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Rede von Bundesminister Steinmeier anlässlich des Wechsels an der Spitze der Alexander von Humboldt-Stiftung

24.01.2008

--Es gilt das gesprochene Wort! --

Sehr geehrter Herr Prof. Frühwald,
sehr geehrter Herr Prof. Schwarz,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
meine Damen und Herren,

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“ – dieser Satz Alexander von Humboldts ist in Zeiten der Globalisierung mehr denn je gültig. Und zugleich enthält er die politische Begründung, warum dem Außenminister die Alexander von Humboldt-Stiftung nicht nur institutionell, sondern auch persönlich besonders am Herzen liegt:  

Weil sie als Exzellenz-Institution der deutschen Wissenschaft den notwendigen, wichtigen und bereichernden Blick sozusagen von Außen nach Deutschland holt.

Und weil das Verstehen auch fremder Blicke auf die Welt noch immer am besten schützt vor dem bösen Blick der Ideologie.

Vor allem aber enthält der Zusammenhang von mangelnder Anschauung und gefährlicher Sicht der Welt auch eine Aufforderung. An Sie, die Wissenschaftler, aber auch an uns, die Politiker, mehr zu tun für die Internationalisierung unseres Landes.

Und so verstehe ich die Außenwissenschaftspolitik und die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik insgesamt als Teil einer nicht nur außenpolitischen Internationalisierungsstrategie in Wissenschaft, Kultur und Politik.

Die Alexander von Humboldt-Stiftung nimmt in diesen Bemühungen einen ganz besonderen Platz ein: Mehr Internationalität, mehr Exzellenz und mehr wissenschaftliche Kooperation als hier finden wir in Deutschland und wohl auch darüber hinaus nicht. Und so ist es für mich eine besondere Ehre, am heutigen Tag des „Präsidentenwechsels“ der Alexander von Humboldt-Stiftung teilzunehmen.  

Sehr geehrter Herr Professor Frühwald,

ich sage bewusst: eine besondere Ehre, denn ein rechtes Vergnügen will sich nicht einstellen, wenn man Gelehrte und Manager wie Sie verabschiedet.

Sie haben wie kaum ein anderer die deutsche Wissenschaftslandschaft der vergangenen Jahrzehnte geprägt und dieses Engagement mit ihrer Zeit als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung – ich denke man darf sagen: gekrönt.

Ihr Rat und Ihre Argumente hatten für alle Bundesregierungen in den vergangenen fast zehn Jahren einen besonderen Stellenwert.

Lassen Sie mich einen, in meinen Augen den zentralen Punkt für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hervorheben:

Sie haben früher und entschiedener als viele andere erkannt, dass es dort, wo andere den roten Teppich ausrollen, nicht ausreicht, wenn wir die Tür nur einen Spalt breit aufmachen.

Dass wir im Wettbewerb um die besten Köpfe, um die besten Ideen und besten Technologien nur dann bestehen werden, wenn wir insgesamt bessere Voraussetzungen für Wissenschaft und Wissenschaftler in Deutschland schaffen.

Und Sie haben immer betont, dass zu diesen Voraussetzungen auch und besonders zählt, ob sich ausländische Studenten, Wissenschaftler und ihre Familien in Deutschland wohlfühlen. Und dazu bedarf es nicht nur der finanziellen oder technologischen Voraussetzungen, sondern mehr als anderes der Toleranz und der Weltoffenheit.

Sie haben deshalb als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung gemeinsam mit dem Stifterverband der deutschen Wissenschaft über mehrere Jahre einen eigenen "Preis für die freundlichste Ausländerbehörde" ausgelobt und so ganz konkret den bessern Umgang, das freundlichere Willkommen an die ausländischen Studenten und Forscher gefördert.

Gerade angesichts der aktuellen Debatten sei es daher erlaubt, noch einmal einen Satz von Ihnen zu diesem Thema in Erinnerung rufen:

"Nationale Grenzen können niemals Grenzen der Gerechtigkeit sein",

haben Sie einmal formuliert und ganz entschieden dafür geworben, dass sich Deutschland als ein Zuwanderungsland begreift – und das heißt ja auch als ein Land begreift, dass nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Wissenschaft und Kultur von Zuwanderung in aller erster Linie profitiert.

