Hauptinhalt

Nationalkultur im 21. Jahrhundert - Rede von Außenminister Steinmeier, 24.04.2008

24.04.2008

--Es gilt das gesprochene Wort!—

Sehr geehrter Herr Professor Lehmann,
sehr geehrter Herr Professor Schuster,
sehr geehrte Frau Kiyak,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

„Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, dieses Zitat von Kurt Tucholsky in der „Weltbühne“ gibt zu denken. Vielleicht begeben wir uns ja in Gefahr, wenn wir über Nationalkultur sprechen, wenn wir uns der Frage annähern, was das Deutsche in unserer Kultur ausmache.

Und vielleicht ist das ja auch der Grund, warum die Veranstalter die Nationalkultur für heute auf „Wiedervorlage“ gelegt haben?

Eine Frage, ein Dossier auf Wiedervorlage zu legen ist in seinen Motiven nicht eindeutig. Manche missverstehen „Wiedervorlage“ denn auch als „weiter verschieben“. Aber Wiedervorlage meint natürlich: man möchte, will und muss sich dieser Frage wieder widmen. So verstehe ich den Titel „Wiedervorlage Nationalkultur“ als einen Hinweis der Veranstalter darauf, dass es an der Zeit ist, sich der Frage wieder anzunehmen.

Es scheint mir aber eben auch eine kleine, nicht unsympathische Ironie in ihm mitzuschwingen, die zwar nicht die Vergeblichkeit, aber doch die Vergänglichkeit aller Antworten andeutet, welche wir hier geben werden.

Wir nähern also uns dem Thema der Nationalkultur mit angemessenem Respekt vor dem, was andere bereits dazu beigetragen haben. Auch mit gehörigem Abstand zu dem, was die von Tucholsky gemeinten außer sich Geratenen einst dazu gesagt haben. Und drittens eben auch mit etwas Bescheidenheit.

Es gibt keinen besseren Ort als die Museumsinsel, um sich für einen Moment die kulturellen Leistungen unseres Landes zu vergegenwärtigen. Und bescheiden zu werden gegenüber den hier, in dieser nationalen Galerie kulturellen Reichtum versammelten Säulenheiligen der Kunst, gegenüber den Leistungen unserer wunderbaren Schauspieler und Filmemacher nebenan in den Theatern und Kinos, unserer Literaten und bildenden Künstler in den Bücherschränken und Museen überall auf dieser Welt.

Und wir sollten bescheiden im Sinne halten, dass jede begriffliche Annäherung nie die Aussagekraft eines Buches von Goethe oder Grass, einer Skulptur von Riemenschneider oder eines Gemäldes von Richter haben kann.

Was auch immer wir sagen werden, es sollte keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit erheben – das kommt allein der Kunst zu!

Auch deshalb erwarte man von mir also keine leitkulturellen oder dogmatische Feststellungen zur Nationalkultur. Kulturelle Identität ist eine Identität im Wandel, und ein Ja zu einer modernen Nationalkultur schließt schon begrifflich den Glauben an eine statische Leitkultur aus.

Um so mehr sollten wir uns redlich darüber klar werden, welche Bedeutung der Gegenstand „Nationalkultur“ für uns hat, heute und für eine absehbare Zukunft.

Und da kann der außenpolitische Blick nichts schaden. Manchmal sieht man ja die Dinge mit etwas mehr Abstand auch etwas klarer.

Denn innen- wie außenpolitische Grundvoraussetzung für unsere Diskussion ist der Wille zum Verstehen und zur Verständigung. Beides führt nicht unbedingt zur Einmütigkeit, aber zu Erkenntnis.

Man muss sich um Verstehen bemühen, um zu entscheiden, ob man einverstanden sein kann oder wo die tieferen Gründe für Differenz liegen. Und um zu erkennen, wo und wieweit gemeinsames Handeln möglich ist. Diese Arbeit fängt mit dem Zuhören an und damit, Dinge so zu sagen, dass beim anderen nicht gleich die Rollläden herunter gehen. Das setzt das Gespräch voraus, direkt und unmittelbar, nicht mediatisiert durch Überschriften, Zitate und Verkürzungen.

