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Rede von Staatssekretär Peter Ammon

22.01.2009

Sehr geehrter Herr Präsident,
lieber Professor Schwarz,
sehr geehrte Stipendiaten und Alumni,
meine Damen und Herren,
herzlich Willkommen im Auswärtigen Amt.

Ich freue mich, dass die Alexander von Humboldt-Stiftung heute und morgen ihre Netzwerktagung hier im Deutschen Außenministerium durchführt.

Ich denke, die meisten von Ihnen kennen die historische Bedeutung dieses Hauses:

Hier saß das Machtzentrum, das Zentralkomitee der DDR, hier hat aber auch das erste frei gewählte Parlament der DDR über den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland entschieden.

Es weht also ein Hauch von Geschichte durch dieses Haus.

Und wenn wir auf die Entwicklung in der Welt schauen, wissen wir: Der Wandel hört nie auf.

Es gibt kein Ende der Geschichte, wie manche es in den 90er Jahren noch vermutet hatten.

Und in dieser Zeit, wo alle Welt von großen Krisen spricht, ist es richtig, nach vorne zu schauen und den Wandel zu gestalten.

In dem Titel dieser Veranstaltung kommt das trefflich zum Ausdruck: Die Deutschland-Alumni diskutieren hier, so die Überschrift, die Welt von Morgen; Vertrauen ist der zentrale Begriff, der auch für moderne Volkswirtschaften und politische Prozesse der Schlüssel ist, und sie organisieren sich, so legen Sie in der Einladung dar, als Netzwerk.

In einem Zeitartikel von Jörg Albrecht, der sich mit Charles Darwin und Evolutionstheorien auseinandersetzte, heißt es: „Das Erstaunlichste, was die Evolution hervorbrachte, ist das Netz gegenseitiger Abhängigkeiten.“

Dies ist auch für einen Diplomaten eine interessante Erkenntnis:

So ist es doch traditionell das Ziel jeder Außenpolitik gewesen, sich möglichst von Abhängigkeiten zu befreien, sich Optionen offen zu halten.

Nun sagt uns die Evolutionstheorie, dass ein System gegenseitiger Abhängigkeiten die besseren Lebens- und Entwicklungschancen haben kann?

Diese Erkenntnis steht zunächst einmal gegen die eigene Intuition.

Aber bei genauerer Betrachtung hat sich ja empirisch gezeigt, dass diese Regel auch für die Außenpolitik gelten mag:

Deutschland konnte die längste Friedensperiode seiner Geschichte erleben, weil es sich in ein System kollektiver Sicherheit eingeordnet hat, indem es Beschränkungen seiner Souveränität akzeptiert hat.

Wenn man so will, ist unsere auf Kooperation und Bildung von Vertrauen setzende Außenpolitik heute auch ein Ergebnis der Evolution, die andere Konzepte ausgetestet hat und sie als ungeeignet verwarf.

Wenn ich von evolutionärer Entwicklung der Außenpolitik spreche, kann ich sehr schnell den Bogen zur Außenwissenschaftspolitik spannen:

Bundesminister Steinmeier hat 2009 zum Außenwissenschaftsjahr ausgerufen.

Am Montag und Dienstag dieser Woche hat hier eine Konferenz stattgefunden, die der Standortbestimmung der Außenwissenschaftspolitik des Auswärtigen Amtes gedient und Perspektiven für die weitere Entwicklung aufgezeigt hat.

Ich bin überzeugt: Die Symbiose von Wissenschaft und Diplomatie eröffnet uns eine neue Dimension der internationalen Kooperation, die nicht nur mehr Wohlstand verspricht, sondern auch Interessen zusammenführt.

Wir werden dauerhaften Frieden in der Welt nur erreichen, wenn wir eine globale Ordnung schaffen können, die auf einer Win-Win-Strategie beruht.

Die Strategie des Win-Win ist sozusagen das Gegenteil von Realpolitik, in der jeder gnadenlos für sich alleine seine eigenen Vorteile zu Lasten des anderen sucht – eine Art Politik, die wesentlich zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts beigetragen hat.

Welch besseres Beispiel für eine Win-Win-Strategie gibt es, als die internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft?

Nur der wissenschaftlich-technologische Fortschritt schafft langfristig das globale Wachstum, das uns neue Verteilungsspielräume eröffnet, um eine rasch wachsende Weltbevölkerung mit Hilfe von Wissenschaft und technologischem Fortschritt zu ernähren.

Wir brauchen diese Verteilungsspielräume, um den sich verschärfenden Konflikt in der Welt die Grundlage zu entziehen.

Wir brauchen Sie, die globale Gemeinschaft der Alumni, als unsere Verbündeten, bei nicht weniger als dem Bau einer gerechten globalen Friedensordnung!

Ich hoffe, dass die Ernennung des Humboldtianers Steven Chu zum künftigen amerikanischen Energieminister die Chancen für eine globale und gerechte Lösung des Klimaproblems erleichtert.

Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen, um diese neue Art globaler Herausforderung zu beherrschen.

Ich habe deswegen eine ganz konkrete Erwartung an Sie, die Alumni:

Seien Sie in Ihren Ländern Sprachrohr einer Politik der Kooperation, von der beide Seite profitieren.

