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Verleihung des Kant-Weltbürgerpreises Freiburg an Dom Luiz Flavio Cappio; Laudatio von Staatsminister Gernot Erler

09.05.2009

Es gilt das gesprochene Wort!

Hochwürdigster Herr Bischof Cappio,
Werte Abgeordnete,
Herr Dr. Salomon,
Herr von Kirchbach,
Vertreter des Gemeinderats,
Vertreter der Kantstiftung,
Meine Damen und Herren,

wir haben uns heute hier versammelt, um Sie, Bischof Luiz Flavio Cappio, zu ehren.

Die Freiburger Kant-Stiftung ehrt mit dem Weltbürgerpreis die Preisträger für ihr mutiges Eintreten zugunsten der Menschenrechte und der Menschenwürde von politisch und sozial marginalisierten Bevölkerungsgruppen.

Der Preisträger Bischof Luiz Flavio Cappio wirkt in Brasilien - und damit auf einem Kontinent, der zeitweise etwas aus dem Blickfeld der europäischen und deutschen Außenpolitik geraten war. Ganz zu Unrecht, wie ich meine.

Unsere europäische Geschichte ist engstens verwoben mit der des südamerikanischen Kontinents. Wir teilen mit Südamerika gemeinsame Werte, Interessen und Auffassungen in Bereichen wie Frieden und Entwicklung, Menschenrechte, effektiver Multilateralismus und internationale Sicherheit.

Wir tragen schon deswegen eine besondere Verantwortung für Stabilität und Entwicklung in Südamerika.

Wir tragen sie aber noch aus einem anderen Grund: in Südamerika wird sich auch ein Stück weit erweisen, ob unser europäisches Modell eines Gemeinwesens, ob unsere Überzeugungen und Haltungen in einer globalisierten Welt - und das heißt in einer Welt mit vielen Zentren - einen Beitrag zu der Lösung der größten Herausforderungen liefern kann.

Wer in Südamerika war, der hat lange vor dem Ausbruch der Finanzkrise sehen können, wie ein ungeregeltes internationales Finanz- und Wirtschaftssystem Ungerechtigkeit und Armut produziert.

Er hat sehen können, wie die enormen ökologischen und sozialen Herausforderungen ganze Gesellschaften zu spalten drohen und welchen Beitrag wir Deutsche durch technologisches, durch politisches, auch durch und kulturelles Engagement leisten können und, wie ich finde, leisten müssen.

Meine Damen und Herren,

Mit Brasilien verbindet Deutschland eine traditionell enge und langjährige Freundschaft. Unsere politischen Beziehungen sind strategischer Natur und - wie ich betonen möchte - von ganz ausgezeichneter Qualität.Erst im vergangenen Jahr hat die Bundeskanzlerin Brasilien einen offiziellen Besuch abgestattet und z.B. mit der Verabschiedung eines gemeinsamen strategischen Aktionsplans wichtige Weichen für die künftige Zusammenarbeit auf politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Ebenen gestellt.

Unsere gemeinsamen Werte und Zielsetzungen machen Deutschland und Brasilien zu wichtigen Partnern auch auf der internationalen Bühne.

Im bilateralen Bereich stimmen wir uns eng und vertrauensvoll untereinander ab und beraten auch schwierige Fragen offen und im Rahmen bewährter Konsultationsmechanismen des politischen Dialogs.

Diese Offenheit im Umgang miteinander erfüllt die deutsch-brasilianischen Beziehungen mit Leben, und sie betrifft alle politischen Ebenen:  Erst vor vier Wochen hat der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt Gespräche über Menschenrechtsfragen in Brasilien geführt und dabei u.a. eine engere Zusammenarbeit in internationalen Menschenrechtsforen angeregt, die unser gemeinsames politisches Engagement stärken soll.

Meine Damen und Herren,

Der Weltbürgerpreis würdigt mutige und kritische Vorkämpfer für ihr energisches Eintreten zugunsten von Grundrechten - wie das Recht, in einer gesunden Umwelt und unter menschenwürdigen Bedingungen zu leben - und der Menschenwürde von politisch und sozial marginalisierten Bevölkerungsgruppen.

