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Rede von Guido Westerwelle zur Eröffnung der internationalen Konferenz „Erinnern an den Zweiten Weltkrieg – Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa“

01.07.2010

-- Es gilt das gesprochene Wort! --

Sehr geehrter Herr Dr. Kunert,

sehr geehrter Herr Professor Tschurbarian, Sehr geehrter Herr Professor Troebst,

sehr geehrte Frau Dr. Beggreen-Merkel,

Exzellenzen,

verehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

sehr geehrte Damen und Herren,

65 Jahre nach Kriegsende verändert sich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Die Zeit des „Sich erinnerns“ der unmittelbar Beteiligten und Betroffenen geht zu Ende.

Von den Zeitzeugen leben nur noch ganz wenige. Enkeln und Urenkeln bleibt kaum noch Zeit für Fragen.

Das individuelle Schicksal lässt sich bald nicht mehr im Gespräch aufspüren, es bleibt für immer unerzählt. Das „an etwas erinnern“ der nachfolgenden Generationen hat Schritt für Schritt das „Sich erinnern“ ersetzt.

Wer die Zeitzeugen nicht mehr erlebt hat, ist angewiesen auf Überlieferungen. Er findet sie in Geschichtsbüchern, Memoiren, aber auch Videoaufzeichnungen und Fernseh-Dokumentationen.

Immer mehr wird das Bild des Zweiten Weltkrieges von den Erzählungen des Kinos geprägt. Viele verknüpfen mit dieser Zeit Erinnerungen an Filme wie „Das Boot“ und „Schindlers Liste“.

Meine Damen und Herren,

In der Vergangenheit hat die Geschichte die Völker Europas viel zu oft entzweit. Erinnerung darf nicht instrumentalisiert werden und den Weg in die Zukunft verstellen.

Jede Nation, jedes Volk schaut mit einem eigenen Blick auf seine Geschichte. Das gilt im besonderen für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Diese nationale Sicht ist unvermeidlich und legitim.

In Russland hat sich die Belagerung von Leningrad, bei der die Deutsche Wehrmacht die Menschen in den Hungertod trieb, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

In Polen prägt der Warschauer Aufstand von 1944 das kollektive Gedächtnis.

Für unsere gemeinsame Zukunft in Europa geht es darum, wie die unterschiedlichen Erinnerungen der Europäer zusammen kommen. Das beginnt mit dem Kennen und Verstehen der Erfahrungen der Nachbarn. Ein friedliches Europa braucht den Dialog über die kollektiven und kulturellen Erinnerungen aller.

In den nächsten Tagen können Sie Ihre Sicht mit der Sicht Ihrer europäischen Nachbarn austauschen. Die Organisatoren und Referenten dieser Konferenz stammen aus Polen, Russland und Deutschland. Hinzu kommen die Sichtweisen der Teilnehmer aus anderen Ländern Ost- und Mitteleuropas. Der Blick mit den Augen des Nachbarn schärft auch unseren Blick auf uns selbst.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist unauflöslich verknüpft mit dem Mord an

den europäischen Juden. Deutschland bekennt sich zu seiner Verantwortung für die Schoah. Die Schoah ist unverrückbarer Teil der kollektiven Erinnerung in Deutschland.

Dass Israel und Deutschland 65 Jahre nach Kriegsende auf ein freundschaftliches Verhältnis blicken können, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Gerade weil wir uns der historischen Wahrheit stellen, gerade weil wir zurück schauen, können wir gemeinsam auch nach vorn blicken.

Zu dieser Konferenz gehört der Besuch von vier Berliner Gedenkstätten. An diesen Stätten lassen sich die Widersprüche und der Wandel der Erinnerung im geteilten und vereinten Deutschland ablesen. Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park und das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst zeigen die Entwicklung von einer Erinnerung des Siegers zu einer gemeinsamen Erinnerung von Sieger und Besiegtem. Das "Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten im Zweiten Weltkrieg“ aus dem Jahr 1972 ist ein Beispiel für die offizielle Erinnerungskultur der DDR. Die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ erinnert an alle Opfer der Gestapo, der SS, des Reichssicherheitshauptamts. Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ neben dem Brandenburger Tor ist nationale Erinnerungsstätte des Gedenkens an das Menschheitsverbrechen der Schoah.