Differenziert, tastend, manchmal auch vertraulich, um Grenzbelastungen zu erproben, gemeinsame Wege zu sondieren.

Zur Bescheidenheit der Außenpolitik gehört auch die Gewissheit, dass selbst bei idealen Bedingungen der Instrumentenkasten klassischer Diplomatie als Quelle der Erkenntnis kaum genügt.

Wer in die tieferen Schichten gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeiten vordringen will, muss darüber hinaus! Aber das ist ja auch nicht verboten, auch dem Außenminister nicht.

Deshalb läuft zum Beispiel bei uns im Auswärtigen Amt – kein gewöhnlicher Ort für Literatur – eine ganzjährige Reihe von Lesungen aus Anlass des 60. Geburtstages des Staates Israel. Kein Autor, der zu uns kommt, von Boris Saidman bis David Grossmann, von Assaf Gavron bis Amoz Oz und hoffentlich auch Aliza Olmert – kein Buch ist repräsentativ für die israelische Gesellschaft von heute. Aber in der Gesamtheit gibt dieses Kaleidoskop zeitgenössischer Literatur doch neue Sichten, legt Synapsen, an denen das nie endende Bemühen um Verstehen immer wieder anknüpfen kann.

Und was Sie mit Blick auf Israel, erst recht mit Blick auf unsere zu Freunden gewordenen europäischen Nachbarn für selbstverständlich halten, gilt nicht nur da!

Aus dem gleichen Grund versuche ich seit Beginn meiner Amtszeit ganz gezielt, in einigen aus dem Blick oder in die Kritik geratenen schwierigen Ländern neue Gesprächsfäden zu knüpfen. Containment und Abschottung schaffen keine Zugänge da, wo sie fehlen. In aller Regel nehmen sie uns Möglichkeiten des Einflusses, statt Möglichkeiten für Politik zu erweitern.

Es darf nicht Aufgabe der Außenpolitik sein, die Grenzen immer nur ganz eng zu ziehen. Politik muss Bewegung sein, wo es irgend geht. Manchmal geht nur wenig, denn opportunistisch dürfen wir nicht sein, aber die Mühsal der Ebene – abseits vom engen Text der Agenturmeldungen – gehört zu den Grundbedingungen unseres Geschäfts. Wer sie missachtet, wer sich der Mühsal verweigert, kann nichts ausloten und verkürzt die Zahl der politischen Optionen.

Wir brauchen, Daniel Kehlmann wird mir diesen kleinen geistigen Diebstahl verzeihen, eine Art Neuvermessung der Welt. Denn es entstehen nicht nur neue wirtschaftliche und politische Schwergewichte, sondern auch neue kulturelle Zentren. Die Welt wird, manche beklagen das, unübersichtlicher. Neue Pole bilden sich heraus. Dem hat sich auch die Kulturpolitik zu stellen. Wir können nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass europäische Philosophie, Zivilisation und Haltung in allen Regionen der Welt als Ziel eigener gesellschaftlicher Entwicklungsperspektive gesehen wird. Erst recht nicht, dass deutsche Tradition, Werte und Prägungen, all das, was wir als Bestandteil unserer Nationalkultur bezeichnen, überall verstanden und ohne weiteres anerkannt werden. Wir werden mehr, sehr viel mehr tun müssen, um uns verständlich zu machen.

Deshalb sollten wir die Gelegenheit nutzen, um über unser Selbstbild nachzudenken. Das betrifft gewiss die Nationalkultur, noch deutlicher vielleicht das europäische Erbe und Selbstverständnis, darüber hinaus westliche Überzeugungen und westliche Zivilisation insgesamt.

Um mit der letzteren anzufangen: Was verbinden die Menschen in aller Welt mit einem Begriff wie „westliche Werte“, in welchem Maße assoziieren sie damit vielleicht Ausbeutung und eine unfaire Güter- und Chancenverteilung?

Weiter: Wie gehen wir als Europäer mit europäischer Vergangenheit um?

Wie selbstbewusst kann ein Kontinent, der noch vor fünfzig Jahren von Kriegen und Bürgerkriegen gebeutelt wurde, wie selbstbewusst kann ein Land, in dem Buchenwald und Weimar Nachbarorte sind, aller Welt Ratschläge erteilen?

Seien Sie unbesorgt, ich lege es nicht etwa darauf an, das Thema zu verfehlen. Aber die Vorbemerkungen sozusagen zum globalen Umfeld einer nationalen Debatte schienen mir doch nötig zu sein, damit sich die Rede von der Nationalkultur nicht isoliert und in einer edlen Abgehobenheit bewegt.

So sind meine Ansichten zwar geprägt von Jahrzehnten innenpolitischer Tätigkeit, und die Innenpolitik hat sich ja in jüngster Zeit wieder etwas bei mir zurückgemeldet. Aber sie spiegeln vor allem die frischen Eindrücke aus über zwei Jahren als Außenminister dieses Landes. Eindrücke aus zahlreichen Gesprächen, von Wünschen und Hoffnungen, denen ich im Ausland begegnet bin.

Dabei bestätigte sich eine Grundkonstante: Innen und Außen lassen sich nicht mehr trennen. Ich kann als Außenminister nur dann für ein modernes, weltoffenes und weltzugewandtes Deutschland im Ausland werben, wenn wir diesen Weg auch im Inneren konsequent weiter gehen.

Und noch eine Grundkonstante will ich nennen: Vertrauen, Achtung und Zuneigung erwerben wir in der Welt weit weniger, als wir uns das manchmal vorstellen, über wirtschaftliches Wachstum, Produkte und Dienstleistungen. Sondern durch das, was in der kulturellen Arbeit hier geschaffen wird. Bei jeder, wirklich bei jeder meiner Reisen werde ich angesprochen auf Bilder aktueller Maler, Bücher deutscher Schriftsteller, auf deutsche Architektur, Filme oder Musik.

Insofern habe nicht nur ich, sondern hat die gesamte Politik der deutschen Kunst und Kultur viel zu verdanken. Auch das ist übrigens ein Grund, warum mich auf meinen Reisen nicht nur Wirtschaftsvertreter begleiten, sondern auch Vertreter der Künste und der Kreativität, Literaten, Musiker, Architekten, Schauspieler oder Filmemacher. Viele waren inzwischen dabei. Und ich bin ihnen, Daniel Kehlmann, Sten Nadolny und den vielen anderen in einem besonderen Maß zu Dank verpflichtet.

Nicht nur als Gesprächspartner, die einen manchmal emotionaleren, manchmal einfühlsameren, manchmal kritischeren aber jedenfalls immer: eigenen Blick auf Land und Leute haben, sondern eben auch dafür, wie sehr sie den Ruf Deutschlands im Ausland prägen.

Zwischen der BBC-Studie in der vorvergangenen Woche, nach der von 22 untersuchten Ländern Deutschland dasjenige ist, dessen Einfluss am meisten geschätzt wird, und der Titelseite der „Zeit“ vor drei Wochen, als diese sich fragte, warum die deutsche Kunst so erfolgreich sei, gibt es für mich durchaus einen Zusammenhang:

Weltoffenheit, Weltzugewandtheit, aber auch: Eigenständigkeit, das ganze gepaart mit vernünftigen und modernen Strukturen und einer Prise Ironie, einer „Identität im Zweifel“, wie das der Historiker Hans Belting genannt hat, scheinen mir für beides, für äußeres Ansehen und für eine aktuelle kulturelle Blüte eine Rolle zu spielen.

Und aus beiden bisher genannten Gründen: aus der Notwendigkeit der Verständigung im Zeitalter der Globalisierung ebenso wie aus der Nachfrage nach, der Neugier auf unsere Kultur ziehe ich den Schluss, dass wir die dritte Säule der Außenpolitik, wie sie Willy Brandt genannt hat, weiter zu entwickeln haben. Ja, sie ist vielleicht das eigentliche Fundament unserer Beziehungen zur Welt!

