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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Veranstaltung: "150 Jahre BASF"

02.07.2015

Liebe Malu Dreyer,
sehr geehrte Kollegen Abgeordnete des Deutschen Bundestags,
verehrte Damen und Herren,
lieber Herr Dr. Bock,

Aber als sie mich vor einigen Monaten zum 150. Geburtstag von BASF eingeladen haben, da konnte niemand ahnen, dass Ihr schönes Geburtstagsfest inmitten einer höchst turbulenten Woche stattfinden würde. Einer Woche, in der wir einerseits um den Zusammenhalt in der Eurozone ringen – und gleichzeitig eine friedliche, politische Beilegung des Atom-Streits mit dem Iran verhandeln. Zwischen diesen beiden Verhandlungstischen pendle ich seit dem Wochenende. Und das Ringen wird wohl auch noch eine Weile weitergehen.

Umso mehr freue ich mich, trotzdem heute Abend hier bei Ihnen sein zu können. Um der BASF zum 150. Geburtstag zu gratulieren und an diesem schönen Sommerabend den großartigen Erfolg Ihres Unternehmens mit Ihnen zu feiern!

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Meine Damen und Herren,

es kommt nicht allzu oft vor, dass ich bei einer Institution spreche, die noch älter ist als das Auswärtige Amt und die vor allem noch mehr Niederlassungen in der ganzen Welt hat.

Das Auswärtige Amt ist zwar in mehr Ländern vertreten als die BASF. Sie haben jedoch mit Ihren nahezu 400 Produktionsstandorten weltweit fast doppelt so viele Filialen wie der Auswärtige Dienst. Egal wo auf der Welt ich bisher war – und ich bin ganz gut unterwegs – die BASF ist in den allermeisten Fällen schon da. Sogar an Orten, wo schon lange kein deutscher Außenminister mehr war, wie zum Beispiel in Kuba, das ich demnächst zum ersten Mal besuchen werde.

Häufig war die BASF schon in Ländern engagiert und geschätzter Partner, als Deutschland oder auch andere westliche Länder noch gar nicht auf dem Plan waren. So wie in China.

Ich erinnere mich noch gut, als Herr Hambrecht - Ihr Vorgänger, lieber Herr Bock - in Anwesenheit des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao den Vertrag zur Erweiterung des BASF-Standortes in Nanjing unterzeichnete. Das war im Jahr 2006 und da war die BASF schon seit 121 Jahren in China engagiert! Bereits 1885 begann die BASF in China Textilfarbstoffe zu verkaufen, die damals zu den wichtigsten chemischen Produkten zählten. BASF ist eines der wenigen ausländischen Unternehmen, die schon zur Kaiserzeit in China aktiv waren.

Was vor 150 Jahren als „Die Badische Anilin- & Soda-Fabrik“ mit 30 Mitarbeitern begonnen hat, ist heute das größte Chemieunternehmen der Welt. Mit über 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwirtschaften Sie einen Umsatz von 74 Milliarden Euro jährlich. Das ist eine phänomenale Leistung, eine beeindruckende Historie, zu der ich herzlich gratuliere!

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Meine Damen und Herren,

die BASF hat in ihrer Geschichte mehr als einmal und an verschiedenen Orten des Globus den Zusammenbruch von Imperien und den Aufstieg neuer Mächte erlebt. Wie die Politik hat auch Ihr Unternehmen immer wieder auf Wandel und Umbruch reagieren müssen.

Und wie unser gesamtes Land haben auch Sie sich als deutsches Unternehmen mit der Geschichte der deutschen Chemieindustrie im letzten Jahrhundert auseinandersetzen müssen.

Die Giftgasproduktion schon im Ersten Weltkrieg, die Rolle der Chemieindustrie nach 1933, die Zwangsarbeit – es sind die furchtbaren Abgründe unserer deutschen Vergangenheit, die sich auch in der Geschichte Ihres Unternehmens oder der Vorgängerunternehmen auftun.

