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Rede von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

14.10.2008

Sehr geehrter Herr Staatspräsident, lieber Abdullah Gül,

sehr geehrter Orhan Pamuk,

sehr geehrter Herr Honnefelder,

sehr geehrter Herr Boos,

Exzellenzen,

sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

in der Vorberichterstattung zur Buchmesse war immer wieder ein Foto zu sehen: das von der Bosporus-Brücke in Istanbul. Und in der Tat ist dieses Bild von der Brücke zwischen Europa und Asien von hoher Symbolkraft. Nicht nur, weil es deutsche Ingenieure waren, die diese Verbindung zwischen Europa und Asien mitgeplant und mitgebaut haben. Und auch nicht nur, weil der türkische Staatspräsident, mein Freund Abdullah Gül und ich ganz persönliche Erinnerungen an diese Brücke knüpfen, unter der wir vor zwei Jahren die Ernst-Reuter-Initiative gestartet haben.

Wir alle hoffen, dass die Türkei die Brücke sein möge zwischen Kontinenten und Kulturen. Und ich wünsche der Frankfurter Buchmesse, dass sie bei diesem Brückenschlag hilft. Denn dringender noch als Autobahnbrücken benötigen wir heute die Brücken des Geistes und der Kultur.

Und die schnellste Verbindung zwischen den Kontinenten und Kulturen, das sind auch im Zeitalter des Internet noch immer die Bücher! Die Frankfurter Buchmesse beweist das von Jahr zu Jahr.

Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse eröffnen durfte, hatte ich dafür plädiert, Innen und Außen stärker zusammen zu denken. Die kulturelle Verschiedenheit zu nutzen für mehr Gemeinsamkeit angesichts der heraufziehenden Aufgaben des 21. Jahrhunderts.

Vor zwei Jahren hatte ich das als Forderung formuliert. Heute ist es unabweisbare Notwendigkeit.

Wir alle erleben die größte Krise der internationalen Finanz- und Wirtschaftsordnung seit dem zweiten Weltkrieg. Ich habe mich gerade eben erst mit dem türkischen Staatspräsidenten darüber unterhalten.

Er hat mir geschildert, wie stark das Wachstum in seinem Land betroffen ist von der Krise. Wie sehr er fürchtet, dass der Zusammenhalt der türkischen Gesellschaft gefährdet werden könnte durch einen Einbruch der wirtschaftlichen Entwicklung und vor allem: durch den Zusammenbruch der Hoffnung auf eine europäische moderne und demokratische Gesellschaft.

In dieser Situation steht nicht nur die türkische, sondern steht auch unsere Gesellschaft. Auch wenn wir gestern die schlimmsten Auswirkungen der Finanzmarktkrise haben abschwächen, vielleicht sogar verhindern können: Was wir gerade erleben, rüttelt an den Grundfesten unserer Gesellschaft.

Wer den Menschen auf den homo oeconomicus reduziert, wer für Wettbewerb ohne Grenzen und Vernunft plädiert, wer nur noch kurzfristige Rendite zum Maßstab des Wirtschaftens macht, verliert jedes Maß und endet in Maßlosigkeit!

Heute sehen, glaube ich, alle: Ein solches Menschenbild, ein solches Freiheitsverständnis, ein solches Verständnis von Wirtschaft gefährdet die Grundüberzeugungen und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften.

Es bedeutet letztlich die Erosion des Zusammenhanges von Freiheit und Verantwortung. Eines Zusammenhanges, der nichts anderes ist als das Erbe der europäischen Aufklärung.

Warum betone ich das an dieser Stelle?

Weil ich glaube, dass sich in der aktuellen Krise die Orientierungsfähigkeit und Anziehungskraft unseres Gesellschaftsmodells nicht nur für uns, sondern auch für unsere Freunde und Partner in der Welt entscheiden wird.

Lieber Orhan Pamuk, Sie haben diese Anziehungskraft hier in Frankfurt vor drei Jahren so beschrieben:

„Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen... Europa verdient Anerkennung dafür, dass es auch außerhalb des Westens die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefördert hat.“

Darum geht es, um die Verbindung dieser drei Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ob wir wollen oder nicht: Ein wenig ist die Frage nach unserem Verhältnis zur Türkei auch ein Test für die Ernsthaftigkeit unserer Werte und Haltungen.

Erneuern und verteidigen wir sie in unserer eigenen Gesellschaft?

Trauen wir ihnen zu, Vorbild zu sein für eine Gesellschaft im Umbruch wie die der Türkei?

Oder unterliegen wir der Versuchung, uns aus Ängstlichkeit abzuschotten, haben wir das Vertrauen in uns selbst verloren?