Anrede,

Sie sehen: wenn wir uns unserem Gegenstand mit Respekt und etwas Abstand widmen, schließt das Zuneigung ausdrücklich ein. Und eben auch die Hoffnung, dass einige Konturen vielleicht im außenpolitischen Blickwinkel schärfer hervortreten mögen. Worüber reden wir genauer? Und wie?

Zuallererst einmal reden wir in der deutschen Sprache. Also sollten wir gleich einmal über sie reden. Sie sagt mehr über uns, als wir manchmal wahr haben wollen: Bedeutet doch das Wort „deutsch“ nach dem Grimmschen Wörterbuch „ursprünglich gentilis, popularis, vulgaris“. Wie kommt das? Ganz einfach: In einer Zeit, in der jeder, der schreiben kann, auch Latein spricht, ist diese Abgrenzung klar: „deutsch“ – das sind die Menschen, die kein Latein können.

Ich finde, auch wenn das keine zeitgemäße Definition ist und wir alle wissen, welche Wandlungen das Wort in den Jahrhunderten später durchgemacht hat: an diese bescheidenen Anfänge dürfen wir uns von Zeit zu Zeit erinnern und sollten nicht hochnäsig sein gegenüber denen, die heute die deutsche Sprache nicht oder nicht völlig beherrschen!

Genau darauf hat ja auch meine Vorrednerin, Frau Kiyak, in ihrem bewegenden Vortrag hingewiesen: wie gehen wir denn mit den Menschen um, die vielleicht nicht alle statusrechtlich, aber lebenspraktisch unsere Mit-Bürger sind, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, unser Land mit aufgebaut, Wohlstand mit ermöglicht haben und eine gemeinsame Zukunft mit gestalten möchten?

Hier gibt es noch Nachholbedarf. Das Zusammenfließen der Kulturen, wie das Ilija Trojanow genannt hat, ist ja kein Vorgang, der ohne Strudel, Wellen oder Trübungen abläuft: Verhaltensweisen müssen sich neu gestalten. Integration nennt man das. Und die größere Last dabei haben immer die zu tragen, die neu hinzu kommen.

Aber zur Sprache noch: So richtig klar sind weder Ursprung, noch Geschichte noch Zukunft unserer Sprache. Um so mehr lieben wir sie. Und wenn wir an die Literatur in deutscher Sprache denken, dann kommen wir auch einen Tag nach dem Welttag des Buches geradezu ins Schwärmen. Die deutsche Sprache ist uns ein sensibles Instrument, das - wie Weltsprachen es so an sich haben - auch das Feinste ausdrücken kann. Und das nicht nur schön und fein, sondern manchmal lebenswichtig.

Gewiss, man kann in der deutschen Sprache auch glänzend unklar bleiben. Manche versuchen wirklich, daraus eine Tugend zu machen, verkaufen Widersprüche und Unklarheit als Vision oder Tiefe. Und auch das ist, ob wir wollen oder nicht, Teil der Nationalkultur.

Aber das größte Geschenk, das in unserer Sprache liegt, ist zweifellos nicht der Wortschatz des Drumherumredens, sondern der der treffsicheren Unterscheidungen, durch die Missverständnisse und falsche Erwartungen vermieden werden können. Es lebe die Deutlichkeit, zu der sie fähig ist!

Unsere vielleicht schwierigste, aber sicher schönste Eigenheit – die Sprache – sollte jedenfalls noch bewusster, noch freudiger gelernt und gelehrt werden. Manchmal wünsche ich mir hier in Deutschland etwas mehr von der Begeisterung und Faszination, mit der Menschen in Vietnam, in Togo, in Mexiko unsere Sprache studieren und sprechen!

Aber kann man ein Loblied auf die deutsche Sprache singen, ohne auf ihre dunkle Seite hinzuweisen, auf ihre Entartungen, die niemand besser als Viktor Klemperer beschrieben hat, ohne Trauer zu empfinden über die große Tradition jüdisch-deutscher Denker und Literaten? Nein, das kann man nicht!

