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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth vor der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments zum Jubiläum "60 Jahre Anwerbeabkommen italienischer Arbeitskräfte"

29.10.2015

-- es gilt das gesprochene Wort --

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Caro Sandro (Gozi), caro Ettore Rosato, cara Laura (Garavini), caro Vito Francesco Gironda, caro Alois Streich,
Signore e Signori, cari colleghi, cari amici!

Es ist mir wie immer eine große Freude, in Rom zu sein – zumal, wenn meine Freundin Laura Garavini mich einlädt, der ich nur sehr ungern etwas abschlage. Ich bin aber auch deshalb besonders gerne gekommen, weil der Anlass unseres heutigen Treffens der Jahrestag eines Abkommens ist, das die deutsch-italienischen Beziehungen so außerordentlich geprägt hat.

"L’amicizia ha due ingredienti principali: il primo è la scoperta di ciò che ci rende simili. E il secondo è il rispetto di ciò che ci fa diversi."

("Freundschaft hat zwei Hauptbestandteile: die erste ist die Entdeckung dessen, was uns ähnlich macht. Und das zweite ist der Respekt für das, was uns von anderen unterscheidet" – Stephen Littleword)

Bei diesem schönen Zitat über Freundschaft und Verschiedenheit fühle ich mich an unsere Beziehungen erinnert. Deutschland und Italien verbindet in der Tat eine Freundschaft: eine Beziehung, die von so vielen Menschen dies- und jenseits der Alpen, von konkreter Begegnung, und nicht nur von Staaten und Regierungen getragen wird. Wir haben vieles gemeinsam, wir teilen Werte und Überzeugungen, Erfahrungen und Ziele, und eben weil wir diese teilen, ist es überhaupt kein Makel, auch auf das hinzuweisen, was uns unterscheidet. Europa ist eben ein Kontinent einzigartiger kultureller Vielfalt. Darüber sollten wir froh und dankbar sein!

Diese Dichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Italien ist nicht auf einmal entstanden.

Natürlich waren Deutschland und Italien bereits lange zuvor einander verbunden. Doch nie zuvor erreichte der Austausch und Kontakt zwischen unseren beiden Ländern eine solche Tiefe wie in der Folge dieses Abkommens.

Hierzu muss man sich nur einmal die Zahlen vor Augen führen: Über das Anwerbeabkommen kamen insgesamt über vier Millionen Italienerinnen und Italiener nach Deutschland, allein im Jahr 1965 waren es 270.000. Viele sind zwar zurückgekehrt, doch noch heute leben in Deutschland mehr als eine halbe Million italienische Staatsbürger. Damit steht Deutschland für Italiener als Gastland weltweit nach Argentinien an zweiter Stelle. Mit unseren italienischen Nachbarn und Freunden ist eine Vielfalt italienischer Kultur und Lebensart nach Deutschland gekommen, die heute bei uns selbstverständlicher Teil des Alltags geworden ist.

So selbstverständlich, dass es aus heutiger Sicht kaum noch zu verstehen ist, dass das Aufeinandertreffen von Deutschen und Italienern vor 60 Jahren für Viele – ja, nennen wir es ruhig so: ein ziemlicher „Kulturschock“ war, nicht frei von Ängsten, Vorurteilen und Stereotypen.

Italienische und deutsche Gesellschaft sind heute eng miteinander verflochten. Das macht den besonderen Charakter der deutsch-italienischen Freundschaft aus.

Natürlich sind auch die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen unserer beiden Länder von großer Bedeutung. Doch nichts kann die Vielfalt und Nähe der menschlichen Bindungen ersetzen.

Als vor 60 Jahren Italienerinnen und Italiener nach Deutschland kamen, ist ganz gewiss nicht alles reibungslos verlaufen. Viele Fehler wurden gemacht.