Bischof Cappio ist ein Vorkämpfer. Geboren im Bundesstaat São Paulo am Festtag des Heiligen Franz von Assisi wandelte Luiz Flavio Cappio bald auf den Spuren seines großen Vorbildes. Schon bald nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Theologie wurde er zum Franziskaner-Priester geweiht und wandte sich den Randgruppen der Gesellschaft zu. Er arbeitete in einer Gemeinde im Bundesstaat Bahia am Mittellauf des Flusses, der den Namen seines Vorbildes trägt: São Francisco. Dom Luiz sollte den Großteil seines Lebens am Ufer jenes für ihn so schicksalhaften Flusses verbringen. 1997 wurde er zum Bischof der Diözese Barra ernannt, in einer der ärmsten Gegenden am Mittellauf des Rio São Francisco.

Neben der Abkehr von irdischen Gütern ist die Seelsorge ein wichtiger Bestandteil des franziskanischen Lebens. Dom Luiz erkannte schnell, dass in seiner Gemeinde nicht nur der Bedarf an intensiver geistiger Fürsorge groß war, sondern die Menschen seiner Hilfe bedurften. Dom Luiz hatte sich entschlossen, an der Seite der Armen zu stehen.

Meine Damen und Herren,

Der Bundesstaat Bahia im Nordosten Brasiliens ist etwa um die Hälfte größer als Deutschland. Bei der Erwirtschaftung des Bruttoinlandsprodukts steht Bahia in Brasilien zwar an sechster Stelle; die sozialen Indikatoren und das Einkommen pro Kopf sind aber deutlich unterdurchschnittlich. Bahia ist keine reiche Region, die sozialen Probleme sind mannigfaltig.

Ökonomisch spielt die Landwirtschaft, insbesondere der Anbau von Zucker, Soja, Baumwolle und Gemüse, eine wichtige Rolle. Typisch für den Nordosten Brasiliens ist der Übergang der an der Küste gelegenen

Agrarzone in ein westlich gelegenes Trockengebiet. Im Bundesstaat Bahia jedoch erstreckt sich die Agrarzone weiter landeinwärts als in anderen Teilen der Region.

Der Grund hierfür ist: Wasser. Bahia wird neben kleineren Flüssen durchzogen von dem Rio São Francisco, dem mit 2.700 km Länge drittgrößten Fluss Brasiliens. Er ist die Lebensader für die armen Gemeinden mitten in der Trockenheit des semiariden Nordostens.

Wasser bedeutet Leben, besonders dort, wo die Frage des Überlebens von der Lösung der Wasserprobleme abhängt. Immer wieder, von den ersten sesshaft werdenden Menschen zu den Hochkulturen der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit, entstanden Konflikte durch ein zu viel oder ein zu wenig an Wasser.

Das Wasser des Rio São Francisco sichert das Leben der Menschen am Fluss durch Landwirtschaft oder Fischerei. Aber bereits heute wird der Fluss durch zahlreiche Dämme aufgestaut und werden mit seinem Wasser Teile des 600.000 km2 großen Einzugsgebietes für Bewässerungskulturen und Stromerzeugung genutzt. Oft hat die Bewässerung Vorrang ggü. der Trinkwasserversorgung.

Am Mittellauf des Flusses wird mehr als die Hälfte des Wassers für die Bewässerung großer agroindustrieller Anlagen entnommenen. Die Fischerei ist seit den 1960er Jahren infolge verschiedener Staudämme um 90 Prozent zurückgegangen. Am Oberlauf des Flusses verursacht die Euphorie um Agrotreibstoffe, vor allem Ethanol, eine starke Ausweitung der Anbauflächen von Zuckerrohr mit fatalen Folgen für den Wasserhaushalt: Die Erosion nimmt weiter zu.