Paul Celan hat über die deutsche Sprache gesagt: „Sie musste hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede.“

Und dieser Bruch, diese Wunde, bleiben für immer Teil unserer Nationalkultur.

Anrede,

unsere Sprache und unsere Kultur haben vielfältige Wurzeln. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Dieses Wittgenstein-Wort verstehen wir jedenfalls auch als eine Einladung, diese Grenzen zu überschreiten – sozusagen bei der Neuvermessung der Welt sich auch auf unbekanntes Terrain zu wagen.

Denn unsere kulturellen Wurzeln kümmern sich so gar nicht um die Grundstücksgrenze des Nationalstaates, sondern greifen weit aus über die Grenzen dieses Landes.

Nur drei Beispiele: Savigny, einer der Begründer unseres ach so deutschen Systems von Recht und Ordnung, der Rechtslehre, war Abkömmling französischer Einwanderer. Dasselbe gilt für Maximilian von Montgelas, den großen Modernisierer der bayerischen Verwaltung. Mein Lieblingsverein, Schalke 04, hat als seine ersten großen Erfolge gefeiert, als seine besten Spieler die Kinder polnischer Einwanderer waren. Und einer unserer berühmtesten aktuellen Filmemacher heißt Fatih Akin.

Nicht nur in Wuppertal und Weimar, sondern auch in Wolkenstein in Südtirol, in Prag und Wien, in Galizien und Kleinasien wurzelt unsere Kultur! In Prag entsteht gerade mit der wunderbaren Lena Reinerova das Haus für deutsche Literatur!

Wir sollten nicht zurück schneiden wollen, was hier wächst. Sondern wir sollten es in unsere Obhut nehmen. Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass Filme von Fatih Akin, Bücher von Ilija Trojanow oder Feridun Zaimoglu Leuchttürme der inneren Heimat für viele Menschen in Deutschland sind. Sie weisen den Weg in unsere Kultur und in unser Land für viele, die sich damit noch schwer tun, sie leuchten aber auch weit hinaus in die Welt!

Insofern wird also der Begriff der Nationalkultur unserem Land auch nur noch unter Knirschen gerecht. Aber lassen wir es ruhig ein wenig knirschen. Denn es scheint doch so, dass dieses Knirschen weniger an der Kultur liegt, als daran, wie man die Grenzen der Nation bestimmt.

Sicher, in der nationalstaatlichen Vergangenheit mit scharf gezogenen Grenzen in Köpfen und Karten wäre dies als störend empfunden worden. Aber in einer Zeit, in der die Membrane unserer Grenzen durch die Europäische Einigung immer dünner werden, in der wir eigene Souveränität abgeben, um eine größere gemeinsame europäische Souveränität zu gewinnen, in einer solchen Zeit sollten wir uns langsam daran gewöhnen, dass Menschen nicht nur eine, sondern mehrere Heimaten haben können. Dass sie diese durch ihr Leben wählen und dass diese Wahl nicht immer exklusiv ist, sondern eben auch im Kleinen, im individuellen Leben, Weltoffenheit und Eigenständigkeit vereint.

Aber vielleicht erhebt sich genau hier die mentale Mauer, wie das Zafer Senocak genannt hat, die dazu führt, dass unser Land für zu viele zu wenig Heimat ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: wenn 40% der Absolventen deutscher Universitäten mit deutsch-türkischem Hintergrund angeben, nicht in Deutschland bleiben, sondern in die Türkei gehen zu wollen, dann sollte uns das zu denken geben!

Selbst diejenigen, die in unserer Sprache studieren, die zu den besten ihres Jahrganges zählen, finden hier keine Heimat – und das ist gerade für das Land, das so stolz auf dieses Wort ist, ein schlechtes Zeichen.

Mir scheint, hier fehlt es an der Anerkennung ihrer Leistung. Nicht nur ihrer Bildungsleistung, sondern auch ihrer Integrationsleistung.