Aus dieser besonderen Geschichte erwächst besondere Verantwortung. Das gilt für die Politik wie für die Wirtschaft. Deutschland ist es nach den Grauen des Krieges vergönnt gewesen, wieder in die Weltgemeinschaft hineinzuwachsen. Gerade vor zwei Tagen haben wir hier in Berlin den 60. Jahrestag des deutschen Beitritts zur NATO feiern können. Deutschland ist heute ein freies, souveränes Land, fest verankert im Kreis der großen Demokratien der Welt. Und daraus begründet sich für mich unser heutiges internationales Engagement. Klar ist doch: Gerade unser Land, das damals Brandstifter und Zerstörer von Ordnung war, muss heute in diesem Jahrhundert in besonderer Weise Stifter von Ordnung sein, muss mehr als andere engagiert sein für politische Lösungen in Konflikten. Das, meine Damen und Herren, ist die außenpolitische Verantwortung, die aus unserer Geschichte erwächst.

Aber auch für Sie, als Unternehmer, stellt sich die Frage der Verantwortung. Und deswegen ist es gut und richtig, dass BASF ein Gründungsmitglied der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft Erinnerung, Verantwortung und Zukunft war. Hier werden nicht nur Opfer der NS-Herrschaft unterstützt, sondern auch Projekte gegen das Vergessen und für die Verständigung gefördert. Das ist eine wichtige, eine notwendige Arbeit. Auch dafür herzlichen Dank.

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Meine Damen und Herren,

Man weiß in Ihrem Unternehmen, wie es sich anfühlt in eine neue Zeit zu starten. Sie haben nicht nur eine, sondern mehrere industrielle Revolutionen mitgestaltet und waren dabei stets die technologische Avantgarde.

Diese Erfahrung des Wandels und diese Fähigkeit zur Erneuerung brauchen wir als Gesellschaft. Sie ist wichtig für ein global vernetztes Land wie unseres, weil sie uns hilft, in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Veränderungen unseren Kompass nicht zu verlieren. Weil wir von einem Unternehmen wie der BASF und seiner Belegschaft lernen können, wie man auch im schweren Sturm das Segel so setzt, dass man sicher am Ufer ankommt. In Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, brauchen wir diese Erfahrung mehr denn je.

Ich kann mich in meiner gesamten politischen Biographie an keine Zeit erinnern, in der internationale Krisen in so großer Zahl und in so großer Heftigkeit auf uns eingestürmt wären wie heute. Oder um es in einem Satz zu sagen: Die Welt ist aus den Fugen geraten. Diese Analyse könnte von einem Diplomaten aus meinem Hause genauso stammen wie von einem Analysten der BASF.

Verehrte Damen und Herren,

heute ist nicht der Anlass, um staatsmännische Reden zu halten, dennoch möchte ich als Außenminister kurz etwas zu dem Thema sagen, das uns im Moment alle beschäftigt: Griechenland.

Uns muss bewusst sein: es geht hier um weit mehr, als um eine finanztechnische Angelegenheit. Wir dürfen nicht die Illusion haben, dass mit dem Referendum am Sonntag, wie immer es ausgeht – und wir ahnen, wie es ausgehen wird - , das Thema zu Ende sein wird. Die Krise wird dann in eine nächste Phase geraten, in der wir auch nicht aus der Verantwortung sind. Uns muss vor allem bewusst sein, dass wir  nicht nur eine griechische Krise reden. Sondern wenn wir zum ersten Mal ein Land aus der Eurozone verlieren sollten, dann ist das für diejenigen, die von außen auf uns schauen - aus den USA, aus China, aus Indien - für sie ist das der erste Hinweis, dass dieses Europa doch nicht in der Lage sein könnte, seine eigenen Probleme zu lösen. Das ist auch der Grund, warum wir warum wir in den letzten Wochen so viel Flexibilität gezeigt haben. Das Ringen um Europa, der Versuch, die Eurozone nicht auseinanderfallen zu lassen, war der Grund für die Kompromissbereitschaft, die wir uns bis zum letzten Moment auferlegt haben. Aber es hat nicht gereicht. Die Griechen haben den Verhandlungstisch verlassen. Jetzt müssen wir darauf hoffen – und mehr als hoffen können wir nicht, wir können nicht in innerstaatliche Prozesse eingreifen - , dass die Griechen, die am Sonntag zur Abstimmung gehen, sich über die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind.

Das andere große Thema diese Woche ist der Iran. Ich komme gerade aus Wien.

Wir stehen vor der historischen Chance, einen fast 30-jährigen Nuklearkonflikt politisch und vor allem friedlich zu beenden. Ich stelle bei den Verhandlungspartnern das Bemühen fest, es jetzt in dieser Runde zu einem Ende zu bringen. Aber ob Sie Langstreckenläufer sind oder nicht: Sie wissen, am Ende einer langen Strecke hat man zwar nur noch eine überschaubare Teilstrecke vor sich. Trotzdem sind diese letzten Schritte oft die schwersten. Wir hoffen und werben dafür, dass in Teheran der Mut herrscht, die letzten Hindernisse zu überwinden. Das ist wichtig, um diesen Konflikt zu Ende zu bringen.

Für Herrn Bock und viele Vertreter der deutschen Industrie ist es wichtig, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, damit man an die guten  Wirtschaftsbeziehungen, die es zwischen Deutschland und Iran immer gab, wieder anknüpfen kann.

Aber es gibt noch einen dritten Grund: Wen man einen Blick auf den Mittleren Osten wirft, dann sehen wir dort seit 10 Jahren eine Entwicklung, von der manch einer  umgangssprachlich sagen könnte, dass „alles den Bach runter geht“. Ob Syrien, Irak, Libyen. Wenn es uns gelänge, mit dem Iran zu einem verantwortbaren Abschluss zu kommen, dann wäre dies auch eine Möglichkeit, in dieser krisengeschüttelten Region, in der staatliche Ordnungen erodieren oder schon ganz weg sind, endlich mal ein Zeichen der Ermutigung zu setzen. Dass wir durch politische Verhandlungen auch dort Ordnungen schaffen können, wo über Jahre hinweg Unordnung war.

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Meine Damen und Herren,

Sie sehen: Es gibt heute kaum ein außenpolitisches Problem mehr ohne wirtschaftspolitische Aspekte. Und es gibt kein großes wirtschaftspolitisches Problem mehr, das ohne die außenpolitische Dimension lösbar wäre. Zugleich braucht Politik für viele Herausforderungen, vor denen wir derzeit stehen, die Expertise von Unternehmen wie dem Ihren. Für die Frage zum Beispiel, wie wir die weltweit steigende Bevölkerung in Zukunft so mit Nahrungsmitteln versorgen wollen, dass wir dabei gleichzeitig unsere Umwelt nicht schädigen. Oder für Fragen der Energieversorgung: Ohne die Innovationskraft der Chemieindustrie kommen wir weder zu einer nachhaltigen Stromproduktion noch zu einer besseren Energieeffizienz.

Ganz zu schweigen davon, dass der Wohlstand, den wir als Industrienation hier in Deutschland genießen, ohne die Chemieindustrie mit ihren mehr als 400.000 Beschäftigten so nicht bestehen würde. Chemie ist ein essentieller Baustein unserer Wertschöpfungskette. Wir sind eines der wenigen Länder, die diese Kette noch fast vollständig in ihren eigenen Grenzen haben.

Die meisten Deutschen haben gelernt: Chemie ist nicht schmutzige Grundstoffindustrie. Chemie ist High-Tech und für ein rohstoffarmes Land der entscheidende Baustein für unsere exportorientierte Wirtschaft, die auch weiterhin von innovativen Produkten hoher Qualität und industriellen Lösungen leben wird.

All dies sind große Fragen für Wirtschaft und Politik. An denen müssen wir gemeinsam arbeiten im Interesse der Zukunft unseres Landes und seiner Menschen.

Lieber Herr Bock,

werte Damen und Herren,

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag –

Vielen Dank!

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