Sehr geehrter Herr Professor Schwarz,

ich weiß, dass Sie das genau so sehen und gemeinsam mit uns nicht nachlassen werden, die Internationalität der Wissenschaft auch zur Internationalisierung und damit zur Zukunftssicherung unseres Landes zu nutzen.

Ich freue mich sehr auf diese Zusammenarbeit. Und ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem neuen Amt!

Nur einen Wermutstropfen kann ich Ihnen an diesem Tag nicht ersparen: Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie versucht sind, vor jeder Vorlesung über Katalyse Goethes „Wahlverwandtschaften“ zu lesen.

Ich fürchte, in Ihrer neuen Funktion werden Sie noch mehr Anlass haben, über institutionelle Zwänge nachzudenken, und noch weniger Zeit, in den Wahlverwandtschaften darüber zu lesen.

Aber vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, – in der Sprache der Chemie des Goethe-Zeitalters – die „wahlverwandtschaftlichen“ Verbindungen der internationalen Wissenschaftler zu unserem Land noch mehr zu stärken.

Ich finde, das wäre ein schönes Ziel und ich darf Ihnen versichern: Wir werden Ihre Fähigkeiten als Chemiker zur Katalyse, zur Beschleunigung der Reaktionsgeschwindigkeit dabei benötigen!

Das gesamte Auswärtige Amt und ich persönlich jedenfalls werden Ihnen bei dieser Aufgabe gerne mit Rat und vor allem mit Tat zur Seite stehen.

Denn wir brauchen, ich hatte es eingangs betont, eine breit angelegte Internationalisierungsstrategie für unser Land. Wir können im 21. Jahrhundert nicht mehr wie selbstverständlich davon ausgehen können, dass unsere Werte, Haltungen und Einstellungen in der ganzen Welt geteilt oder verstanden werden.

Und auch wenn das kein Nachteil sein muss, sondern eine Chance sein kann, sich gemeinsam und besser auf die Zukunftsfragen des 21. Jahrhunderts einzustellen, so ist doch eines auch klar: Wir werden dieses Ziel nur erreichen, wenn wir internationaler und vor allem: intensiver international zusammen arbeiten in Wissenschaft, Bildung und Kultur.

Und dazu brauchen wir die Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen als Orte der Verständigung, als Orte, die einen Zugang anbieten zu unserer Kultur und Lebensweise und die Räume öffnen für die gemeinsame Arbeit, für gemeinsames Lernen und gemeinsame Kreativität.

Eine solche Kultur- und Bildungspolitik ist eine Investition in die Zukunft unseres Landes. Und zwar nicht nur in die kulturelle und wissenschaftliche Zukunft, sondern über diese auch in die wirtschaftliche und politische Zukunft.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, setzten wir im Auswärtigen Amt seit Beginn meiner Amtszeit einen – leider gänzlich unmusikalischen - Dreiklang: Nämlich einen Dreiklang der Reformen unserer zentralen Aktionsfelder und Akteure - Goethe-Institute, Auslandsschulen und Außenwissenschaftspolitik.

Wir konnten dabei, und dafür bin ich sehr dankbar, stets auf die nachhaltige Unterstützung des Bundestages zählen. Und ich hoffe sehr, dass das auch in den Haushaltsverhandlungen diesen Jahres so sein.  

Anrede,

Lassen Sie mich daher abschließend in groben Zügen vorstellen, in welchen Bereichen ich besondere Schwerpunkte setzen will.

Erstens, und das ist eine banale, aber keineswegs triviale Einsicht: ohne Wissenschaftler keine Wissenschaft. Wenn wir also beim weltweiten Kampf um die besten Köpfe mithalten wollen, dann brauchen wir bessere Rahmenbedingungen hier in Deutschland.

Das betrifft so schnöde Fragen wie Stipendien- und Gehaltsrahmen, das betrifft aber auch die Frage, ob wir ausreichend Ansprechpartner zur Verfügung stellen. In beiden Bereichen wollen wir Verbesserungen erzielen, unter anderem mit einem Netzwerk von Vertrauenswissenschaftlern der Alexander von Humboldt-Stiftung in Deutschland und weltweit.

Ich bin sicher: ein "Herr Humboldt", der interessierte Forscher berät, sie über die Forschungsbedingungen hier informiert und der Humboldt-Stiftung ein Gesicht verleiht, wird nicht nur für das bestehende, sondern wird vor allem für den Ausbau des Humboldt-Netzwerkes ein wichtiger Baustein sein.

Anrede,

einen zweiten Bereich möchte ich erwähnen: strukturelle Verbesserungen unseres Netzwerkes. Ich hatte es eingangs gesagt: wir müssen stärker werbend auf unsere Partner im Ausland zugehen. Und das können wir nur, wenn wir die notwendigen Knotenpunkte und Anlaufstellen schaffen. Ich möchte daher, dass wir mehr Außenstellen des DAAD in den Wachstums- und Schwerpunktregionen aufbauen, mehr deutsche Studiengänge im Ausland anbieten und vor allem: internationale Exzellenz-Kooperationen in Zukunftsbereichen fördern. Drei Felder möchte ich besonders hervorheben, für die nach meinem Eindruck eine enorme Nachfrage im Ausland besteht:

Erstens unsere technologische Kompetenz in so verschiedenen Sektoren wie Energie- und Klimaforschung, Biotechnologie und Ingenieurswissenschaft.

Zweitens unsere Grundlagenkompetenz in Rechts- und Verwaltungswissenschaft. Gerade in den asiatischen Staaten besteht hier eine große Nachfrage. Und wenn wir uns so komplizierte – und wirtschaftlich überaus relevante – Fragen ansehen wie den Schutz und die Durchsetzung geistigen Eigentums, um nur ein Beispiel zu nennen, dann wäre es geradezu fahrlässig, auf diese Nachfrage nicht zu reagieren.

Drittens, und damit möchte ich schließen, sollten wir die Vernetzung der verschiedenen Akteure und Bereiche bei uns selbst stärken und ausbauen. Damit meine ich ausdrücklich auch die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft: Vorhaben wie die deutsch-vietnamesische oder die deutsch-türkische Universität, für die ich noch in diesem Jahr gemeinsam mit Frau Schavan das notwendige Abkommen unterzeichnen möchte, sind nicht möglich ohne die deutsche Wirtschaft. Die öffentlichen Kassen können die Internationalisierung allein nicht tragen.

Aber davon abgesehen: solche Vorhaben wären auch nicht sinnvoll ohne eine Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Denn keiner der drei genannten Bereiche wäre allein überhaupt noch in der Lage, die Anforderungen des jeweils anderen Bereiches zu beschreiben, geschweige denn Lösungen anzubieten. Auch hier führt kein Weg an einer besseren Zusammenarbeit vorbei.

Und vielleicht, diesen Gedanken möchte ich hier nur in Frageform andeuten, vielleicht geht ja die wirtschaftliche Entwicklung zunehmend dahin, dass für unsere wirtschaftliche Entwicklung die "software" in Form von in und mit Deutschland wissenschaftlich ausgebildeten Menschen ein entscheidender Faktor wird, ohne den der Export von Güter und Waren immer weniger denkbar wird?

Auch das wäre jedenfalls ein Grund, die Außenwissenschaftspolitik energisch auszubauen.

Wie könnte ein solcher Kooperationsrahmen aussehen? Vor einigen Wochen hatte ich mit einigen von Ihnen schon einmal in kleiner Runde zusammen gesessen und wir hatten dort über „Deutsche Wissenschaftszentren“, Anlaufstellen im Ausland gesprochen, in denen unsere Partner das gesamte Spektrum von Forschung und Wissenschaft in Deutschland nachfragen können.

Ich werde mich bemühen, für einige Pilotzentren vor allem in Asien die notwendigen Gelder zu erhalten. Wenn wir etwas weniger Mühe darauf verwenden, im Ausland die Unterschiede zwischen unseren zahlreichen Institutionen und Organisationen zu erklären und etwas mehr Mühe darauf, gemeinsam die besten Angebote zu unterbreiten, dann werden wir alle davon den größten Nutzen haben. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Wirtschaft, Forschungs- und Wissenschaftsinstitutionen unser Angebot des gemeinsamen Auftretens und Werbens wahrnehmen und unterstützen würden, und ich hoffe sehr, dass die Alexander von Humboldt-Stiftung auch hier mit ihrem internationalen Exzellenz-Netzwerk eine zentrale Rolle übernehmen möchte.

Vielen Dank!

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