Anrede,

was könnte unser Land noch auszeichnen außer seiner Sprache und seinen breiten kulturellen Wurzeln? Sehr vieles, und es ist nicht möglich, das alles in einer noch halbwegs vertretbaren Redezeit aufzuzählen. Ich kann nur weniges heraus greifen. Diego, Sinnbild der leichtfüßigen, individuellen Freiheit des brasilianischen Fußballs, hat in einem Interview dazu folgendes gesagt: „Ich mag die Regeln in Deutschland“. Und zur Veranschaulichung nennt er die Tatsache, dass er hier ohne Angst für Leib und Leben mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren könne.

Warum dieses Beispiel? Weil es einen Aspekt anspricht, der mir ganz wesentlich erscheinen für unser Land. Das Zusammenspiel von „Recht und Ordnung“, wenn Sie so wollen, und von Freiheit.

Beginnen wir mit dem zweiten Pol. Unsere Kultur hat liberale Grundlagen: der Bürger braucht seine Freiheiten, nicht nur unter Bezug auf die Frage der kulturellen Identität, wie soeben gesagt, sondern besonders auf seine Meinungsfreiheit und Informationshoheit, er kann alle Fragen stellen, muss aber nicht alle beantworten.

Die Kunst genießt eine ganz besondere Freiheit: der Künstler kann schreiben, malen, komponieren, ohne irgendwelchen Kontrolleuren Rede und Antwort stehen zu müssen – nur so kann sich der Eigensinn von Kultur entfalten. Zensur findet nicht statt, und sollte jemand es damit doch versuchen, handelt er sich in der Regel Ärger und einen schmerzlichen Karriereknick ein.

Das ist gut so und ein gewaltiger Fortschritt für eine Nation, deren ersten Einheitsversuch, den Zollverein, Heinrich Heine im Wintermärchen sarkastisch so beschrieben hat: „er gibt die äußre Einheit uns/ die so genannte materielle/ die geistige Einheit gibt uns die Zensur/ die wahrhaft ideelle“. Das ist zum Glück Vergangenheit!

Das Erfolgsgeheimnis unserer heutigen Freiheit ist, dass sie zu keinen absoluten Wahrheiten oder unbedingten Einsichten verpflichtet. Das heißt aber auch: Freiheit ist, wie alle unsere Grundwerte, nie einfach gegeben, vorhanden oder gar gesichert, sondern sie muss erstritten werden. Wertkonflikte zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen dem Recht auf Teilhabe und der freien Entfaltung der Persönlichkeit, zwischen dem Achtungsanspruch der Religion und dem Geltungsanspruch der Gesetze müssen dabei ausgetragen werden. Und zwar in demokratischen Prozessen.

Deswegen sind diese Prozesse auch keine leeren Prozeduren, neben denen die Werte stünden. Sondern demokratische Prozesse sind wertvolle Verfahren, normativ gehaltvolle Verfahren, wie das Habermas genannt hat. Und das halte ich – in aller Vorsicht – ebenfalls für ein Merkmal unserer heutigen Nationalkultur.

Fairness im Verfahren, transparente Prozesse der Regelsetzung, das bleibt Aufgabe von Staat. Nur erschöpfen kann die Rolle des Staates sich darin nicht.

Sondern es geht immer auch um finanzielle Spielräume. Gerade in Fragen der Kultur. Als ein wichtiger Beitrag zur Ermöglichung kultureller Blüte, als ein unerlässlicher Beitrag zur Ermöglichung von Kreativität und Vielfalt. Aber auch – das im Zeitalter der Globalisierung vielleicht an erster Stelle – als Investitionen in Weltoffenheit und Weltzugewandtheit: in Orte der Verständigung und des kulturelle Austauschs, wie ich das eingangs genannt habe.

Deshalb habe ich seit Beginn meiner Amtszeit mit Hilfe des Deutschen Bundestages die Mittel für das Goethe-Institut deutlich erhöht, deshalb habe ich in diesem Jahr – übrigens gemeinsam mit der Wirtschaft - eine große Initiative für deutsche Schulen im Ausland gestartet. Und deswegen planen wir ab dem nächsten Jahr eine deutlich verbesserte Präsentation der deutschen Wissenschaft und Köpfe im Ausland.

