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Rede von Bundesaußenminister Steinmeier anlässlich der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern an Prof. Rudolf von Thadden am 20. Februar 2008

20.02.2008

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Professor von Thadden,

lieber Rudolf,

wir kennen uns schon lange, und wir sind – das darf ich sagen – einander herzlich verbunden. Deswegen freue ich mich umso mehr, Dich heute hier im Auswärtigen Amt zu ehren.

Eine Rede aus diesem Anlass könnte Deiner Person nicht gerecht werden, wenn sie nicht mit Deiner wirklichen Liebe und lebenslangen Beschäftigung mit Frankreich beginnen würde – unserem Nachbarland, mit dem uns die gemeinsame Grenze heute zum Glück mehr verbindet, als dass sie uns trennt.

Ich sage: zum Glück – denn alle miteinander wissen wir, dass die lange gemeinsame Geschichte wechselvoll war, oft schmerzlich und leider über viele Jahre geprägt von unüberwindbar scheinenden Feindbildern.

Erst in den letzten 50 Jahren ist es uns gelungen, einen Schlussstrich unter die Belastungen und Leiden der Vergangenheit zu ziehen. Wovon Generationen vor uns nur träumen konnten, in den letzten 50 Jahren haben wir es geschafft: die dauerhafte Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern.

Ich finde, und die Älteren unter uns werden das aus eigener Erfahrung aus vollem Herzen unterstreichen: Das ist eine Leistung, die mit vollem Recht das Attribut „historisch“ verdient.

Dass dies gelungen ist, dass wir so weit gekommen auf dem Weg des Friedens und der Zusammenarbeit – das danken wir weitsichtigen und tatkräftigen Menschen wie Dir, lieber Rudolf!

Die deutsche-französische Verständigung – das ist auch Dein Lebenswerk! Für Deine außerordentlichen Verdienste in dieser Sache möchten wir Dich heute ehren.

Vielleicht haben Dich Deine Herkunft und Deine Studien in besonderer Weise prädestiniert für diese Rolle: der zwangsweise Abschied aus der pommerschen Heimat, Deine Zeit als Schüler in Genf, Deine Studien in Tübingen und Paris.

Du hast schon früh vieles gesehen, und Du hast Dich auch später immer bemüht, Fremdes verständlich zu machen. Wie zum Beispiel den französischen Verwaltungszentralismus – für die föderal geprägten Deutschen. Das war das Thema Deiner Habil-Schrift in Göttingen – immer noch ein Standardwerk zu dieser Frage.

Aber wir ehren heute nicht nur einen hervorragenden Akademiker, sondern vor allem einen Mann, der immer auch politisch sichtbar war.

Du warst immer ein Antreiber. Vor der Nachdrücklichkeit Deines Engagements sind viele „in die Knie gegangen“. Manche aus Erschöpfung, aber alle mit Respekt – Respekt vor Deinem profunden historischem Wissen, Deinem Scharfsinn und – das darf ich sagen – Deiner frappierenden Offenheit, die nicht nur mich immer wieder begeistert hat.

Diese Liste Deiner „res gestae“ und der Funktionen, die Du – oft ehrenamtlich – bekleidet hat, ist so lang, dass ich sie unmöglich alle anführen könnte. Einige seien dennoch genannt:

Seit 1984 bist Du Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Von 1985 bis 1994 warst Du Präsident des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg. Von 1991 bis 1993 warst Du Mitglied des Gründungssenats der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Und 1993 – Europa war noch mitten im großen historischen Umbruch – hast Du gemeinsam mit Brigitte Sauzay das „Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa“ gegründet, die heutige Stiftung Genshagen.

Franzosen und Deutsche arbeiten hier gemeinsam an fast allen wichtigen Themen der Zeit. Und wie viele Deiner Projekte, so hat auch dieses seinen ursprünglich nur deutsch-französischen Horizont schon lange hinter sich gelassen: durch die Einbeziehung von Teilnehmern und Forschungspartnern vor allem aus Polen, aber auch aus den anderen Staaten Mittel- und Osteuropas.

Zahllose junge und politisch engagierte Europäer haben so in Genshagen wertvolle und fruchtbare Beziehungen geknüpft.

