass zu der Annahme, wir lebten in der schlechtesten aller vorstellbaren Welten ist es erst recht nicht.

Moritz Rinke, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Dramaturgen, hat vor einiger Zeit einen ganz wunderbaren Roman geschrieben mit dem Titel „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“. Ich will Ihnen nicht das Auf und Ab dieser Hauptfigur und seiner Familie nacherzählen, aber Sie ahnen vermutlich, worauf ich hinaus will: Schaut man nicht nur auf die Gegenwart, sondern im Längsschnitt  zurück, dann relativiert sich der verbreitete pessimistische Blick in die Zukunft doch erheblich.

Ein Blick zurück über 100 Jahre Geschichte unseres heutigen Jubilars: 100 Jahre Geschichte des Lateinamerika-Vereins geben sicherlich auch reichlich Zeugnis von Krisen, Enttäuschungen oder Tragödien: Zwei Weltkriege liegen in diesem Jahrhundert, Perioden von Diktatur und staatlicher Willkür in Südamerika, organisierte Kriminalität und wirtschaftliche Krisen in ganz Lateinamerika. Aber trotz Venezuela und Brasilien hat Lateinamerika – verglichen mit dem Zustand vor 40 und 80 Jahren – doch einen ganz erfreulichen Prozess der Konsolidierung hinter sich. Und deshalb – bevor ich auf Einzelheiten zu sprechen komme – ist Lateinamerika doch der Teil der Welt, auf den wir mit Hoffnung und Zuversicht schauen.

Bei allen Sorgen unserer Zeit haben wir jedenfalls keinen Grund, um die stolze Geschichte des LAV zu verschweigen. Ganz im Gegenteil: Sehr viel Grund den 100-jährigen Geburtstag fröhlich, selbstbewusst und ausdauernd zu feiern!

Und ich freue mich, dass der LAV sich entschieden hat, sein Wiegenfest im und mit dem Auswärtigen Amt zu feiern – Ihnen allen daher ein herzliches Willkommen!

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100 Jahre Lateinamerika-Verein – das sind 100 Jahre Austausch, Handel und Kooperation! Zunächst zwischen dem international denkenden Hamburger Bürgertum und seinen Partnern auf dem amerikanischen Kontinent. Schnell entstand daraus ein lebhaftes und dichtes Netzwerk aller an Lateinamerika Interessierten in der deutschen Wirtschaft und darüber hinaus.

Der Lateinamerika-Verein ist ein hoch geschätzter und wertvoller Partner der Bundesregierung. Gleichzeitig vertritt er unsere lateinamerikanischen Partner in Deutschland. Er ist eine starke und breite Brücke zu einem aus deutscher Sicht sehr fernen Kontinent. Wie fern er ist, das habe ich gerade erst vor wenigen Wochen wieder gespürt: ein langer Nachtflug nach Buenos Aires – so ausgeschlafen kam ich selten aus einem Flugzeug…

Auf dieser letzten, aber auch bei den vorherigen Reisen in die Region, die ich seit dem Antritt meiner zweiten Amtszeit unternommen habe – nach Kuba, Brasilien, Peru, Mexiko, Kolumbien und Argentinien– habe ich jedoch noch etwas anderes erfahren: wie nah uns, bei aller geographischen Entfernung, die Menschen auf diesem Kontinent sind! Diese Nähe und diese Verbindung wollen wir heute Abend feiern – wir haben allen Anlass dazu!

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Die Beziehungen Deutschlands zu Lateinamerika und der Karibik sind besonders. Gemeinsame Werte und viele gleichgerichtete Interessen und daneben die historisch gewachsene, enge kulturelle Verbundenheit schaffen eine einzigartige Grundlage für unsere Zusammenarbeit, die wir so mit anderen Teilen der Welt nicht haben.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben sich Lateinamerika und die Karibik in vielfältiger Hinsicht gewandelt: Sie haben nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch an Gewicht gewonnen, was sich in einem neuen selbstbewussten Auftreten im Weltgeschehen widerspiegelt. Andererseits münden in einigen lateinamerikanischen Staaten neue politische Strömungen und Kräfteverhältnisse in eine Neuausrichtung des politischen Handelns. Um die traditionellen Gemeinsamkeiten und Bindungen im deutsch-lateinamerikanischen Verhältnis auf Dauer zu garantieren, engagiert sich Deutschland schon seit einiger Zeit verstärkt in Lateinamerika und wird dort–so hoffe ich- als verlässlicher und dauerhafter Partner gesehen.