Mit 23.000 Alumni allein der Alexander von Humboldt Stiftung, darunter 40 Nobelpreisträger, hat Ihre Stimme Gewicht wie keine andere.

Meine Damen und Herren,

Krisenzeiten sind immer auch Zeiten, in denen Gestaltungsräume größer werden.

Wir haben jetzt die Chance, mit der Verbindung von Wissenschaft und Außenpolitik, die internationalen Beziehungen zu beeinflussen.

Wir haben jetzt einen neuen amerikanischen Präsidenten, an den sich große Hoffnungen knüpfen, neue Wege der Zusammenarbeit zu beschreiten.

In den letzten Tagen haben wir aber auch sehen müssen, wie im Nahen Osten die Sprachlosigkeit und der gegenseitige Hass Dimensionen erreicht haben, die für die Zukunft der ganzen Welt gefährlich sind.

Es ist die Perspektivlosigkeit der Menschen in Gaza und darüber hinaus, die die Situation politisch so schwer lösbar macht.

Wir, und damit meine ich die ganze internationale Gemeinschaft, sollten hier nicht länger nur in Kategorien von Sicherheit und gegenseitiger Bedrohung reden, sondern besser auch noch über Stipendien für die jungen Menschen aus der Region, über neue grenzüberschreitende Universitäten und gemeinsame Forschungsprojekte.

Zu den zahlreichen Baustellen der Außenpolitik zähle ich auch den akademischen Aufbau in Ländern und Krisenregionen wie Afghanistan und Irak.

Ich bin überzeugt, dass sich dort gerade jetzt eine Tür öffnet, durch die wir gehen sollten, auch mit einer aktiven Außenwissenschaftspolitik.

Meine Damen und Herren,

in der Reihe großer internationaler Themen dieser Tage werden in den Medien regelmäßig auch die Folgen der aktuellen Finanzkrise für unsere Gesellschaften genannt.

Insbesondere der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929, der immer öfter gezogen wird, flößt vielen Menschen Angst ein.

Ich selber bin kein Freund von Pessimismus, und ich denke, dass der Glaube an die positive Gestaltungskraft des Menschen den meisten Wissenschaftlern in den Genen liegt, dass man als Forscher Optimist sein muss.

Aber mit blindem Zukunftsglauben allein ist es auch nicht getan.

Ich bin überzeugt, dass in einer Situation, in der die traditionellen Erklärungsmuster ökonomischer Theorien nicht mehr zu tragen scheinen, die Wissenschaft in der Verantwortung steht, den Bürgerinnen und Bürgern die Geschehnisse verständlich zu machen.

Vielleicht haben die Mathematiker es ja zugelassen, dass Finanzjongleure ihre Risiko-Modelle in blindem Zutrauen übernommen haben und dann fest an die Berechenbarkeit von Risiken geglaubt haben – so sehr, dass am Ende Sparer in Deutschland und China die Häuser von Leuten in den USA finanziert haben, die sie gar nicht kannten und die es sich auch nicht leisten konnten.

Was ist hier schief gelaufen?

Komplexe Systeme, deren Variablen in nicht-linearen Zusammenhängen stehen, trotzen immer noch den schnellsten Supercomputern.

Und anders als unsere Intuition, die gerne lineares Verhalten unterstellt, uns glauben lässt, weisen nicht-lineare Systeme oft instabile Verläufe auf.

Dieses Phänomen aus der Chaos-Theorie wurde populär als „Schmetterlings-Effekt“ bekannt.

Die Krise ist auch eine Herausforderung an die Wissenschaft.

Ich rate Ihnen, dass Sie als Wissenschaftler mehr als bisher die Grenzen ihrer Modelle erklären sollten.

Manchmal ist auch die alte Tugend der Bescheidenheit hilfreich:

Es ist nicht lange her, dass man mir voller Stolz über angeblich weiter entwickelte und „tiefere“ Finanzmärkte berichtete, die dem althergebrachten Banking überlegen seien, weil es anspruchsvolle mathematische Fundamente habe.

Es geht heute nun darum, verloren gegangenes Vertrauen in die Systeme wieder herzustellen.

Vertrauen in den Wert des Geldes, in das Funktionieren der wirtschaftlichen Ordnung ist jetzt das wichtigste Gut, um die globale Ökonomie aus der Abwärts-Spirale zu reißen.

Auch dies ist eine Aufgabe, die nationale Grenzen weit überschreitet und die wir nur gemeinsam lösen können.

Ich bin damit wieder am Ausgangspunkt meiner Betrachtungen angekommen, der Evolution komplexer Systeme und der überraschenden Erkenntnis, dass Interdependenz ein evolutionärer Vorteil sein kann.

Die Netzwerke des Vertrauens, die Sie, die Alumni, heute hier über den Globus spannen, sind nach meiner festen Überzeugung gerade in Zeiten wie diesen ein Trumpf, der im Wettbewerb der Ideen entscheidend sein kann, auch für unsere Außenpolitik.

Ich wünsche Ihnen gute Gespräche hier im Auswärtigen Amt, und ich zähle auf Ihre Unterstützung für die neue deutsche Außenwissenschaftspolitik!

 

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