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Eröffnungsrede des Außenministers Frank-Walter Steinmeier zur Konferenz "Unternehmen in Verantwortung. Ein Gewinn für alle“

29.04.2008

--  Es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Kollege Scholz,
lieber Olaf,
Sir Bob, lieber Bob Geldof,
sehr geehrte Damen und Herren,
vor ungefähr 1 - 1 1/2 Jahren wurde ein bekannter Unternehmer in einem größeren deutschen Wirtschaftsmagazin gefragt, ob sich CSR für Unternehmen lohne. Antwort: Das wisse er nicht. Aber zumindest die vielen CSR-Berater könnten gut davon leben.
CSR ist ein Modethema, und wenn sich der deutsche Außenminister dazu äußert, muss er sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob er damit nicht Gefahr läuft, ein Thema zu besetzen, dem es an der ausreichenden Substanz fehlt.

Ich habe mir diese Frage gestellt – und Sie sehen, ich bin dennoch hier. Denn ich glaube, dass sich hinter der umfangreichen, ja manchmal ausufernden Diskussion zu CSR ein altes und wichtiges Thema verbirgt. Ein Thema, das uns in der Tat nicht genug beschäftigen kann: die Fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer globalisierten, das heißt zunehmend entgrenzten Welt.

Die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen ist nicht wirklich neu. Nur wurde sie früher nicht auf Englisch dekliniert. Schon im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert haben sich weitsichtige Unternehmerpersönlichkeiten wie Werner von Siemens oder Robert Bosch für soziale Belange engagiert. 1906 führte Bosch als einer der ersten Unternehmer den 8-Stunden-Tag ein und wurde dafür als "roter Bosch" beschimpft. Die Essener Margarethenhöhe und die Berliner Siemensstadt sind bis heute großartige Beispiele modernen Städtebaus, die die Menschen aus menschenunwürdigen Lebensumständen befreit haben.

Diese Unternehmer taten das nicht oder nicht nur, um kurzfristig den Ruf ihres Unternehmens aufzupolieren oder eben mal die Verkaufszahlen zu erhöhen. Sondern sie taten es aus der festen Überzeugung heraus, dass ihr langfristiger Unternehmenserfolg davon abhing, dass sie sich auch morgen und übermorgen noch auf gut qualifizierte und motivierte Mitarbeiter verlassen konnten.

Und die Geschichte gab ihnen recht!

Der bis heute anhaltende Erfolg von "Made in Germany" hängt an diesem Langfrist-Ansatz, dessen heute vielleicht sichtbarste Ausprägung das duale System der Berufsausbildung geworden ist. Es ist deshalb auch nur folgerichtig, dass dieses duale System zu den weltweit begehrtesten Exportartikeln des deutschen Wirtschafts- und Sozialmodells geworden ist. Ob in Kasachstan oder Palästina, ob in Brasilien oder Südafrika – nichts ist so begehrt wie eine deutsche Lehrwerkstatt!

Von zwei Seiten ist dieser Ansatz der Langfristigkeit in den letzten Jahrzehnten unter Druck gekommen. Auf der einen Seite bringt die kurzfristige Logik der Finanzmärkte all diejenigen in die Defensive, die innerhalb eines Unternehmens nicht aufhören, auf die Grundsätze nachhaltigen Wirtschaftens zu pochen.

Und auf der anderen Seite sinkt angesichts des internationalen Standortwettbewerb der Druck, sich für ein einzelnes Land und seine innere Verfassung ernsthaft einzusetzen.

Welcher Finanzvorstand würde heute noch dem Bau einer Siemensstadt zustimmen, wenn die Produktionskarawane in wenigen Jahren über Osteuropa nach Ostasien und dann nach Vietnam oder Laos weiterziehen kann?

Dass wir heute trotz der Kurzfrist-Logik der Finanzmärkte und trotz des internationalen Standortwettbewerbs so intensiv über CSR nachdenken, sehe ich zunächst einmal als ein Indiz für ein wachsendes Problembewusstsein. Immer mehr Menschen, gerade auch in der Wirtschaft, fragen sich, ob wir noch auf dem richtigen Wege sind. Von Beratern von McKinsey, Roland Berger oder Morgan Stanley hört man heute genau so kritische Stimmen über unser Finanzsystem, wie man sie von manchen linken Sozialdemokraten in den letzten Wochen gehört hat. Und die Fragen nach sozialem Zusammenhalt, nach Gerechtigkeit und Solidarität werden bis weit in die bürgerliche Mitte mit neuer Dringlichkeit artikuliert.

Sie werden sich in den nächsten zwei Tagen intensiv mit allen Aspekten von CSR beschäftigen. Ich kann und will diesen Beratungen nicht vorgreifen, will auch gar nicht so tun, als sei ich ein CSR-Spezialist. Aber lassen Sie mich noch einige Worte dazu sagen, warum ich als deutscher Außenminister diese Diskussion für ausgesprochen wichtig halte.

Vor gut zwei Wochen wurden die Ergebnisse einer BBC-Studie veröffentlicht. Die BBC hatte 17.000 Menschen in allen Ecken dieser Welt zum Ansehen anderer Staaten befragen lassen. Heraus kam, dass im Vergleich mit 22 anderen Ländern Deutschland das höchste Ansehen genießt.

Das hat vielleicht auch etwas mit Politik zu tun. Damit, dass es uns gelungen ist, in einer schwierigen, manchmal auch schmerzhaften kollektiven Anstrengung den Ruf als "kranker Mann Europas" los zu werden und unser Land wieder nach vorn zu bringen.

Aber es hat auch damit zu tun, dass das, was Deutschland heute auszeichnet, den Erwartungen und Hoffnungen vieler Menschen entspricht:

  • Modernität und Weltoffenheit,
  • ein fairer Ausgleich zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialer Sicherheit,
  • eine nachhaltige, den Prinzipien von Ausgleich und Dialog verpflichtete Außenpolitik.

Dieser gute Ruf hilft uns allen, der Politik ebenso wie der Wirtschaft. Er gibt unserer Stimme Ansehen und Gewicht – in Europa und weit darüber hinaus.

Und er erleichtert deutschen Unternehmen, auch jenseits ihrer traditionellen Märkte Fuß zu fassen.

Meine Aufgabe als deutscher Außenminister bringt es mit sich, dass ich auch Türöffner der deutschen Wirtschaft bin.

Aber wie oft erlebe ich, dass die Türen offen sind, aber kein deutsches Unternehmen auf der Schwelle steht. Ob in Zentralasien oder Lateinamerika, ob in Vietnam oder Westafrika – wie oft habe ich von meinen ausländischen Gesprächspartner gehört: Wir würden ja so gern mit den Deutschen mehr machen, aber sie kommen ja nicht.

Natürlich wünscht man sich deutsche Partner wegen ihrer technologischen Leistungsfähigkeit und ihrer Zuverlässigkeit. Aber das ist nicht alles – und damit komme ich zu CSR. Die Menschen in vielen aufstrebenden Weltgegenden wünschen sich deutsche Unternehmen, weil diese einen anderen Ansatz haben. Weil sie nicht kurzfristig agieren nach dem Prinzip "in and out", sondern ihr Engagement langfristig angelegt ist.

Und wieder, wie zu den Zeiten von Siemens und Bosch, geht es diesen Unternehmen dabei nicht in erster Linie um Imagepflege, sondern um kluge Vorsorge für ihr Kerngeschäft. Um einen Ansatz, der dem Grundsatz der Nachhaltigkeit folgt. Der in Menschen investiert und Bildung ermöglicht. Der – ein wichtiger Unterschied zum letzten Jahrhundert – den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen im Blick behält. Und der weiß, dass Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich am Ende auch im globalen Maßstab unverzichtbar sind.

Manchmal geht dabei die Initiative von den Unternehmen selbst, manchmal aber auch von der Politik aus.

Ich habe bei einer meiner Reisen nach Lateinamerika erlebt, wie ein deutsches pharmazeutisches Unternehmen von der mexikanischen Umweltbehörde als "saubere Industrie" ausgezeichnet wurde. Und manche hier im Saal wissen, dass die Zusammenarbeit der BASF mit den chinesischen Umweltbehörden beim Wissenstransfer im Bereich der Ökobilanzierung von Wohngebäuden und der Entwicklung sauberer Treibstoffe vorbildhaft ist.

Aber manchmal braucht auch die Politik die Hilfe der Wirtschaft.

Gemeinsam mit dem palästinensischen Premierminister Fayyad habe ich vor kurzem eine Initiative "Zukunft für Palästina" gestartet. Im Rahmen dieser Initiative und als erfolgreiches Beispiel einer Public Private Partnership haben zahlreiche deutsche Unternehmen aus ihren Geschäftsbereichen heraus Ideen, Konzepte und Gelder bereit gestellt, um den wirtschaftlichen Aufbau in den palästinensischen Gebieten parallel zum Annapolis-Prozess spürbar voran zu bringen: vom Aufbau von Kindergärten und Schulen über die Lehrlingsausbildung bis hin zur Ausstattung mit moderner IT.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen wir mit unserer Schul- und Bildungsinitiative für Afrika.

Auch CSR kommt nicht ohne das Prinzip der "best practice" aus. Deshalb habe ich vor wenigen Wochen unsere Auslandsvertretungen gebeten, vor Ort gemeinsam mit den Vertretern der deutschen Wirtschaft eine Momentaufnahme dieses Bereiches zu machen und darüber nachzudenken, wie wir die Aktivitäten der deutschen Unternehmen im Ausland noch besser bekannt machen können.

Ein ganz praktisches Ergebnis dieser Überlegungen ist eine Internetplattform, die das Auswärtige Amt gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung erstellt und die über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im Ausland und bei uns informiert.

Dieses dynamische und unternehmensnahe Portal wird umfassende, von den deutschen  Botschaften unterstützte Länderinformationen bereithalten, erfolgreiche Fallbeispiele nennen und Informationen für das Management, die Partnersuche und Finanzierungen für jedes der dargestellten Länder enthalten.

Ich danke an dieser Stelle sehr herzlich der Bertelsmann-Stiftung, die aus ihrer langjährigen Arbeit über Unternehmensverantwortung unsere Anregung positiv aufgegriffen und die Trägerschaft für dieses Portal übernommen hat.

Und ich möchte Sie alle hier im Saal bitten, dieses Angebot zu nutzen und der Bertelsmann-Stiftung Ihre Daten über Auslandsprojekte zur Verfügung zu stellen.

Die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und seiner langfristigen Sicherung stellt sich heute in neuer Gestalt – nicht mehr allein national, sondern als Frage nach der künftigen Gestalt einer global governance. Sozial verantwortlich handelnden Unternehmen kommt dabei eine wichtige Rolle zu: nicht als Ersatz für unterlassenes Handeln der Politik, sondern als Vorhut und Pionier. Viele der hier vertretenen Unternehmen sind das heute schon.

Dafür danke ich diesen Unternehmen, und Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

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