Drei Beispiele bilateraler Zusammenarbeit will ich stellvertretend für unsere breiten und aktiven Bindungen zu dieser Region nennen:

- Mit Brasilien pflegt Deutschland eine enge strategische Partnerschaft: Diese drückt sich vor allem in den Regierungskonsultationen aus, wo beide Kabinette regelmäßig alle zwei Jahre zu intensiven Verhandlungen zusammenkommen. Dieses spezielle Format pflegt Deutschland nur mit ganz engen Partnern, außerhalb der EU bisher nur mit China, Indien, Israel und der Türkei. Und ich hoffe sehr, dass wir auch durch enge Kooperation beitragen können, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Brasilien zu überwinden.

- Zweitens: Wir haben den Reformprozess und die Öffnung Kubas sehr begrüßt. Daher habe ich vor rund einem Jahr als erster bundesdeutscher Außenminister– noch vor meinem amerikanischen Amtskollegen– Kuba besucht, um mit den dortigen Partnern auszuloten, wo wir nach Jahren der Entfremdung und Sprachlosigkeit stehen und um in Kuba zu signalisieren, dass wir den Veränderungsprozess positiv begleiten wollen. Vor wenigen Wochen war der kubanische Außenminister bei mir zu Gast und wir haben die nächsten Schritte besprochen: Was jetzt ansteht, sind Verhandlungen zum Kulturabkommen und vor allem auch für ein Vertretungsbüro der deutschen Wirtschaft. Beides ist uns wichtig!

- Letztes Beispiel: Kolumbien. Ich habe das Land Anfang 2015 erstmals besucht und war sehr beeindruckt von den politischen wie wirtschaftlichen Fortschritten. Und jetzt, vor wenigen Wochen, habe ich – haben glaube ich sehr viele hier im Saal -aufgeatmet über die geglückte Vereinbarung über den beidseitigen Waffenstillstand und die Entwaffnung der FARC- Rebellen! Wir können das gar nicht hoch genug schätzen, was da jetzt endlich gelungen ist. Nach Jahrzehnten des Blutvergießens, nach über 300.000 Toten, nach einem  Konflikt, der keine Familie in Kolumbien unberührt gelassen hat – endlich können die Menschen aufatmen! Deutschland steht Kolumbien – auch mit meinem Sonderbeauftragten Tom Koenigs – auf seinem Weg zu Frieden und Aussöhnung weiter tatkräftig zur Seite, etwa durch Unterstützung der Justiz bei der Aufarbeitung des Konflikts, durch Hilfe für die Opfer und bei der Integration von Binnenvertriebenen.

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Das sind drei politische Beispiele – aber eben ganz besonders im Bereich der Wirtschaft sind unsere Beziehungen zu Lateinamerika absolut eng. Die Handelsbeziehungen Deutschlands zu den Ländern des Kontinents sind die ältesten, die Deutschland weltweit unterhält. Der Lateinamerika Verein leistet hierzu seit seiner Gründung als

Ibero-Amerikanischer Verein seinen tatkräftigen Beitrag. 1916 – sage und schreibe 100 Jahre ist das her: Das müssen Sie sich mal vorstellen: Da war die Fußballweltmeisterschaft noch nicht einmal erfunden! Da waren also die deutsch-argentinischen und die deutsch-brasilianischen Beziehungen noch gänzlich unbelastet…

1916: Im selben Jahr wurden im chilenischen Valparaiso, in Montevideo und Buenos Aires die ersten deutschen Auslandshandelskammern gegründet. Vor einem Monat habe ich in Buenos Aires mit der dortigen Auslandshandelskammer den runden Geburtstag feiern dürfen!

