Hauptinhalt

Rede von Andreas Schockenhoff, Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit, in Tscheboksary am 9. Mai 2008

09.05.2008

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr verehrter Herr Gouverneur, sehr verehrter Kollege Konstantin Kossatschow, sehr geehrte Damen und Herren,

es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit Ihnen des Tages gedenke, welcher dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte ein Ende bereitet hat. 

Ich bin vor allem meinem Kollegen, Konstantin Kossatschow sehr dankbar für die Einladung und für die Gelegenheit, zu Ihnen allen an diesem Tag sprechen zu können.

Die Bedeutung des 8.5. bzw. des 9.5. - Deutschland begeht diesen Gedenktag bereits am Vortag - war in Deutschland lange umstritten. Es bedurfte einer mutigen Rede des früheren Bundespräsident Richard von Weizsäcker, um das Ende des Zweiten Weltkriegs oder des Großen Vaterländischen Krieges in seiner ganzen Dimension richtig einzuordnen.

„Der 8. Mai  war ein Tage der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Dies, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist die zentrale Bedeutung dieses Tages.

Manche mahnen, die Deutschen seien an diesem Gedenktag gut beraten sich zurückzuhalten und ich rate ebenfalls zur Mäßigung. Der Krieg hat unsere Völker getrennt, die Opfer auf Seiten der damaligen Sowjetunion waren immens und Deutschland hat große Schuld auf sich geladen.

Es ist aber auch richtig, dass Deutschland mit den Siegern von damals mittlerweile verbündet ist und gute Beziehungen unterhält. Gleichwohl bleibt der Sieg, den Sie heute in Russland feiern, der Sieg über Deutschland, und die Befreiung meint die Befreiung von deutscher Gewaltherrschaft.

Ich möchte dennoch mit Ihnen gemeinsam diesen Tag als einen besonderen Tag begehen, an dem wir uns unserer Geschichte und Verantwortung bewusst werden und an dem wir uns gemeinsam freuen dürfen, dass zwischen unseren Nationen seit 1945 Frieden herrscht.

Das ist es, was diesen Tag für Russen und Deutsche zu einem besonderen Tag macht. Er symbolisiert den Beginn einer neue Zeit und markiert das Ende der schrecklichen Zeit des Faschismus in Deutschland.

Heute aber, 63 Jahre nach dem Ende der Kriegshandlungen, stehe ich hier als Koordinator der deutsch-russischen Zusammenarbeit vor Ihnen. Die Beziehungen zwischen unseren Gesellschaften liegen mir besonders am Herzen.

Es gibt viel, worauf wir miteinander stolz sein können, vieles, was uns heute verbindet und hilft, die Wunden der Kriege zu überwinden.

Ich werde während meines Aufenthalts in dieser wunderschönen Region „Chuvashia“ Gelegenheit haben, auf einem Friedhof der deutsche Kriegsgefallenen zu gedenken.

Ich bin Ihnen allen, meine sehr verehrten Damen und Herren, dankbar dafür, dass Sie dazu beitragen, ihnen ein würdiges Andenken zu bewahren.

Deutschland und Russland sind heute wichtige Partner. Das Geflecht zwischen unseren Nationen ist feinmaschig und reicht vom Schüleraustausch bis hin zu millionenschweren Verträgen in Handel und Wirtschaft.

Es grenzt zuweilen an ein Wunder, wie die Nachkriegsgeneration das Trennende überwinden konnte und wie wir heute – im vollen Bewusstsein der Geschichte –ein neues Kapitel deutsch-russischer Zusammenarbeit schreiben können.

In einer Welt, die uns vor immer mehr Herausforderungen stellt, die wir nur gemeinsam und mit unseren Partnern in den G8 oder den Vereinten Nationen bewältigen können, sind Russland und Deutschland als Partner mit globaler Verantwortung gefragt.

Nur miteinander können wir die wichtigen Aufgaben unserer Zeit lösen: Klima, Energiesicherheit, Demographie, Rüstungskontrolle und der gemeinsame Kampf gegen den Terrorismus.

Dabei sind Russland und Deutschland Partner, die gegenseitig vielfachen Nutzen aus einer strategischen Partnerschaft ziehen können. Um eine immer weiter und tiefer gehende Verflechtung zu erreichen, müssen wir zuallererst Vorurteile überwinden, voneinander lernen und gemeinsame Werte entdecken und fördern.

Der Austausch der Menschen unserer Gesellschaften hilft, Brücken zu bauen, über die wir ein besseres Verständnis für unsere Wünsche und unsere Sorgen erreichen werden. Auch mehr als 60 Jahre nach dem Krieg habe ich den Eindruck, dass es noch sehr viel gibt, was Deutsche und Russen nicht voneinander wissen.

Angesichts unserer gemeinsamen europäischen Tradition, welche man auch hier in Tscheboksary spürt, sollten wir uns auf das Gemeinsame besinnen und das Trennende überwinden.

Am Gedenktag des Ende des Zweiten Weltkriegs sollten wir alle innehalten und an das denken, was uns heute eint.

Heute hat die Zahl der deutsch-russischen Städtepartnerschaften fast einhundert erreicht und viele Jugendliche und Erwachsene sehen Russland mit anderen Augen, lernen die russische Sprache und verstehen Ihr Land, meine sehr verehrten Damen und Herren, als Partner, in Wirtschaft und Handel aber eben auch darüber hinaus.

Lassen Sie uns heute der Gefallenen und Toten dieses menschenverachtenden Krieges, der von deutschem Boden ausging, gedenken.

Sehen wir aber auch nach vorne und versichern wir uns gegenseitig, dass es zwischen unseren Nationen nie wieder Krieg geben darf.

 

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere