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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Eröffnung des Neubaus der Deutschen Schule Madrid

09.10.2015

Verehrte Damen und Herren,
verehrter Schulvorstand,
Frau Bürgermeisterin,
Herr Minister,
Herr Staatssekretär,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
vor allem aber: Liebe Schülerinnen und Schüler!

"Caminante, no hay camino, se hace camino al andar." (Reisender, es gibt keine Wege, Wege entstehen im Gehen.) 

Das hat der spanische Lyriker Antonio Machado einmal geschrieben. Und wenn man das Lichtspiel in den Höfen und Hallen Eurer neuen Schule beobachtet, dann wird einem bewusst, was damit gemeint ist.

Mit der Sonne wandern auch die Lichtkegel, die in die Schule einfallen. Immer wieder neue Muster malt die Sonne auf den Boden und lässt sie verschwinden. In den Pausenhöfen Eurer neuen Schule zaubert die Architektur ein Mosaik des Lichts. Ein Mosaik, das ständig in Bewegung ist, sich immer wieder verändert. Genauso wie die Wege, von denen Machado spricht. Wege, die sich im Leben immer wieder neu für uns auftun, die wir entdecken und uns erlaufen müssen.

Meine Damen und Herren,

neue Wege, Licht und Offenheit,

diese Motive, die sich in der Architektur des neuen Schulbaus widerspiegeln, stehen auch für die Motive unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Und deswegen freue ich mich ganz besonders, heute mit Ihnen Ihren neuen Bau eröffnen zu können. Vielen Dank für die Einladung!

 Deutschland hat insgesamt über 55 Mio. Euro in dieses Projekt investiert - mehr als jemals zuvor für eine Deutsche Auslandsschule. Der Schulverein hat mit 6 Mio. Euro einen ganz erheblichen eigenen Beitrag geleistet. Das ist viel Geld. Und ich sage es ganz klar: Das ist gut angelegtes Geld! Denn hier geht es um unsere Zukunft. Hier geht es um Bildung. Hier geht es um die Förderung von Verständnis und Verständigung, von Solidarität und Miteinander - von Werten, auf die Europa gebaut ist und die wir gerade heute auf unserem Kontinent so dringend brauchen.

 Die Flüchtlingskrise führt uns dies nur allzu bewusst vor Augen. Die große Zahl der Menschen, die bei uns Schutz vor Krieg und Vertreibung suchen, stellt Europa vor die vielleicht größte Herausforderung seit seiner Gründung. Die Antwort darauf kann nicht sein, uns in Nationalstaat und Vereinzelung zurückzuziehen. Die Antwort muss vielmehr ein besseres, ein größeres Miteinander in Europa sein. Klar ist: Wir brauchen für diese enorme Herausforderung eine europäische Lösung, die auf Solidarität und faire Lastenteilung baut. Dafür müssen wir jetzt in Europa schnell und entschlossen handeln. Gerade letzte Woche wurden wir mit dem 25. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung erneut daran erinnert, wie wichtig und wertvoll Zusammenhalt und Einheit im eigenen Land und in Europa sind.

Das heißt für mich, dass wir verstehen müssen, was die Sorgen und Bedürfnisse unserer Partner in Europa sind. Dass wir selbst bereit sein müssen, Kompromisse einzugehen, wenn es darum geht, europäische Lösungen voranzutreiben. Dass wir einander hören und zuhören müssen, um uns zu verstehen lernen!

Mit dem Bau dieser Schule soll ein Ort geschaffen sein, an dem genau dies möglich ist. Ein Ort des gemeinsamen Lernens. Ein Platz, an dem Menschen aber eben nicht nur Mathe, Physik und Schillers „Glocke“ pauken, sondern an dem sie lernen, miteinander  zu diskutieren, zu streiten und sich in ihrer Verschiedenheit zu respektieren.

Deshalb fördern wir Deutsche Auslandsschulen, und deshalb ist die Deutsche Schule Madrid, als eine Begegnungsschule mit großer Tradition ein zentraler Beitrag zu dieser gemeinsamen europäischen kulturellen Infrastruktur.

Allen, die an diesem neuen Bau mitgewirkt haben, möchte ich von Herzen danken. Das gilt für den Schulverein der Deutschen Schule Madrid. Das gilt für die Architekten. Und das gilt für diejenigen, die immer ungenannt bleiben in solchen Reden, nämlich diejenigen, die Hand angelegt haben. Der Boden, der bewegt worden ist, die Steine, die aufeinander gelegt worden sind, das Glas, das eingesetzt wurde. All das haben nicht Politiker oder Architekten gemacht, sondern das haben Bauhandwerker geleistet. Auch ihnen sollten wir an einer solchen Stelle ganz herzlich danken. Ebenso wie den vielen beteiligten Stellen auf Seiten unserer spanischen Freunde - und natürlich der Stadt Madrid. Auch das ist ein gutes Beispiel dafür, dass große Projekte im Miteinander wachsen und entstehen können.

Liebe Schülerinnen und Schüler,

der Besuch dieser Schule ist ein wichtiger Abschnitt auf Eurem Lebensweg. Ein Teil dessen, was wir heute eine „Bildungsbiographie“ nennen. Diese Biographien werden heute immer vielfältiger. Und das ist gut so! Euer Weg, liebe Schülerinnen und Schüler, wird diese Vielfalt spiegeln! Vielleicht werdet Ihr nach dem Schulabschluss erst einmal durch Europa reisen, direkt eine Ausbildung machen oder auch zum Studium nach Deutschland gehen. Wie vielfältig die Wege aus dieser Schule heraus sein können, das zeigen ihre ehemaligen Schüler:

Íñigo Méndez de Vigo begleitet heute nicht nur als ehemaliger Schüler, sondern auch als Kulturminister die Eröffnung.

Annette Rehrl hilft heute beim UNHCR in Genf dabei mit, die Flüchtlingsfragen auch für Europa und Deutschland zu lösen.

Das Lichtspiel in diesen Hallen zeigt es, und  Machado hat es wunderbar in Worte gefasst: Eure Wege sind nicht vorgezeichnet. Es ist an Euch, Euch Wege aufzutun, sie auszuprobieren und neue zu entdecken.

Meine Bitte dabei ist: Nutzt die Chance, die Ihr hier an dieser besonderen Schule erhaltet. Bleibt neugierig! Steht ein für die Werte Europas, die Ihr hier im Schulalltag erlebt: für Solidarität und Menschlichkeit. Geht hinaus und lebt dieses Europa! Lebt es hier, lebt es in anderen Städten Spaniens, in Deutschland oder anderswo auf der Welt, aber: lebt es! Gestaltet Europa. Es ist Eure Zukunft!

Vielen Dank.

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