Viele deutsche Unternehmen sind schon sogar noch länger, schon weit über 100 Jahre, in Lateinamerika vertreten – und sie sind bis heute angesehen und geschätzt in der Region. Und umgekehrt: Viele aufstrebende Länder in Lateinamerika sind für Deutschland attraktive Wirtschaftspartner mit hohem Wachstum geworden. Gleichzeitig findet das wirtschaftliche Erstarken der Region ihren Niederschlag auch in verstärkter Präsenz in internationalen Foren. So ist neben Mexiko seit 2010 auch Chile Mitglied der OECD.

Gleichzeitig gibt es große Herausforderung: etwa sinkende Preise auf den globalen Rohstoffmärkten. Außerdem muss die Infrastruktur an vielen Orten dringend erneuert und erweitert werden – und, natürlich!, stehen deutsche Unternehmen und Spitzentechnologie „Made in Germany“ bereit: bei Infrastruktur, Transport, Logistik und Urbanisierung, aber natürlich auch bei Energie, insbesondere Erneuerbaren und Umwelttechnik, in der Gesundheitswirtschaft und auch bei der Gestaltung des digitalen Wandels.

Voran geht es zum Glück auch bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Mercosur. Seit 1999 verhandeln wir über dieses Abkommen! Das sind zwar nicht ganz 100 Jahre, aber manchmal fühlt es sich so an... Dass es jetzt endlich zum Austausch von Marktzugangsangeboten gekommen ist, begrüßen wir sehr! Es gibt zwar noch sensible Punkte auf beiden Seiten, aber ich glaube, jetzt gibt es eine realistische Chance auf einen Abschluss. Das wird den deutsch-lateinamerikanischen Wirtschaftsbeziehungen weiteren Auftrieb geben!

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Ich kann heute mit meinen Ausführungen nicht enden, ohne auf ein Spielfeld – neben dem Fußball – zu sprechen zu kommen, das Deutschland und die Länder Lateinamerikas auf engste verbindet: die enge Kooperation im Bereich Kultur, Bildung und Forschung unterstreicht eine historisch gewachsene kulturelle Verbundenheit. In Mexiko zum Beispiel habe ich vor vier Wochen das deutsch-mexikanische Año Dual eröffnet, das mit über 1.000 Veranstaltungen in Mexiko dieses Jahr möglichst vielen Mexikanerinnen und Mexikanern einen 360 Grad-Blick auf unser Land, Deutschland, bieten soll! Und umgekehrt begehen wir hier parallel in Deutschland das deutsch-mexikanische Jahr!

Auf dem Gebiet der Wissenschaft, Forschung und Innovation wächst die Bedeutung Lateinamerikas kontinuierlich. Gleiches gilt für die Förderung und Verbreitung der Fremdsprache Deutsch:

In der Region Lateinamerika gibt es 760 Schulen mit Deutschunterricht. Dieses Angebot wollen wir ebenso weiter stärken wie den Bereich der Dualen Ausbildung, an dem in lateinamerikanischen Ländern sehr großes Interesse besteht.

Und wo wir bei Bildung und Kultur sind, gehört auch ein Hauch Karibik selbstverständlich dazu. Ich lade Sie abschließend ein, sich den Berliner Sommer nicht nur mit Fußball Europameisterschaft, sondern auch mit karibischen Klängen zu versüßen – ab dem 8. Juli findet im Haus der Kulturen der Welt ein Festival statt, das mit Mitteln der AKBP des Auswärtigen Amtes unterstützt wird: mit Merengue, Mambo und Calypso, mit Musik aus Guadeloupe, St. Lucia und Venezuela – also so ziemlich alles, was uns auf einen entspannten Sommer einstimmen soll, der dann nicht kommen will…

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Der Lateinamerika-Verein ist und bleibt für uns ein unverzichtbarer Pfeiler unserer Beziehungen nach Lateinamerika!

Ich gratuliere Ihnen und Ihren Mitgliedern sehr herzlich zu diesem Jubiläum: Happy Birthday, Lateinamerikaverein, und auf ein weiteres erfolgreiches Jahrhundert!

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