Die Abholzung in den Einzugsgebieten des Rio São Francisco, vor allem in der Quellregion seiner wasserreichsten Zuflüsse, haben zum Austrocknen zahlreicher Nebenflüsse geführt. Abwässer aus urbanen Zentren und Minen verschmutzen das Wasser. Die weitere Nutzungskonkurrenz bedeutet eine zusätzliche Belastung für den ökologisch angeschlagenen und hoch beanspruchten Fluss. Wegen weiterer Projekte sollen etwa 3.500 Menschen umgesiedelt werden.

Meine Damen und Herren,

schon früh war sich Bischof Cappio der gravierenden Probleme des Rio São Francisco bewusst. Er erkannte die enorme Bedeutung des Wassers als Grundlage des Lebens in der Region wie auch das Potenzial für Krisen infolge Wasserverschmutzung und Wassermangel. Mit großem persönlichen Engagement setzte er sich für eine Lösung zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Landbevölkerung ein. Dabei mag ihn ein Leitsatz von Franz von Assisi besonders ermutigt haben: „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“

Am Anfang stand eine einjährige Wallfahrt, die Dom Luiz Cappio 1992 von der Quelle bis zur Mündung des Rio São Francisco unternahm, um damit auf die sozialen und ökologischen Probleme und auf die prekäre Lage der Landbevölkerung in der entlegenen Region aufmerksam zu machen und sie in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit zu rücken.

Am Projekt einer groß angelegten Umleitung des Flusses entzündete sich sein Streit mit der brasilianischen Regierung und mit Staatspräsident Lula da Silva. Um die Trockenzonen der nordöstlichen Bundesstaaten Pernambuco, Paraíba, Ceará und Rio Grande do Norte zu bewässern, soll durch zwei Kanäle von 400 bzw. 220 km Länge Flusswasser umgeleitet werden. Kein neues Projekt, wie wir wissen, die ersten Pläne stammen bereits aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Nach der Überzeugung von Staatspräsident Lula da Silva, der selbst einer armen Familie aus Pernambuco entstammt, bietet die Ableitung des Flusswassers die Chance, die Grundlagen für die humanitäre und wirtschaftliche Entwicklung dieser Trocken- und Armutsgebiete entscheidend zu verbessern und die Trinkwasserversorgung zu sichern. In der Endphase sollen rund 15 - 20 Mio. der Ärmsten Brasiliens eine neue Existenzgrundlage erhalten.

Für Bischof Cappio stand im Vordergrund, dass sich die Lebensbedingungen der Landbevölkerung in Bahia aufgrund der Umleitung weiter verschlechtern könnten. Dem bereits stark geschwächten Fluss weiteres Wasser zu entnehmen, verglich er mit dem Aderlass eines Kranken. Ihn trieb die Sorgen, die ökologischen Probleme des Flusstales könnten weiter wachsen und der Fluss den Menschen entlang seiner Ufer die Lebensgrundlage entziehen.

Aus Protest gegen das Projekt und um seinen Argumenten stärkeren Nachdruck zu verleihen, trat Bischof Cappio 2005 in einen Hungertstreik. Er wollte Staatspräsident Lula zu einem gesellschaftlichen Dialog mit allen betroffenen Gruppen über die effizienteste Art der Wasserversorgung der Anrainer zwingen. Dies auch vor dem Hintergrund des großen finanziellen Aufwands. Das Projekt wurde jedoch nicht gestoppt: Ende 2007 entschied der Oberste Bundesgerichtshof im Sinne der Regierung; ungeachtet des weiteren Protestes begannen die Bauarbeiten der Kanäle.

Dom Luiz Cappio trat erneut in den Hungerstreik, diesmal in der Kappelle des Heiligen Franziskus am Ufer des Sobradinho Stausees. An diesem symbolträchtigen Ort wollte er die sozialen und ökologischen Folgen des Eingriffs in das Ökosystems des Rio São Francisco jedem Bürger, aber auch der Weltöffentlichkeit vor Augen führen.

Sehr geehrter Bischof Luiz Flavio Cappio,

ich freue mich sehr, Sie hier und heute begrüßen zu können.