Gestern war in einer Zeitung zu lesen, dass die Finanzkrise eine „Weltordnungskrise“ ist. Das ist richtig. Umso notwendiger ist es, dass wir Europäer einen eigenen Vorschlag machen, wie denn eine gerechte und friedliche Ordnung auszusehen habe.

Die Frankfurter Buchmesse ist eine gute Gelegenheit, sich hierüber Gedanken zu machen. Gemeinsam mit unserem diesjährigen Gastland.

Denn wie noch nie zuvor können wir hier auf der Buchmesse den Reichtum der türkischen Literatur bei uns wahrnehmen. Können im Gespräch mit den Autoren einen Eindruck davon erhalten, mit welchen Fragen sich die türkische Gesellschaft auseinander setzt.

Keine Sorge: Literatur zu beurteilen ist nicht mein Amt. Aber wer einen Blick wirft auf die Gegenwartsliteratur der Türkei, der kann sehen:

Vom Ost-West-Konflikt in der türkischen Gesellschaft über die Auseinandersetzung zwischen traditionellen Rollenbildern und moderner Lebensführung bis hin zu den schwierigen Fragen der Geschichte, der heutigen Identität und der Stellung der Religion in einem modernen Staat reicht die Spannbreite der literarischen Selbstreflexion.

Das ist beeindruckend. In manchen Vorabberichten zur Buchmesse war auch von einem gesellschaftlichen Aufbruch zu lesen, für den dieser kulturelle Reichtum steht. Und als Politiker sage ich: Es zeugt von der Stärke einer Gesellschaft, wenn sie ihre Fragen, ihre inneren Brüche und Umbrüche zum Gegenstand der kulturellen Reflexion macht.

Wir sollten dieses Angebot annehmen. Eine harmonische Gesellschaft ist nicht unser Ideal. Sondern in einer demokratischen Gesellschaft muss sich der Streit der Meinungen entfalten können.

Je mehr wir den Mut haben zu vielschichtigen Erzählungen, umso schwerer haben es die eindimensionalen Einpeitscher, Populisten und Verführer, und um so weniger werden untaugliche Mittel staatlichen Handelns eingesetzt, die Homogenität da vortäuschen, wo Vielfalt am Platze wäre!

Meinungsfreiheit ist nicht umsonst eines der entscheidenden Kriterien für den EU-Beitritt. Sie zu gewährleisten erfordert mehr als eine Änderung von Gesetzen. Das erfordert einen Mentalitätswechsel. Wir wissen alle: Hier hat die Türkei noch ein Stück des Weges vor sich. Aber auf diesem Weg sollten wir die Türkei unterstützen.

Sie alle kennen meine Haltung: Für mich ist die Integration der Türkei in die Europäische Union das Spiegelbild zur Integrationspolitik in unserem eigenen Land. Wir sollten beide Ziele verfolgen, und ich kann mir schlecht vorstellen, dass Integrationspolitik hier in Deutschland vollständig sein kann ohne die europäische Integration der Türkei.

Aber darum soll es heute nicht gehen. Sondern um die Ermutigung, die von der Buchmesse ausgeht. Denn wer sich hier umschaut, der sieht eben auch: die Türkei hat sich auf den Weg gemacht zu einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft.

Ich sprach eben bereits von einer Gesellschaft im Umbruch. Meine Erfahrung ist, dass Literatur hierfür wie ein hochempfindlicher und genauer Seismograph funktioniert. Nicht weil sie gesellschaftliche Konflikte platt abbilden würde. Sondern weil der Eigensinn von Literatur, ihre Unabhängigkeit und die Kraft ihrer Fiktion uns einen neuen Blick auf die eigene und die fremde Realität geben. Und das sollten wir uns auch bei uns zu Herzen nehmen!

Lassen Sie mich ein Beispiel geben:

Orhan Pamuk stellt in seinem großen Istanbul-Buch an einer Stelle fest, dass – ich zitiere - „die Stadt, die ich als die meinige bezeichne, so mein gar nicht ist“.

Und genau diese Erfahrung, dass im Herzen des Eigenen durchaus das Fremde aufzufinden sein kann und im Herzen des Fremden das Eigene, finden wir bei Uwe Tellkamp, dem ich zum gestrigen Buchpreis für „Der Turm“ an dieser Stelle ganz herzlich gratuliere.

Warum betone ich das?

Weil ich Brüderlichkeit nicht nur für eine politische Maxime, sondern für eine wesentliche Grunderfahrung halte, die mir bei uns manchmal zu sehr in den Hintergrund getreten ist.

Literatur kann uns lehren, von den eigenen Gegebenheiten zu abstrahieren und sich in andere Gegebenheiten hinein zu denken. Sie kann uns den Weg zum Eigenen im vorgeblich Fremden und umgekehrt zeigen.

