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Bundesaußenminister Steinmeier anlässlich des XI. Internationalen Thomas Mann Festivals

14.07.2007

-- Es gilt das gesprochene Wort --

Lieber Herr Kollege Petras Vaitekunas,
sehr geehrter Herr Minister Jucas,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Vigintas Giedraitis,
sehr geehrte Damen und Herren,

vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, in Berlin ein Netzwerk von sechzehn europäischen Literaturzentren vorzustellen. Diese sogenannte "Halma-Initiative" will Schriftstellern, Lektoren und Übersetzern die Möglichkeit eröffnen, im europäischen Verbund zu arbeiten. Sie will ein  Netzwerk knüpfen, das uns über geographische und kulturelle Grenzen hinweg verbindet. Ihr Ziel ist die gemeinsame schriftstellerische Arbeit in und für Europa. Um so mehr freue ich mich, heute bei einem der Knotenpunkte dieses Netzwerkes zu Besuch zu sein, dem Thomas Mann Kulturzentrum!

Ich teile nicht die pessimistische Einschätzung von Timothy Garton Ash, der kürzlich einmal beklagt hat, dass Europa den Faden verloren habe - und vielleicht brauchen wir auch nicht unbedingt die von ihm geforderte völlig "neue Erzählung" von Europa. Schließlich haben wir doch ganz ausgezeichnete Erzählungen in all' unseren Sprachen und es ist mir eine besondere Ehre, dass einer dieser Erzähler - Sten Nadolny - dessen "Entdeckung der Langsamkeit" dieser Tage ins Litauische übersetzt wurde, sich mit mir auf die Reise begeben hat.

Aber eines scheint mir gleichwohl sicher: dass wir viele neue Erzählungen aus und über Europa brauchen. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass hier in Nida und an Thomas Mann anknüpfend ein Ort der Verbindung besteht zwischen Europäern, Deutschen und Litauern, zwischen den Künsten und nicht zuletzt zwischen Künstlern und Bürgern - zu denen ich auch Politiker zähle. Wir brauchen solche Räume, in denen sich gegenseitiges Verständnis und Verstehen herausbilden kann! Es sind in meinen Augen solche Orte und das durch sie gebildete Netz, die mit neuen Geschichten zu einem frischen Bewusstsein von unserem alten Europa beitragen.

Wir haben in allen unseren Ländern große literarische Traditionen, wir haben in jedem Land nationale Epen, aber auch nationale Traumata, die immer wieder aufblitzen und die aktuellen Diskussionen sehr stark beeinflussen. Und genau deswegen sollten wir mit diesen tieferen Bewußtseinsschichten verantwortlich umgehen. Sie nicht zu verdrängen suchen, sondern aus der Auseinandersetzung mit ihnen Kraft schöpfen für eine gemeinsame Zukunft. Und wir dürfen uns dabei ruhig auf Nida und auf Thomas Mann berufen. Denn schließlich zeigen uns doch seine Josephsromane, die ja zu einem guten Teil hier entstanden sind, dass es keine eng umgrenzte Identität gibt. Sondern dass wir immer auch bezogen sind auf Gedanken- und Ideenverbindungen vor unserer Zeit.

Thomas Mann sprach mehrmals von einem - ich zitiere - "nach hinten offenen Ich". Sein Ziel war es, die mythologischen und historischen Schichten nicht den "faschistischen Dunkelmännern" zu überlassen, wie er sie nannte. Und seine Josephsfigur steht für den humanen Menschen, der sich der Traditionen bewusst ist und gerade deshalb die Gegenwart und die Zukunft verantwortlich gestalten kann. Mit anderen Worten: nur wer für die Vergangenheit offen ist, sie sich in der Auseinandersetzung mit den Traditionen, Mythen und Traumata eröffnet, der hat auch eine offene Zukunft.

Ich finde: das sollte uns auch heute Mut machen. Mut zu einem verantwortlichen Umgang mit unserer Vergangenheit und Mut, unsere heutige Identität nicht in überkommenen und vorgeblich nicht hinterfragbaren Ab- oder Ausgrenzungen zu suchen, sondern im Voneinander-Lernen!
Gerade als deutscher Außenpolitiker möchte ich hinzufügen: nicht nur kulturelles Selbstbewusstsein, auch die Verständigung zwischen den Völkern und die Sicherheit zwischen den Staaten entsteht nicht dadurch, dass wir das Gespräch verweigern, weil wir uns etwas unserer Werte und Urteile schon ganz sicher glaubten. Sondern nur durch einen Dialog, in dem wir Unterschiede sehen und benennen, aber gerade deswegen nicht aufhören, das Gemeinsame zu suchen.