Zu den Erinnerungen der Deutschen gehören auch die Bombennächte von Hamburg, Berlin und Dresden. Dazu gehört auch das Schicksal der Deutschen, die in Folge des Krieges ihre Heimat verloren haben. Dass wir darüber heute offen sprechen können, ist das Ergebnis der Annäherung und der Versöhnung in Europa.

Wenn wir an Opfer unter den Deutschen denken, vergessen wir nie die deutsche Täterschaft. Wir gedenken im vollen Bewusstsein an die Verantwortung Deutschlands für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Wir gedenken an das, was wir Polen und Russen millionenfach angetan haben. Die fortdauernde geschichtliche Verantwortung Deutschlands steht außer Zweifel.

In Deutschland hat es Jahrzehnte gedauert, bis wir uns der Erinnerung gestellt haben. Nach 1945 hat man in der Bundesrepublik lange um Transparenz im Umgang mit der eigenen Geschichte gerungen.

Die Geschichte der Erinnerung an den zweiten Weltkrieg war lange Zeit auch eine Geschichte des Vergessens und Verdrängens, des Tabus und des Verschweigens. Die Auschwitzprozesse in Frankfurt seit 1963, Bundeskanzler Willy Brandts Kniefall von Warschau, die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sind Beispiele dafür, wie Deutsche den Deutschen immer wieder die eigene Verantwortung vor Augen geführt haben.

Die Debatte über das richtige Erinnern geht weiter. Mit jedem Akt der Erinnerung, mit jeder Geschichte, die wir erzählen, mit jedem Bild, das wir uns machen, schaffen wir die Vergangenheit ein Stück weit neu. Auch jedes Schweigen und Verschweigen, Auslassen und Nicht-Berichten prägt die Vergangenheit.

Die Achtung vor Opfern, die Be-Achtung ihres Leides ist keine Missachtung anderer, die auch gelitten haben. Wenn wir an das Leid der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der politisch Verfolgten erinnern, missachten wir nicht das unvergleichliche Leid der ermordeten Juden Europas.

Unser Gedenken an das Leid von Millionen gemordeter Polen und Russen setzt das Leid anderer nicht zurück. Das Gedenken sind wir allen Opfern schuldig. Ihr Leid ist Teil der geschichtlichen Wahrheit. Der Grundsatz „Gegen das Vergessen“ gilt für alle.

Vor diesem Saal im Foyer liegt in einer Vitrine das Protokoll der Wannsee-Konferenz von 1942. Dort sehen Sie auch eine Landkarte mit den Unterschriften Ribbentrops und Stalins. Sie war Teil des Hitler-Stalin Paktes vom August 1939. Hier zeichnete man die Aufteilung Polens auf, zeichnete auf, wie die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion verlaufen sollte.

Ich nenne beide Exponate, weil sie im Ringen um die geschichtliche Wahrheit eine besondere Rolle spielten. Die Arbeit an den Quellen, an der Ermittlung historischer Fakten steht am Beginn jeder verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit Geschichte.

Unerlässlich für die Ermittlung der Fakten ist eine freie und unabhängige Forschung. Die Ermittlung der historischen Wahrheit ist nicht Sache des Staates, sondern der Wissenschaft.

Wissenschaftler brauchen freien Zugang zu allen Quellen. Sie müssen unbehindert fragen, deuten, streiten können. Eine fruchtbare Auseinandersetzung wünsche ich Ihnen für die nächsten Tage.