Aber nicht nur sie, die eines Tages die politische Verantwortung von uns übernehmen sollen, hast Du im Geist der Verständigung geprägt. Auch uns, die wir diese Verantwortung heute schon wahrzunehmen haben, stehst Du mit Rat und Tat aktiv zur Seite.

So als „Koordinator für die deutsch-französischen Beziehungen“ und als „Vorsitzender des deutsch-französischen Interministeriellen Ausschusses“ – ein Amt, das Du von 1999 bis 2003 stets mit viel Einsatz und großer Leidenschaft wahrgenommen hast.

Nicht nur – aber daran erinnere ich mich noch besonders gut – als es um die aufwendige Vorbereitung des vierzigsten Jahrestages des „Elyseé-Vertrages“ ging. Das war am 22. Januar 2003, und es war nicht nur hier in Berlin und in Paris ein echtes „highlight“, sondern weltweit – dank des gemeinsamen Einsatzes der Botschaften unserer Länder – ein schönes Symbol, wie viel Kooperation möglich ist, wenn die Aussöhnung gelingt.

Um ein Projekt hast Du Dich besonders bemüht, und damit hast Du buchstäblich „Geschichte geschrieben“. Ich meine das deutsch-französische Geschichtsbuch.

In meinen Augen ein wahrhaft „historisches“ Projekt, und das nicht nur, weil es wohl das einzige Lehrbuch ist, das in allen 16 Bundesländern zugelassen ist!

Du hast auch dieses Projekt gemeinsam mit der unvergessenen und hoch geschätzten Brigitte Sauzay voran gebracht. Und es war ein langer Weg: von der Arbeitsgruppe Ende der 90er Jahre, über den berühmten Beschluss des deutsch-französischen Jugendparlaments aus dem Jahre 2003, bis zum Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 2006.

Viele sind für den Erfolg dieses Projektes geehrt worden. Und es sei Ihnen gegönnt! Aber ich weiß: Ohne Deine Hartnäckigkeit wäre das Buch niemals zustande gekommen!

Und wenn in Kürze der zweite Band über den so spannenden wie schwierigen Zeitraum von 1815 bis 1945 erscheint, so werden wir das wiederum ganz wesentlich Deinem nie nachlassenden Engagement zu danken haben, auch Deiner Streitlust, Deinem unbedingten Willen zur historischen Genauigkeit, vor allem aber Deiner Bereitschaft, selbst Hand an zu legen.

Wieviel Aussöhnung und Verständigung allein in der Tatsache steckt, dass ein solches Geschichtsbuch möglich wurde, lässt sich kaum ermessen!

Und weil das so ist, deswegen meine ich, dass wir diese deutsch-französische Erfahrung auch im deutsch-polnischen Verhältnis nutzen sollten. Auch darin weiß ich mich mit Dir einig, lieber Rudolf.

Ich habe meinem polnischen Kollegen einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Ich weiß, dass man diesem Vorhaben auch in Brandenburg sehr positiv gegenübersteht. Und ich freue mich, dass inzwischen Experten aus beiden Ländern – unter aktiver Beteiligung des Georg-Eckart-Instituts, das ja bereits das deutsch-französische Schulbuch entscheidend befördert hatte – ernsthaft prüfen, wie ein solches Projekt vorangebracht werden kann.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

lieber Rudolf,

gerade dieses letzte Projekt zeigt, wie sehr wir Dich immer noch brauchen bei dem gemeinsamen Bemühen, unsere Nachbarvölker einander näher zu bringen. Ich bin sehr froh, dass Du uns auf dem Feld der deutsch-französischen zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit weiter aktiv berätst und wir – sei es beim Schulbuch oder beim Weimarer Dreieck – auf Deinen Rat und Deine Erfahrungen bauen können.

Wir ehren Dich heute als einen herausragenden Wissenschaftler, als einen streitbaren Demokraten, als selbstbewussten Protestanten, als einen großen Europäer und als einen unermüdlichen Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung.

Lieber Rudolf, es ist mir eine besondere Freude, Dir im Namen des Herrn Bundespräsidenten das Große Verdienstkreuz mit Stern zu überreichen.

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