Durch Ihren bedingungslosen persönlichen Einsatz haben Sie sich und Ihrem Anliegen national und auch weltweit Gehör verschafft und die Unterstützung und Anerkennung vieler gesellschaftlicher Gruppen, der Kirche, aber auch von Umwelt-NGOs, Wissenschaftler und Indigenen-Vertretern gefunden. Auch in Deutschland: Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, wandte sich in einem Schreiben an Staatspräsident Lula, um seine Solidarität mit Ihnen zu bekunden. Auch Miseror und Adveniat sandten Solidaritätsadressen.

Sie haben mit höchstem Einsatz für Ihre Überzeugungen gekämpft und dabei auch Ihr Leben und Ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Ihren Hungerstreik brachen Sie nach 23 Tagen erst ab, als sich Ihre Gesundheit rapide verschlechterte und Sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.

Sie haben klare Position bezogen und sich auf die Seite derer gestellt, die bislang nur ungenügend teilhaben können an der beeindruckenden Entwicklung Ihres Landes. Sie verleihen der Landbevölkerung entlang des Rio São Francisco eine Stimme, die überall gehört wird. Sie ermöglichen diesen Menschen damit die politische Teilhabe in einem Maße, wie sie ohne Ihre Stimme nicht erfolgen könnte.

Ihr engagiertes Eintreten hat die internationale Aufmerksamkeit auch auf ein Problem gelenkt, das weltweit Gesellschaften beschäftigt und bei dem die Antworten von Land zu Land durchaus unterschiedlich ausfallen: Was ist „Fortschritt“? Wie kann man sicherstellen, dass vom „Fortschritt“ möglichst viele Menschen profitieren und niemand zurückbleibt? Welchen Preis darf „Fortschritt“ haben? Wie ist dabei das Spannungsverhältnis Mensch – Umwelt aufzulösen? Welche Eingriffe in die Natur sind vertretbar in der berechtigten Hoffnung auf ein besseres Auskommen, ein menschenwürdiges Leben? Und welche sind es nicht?

Mit hohem persönlichen Engagement haben Sie sich gegen die aus Ihrer Sicht zu weit gehenden Eingriffe in die Natur, in die Schöpfung, gewandt. Sie konnten erreichen, dass der brasilianische Senat Anfang 2008 das Projekt der Umleitung des São Francisco erneut diskutierte und haben damit beachtliche Wirkung erzielt.

Erlauben Sie mir, Ihnen für Ihren Einsatz meinen Respekt und meine Hochachtung auszusprechen.

2008 wurden Sie für Ihren Einsatz zur Wahrung der Schöpfung Gottes und zum Schutz der Landbevölkerung mit dem Pax christi Friedenspreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am Staudamm Sobradinho im Rahmen einer Wallfahrt statt.

Meine Damen und Herren,

„die Pflicht gegen sich selbst besteht darin, dass der Mensch die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person bewahre.“ Diese Forderung Immanuel Kants wird von Dom Luiz Cappio praktisch gelebt.

Darum sind wir heute hier, um seinen couragierten Einsatz zugunsten der Menschenrechte und -würde mit dem Kant-Weltbürgerpreis 2009 zu ehren.

Sehr geehrter Bischof Cappio,

Ihre Erfolge zeigen, dass gelebte Solidarität und gelebtes Engagement Schritt für Schritt den Weg bereiten können für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft.

Sie verkörpern das Weltbürger-Ethos im Sinne Immanuel Kants. Sie betreiben mutig Interessensarbeit für die Rechte jener Menschen, die oft nicht gesehen oder gehört werden, und für den Schutz der Umwelt, die keine eigene Stimme hat und deren Erhalt doch so wichtig ist, um die Lebensgrundlage der Menschen zu sichern.

Durch Ihre Zivilcourage fördern Sie gleichzeitig die Demokratie Brasiliens, da Sie die Regierung in einen Dialog mit der Zivilgesellschaft bringen und damit den demokratischen Austausch in der Gesellschaft vorantreiben.

Ihre Arbeit ist nicht nur ein Hoffnungszeichen für Südamerika, sondern im Kampf gegen Armut und für die Erhaltung der Umwelt auch für uns.

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