Noch an einen zweiten Punkt sollte uns Nida und sollte uns das Schicksal von Thomas Mann gemahnen: Dass wir der Kunst und der Kultur auch als Politiker einen besonderen Platz einräumen. Imre Kertesz hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Tragödie des 20. Jahrhunderts begann, als Politik und Kultur einander zu Feinden wurden. Und Frido Mann hat im vergangenen Jahr hier an dieser Stelle geschildert, wie diese Tragödie das großväterliche Haus in Nida erreicht hat: Thomas Mann hat während seines letzten Sommeraufenthaltes hier vor 75 Jahren den Abgrund gesehen, vor dem damals Deutschland stand. Und dass er nach seinem öffentlichen Protest gegen die nationalsozialistische Gewalt in Königsberg, nach seiner Denkschrift "Was wir verlangen müssen" ein verkohltes Exemplar der "Buddenbrocks" vor der Tür seines Sommerhauses fand, das erscheint uns noch heute als ein Vorzeichen der Bücherverbrennung und der ganzen nazistischen Barbarei!

Nida ist uns aber nicht nur Mahnung, sondern auch Zeichen der Hoffnung und der europäischen Solidarität. Das beginnt mit der litauischen Großzügigkeit und Gastfreundschaft, die Thomas Mann für den Bau seines Hauses zuteil wurde. Und das geht weiter mit dem Einsatz, Engagement und Enthusiasmus der litauischen Schriftsteller und Kulturschaffenden, dem wir es überhaupt verdanken, dass das Sommerhaus von Thomas Mann heute wieder ein Raum der europäischen Kultur ist. Gerade wir Deutsche sollten diese Erinnerung pflegen und würdigen. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass Thomas Mann nach dem Krieg von Teilen der deutschen Öffentlichkeit als Emigrant argwöhnisch beäugt wurde. Dass er auch bei uns in Deutschland und nicht nur in Amerika als Sympathisant der Kommunisten beschimpft wurde und wohl niemand in Deutschland auch nur daran gedacht hätte, ihm zu Ehren für das Haus hier in Nida zu sorgen.

Es war der litauische Schriftsteller Antanas Venclova, der Thomas Mann bei einem Treffen in Weimar im Jahre 1955, dem Todesjahr von Thomas Mann, auf dessen Haus in Nida ansprach und der die Sicherung dieses Hauses gegenüber den Behörden durchsetzte. Und wir Deutsche verdanken es der Solidarität vieler Menschen hier in Litauen mit einem der größten Schriftsteller der deutschen Sprache, dass wir heute hier gemeinsam das XI. Thomas-Mann-Festival eröffnen dürfen. Und stellvertretend für alle, die sich über mehr als fünfzig Jahre und trotz der schrecklichen Erfahrungen von Krieg, Not und Leid um dieses kulturelle Erbe verdient gemacht haben, möchte ich an dieser Stelle dem litauischen Staat, der Stadt Neringa und den Vertretern des Thomas-Mann-Kulturzentrums sehr herzlich danken!
Und wir wollen bei dieser Gelegenheit besonders Frau Ona Narbutiene gedenken, die sich große Verdienste um das Thomas Mann Festival und besonders dessen Musikprogramm erworben hat und vor einigen Tagen verstorben ist.

Lassen Sie mich schließen mit einer europäischen Hoffnung, die von Orten wie Nida ausgeht. Das politische Engagement von Thomas Mann, das eng mit seinen Aufenthalten hier in Nida verbunden ist, kulminiert bekanntlich in seinen berühmten Radioansprachen an "Deutsche und europäische Hörer". Thomas Mann sagt dort - ich zitiere - "dass die Aufteilung in willkürlich umgrenzte Staaten und Souveränitäten veraltet und überholt ist" und er fährt in seinem Gedanken an eine europäische Föderation fort: "mir war der Gedanke der europäischen Einheit teuer und kostbar. Er (der europäische Gedanke) forderte Freiheit, Geräumigkeit, Geist und Güte".

Ich finde, das Thomas Mann Haus hier in Nida und das Thomas Mann Festival sind gute Symbole für diese europäischen Prinzipien von Thomas Mann. Freiheit, Geräumigkeit, Geist und Güte haben hier ihren Platz gefunden. Und so wünsche ich Ihnen ein erfolgreiches Festival mit vielen fruchtbaren Begegnungen über die "überholten und veralteten" Grenzen hinweg.

Vielen Dank!

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