Anrede,

einen letzten Punkt möchte ich erwähnen, der mit einem modernen Verständnis der Nationalkultur zu tun hat.

Es gibt in unserer Gesellschaft einen weit verbreiteten Groll darüber, dass die Ökonomie eine Gewalt über das Leben und Denken gewonnen hat, die ihr nicht zusteht, wie das Thomas Assheuer vor kurzem geschrieben hat.

Als Folge bemerken wir gerade in der kulturellen Diskussion immer öfter eine Abwehrhaltung gegen Weltoffenheit, sehen einen Rückzug auf angeblich Identisches, Festes, Bestehendes, auf eine Art Besitz. Gerade die Unsicherheiten der Globalisierung führen hin und wieder zu dem trotzigen alten Lied vom unwandelbar bestehenden kulturellen Erbe und bei manchen führen sie sogar dazu, dass von kultureller Sicherheit als Politikziel gesprochen wird.

Wir befinden uns ja hier, Herr Schuster und Herr Lehmann haben bereits darauf hingewiesen, an einem sehr symbolträchtigen Ort für das, was wir am ehesten kulturelles Erbe unserer Nation nennen können.

Und was läge näher, als dieses zum Symbol für Identität und Kontinuität zu erheben? Wie überhaupt vor allem das Vortreffliche, Gelungene und Kostbare aus der Kulturgeschichte zu unserer Nationalkultur gehören darf und muss. Und das tut es. Gegen diesen „Tempelschatz“ ist nicht nur nichts einzuwenden, wir brauchen ihn dringend.

Nur: erstens, ich sagte es bereits, ist die Versicherung der eigenen kulturellen Wurzeln keine Versicherungspolice gegen Globalisierungsfolgen. Zweitens wollen wir nicht vergessen, dass unsere kulturellen Wurzeln viel weiter ausgreifen als es das politische Gebilde des Nationalstaates tut. Und drittens darf Nationalkultur, wenn wir denn mit diesem Begriff glücklich werden wollen, wenn er zur geistigen Heimat der Menschen in Deutschland gereichen soll, nicht zu restriktiv aufgefasst werden: Nur das in der Vergangenheit und gewiss auch für uns heute Große und Gekonnte vorzuweisen, sozusagen als der Drache „Fafner“ zu liegen und zu besitzen, das wäre nicht – ja, ich will es so sagen: es wäre nicht fruchtbar.

Anrede,

in einem Zeitalter, in dem alte Gewissheiten ins Wanken geraten, brauchen Kultur und Politik wieder etwas vom Humboldtschen Geist.

Und deswegen, diesen Gedanken möchte ich hier abschließend zur Diskussion stellen, sollten wir ganz besonders das Zusammenspiel von Humboldt-Forum und Museumsinsel nutzen, um einen weltoffenen, ja: weltzugewandten kulturellen Raum zu schaffen, in dem wir dazu beitragen, die Welt gemeinsam neu zu vermessen. Und das heißt gerade auch: bereit sind, den Weg der Verständigung und des gegenseitigen Lernens und nicht des gegenseitigen Belehrens zu gehen.

Anrede,

Eigenständigkeit und Weltoffenheit, moderne Strukturen und ein wenig romantische Ironie gegenüber uns selbst, das sind alles Eigenschaften, die sich nur durch gemeinsame lebendige Anstrengungen fortschreiben. Und deswegen möchte ich den Veranstaltern und Ihnen alle nicht nur für die heute beginnende Konferenz danken, sondern Sie meinerseits einladen:

Vor einem guten Jahr haben wir im Auswärtigen Amt die Diskussion über eine moderne Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik begonnen. Wir setzen sie heute fort durch die Verständigung über unsere Nationalkultur.  Und ich möchte Sie schon jetzt sehr herzlich einladen, gemeinsam mit uns im nächsten Frühjahr aus diesen Diskussionen erste Schlussfolgerungen zu ziehen und Wünsche und Hoffnungen an die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im 21. Jahrhundert zu formulieren.

Vielen Dank!

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere