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Staatsministerin Cornelia Pieper zum Jahresempfang des Deutschen Archäologischen Instituts

09.05.2012

-- es gilt das gesprochene Wort!--

Sehr geehrte Frau Professor Fless,
Exzellenzen,
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Bundestages,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie hier im Europasaal des Auswärtigen Amts zum traditionellen Jahresempfang des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) begrüßen zu können. Ich tue dies sehr gerne, denn das DAI ist uns ein langer und vertrauter Partner, dem wir eng verbunden sind.

Lassen Sie mich mit einem Zitat von José Ortega y Gasset beginnen: „Wer seine Zeit recht sehen will, soll sie von ferne betrachten. Wie fern? Sehr einfach, genau so weit, dass er die Nase der Cleopatra nicht mehr erkennt“. Wie man dies tut, zeigt das DAI seit vielen Jahren sehr erfolgreich.

Ich habe nicht von ungefähr mit der Nasenspitze der Cleopatra begonnen. Wir alle beobachten die historischen Umwälzungen in Nordafrika mit Spannung. Die Menschen dort, vor allem die jungen Leute, verlangen nach politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie suchen nach Perspektiven und wollen ihre Zukunft aktiv mitgestalten. Diesen Weg wollen wir mit unseren Angeboten, bei denen auch das DAI eine wichtige Rolle spielt, gerne begleiten.

Ägypten ist uns auch aus einem anderen Grund sehr nahe. Wie in kaum einem anderen Land können wir in Ägypten zahllose Zeugnisse seiner Jahrtausende alten Geschichte als Kulturnation bewundern. Die Abteilung Kairo des DAI, gegründet vor mehr als 100 Jahren, ist eine der ältesten und ehrwürdigsten deutschen Einrichtungen in Ägypten, mit einer wissenschaftlichen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht. Genauso wichtig ist aber: Millionen von Touristen, die von den archäologischen Schätzen dort angezogen werden und auf historischer Spurensuche sind, haben dazu beigetragen, dass sich Europa und Nordafrika einander näher gekommen sind. Das Entstehen eines gemeinsamen kulturellen- und damit auch politischen – Bewusstseins innerhalb Europas, aber auch in Verbindung mit seinen Nachbarregionen, kann dazu beitragen, zeitgenössische Abgrenzungen und kulturelle Trennungen zu relativieren – vielleicht sogar zu überwinden. Es ist mir deshalb eine besondere Freude, dass der heutige Festvortrag von Prof. Dr. Stephan Seidlmayer, dem Leiter der Abteilung Kairo des DAI, gehalten wird.

Historische Forschung trägt ganz wesentlich zur Formung des kulturellen Gedächtnisses bei. Mit der Erforschung kultureller Stätten wird nationales Erbe identifiziert und gesellschaftliche Identität gestärkt. Der britische Historiker Henry Thomas Buckle sagte im 19. Jahrhundert: „Das einzige Mittel gegen Aberglaube ist Wissenschaft“. Dies gilt im Besonderen für die Archäologie. Denn auch sie trägt ganz wesentlich zum Abbau von Vorurteilen und Missverständnissen bei. Durch die Auseinandersetzung mit kulturellen Ursprüngen und Entwicklungen weltweit können wir viel über die Beziehungen der großen Weltkulturen untereinander lernen, auf deren Fundamenten wir leben. Gleichzeitig hilft sie uns auch, aktuelle politische Fragestellungen in ihren historischen Zusammenhängen besser zu verstehen. Wir lernen mehr über die eigene gesellschaftliche Identität und die anderer Völker und Menschen.

Die Erforschung des kulturellen Erbes eines Landes ist vor diesem Hintergrund eigentlich keine ausschließlich nationale Aufgabe. Sie erfordert vielmehr internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit und Vernetzung. Für die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts, das ja nicht von ungefähr beim Auswärtigen Amt angesiedelt ist, ist dies sozusagen Leitlinie und die Grundphilosophie. Die eingespielte und hochdifferenzierte internationale Zusammenarbeit und der enge Kontakt mit Ihren internationalen Kollegen sind Grundlage für die große Anerkennung, die den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des DAI weltweit entgegengebracht wird.

Doch das DAI bringt nicht nur herausragende wissenschaftliche Leistungen. Die Arbeit des DAI gehört zum Kernbereich unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. In der Archäologie wird - wie in der Diplomatie - aus der Sache heraus grenzüberschreitend gearbeitet. Die archäologische Zusammenarbeit eröffnet Möglichkeiten, auch auf kulturpolitisch hochsensiblen Feldern auf Augenhöhe mit unseren internationalen Partnern zusammenzuarbeiten.

Das DAI hat weltweit Kooperationsprojekte entwickelt und Freunde gefunden. Diese Kontakte sind eine Voraussetzung für gute wissenschaftliche Zusammenarbeit, wirken darüber hinaus jedoch auch in die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen hinein. Der völkerverbindende Charakter und damit die politische Bedeutung Ihrer Arbeit im Rahmen unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn Archäologie als Grundlagenwissenschaft findet keinesfalls im politikfreien Raum statt; in vielen Ländern gilt sie vielmehr auch als nationale Angelegenheit und genießt als Mittel kulturgeschichtlicher Identitätsfindung sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik eine hohe Aufmerksamkeit.

Wir haben gelernt, wie wichtig der Dialog der Kulturen im Rahmen von Diplomatie und internationaler Verständigung geworden ist. Die Erforschung geschichtlicher und kultureller Grundlagen der verschiedenen Zivilisationen kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Ohne sie wäre die heutige Welt in ihrer ganzen Vielfalt nicht zu verstehen.

Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist in diesen Zusammenhang mit ihrem Instrumentarium eingebunden. Sie dient nicht nur dazu, Kultur im Ausland darzustellen, sondern ist auch auf Austausch, Kooperation, Interaktion angelegt. Sie schafft Räume, in denen sich Völker und Kulturen begegnen, kennen- und verstehen lernen.

Die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts fügt sich in diesen Kontext exemplarisch ein. Allein das Netzwerk von Auslandsabteilungen und Außenstellen dokumentiert eindrucksvoll die internationale Präsenz. Neben den traditionellen Schwerpunkten in Rom, Athen oder allgemein dem Mittelmeerraum und der arabischen Halbinsel arbeitet das DAI nahezu weltweit mit Institutionen der Archäologie zusammen, sei es bei Grabungen auf der Osterinsel oder bei Projekten in Äthiopien und der Mongolei.

Sehr geehrte Frau Professor Fless,

vor gut einem Jahr konnten wir Sie als erste Frau an der Spitze dieser traditionsreichen Einrichtung begrüßen. Nach Ihrer Wahl haben Sie Ihre neue Aufgabe als „eine der spannendsten und reizvollsten Positionen, die man sich in der Archäologie überhaupt vorstellen kann“ bezeichnet. Sie sind mit Verve und Herzblut das energetische Zentrum des Instituts. Es wurde bereits deutlich, dass Philosophie und Basis Ihrer Arbeit immer auch die Kooperation mit Ihren Partnern vor Ort ist. Damit haben Sie – gerade auch über kulturelle Grenzen hinweg – ganz wesentlich zu einem gelungenen Dialog beigetragen und ihm weitere Perspektiven gegeben.

Für Ihre Arbeit wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Vielen Dank!

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