Es gab zahlreiche Barrieren im Zusammenleben und bei der Verständigung, nicht nur sprachlicher Natur. Aus heutiger Sicht mag es nur schwer vorstellbar sein, wie es Deutschen und Italienern so schwer gefallen sein kann, sich aneinander zu gewöhnen. Dieses Abkommen war, jedenfalls für Deutschland, das erste seiner Art und daraus lassen sich viele Fehler in der Integration, wenn auch nicht entschuldigen, aber doch zumindest erklären. Der wohl wichtigste war, dass wir nicht ermessen konnten, wie groß die Umwälzung in unserer Gesellschaft werden würde, wie die neuen Nachbarn, Kollegen und Bürger aus dem Süden Europas auch uns selbst verändern würden.

Mittlerweile verfügen wir über eine große Vielfalt von Erfahrungen und Projekten, die Integration und das Miteinander erleichtern sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei Bildung und Qualifikation. Der zentrale Schlüssel für eine gelungene Integration ist natürlich zunächst das Erlernen der Sprache.

Was ist die wichtigste Lektion, die wir aus den sechs Jahrzehnten mitgenommen haben? In den Neuankömmlingen vor allem Menschen zu sehen. Als das Anwerbeabkommen geschlossen wurde, dachten Viele in Deutschland: es kommen Arbeitskräfte. Doch diese Arbeitskräfte waren auch und vor allem Menschen, eigene Persönlichkeiten, begleitet von ihren Familien, mit ihren Hoffnungen, Träumen und Zielen im Gepäck. Genau so sollte es auch sein. Und doch musste unsere Gesellschaft in Deutschland dies erst einmal begreifen, damit Toleranz und schließlich auch Respekt wachsen konnten.

Diese Erkenntnis hat die deutsche Gesellschaft voran gebracht und stark gemacht. Damit meine ich noch nicht einmal die unzähligen Bereicherungen, die italienische Einwanderer mitgebracht haben. Weite Teile unserer Gesellschaft  sind heute bereit, dem Neuen und vielleicht Fremden nicht zuerst mit Ablehnung zu begegnen, sondern zunächst mit Neugier und Offenheit.

Umso weniger dürfen wir heute die Fehler wiederholen. Heute kommen Flüchtlinge in großer Zahl zu uns nach Europa. Natürlich ist das nicht mit der Migration von damals zu vergleichen. Das soll uns aber nicht daran hindern, unsere Erfahrungen aktiv einzubringen und mit Zuversicht an diese Bewährungsprobe heran zu gehen: ja, wir schaffen das.

Wir dürfen Flüchtlinge nicht nur als Flüchtlinge betrachten; Flüchtlinge, die wir verwalten und organisieren müssen. Vergessen wir nicht: es geht um Menschen und ihre Schicksale. Menschen, die mit oft traumatischen Erfahrungen von Krieg und Vertreibung nach Europa gekommen sind. Menschen, die nun endlich wieder darauf hoffen dürfen, auf eine Zukunft in Frieden, Sicherheit und Würde.

Damit umzugehen ist eine sehr schwere, aber nicht unlösbare Aufgabe. Mit Recht sehen viele die derzeitige Flüchtlingskrise sogar als die größte Herausforderung, der sich die Europäische Union seit ihrer Gründung gegenüber sieht. Umso mehr sagt es über unser gemeinsames Europa aus, wie wir nun mit dieser großen Aufgabe umgehen.

Die Staaten Europas dürfen sich nun nicht in Nationalstaat und Vereinzelung zurückziehen. So berauben wir uns nicht nur selbst unserer mühsam gewonnenen Freiheiten, sondern verleugnen das Fundament unserer heutigen Gemeinschaft. Es geht nicht um ökonomische Kennziffern sondern um unsere gemeinsamen Werte!

Wo, wenn nicht in unserem geeinten Europa könnten wir gemeinsam tragfähige Lösungen finden? Lösungen, die nicht in Abschottung bestehen, sondern von Solidarität getragen sind.

Meine Damen und Herren, das deutsch-italienische Abkommen vor 60 Jahren war ein Wegbereiter für unser heutiges Europa der Freizügigkeit und Zusammenarbeit. Unsere gemeinsamen Erfahrungen zeigen, wie Zusammenwachsen und Integration ungeachtet aller Hürden gelingen können. Die deutsch-italienische Freundschaft war von Beginn ein Herzstück der europäischen Einigung und einer der Grundpfeiler der Europäischen Union. Es ist mir auch persönlich ein ganz besonderes Anliegen.

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