Das ist ein kultureller Brückenschlag, den wir gerade hier in Deutschland noch stärker benötigen. Sicher: es gibt heute glücklicherweise keinen ernstzunehmenden Überblick über die deutschsprachige Literatur der Gegenwart mehr, in der nicht die Namen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern auftauchen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern in der Türkei geboren wurden.

Aber wir unterschätzen zu oft noch, dass Integration nur dann gelingen kann, wenn wir es lernen, auch hier bei uns mit mehreren Identitäten umzugehen.

Jürgen Habermas hat gesagt: „Keine Integration ohne die Erweiterung des eigenen Horizonts“. Menschen mit einer mehrfachen kulturellen Erfahrung sind der Schlüssel für gemeinsames Verständnis und die Fähigkeit, gemeinsame Lösungen zwischen Ländern und Kulturen zu entwickeln.

Wenn wir den gemeinsamen deutsch-türkischen Erfahrungsschatz hierfür auch im eigenen Land noch besser nutzen, dann stärken wir auch den Zusammenhalt in unserem eigenen Land und ich bin sicher: Dann stärken wir auch den europäischen Weg der Türkei.

So wie die Integration eines demokratischen und pluralistischen islamischen Landes in die Europäische Union die Überzeugungskraft und Orientierungsfähigkeit des europäischen Gesellschaftsmodells gegenüber unseren Partnern in der Welt entscheidend stärken würde!

Das ist kein ganz einfacher Weg, aber ein Weg den zu gehen sich lohnt. Abdullah Gül und ich haben daher vor zwei Jahren die Ernst-Reuter-Initiative unter der Bosporus-Brücke, von der ich eingangs sprach, ins Leben gerufen.

Gemeinsam mit Persönlichkeiten aus Medien und Kultur, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, von Mario Adorf und Fatih Akin bis hin zu Edzard Reuter haben wir uns zu dieser Initiative zusammen getan.

Um den Dialog zwischen unseren Ländern, konkrete Kooperationen und gegenseitiges Verständnis zu stärken.

Aber auch um zu zeigen, dass die europäische Zukunft der Türkei und die Hoffnung auf ein weltoffenes Deutschland mit einander Hand in Hand gehen.

Eine Vielzahl von deutsch-türkischen Projekten hat sich unter das Dach dieser Initiative begeben. Einige haben wir neu angestoßen, darunter das einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul. Wir wollen, das hat Staatspräsident Gül eben noch einmal bekräftigt, hier noch vor Mitte des nächsten Jahres den Grundstein legen. Und wir wollen gleichzeitig die Verbindung herstellen zum Projekt einer Künstlerakademie im Istanbuler Vorort Tarabya.

Ich bin sicher: mit beidem, akademischer Ausbildung und kulturellem Diskurs würden wir nicht nur mehr gegenseitiges Verständnis erreichen. Sondern die deutsch-türkische und europäische Verantwortungsgemeinschaft stärken.

Ich sprach eingangs davon, dass sich in der gegenwärtigen Krise die Anziehungskraft und die Orientierungsfähigkeit des europäischen Gesellschaftsmodells neu beweisen müssen. Toleranz, Freiheit und Verantwortung für die gemeinsame Zukunft hatte ich als Themen erwähnt.

Lassen Sie mich schließen mit einem Gedanken, der für unser europäisches Gesellschaftsmodell und für unsere Idee eines vereinten Europa zentral war und ist.

Lieber Orhan Pamuk,

Sie haben das so formuliert: „Wer an die Europäische Union glaubt, sollte einsehen, dass es hier um die Alternative zwischen Frieden und Nationalismus geht.“ Und sie haben Europa aufgefordert, gemeinsam mit der Türkei an diesem Friedensprojekt zu arbeiten.

Als Außenminister hatte ich in den vergangenen drei Jahren und vielleicht mit ganz besonderer Intensität in den vergangenen drei Monaten Gelegenheit, gemeinsam mit meinem türkischen Kollegen an Friedensprojekten zu arbeiten.

Von der Iran-Frage über die Vermittlungsbemühungen zwischen Israel und Syrien ist die Türkei dabei mehr als eine Brücke zwischen den Kontinenten, sie ist ein Scharnier zwischen Osten und Westen.

Und auch wenn es die deutsche Öffentlichkeit kaum wahrgenommen hat: Ohne die Türkei hätten die europäischen Bemühungen um eine Beruhigung im Konflikt im Kaukasus nicht fruchten können.

Dafür haben wir alle zu danken. Vor allem aber sollten wir daraus auch in den heutigen schwierigen Zeiten ein wenig Ermutigung ziehen.

Dass es sich lohnt, gemeinsam weiter auf das europäische Gesellschaftsmodell zu vertrauen, auf das Erbe der Aufklärung und den europäischen Willen für Frieden und Stabilität in der Welt.

Vielen Dank!

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