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Grußwort von Staatsminister Gernot Erler anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Hyper Cities/ Über Städte" im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD

06.09.2007

-Es gilt das gesprochene Wort-

Sehr geehrter Herr Professor Veit,
lieber Herr Dr. Bode,
verehrte Künstlerinnen und Künstler,
sehr geehrte Damen und Herren!

"Vor uns liegt eine Großstadt. Mit den Augen eines hoch am Himmel fliegenden Nachtvogels nehmen wir die Szenerie wahr. Aus dieser Höhe wirkt die Stadt wie ein riesiges Lebewesen. Oder wie eine künstliche Ansammlung unendlich vieler, ineinander verschlungener Existenzen. Neue Widersprüche entstehen, alte werden aufgehoben. Ein gemeinsamer Pulsschlag durchpocht den ganzen Körper."

Mit dieser Beschreibung beginnt der japanische Schriftsteller Haruki Murakami seinen vor kurzem erschienenen Roman "Afterdark", in dem die Erlebnisse von fünf Personen im Gewirr einer Großstadt bei Nacht geschildert werden. Die Stadt ist natürlich Tokyo – eine Metropole, deren verschiedenste Facetten auch Gegenstand dieser Ausstellung sind. So wie der Roman das Leben der modernen Megacity in Worten beschreibt, gibt uns die Ausstellung "Hyper Cities/Über Städte" anhand von Fotografien und Installationen einen ganz ähnlichen Eindruck; auch in den hier ausgestellten Werken lassen sich Widersprüche erkennen, zum Beispiel die Überlagerung von Anonymität und individuellem Leben.

Es freut mich ganz besonders, für dieses Thema neben den deutschen Kunstschaffenden heute abend auch Künstler aus Japan, China und Südkorea hier begrüßen zu können, deren Länder noch mehr als unsere von der Entwicklung riesiger Großstädte und der aktuellen Erfahrung der Urbanisierung geprägt werden. Ihre Mitwirkung steht für einen lebendigen Kulturaustausch. Die Förderung von Kulturaustausch auf künstlerischer Ebene ist ja auch die Zielsetzung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD; dieses durch das Auswärtige Amt und den Berliner Senat finanzierte Programm vergibt schon seit über 40 Jahren erfolgreich Stipendien an Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Musik, Literatur, Film und Bildende Künste. Sie schaffen und erweitern damit ein vielfarbiges Netzwerk, das auch über Berlin hinaus seine Spuren hinterlässt.

Wo anders als in Berlin erscheint es angebracht, im künstlerischen Rahmen über das Leben in Großstädten und deren Herausforderungen nachzudenken? Ein Themenbereich der Ausstellung ist die permanente Umformung und Diskontinuität städtischen Lebens – ein Phänomen, das hier in Berlin allein schon anhand der zahlreichen Baustellen sichtbar wird. Doch die Künstlerinnen und Künstler haben in ihren Werken ihr Augenmerk auch vor allem auf die kleinen Dinge des individuellen Lebens gerichtet, das wiederum in gewaltigen Migrations- und Massenbewegungen unterzugehen scheint. Das Aufeinanderprallen von sozialen Unterschieden und der Gegensatz von Alt und Neu, Tradition und Gegenwart, werden dem Betrachter nahegebracht. Neben dem Auftreten von Spannungen bietet die Verschiedenheit innerhalb von Großstädten jedoch auch eine Chance, unterschiedliche Erfahrungen zu kreuzen und durch das Erleben kultureller Vielfalt politischen oder religiösen Auseinandersetzungen vorzubeugen.

Im Jahr 2008, so wird geschätzt, werden bereits die Hälfte aller Menschen in Städten leben. Die gewaltigsten unter ihnen mit mehr als 10 Millionen Einwohner, sogenannte "Megacities" oder "Hypercities", stellen uns daher vor globale Herausforderungen in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht. Das vorhin zitierte Buch oder eine ausführliche Dokumentarreihe des ZDF – wie auch diese Ausstellung selbst - zeugen von der Aktualität und Wichtigkeit des Phänomens der Massenstädte. Auch Deutschland hat ein Interesse an diesen Orten der Verdichtung und Vernetzung und ist deshalb bestrebt, an der zukünftigen Entwicklung von Megacities Anteil zu nehmen.

Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung hat bewusst die Rolle von Großstädten weltweit als wirtschaftliche und wissenschaftliche Zentren in den Vordergrund gerückt. Dabei können auch die Programme und Kooperationen des DAAD beim Ausbau eigener Wissenskapazitäten helfen und so zu einer ausgewogenen Entwicklung beitragen. Die Urbanisierungsproblematik ist auch Schwerpunkt eines Sonderforschungsprogramms, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2003 finanziert. In wissenschaftlicher Kooperation arbeiten deutsche Forscher gemeinsam mit Institutionen aus Großstädten in Afrika, Lateinamerika und Asien an konkreten Projekten, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Innovative Konzepte und Lösungsstrategien sollen dazu beitragen, den Wohlstand zu fördern, und zielen auf ein langfristiges, sozial wie auch ökologisch verträgliches Wachstum von Megacities. Bedürfnisfelder wie Wasserversorgung, Wohnraum, Mobilität oder Lebensqualität sind Kernaspekte dieses Forschungsprogramms.

Über eine wissenschaftliche Analyse hinaus stellt das Phänomen der Urbanisierung allerdings Aufgaben an Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gleichermaßen, um sich abzeichnende Probleme zu lösen und ein Leben in Städten qualitätvoll zu gestalten. Trotz architektonischer Hyperbauten und formalisierter Abläufe, die das Bild einer modernen Megacity prägen, ist es letzten Endes das Individuum, der einzelne Mensch und sein sozialer familiärer Bereich, dessen Existenz im Zentrum politischen Handelns stehen muss.

Auch die Künstlerinnen und Künstler haben in ihren Arbeiten immer wieder bewusst das menschliche Subjekt in den Mittelpunkt gerückt und Zwischenräume der Ruhe zum Ausdruck gebracht. Die Darstellung zahlreicher Facetten des modernen Großstadtlebens in Süd- und Ostasien ist am Puls der Zeit und lenkt unsere Perspektive auf die kommenden Zentren dieser Welt.

So möchte ich den Kunstschaffenden zur Eröffnung ihrer Ausstellung sehr herzlich gratulieren und hoffe, dass möglichst viele Besucher von den ausgestellten Werken zum Nachdenken angeregt werden.

Ich möchte nicht schließen ohne ein Wort des Dankes an den DAAD für die Initiative zu dieser Ausstellung. Mein besonderer Dank gilt dem Museum für Asiatische Kunst für die Übernahme der Gastgeberrolle und die Mitarbeit beim Zustandekommen der Ausstellung.

Ich wünsche Ihnen allen nun einen spannenden, interessanten Abend!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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