Wenn die kollektive Erinnerung eines Volkes eine identitätsstiftende Klammer für das Zusammenleben eines Staates ist, fragt sich, ob Europa ohne eine ähnliche identitätsstiftende Klammer auf Dauer bestehen kann. Brauchen wir eine Art europäischer kollektiver Erinnerung? Wenn ja, wie entsteht sie?

In der Vergangenheit wurden viele Versuche gemacht, Erinnerung staatlich anzuordnen. Aber geschichtliche Wahrheit ist keine Verhandlungsmasse. Und mit erstarrten Ritualen ist niemandem geholfen.

Die unvoreingenommene Diskussion über Inhalt und Grenzen der Erinnerung ist wichtiger, als dass man sich vorschnell auf eine Antwort einigt. Dieser Prozess ist an sich schon Teil eines lebendigen Gedenkens.

Hans-Dietrich Genscher hat vor wenigen Tagen in Berlin auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag zurückgeblickt. Er sagte, es komme auf das „Sich erinnern und Neues wollen“ an. Genau dafür steht die Aussöhnung in Europa. Auf dem Weg des „Sich erinnerns“ und der Versöhnung mit Deutschland haben Russland und Polen Großes geleistet.

Dass eine deutsche Bundeskanzlerin am 9. Mai bei der Gedenkfeier zum Jahrestag des Kriegsendes zu Gast in Moskau sein würde, war vor zwanzig Jahren undenkbar. Dass eine Bundeskanzlerin zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September eine Rede in Danzig halten würde, war noch vor wenigen Jahren eine Utopie. Im vergangenen Jahr wurde es Realität.

Auch in ihrem bilateralen Verhältnis sprechen Polen und Russen mit neuer Offenheit über die gemeinsame Vergangenheit. Die Anteilnahme mit den trauernden Polen, die der tragische Flugzeugabsturz von Smolensk in Russland ausgelöst hat, hat mich tief bewegt.

Gemeinsam können wir in Europa aus Orten des Grauens und des Leides Orte des Mahnens und Gedenkens machen. Mit der Zeit können so Orte der Versöhnung entstehen.

Vor wenigen Tagen habe ich in Warschau davon gesprochen, dass die Freundschaft mit Polen erstrangig ist und nicht hinter der Freundschaft mit Frankreich zurück steht.

Seit 2004 entscheidet Polen in Brüssel als Teil der Europäischen Union über die gemeinsame Zukunft.

So wie mit Frankreich ein gemeinsames Geschichtsbuch gelungen ist, kann das auch mit Polen gelingen. Der gemeinsame Blick auf eine vielfach schwierige Geschichte erlaubt uns einen gemeinsamen Blick in eine bessere Zukunft.

In unserem Verhältnis zueinander wagen Deutschland, Polen und Russland Neues. Wir arbeiten gemeinsam, trilateral, zusammen. Diese Konferenz ist die zweite Ihrer Art. Im vergangenen Jahr sprachen Historiker, darunter viele der hier Anwesenden, in Warschau über die Genese des Zweiten Weltkrieges.

Wir sprechen über die Vergangenheit, aber auch über die Zukunft. Die Planungsstäbe der drei Außenministerien sprechen offen über sensible Themen der europäischen Sicherheit. Wir beraten über die Beziehungen zwischen der NATO zu Russland, über gemeinsame Projekte in der OSZE. In Kürze wollen die Außenministerien unserer drei Länder auf der Ebene der stellvertretenden Außenminister zusammen kommen.

Der Dialog zwischen Russland, Polen und Deutschland über die Vergangenheit und über die Zukunft geht weiter. Vertrauen zwischen unseren drei Ländern ist unverzichtbar. Unsere Freiheit in Europa wird nur mit gemeinsamer und ungeteilter Sicherheit von Vancouver bis Wladiwostok auf Dauer bestehen.

Daran werde ich gemeinsam mit meinem polnischen, meinem russischen und meinen europäischen Kollegen konsequent arbeiten.

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